Britannicus im Spiegel der Sekundärliteratur - Zusammenfassung und Kritik


Seminararbeit, 2003

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1) «Britannicus tragédie des cabales» von Georges Couton

2) «Le dénouement de Britannicus: le sens du récit d´Albine» von Constant Vevesoen

3) «Britannicus: une dramaturgie de l´espace» von Ralph Albanese, Jr

1) «Britannicus tragédie des cabales» von Georges Couton

Die meist vertretene Meinung über das Stück ist, dass es sich bei dem Thema der Tragödie um Unglücke, die Liebe und den Tod des Britannicus handelt. Georges Couton sieht hinter diesem Aspekt ein raffiniertes Spiel von geheimen Allianzen, das sich wie ein roter Faden durch das Stück zieht. Diese Allianzen werden in der Sprache des XVII. Jahrhunderts „cabales“ genannt. So gründen sich unbeständige politische Gleichgewichte. Verbindungen werden geknüpft und dann wieder gelöst und dadurch können immer wieder neue Allianzen entstehen und in Aktion treten.

Dieses Spiel dauert vier oder fünf Jahre, aber um den Leser zur Aufmerksamkeit anzuregen, hat Racine dieses Spiel auf eine offensichtliche aber auch gleichzeitig auf eine diskrete Weise und in kurzer Form beschrieben.

Dieses wird sichtlich, wenn man den Machtaufstieg von Agrippine als Beispiel heranzieht. Die Amtseinführung von Agrippine vollzieht sich in mehreren zeitlichen Etappen, wobei sie in dem Werk von Racine nur in zwei Versen dargestellt wird:

«Quand de Britannicus la mère condamnée

Laissa de Claudius disputer l´hyménée».

Die erste Etappe ist die Heirat von Claude und Agrippine. Aber um nicht nur Witwe des Kaisers zu sein, da Claude sich seinem Lebensende neigt, muss sich Agrippine eine andere Methode ausdenken, damit sie nicht an Macht verliert. Die erste „cabale“ wird inszeniert. Sie verheiratet Néron, Agrippines Sohn aus erster Ehe, mit Octavie, Tochter von Claude. Néron wird von Claude adoptiert und damit kann er gesetzlich an der Macht teilhaben. Der Aufstieg wird durch eine methodische Publizitätskampagne unterstützt: Als Gouverneur erhält Néron den bekanntesten römischen Philosophen Sénèque und einen im Krieg verletzten General, Burrhus. Auf diese Weise beinhaltet die Erziehung von Néron den literarischen und den philosophischen Ruhm wie auch die militärische Tugend. Gleichzeitig erhält Britannicus einen Gouverneur namens Narcisse. Dieser hat drei Makeln: Er ist Grieche - eine verachtete Nationalität -, er besitzt eine ehrlose Herkunft - er ist ein freigelassener Sklave - und er ist der Spitzel von Agrippine, die dann die Isolierung und Fernhaltung der Freunde von Britannicus organisiert. Diese ganzen Intrigen sollen den Rivalen und legitimen Erben schwächen.

Das dritte Ziel der Agrippine ist es nun Néron zum einzigen und wirklichen Kaiser zu erheben. Da Claudius sich eventuell wieder erholen und dieses alle Pläne vernichten könnte, hält Agrippine ihn wie einen Gefangenen.

«Ses gardes, son palais, son lit m´étaient soumis.

Il mourut. Mille bruits en courent à ma honte».

Der Ablauf der Thronerhebung von Néron ist gut organisiert. Agrippine verheimlicht den Tod von Claudius, während Burrhus heimlich den Schwur der Armee zu Gunsten von Néron verlangt.

Auf diese Art hat Agrippine einen schweren Kampf gewonnen. Wenn Britannicus Kaiser geworden wäre, dann hätte die Witwe von Claudius höchstens die lächerlichen Ehrungen einer alten Kaiserin erhoffen können. Sie ist also Mutter eines jungen Kaisers, der ihr alles schuldet, geworden, die aber in der Praxis trotz der Volljährigkeit von Néron die regierende Kaiserin ist. Nun stehen sich zwei Gruppierungen gegenüber. Zu einem die Koalition Pallas - Agrippine und zu anderem Sénèque - Burrhus, welche ihre eigenen Regierungsmethoden durchsetzen.

Die Einzigen, die jetzt Widerstand leisten könnten, sind Octavie und Britannicus. Die Erstere zeigt aber als einzige Form des Widerstands nur ihre Traurigkeit und Britannicus verdrängt seinen Groll und seine nicht erfüllbaren Pläne, indem er Trost in der Liebe zu Junie sucht.

Für Agrippine sind Regieren, Macht besitzen und Ehrungen erhalten ein Bedürfnis. Diese erste heterogene Allianz Agrippine - Burrhus geht auseinander und die zweite Etappe der Geschichte entsteht.

Der Klan Sénèque - Burrhus vertritt ganz andere Ansichten. Sie vertreten die stoische Moral, welche auch in ihrem politischen Tun sichtbar ist, nämlich die Politik der Tugend. Sie versuchen die kaiserliche Macht und die römische Freiheit in Einklang zu bringen.

«Rome soit toujours libre et César tout- puissant».

Und sie möchten die Demokratie wieder herstellen.

«Le peuple au champ de Mars nomme ses magistrats».

Die Ungnade Agrippines wird plötzlich deutlich, als Néron sie aus einer Audienz der Vertreter des Königs ausschließt, weil sie in ihrem Ehrgeiz die Regeln des Hofes nicht beachtet. Das ist ein Bruch in Agrippines Laufbahn.

Nach einer Unterredung mit Burrhus hat Agrippine keine Zweifel mehr, dass die Feindseligkeiten durch den Einfluss des Klans Sénèque- Burrhus entstehen. Néron ist nur sechs Monate seiner Mutter dankbar. Agrippine bleibt also nichts Weiteres übrig als sich neue Verbündete zu suchen, mit deren Hilfe sie ihre Macht wieder zurück erobern und eine neue „cabale“ einleiten kann. In den Augen der Zuschauer im XVII. Jahrhundert ist Britannicus der legitime Thronfolger und in Agrippines Händen dient er als Waffe gegen Néron. Agrippine unterstützt die Liebe von Britannicus für Junie, weil Junie von Auguste abstammt und ihre Rechte gleichen denen des königlichen Erben in der französischen Monarchie. Diese wichtigen, „ungeschriebenen“ Rechte öffnen ihr die Möglichkeit zur Thronfolge. Andererseits ist Agrippine Tochter des Germanicus, Nachkomme von César, welcher ein großer militärischer Chef war. Deshalb treffen in der neuen virtuellen Gruppe Agrippine- Britannicus (+ Junie) beachtliche Kräfte zusammen Junie noch gestärkt werden: Die legitime Dynastie, welche durch die Rechte von, die Unterstützung der Armee und die eventuelle Vereinigung von den Freunden des Vaters des Britannicus. Dazu kommt noch, dass die neue Gruppierung Pallas als Führungskopf hat, da Agrippine zu gewalttätig und impulsiv ist und zu viel Kraft verloren hat. Die ersten Kontakte zwischen Agrippine und Britannicus finden im Haus von Pallas statt. Narcisse und andere Spitzel informieren Néron über diese Zusammenkünfte.

Bevor die neue Koalition zum Handeln Zeit findet, geht Néron vorbeugend in die Offensive. Das Stück beginnt mit der ersten Maßnahme von Néron, und zwar die Festnahme von Junie.

Agrippine sucht nach den Motiven dieser Veränderung und schwankt zwischen vier Erklärungen: Nérons Hass für die zwei Liebenden, seiner Liebe zu Junie, seiner Vorliebe andere leiden zu sehen oder seinem Wunsch Agrippines Einfluss zu bekämpfen. Die vier Motive ergänzen sich und sind wahrhaftig oder sie werden es in dem Moment, indem Néron sich in Junie verliebt.

Agrippine beschuldigt Burrhus der Verantwortliche für diese Aktion zu sein. Doch Burrhus verteidigt das Handeln des Kaisers aus politischen Gründen: Junie besitzt durch ihre Geburt die Rechte, welche im Fall einer Heirat zur Staatsaffäre werden könnten.

Der zweite Schlag von Néron gegen die neue Koalition ist die Verbannung von Pallas. Da er der politische Kopf der Gruppe ist, wird Agrippine nach seiner Verbannung in ihrem Verhalten unkontrolliert und plant einen Putsch. Dieser Schlag enthauptet die „cabale“ um Agrippines „Klan“.

Agrippine sieht in Junie eine Rivalin und eine Feindin, denn eine Geliebte für ihren Sohn Néron wäre schädlich. Agrippine will, dass Néron offiziell treu gegenüber Octavie bleibt. In diesem Punkt ist sie auch unklug: Sie hätte verstehen müssen, dass Junie ein „reines Wesen“ ist, die eine solche Beziehung nie eingegangen wäre.

Britannicus scheint zu diesem Zeitpunkt nicht die Entthronung Nérons im Sinn zu haben, sondern nur Junie zu befreien. Er macht sich auch keine Illusionen über die Gefühle Agrippines ihm gegenüber; er weiß, dass es sich nur um eine vorübergehende Allianz zwischen Feinden handelt.

Britannicus bemerkt, dass Narcisse gegen ihn arbeitet, doch verrät er ihn nicht. Nicht, dass er unfähig wäre die Angelegenheit klar zu sehen, aber er ist nicht unbedingt fähig jemandem zu misstrauen. So wird Agrippine selbst zum Opfer ihrer eigenen Aktionen, da sie Narcisse als Gouverneur für Britannicus eingestellt hat. Ab dem Akt III wird Néron bewusst, dass Britannicus und Junie die Instrumente von Agrippine sind und deshalb ordnet er an, dass alle drei an verschiedenen Orten bewacht werden: Junie in ihrem Gemach, Britannicus im Gemach von Octavie und Agrippine im kaiserlichen Palast.

Nach der Unterredungsszene zwischen Néron und seiner Mutter denkt Agrippine, dass sie die Situation wieder zu ihrem Vorteil hergestellt hat. Sie fordert sofort die Bestrafung der Schuldigen, darunter natürlich Burrhus und Sénèque.

Britannicus ist tot. Junie zieht sich in den Tempel zurück. Agrippine sieht voraus und sagt dies auch, dass ihr Sohn Burrhus und sie töten wird. Wie Sénèque endet, ist den Zuschauern im XVII. Jahrhundert bekannt. Néron ist in einem solchen Zustand der Verwirrung, dass man den Selbstmord befürchten muss. Agrippine und Burrhus hoffen, dass der Brudermord sein letztes Verbrechen ist. Die Umstände des Verbrechens sind viel schlimmer als das Verbrechen selbst. In dieser Endphase kann man den Misserfolg einer Erziehung sowie einer Politik feststellen: Die Vererbung und die Natur sind stärker als die gewissenhafte stoische Bildung und Führung. Die Allianz um Agrippine sowie die Allianz um Bhurrus und Sénèque müssen zusehen, wie aus dem Kaiser ein grausames Monster wird. Diese Allianzen sind nicht mehr offensiv, sondern nur noch defensiv.

Die Tragödie wirkt wie ein geschichtlicher Lebensabschnitt des Kaiserhofes, in Rahmen dessen sehr heterogene Beziehungen zwischen verschiedenen Gestalten entstehen und sich wider lösen.

In seinem Schlusswort bringt der Kritiker Georges Couton neue mögliche Interpretationen des Stückes, die nach meiner Auffassung nur wieder neue Fragen aufwerfen, aber sein Thema „les cabales“ leider nicht abrunden. Das einzige Element, welches das Stück als eine Tragödie des Ehrgeizes definiert, scheint mir ergänzend und relevant zu sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Britannicus im Spiegel der Sekundärliteratur - Zusammenfassung und Kritik
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar II französische Literaturwissenschaft zu Racine
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V23643
ISBN (eBook)
9783638267243
ISBN (Buch)
9783638909815
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die eigene Kritik fällt etwas kurz aus.
Schlagworte
Britannicus, Spiegel, Sekundärliteratur, Zusammenfassung, Kritik, Proseminar, Literaturwissenschaft, Racine
Arbeit zitieren
Isabelle Grob (Autor), 2003, Britannicus im Spiegel der Sekundärliteratur - Zusammenfassung und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23643

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Britannicus im Spiegel der Sekundärliteratur - Zusammenfassung und Kritik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden