Der Europäische Rat beschloss am 13. Dezember 2002 in Kopenhagen die Aufnahme von zehn Staaten aus Mittel- und Osteuropa in die Europäische Union nach einem fast zehnjährigen Verhandlungsmarathon1. Ebenfalls in Kopenhagen, jedoch im Jahre 1993, „verabschiedete der Europäische Rat die Kriterien für die Aufnahme neuer Mitglieder“2 in die Europäische Union, die sog. „Kopenhagener Kriterien“. Diese umfassen je ein politisches (institutionelle Stabilität), wirtschaftliches (funktionsfähige Marktwirtschaft) und juristisches (Übernahme des Besitzstandes der Gemeinschaft, den sog. „acquis communutaire) Kriterium3. 1998 nahm die Europäische Union mit sechs Bewerbern die Verhandlungen auf. – dies waren Estland, Polen, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern. Im Jahr 2000 kamen Lettland, Litauen, Malta, die Slowakei, Bulgarien und Rumänien zu den Beitrittsverhandlungen hinzu4. Im Dezember 2002 hatten schließlich alle genannten Staaten – bis auf Rumänien und Bulgarien – die Kopenhagener Kriterien und die Konvergenzkriterien der Union erfüllt. Somit wurden in Kopenhagen die Verhandlungen nach einem harten Finanzpoker um weitere Agrarzuschüsse für Polen, Tschechien, Slowenien und Ungarn, abgeschlossen. Das Europäische Parlament plädierte am 9. April 2003 für einen Beitritt der Bewerberländer, wodurch exakt eine Woche später in Athen auf der Akropolis die feierliche Unterzeichnung der Beitrittsverträge vonstatten gehen konnte5. Es ist die „größte Erweiterung der Union in ihrer Geschichte“6, die EU-Bevölkerung
vergrößert sich um 75 Mio. auf 450 Mio. Menschen. Diese Arbeit beschäftigt sich insofern mit der Osterweiterung, als dass sie die Ursachen und Folgen der aus der Osterweiterung entstehenden Arbeitskräftemigration untersucht, das erwartete Wanderungsvolumen darstellt und in diesem Zusammenhang prüft, welche Auswirken die Migranten sowohl auf das deutsche Sozialsystem wie auch auf den Arbeitsmarkt haben werden. 1 Vgl. Arend 2003 2 Arend 2003 3 Vgl. Zwick 2003 4 Vgl. Arend 2003 5 Vgl. Arend 2003 6 Daniel 2003
Inhaltsverzeichnis
1. VON KOPENHAGEN 1993 NACH ATHEN 2003: DER LANGE WEG DER EU-OSTERWEITERUNG
1.1. Die Stationen der EU-Osterweiterung
1.2. Die Angst der Deutschen vor der Osterweiterung
1.3. Die bisherige Entwicklung der Arbeitskräftewanderung in der Union
2. URSACHEN DER WANDERUNG: WANDERUNGSANREIZE UND WANDERUNGSVOLUMEN UNTER BERÜCKSICHTIGUNG DER WIRTSCHAFTLICHEN LAGE IN DEN BEITRITTSLÄNDERN
2.1. Theoretische Grundüberlegungen von Migration
2.1.1. Die mikroökonomische Migrationstheorie
2.1.2. Wanderungsanreize durch pull- und push-Faktoren
2.2. Die wirtschaftliche Lage ausgewählter Beitrittskandidaten
2.3. Netzwerke als wanderungsfördernder Faktor
2.4. Errechnetes Wanderungsvolumen laut dem Ifo-Institut
3. FOLGEN DER WANDERUNGEN FÜR DEN STANDORT DEUTSCHLAND
3.1. Das Modell internationaler Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Krugmann
3.2. Auswirkung der Migration auf den Arbeitsmarkt
3.3. Auswirkung der Migration auf das Sozialsystem
4. LÖSUNGSANSÄTZE ZUR BEWÄLTIGUNG EINER ZU HOHEN MIGRATIONSWELLE
4.1. Mögliche Lösungsansätze des Ifo-Instituts
4.2. Lösungsansatz der EU-Komission
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit analysiert die Ursachen und ökonomischen Folgen der durch die EU-Osterweiterung entstehenden Arbeitskräftemigration. Dabei wird insbesondere untersucht, welche Auswirkungen die zu erwartenden Migrationsströme sowohl auf den deutschen Arbeitsmarkt als auch auf das Sozialsystem haben und welche steuernden Lösungsansätze existieren.
- Historische Einordnung der EU-Osterweiterung.
- Analyse der Push- und Pull-Faktoren für Migration.
- Theoretische Modellierung internationaler Arbeitnehmerfreizügigkeit.
- Evaluation von Prognosen zum Wanderungsvolumen.
- Diskussion politischer Lösungsansätze und Übergangsfristen.
Auszug aus dem Buch
2.1.2. WANDERUNGSANREIZE DURCH PULL- UND PUSH-FAKTOREN
Oben wurden bereits die wichtigsten Anreize einer Wanderung angesprochen. Unter Berücksichtigung der starken Ausdifferenziertheit der Arbeitslosigkeit in den Beitrittstaaten, die in einigen Regionen eine extrem hohe Arbeitslosenrate aufweist, darf behauptet werden, dass eben diese Ausdifferenziertheit ein Indiz für geringe Mobilität der Arbeitskräfte ist. Demnach gilt, dass die Anreize zur Wanderung ein gewisses Höchstmaß übersteigen müssen, um eine Arbeitskraft zu einer Wanderung zu bewegen.
Unter Pull-Faktoren, also Zugfaktoren, fallen all diejenigen Faktoren, die dafür sorgen, dass ein Land zu einem attraktiven Einwanderungsland wird. Solche Faktoren sind zum Beispiel hohe Einkommen und die Möglichkeit zur Beschäftigung.
Push-Faktoren umfassen solche Faktoren, die das Heimatland unattraktiv für Beschäftigte machen, also eben geringes Einkommen oder mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten bzw. das Vorherrschen hoher Arbeitslosigkeit. Existieren oben aufgeführte Unterschiede zwischen zwei Ländern, so „besteht zwischen ihnen prinzipiell ein Wanderungssog bzw. –druck“.
Besonders bei langfristigen Migrationsentscheidungen spielen Erwartungen über die zukünftige Entwicklung im Zielland eine wichtige Rolle, während bei temporären eher der Lohnunterschied ins Gewicht fällt. Neben der Lohnentwicklung kann dies auch die allgemeine wirtschaftliche Lage im Herkunftsland sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. VON KOPENHAGEN 1993 NACH ATHEN 2003: DER LANGE WEG DER EU-OSTERWEITERUNG: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext der Osterweiterung, die Kopenhagener Kriterien und die Ängste der Bevölkerung vor Wohlstandsverlusten.
2. URSACHEN DER WANDERUNG: WANDERUNGSANREIZE UND WANDERUNGSVOLUMEN UNTER BERÜCKSICHTIGUNG DER WIRTSCHAFTLICHEN LAGE IN DEN BEITRITTSLÄNDERN: Hier werden theoretische Migrationsmodelle sowie die ökonomische Ausgangslage in den Beitrittsländern als Triebfedern für zukünftige Wanderungsbewegungen analysiert.
3. FOLGEN DER WANDERUNGEN FÜR DEN STANDORT DEUTSCHLAND: Das Kapitel beleuchtet die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, die Reallohnentwicklung und die fiskalischen Effekte innerhalb des deutschen Sozialsystems.
4. LÖSUNGSANSÄTZE ZUR BEWÄLTIGUNG EINER ZU HOHEN MIGRATIONSWELLE: Hier werden Strategien, wie etwa die Einführung von Übergangsfristen und Kontingentierungen, zur Steuerung der Migration vorgestellt.
Schlüsselwörter
EU-Osterweiterung, Arbeitskräftemigration, Arbeitsmarkt, Sozialsystem, Freizügigkeit, Pull-Faktoren, Push-Faktoren, Beitrittsländer, Lohnkonkurrenz, Wanderungsvolumen, Übergangsfristen, Ifo-Institut, Krugman-Modell, Migration, Wirtschaftslage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die ökonomischen Ursachen und Folgen der Arbeitskräftemigration im Zuge der EU-Osterweiterung für den Standort Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Migrationsanreize, das erwartete Zuwanderungsvolumen, der Einfluss auf den Arbeitsmarkt und die fiskalische Belastung des deutschen Sozialsystems.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, auf Basis wirtschaftswissenschaftlicher Theorien zu prüfen, welche Auswirkungen die Zuwanderung auf Deutschland haben wird und wie politische Lösungsansätze diese steuern können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt Literaturanalysen, ökonomische Migrationstheorien sowie eine Auswertung von Daten und Prognosen des Ifo-Instituts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Wanderungsursachen, die Folgen für den Standort Deutschland (Arbeitsmarkt/Sozialsystem) und die Bewertung politischer Lösungsansätze.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere EU-Osterweiterung, Arbeitskräftemigration, Freizügigkeit, Push- und Pull-Faktoren sowie das Sozialsystem.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Nettozahlern und Nettoempfängern?
Sie thematisiert, ob Migranten durch ihre erbrachten Steuern und Sozialabgaben zur Finanzierung des Staates beitragen oder durch den Bezug von Sozialleistungen das System stärker belasten.
Warum sind die vom Ifo-Institut vorgeschlagenen Übergangsfristen relevant?
Übergangsfristen sollen dazu dienen, soziale Spannungen abzumildern und dem deutschen Arbeitsmarkt Zeit für eine flexible Anpassung an die neue Situation zu geben.
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- Sebastian Grasser (Author), 2004, Arbeitskräftemigration: Ursachen und Folgen am Beispiel der EU-Osterweiterung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23663