„Zwei Jahre lang war Johnny, ein stiller 13jähriger, für einige seiner Klassenkameraden ein menschliches Spielzeug. Die Teenager setzten Johnny zu, um an sein Geld zu kommen, sie zwangen ihn, Unkraut zu schlucken und Milch, die mit Waschmittel vermengt war, zu trinken. Sie verprügelten ihn in den Toiletten und legten ihm einen Strick um den Hals, mit dem sie ihn wie ein «Tier an der Leine» herumführten.“ (Olweus, 1996, S.21)
Mit derartigen, oft aber auch subtileren Manifestationen aggressiven Verhaltens werden Lehrer im Schulalltag immer wieder konfrontiert. In unserer dreijährigen Lehrerausbildung in Luxemburg wurde die Problematik „Gewalt an Schulen“ nicht ausreichend thematisiert. Da dieses Thema aber in letzter Zeit immer mehr ins öffentliche Interesse gerückt ist und weil wir den Eindruck haben, dass wir in diesem Bereich eine regelrechte Wissenslücke haben, ist es unser Anliegen, uns durch diese Hausarbeit einen Gesamtüberblick über die Thematik zu verschaffen, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Die vorliegende Arbeit zeigt die theoretischen Erklärungsansätze für Aggression bzw. die verschiedenen Formen von Gewalt auf, fasst den Forschungsstand psychologischer Aggressions- und Gewaltforschung zusammen und beinhaltet wirksame, im schulischen Kontext einfach realisierbare Ansatzpunkte und Handlungsmöglichkeiten zur Prävention, Intervention und Kontrolle schulischer Gewalt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur begrifflichen Bestimmung des Gegenstandes
2.1 Der Aggressionsbegriff
2.2 Der Gewaltbegriff
3 Diagnostik und Entwicklungsverlauf
3.1 Diagnostische Klassifizierung aggressiven Verhaltens
3.2 Entwicklung aggressiven Verhaltens
4 Ausdrucksformen von Aggression und Gewalt
4.1 Aggressionsarten
4.2 Formen menschlicher Aggression
4.3 Äußerlich-formale Einteilung
4.4 Inhaltlich-motivationale Einteilung
5 Klassische psychologische Erklärungsansätze für Aggression und Gewalt
5.1 Die Triebtheorien
5.1.1 Die dualistische Triebtheorie nach Sigmund Freud
5.1.2 Jüngere Triebkonzepte
5.1.3 Die ethologische Triebtheorie
5.2 Die Frustrations-Aggressions-Hypothese nach Dollard et al.
5.3 Das lerntheoretische Modell: Aggression als gelerntes Verhalten
5.3.1 Lernen am Modell
5.3.2 Lernen am Erfolg bzw. Misserfolg
5.3.3 Kognitives Lernen
6 Bedingungen von Gewalt und Aggression
6.1 Außerschulische Einflussfaktoren auf das Gewaltniveau
6.2 Innerschulische Einflussfaktoren auf das Gewaltniveau
7 Gewalt an Schulen
8 Präventions- und Interventionsmöglichkeiten der Schule
8.1 Verminderung aggressiven Verhaltens nach Nolting
8.1.1 ‚Aggressionen abreagieren’ –geht das?
8.1.2 Die Anreger verändern
8.1.3 Die Anreger anders bewerten
8.1.4 Aggressionshemmungen fördern
8.1.5 Alternatives Verhalten lernen
8.2 Der Präventionsrat
8.3 Das Interventionsprogramm ‚Was wir gegen Gewalt tun können‘ nach Olweus
8.3.1 Maßnahmen auf der Schulebene
8.3.2 Maßnahmen auf der Klassenebene
8.3.3 Maßnahmen auf der persönlichen Ebene
8.4 Mediation oder Streitschlichtung
8.4.1 Was ist Mediation und wie funktioniert sie?
8.4.2 Bedingungen des Mediationsverfahrens
8.4.3 Schritte des Mediationsverfahrens
8.4.3.1 Vorphase
8.4.3.2 Das Mediationsgespräch
8.4.3.3 Umsetzungsphase
8.4.4 Die Rolle des Mediators
8.4.5 Grundlegende Methoden der Mediation
8.5 Weitere Präventions- und Interventionsmodelle/-konzepte
8.6 Zusammenfassung der Vorschläge zur Gewaltprävention und –intervention
9 Persönliche Stellungnahme /Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Ziel dieser Seminararbeit ist es, einen umfassenden Überblick über die Problematik von Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen zu geben und aufzuzeigen, welche präventiven und interventiven Handlungsspielräume Schulen besitzen, um diesem Phänomen entgegenzuwirken.
- Theoretische Erklärungsansätze für Aggression und Gewalt
- Forschungsstand der psychologischen Gewaltforschung
- Analyse innerschulischer und außerschulischer Einflussfaktoren
- Konkrete Interventionsmodelle (z.B. Olweus-Programm, Mediation)
- Handlungsmöglichkeiten für Lehrkräfte und Schulgemeinschaften
Auszug aus dem Buch
8.3.4 Maßnahmen auf der Schulebene
„Zielgruppe auf der Schulebene ist grundsätzlich die gesamte Schülerschaft der Schule. (…) Die Maßnahmen richten sich darauf, Einstellungen zu entwickeln und Bedingungen zu schaffen, die das Ausmaß der Gewalttaten in der Schule insgesamt senken.“ (Olweus, 1996, S.73)
Fragebogenerhebung
Um ausführliche Informationen zur spezifischen Situation der Schule zu erhalten, wird eine anonyme Erhebung mit Hilfe eines Gewaltfragebogens durchgeführt. Letzerer liefert wertvolle Erkenntnisse20 zum aktuellen Zustand des Problemfelds ‚Gewalt‘ und dient als Ausgangspunkt für die folgenden Maßnahmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Notwendigkeit, sich mit Gewalt an Schulen auseinanderzusetzen, da in der Ausbildung oft eine Wissenslücke in diesem Bereich besteht.
2 Zur begrifflichen Bestimmung des Gegenstandes: Es erfolgt eine notwendige terminologische Abgrenzung zwischen den Begriffen Aggression und Gewalt.
3 Diagnostik und Entwicklungsverlauf: Dieses Kapitel behandelt die Klassifizierung aggressiven Verhaltens und die Zusammenhänge zwischen Lebensalter und Gewaltformen.
4 Ausdrucksformen von Aggression und Gewalt: Hier wird eine strukturierte Übersicht verschiedener Aggressionsarten und deren motivationspsychologische Einteilung vorgenommen.
5 Klassische psychologische Erklärungsansätze für Aggression und Gewalt: Das Kapitel erläutert die Triebtheorien, die Frustrations-Aggressions-Hypothese sowie das lerntheoretische Modell.
6 Bedingungen von Gewalt und Aggression: Es wird analysiert, welche außerschulischen und innerschulischen Faktoren die Gewaltbereitschaft bei Schülern beeinflussen.
7 Gewalt an Schulen: Dieser Abschnitt beschreibt die Bandbreite von Gewaltphänomenen an Schulen und deren Auswirkungen auf das Schulklima.
8 Präventions- und Interventionsmöglichkeiten der Schule: Das Kernstück der Arbeit stellt konkrete Modelle wie das Olweus-Programm und das Mediationsverfahren vor.
9 Persönliche Stellungnahme /Schlussbetrachtung: Die Autorinnen reflektieren die Komplexität des Themas und betonen, dass keine Patentrezepte existieren, wohl aber professionelle Ansätze.
Schlüsselwörter
Aggression, Gewalt, Schule, Gewaltprävention, Intervention, Mobbing, Mediation, Soziales Lernen, Triebtheorie, Frustration, Erziehungsstil, Konfliktlösung, Schulklima, Pädagogik, Verhaltensauffälligkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Thema Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext und untersucht, welche Handlungsmöglichkeiten Lehrkräfte und Schulen haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretischen Ursachen von Aggression, die Einflussfaktoren auf das Gewaltniveau sowie die Vorstellung konkreter Präventions- und Interventionsprogramme.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Lesern einen Gesamtüberblick über die Thematik zu verschaffen und wirksame, praxisnahe Ansatzpunkte zur Gewaltminderung an Schulen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse psychologischer und pädagogischer Theorien zur Aggressionsforschung und wertet verschiedene Interventionskonzepte aus.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Erklärungsmodelle, analysiert die familiären und schulischen Einflussfaktoren und stellt detailliert Interventionsmethoden wie das Olweus-Programm und Mediation dar.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gewaltprävention, Soziales Lernen, Konfliktmanagement, Schulklima und Aggressionsforschung.
Was unterscheidet die strukturelle Gewalt von anderen Formen?
Strukturelle Gewalt wird als stille Unterdrückung durch soziale Ungerechtigkeit definiert und sollte laut den Autorinnen der Arbeit eher als "Gewalt" denn als bloße "Aggression" eingestuft werden.
Warum kritisieren die Autorinnen die Anwendung von "Patentrezepten"?
Sie betonen, dass schnelle Lösungen oft vorgaukeln, das komplexe Problem der schulischen Gewalt sei einfach zu handhaben, während die Realität eine langfristige und durchdachte Auseinandersetzung erfordert.
- Quote paper
- Géraldine Haller (Author), Michele Corbi (Author), 2003, Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen - Was die Schule tun kann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23665