Ort des Lebens - Der Taufort als Paradigma für die Initiationliturgie und -pastoral in der Pfarrei


Diplomarbeit, 2000

99 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Die Ikonografie des Taufortes in der Antike
2.1 Der Taufort im frühen Christentum
2.2 Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân in Zentralsyrien
2.3 Frühchristliche Dokumente zur Feiergestalt der Taufe

3 Die Typologie des Taufortes /-gerätes in der Geschichte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts
3.1 Der geschichtliche Befund
3.2 Zusammenschau

4 Die Entwicklung der Ausgestaltung des Taufortes nach dem II. Vatikanischen Konzil
4.1 Das erneuerte Verständnis der Taufe nach dem Konzil
4.2 Problemanalyse

5 Die Typologie nachkonziliarer Tauforte
5.1 Die architektonische Dimension des Rituals
5.2 Der Taufort der St. Christophorus Pfarrei in Westerland /Sylt
5.3 Der Taufort der St. Hedwig Pfarrei in Paderborn - Auf der Lieth
5.4 Der Taufort der St. Bruno Pfarrei in Düsseldorf-Unterrath
5.5 Gestaltungsprobleme des Taufortes
5.6 Exkurs: Die Gestaltung ausgewählter Tauforte in den USA
5.7 Zusammenfassung

6 Möglichkeiten der zeitgemäßen Gestaltung des Taufortes in einem bestehenden Kirchenraum
6.1 Die Pfarrkirche St. Joseph in Stadtlohn - Ist-Zustand
6.2 Die Pfarrkirche St. Joseph in Stadtlohn - Kann-Zustand
6.3 Optionen für die Feiergestalt der Kinder- und Erwachsenentaufe

7 Zukünftige Aufgaben der neuen Tauforte
7.1 Taufgedächtnis im Sonntagsgottesdienst
7.2 Krankensalbung
7.3 Begräbnisliturgie und Friedhofsgestaltung
7.4 Schlusswort

8 Anhang
8.1 Materialien
8.2 Abkürzungsverzeichnis
8.3 Literaturverzeichnis

Schriftart: Arial; Schriftgröße: 12 cpi.

Diese Arbeit berücksichtigt die Regeln der neuen Rechtschreibung.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird davon abgesehen, die Funktionsund Rollenbezeichnungen jeweils in der weiblichen und der männlichen Form aufzuführen. Alle entsprechenden Subjekte in dieser Arbeit werden daher ausschließlich in der männlichen Form aufgeführt.

Die Durchsicht der Manuskripte auf Rechtschreib- und Grammatikfehler übernahm Frau S..., Ahaus. Herr Dipl. theol...

Diözesanpräses in Münster, untersuchte die Inhalte auf sachlogische Stringenz. Beiden gebührt ein herzlicher Dank!

1 Einführung

Das kirchliche Leben der Weltkirche, der Ortskirche als auch der einzelnen Gemeinden drückt sich am dichtesten im liturgi- schen Tun, in gottesdienstlichen Feiern aus. Die Grundsätze des II. Vatikanischen Konzils über die Feier der Liturgie bezeichnen dieses Feiern als „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich als Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (SC 10). Dies gilt in besonderer Hinsicht für die Feier der Eucharistie, aber auch für die anderen gottesdienstlichen Versammlungen. Liturgische Handlung ist also zutiefst „heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht“ (SC 7), da Gott selber durch Christus mittels Zeichen an und mit uns han- delt. Schriftlesung und Zeichenhandlung bestimmen daher in be- sonderem Maße den Ablauf einer gottesdienstlichen Feier.

Insbesondere die Feier der Sakramente bilden Schwerpunkte im liturgischen Feiern der Christen, denn als Sakramente des Glaubens sind sie „Lebens-mittel“ des Menschen. Grundlegendes Sakrament ist die Feier der Eingliederung in die Kirche, welche sich in Taufe, Firmung und Ersteucharistie ausdrückt. Auch hier spielen Schriftlesung und Zeichenhandlung zentrale Rollen, denn Wort und Zeichen verdichten sich im Ritual und be-treffen den Menschen zutiefst: Im Ritual wird der Mensch anfanghaft in das Paschamysterium hineingenommen. Anhand symbolischer Dar- stellung erfährt er unmittelbar geistliche Wirklichkeit - und umge- kehrt, denn „wenn Menschen etwas bewegt, tief berührt, beein- druckt, dann drängt dieses Innen nach einem Außen. [...] es will gesagt und erzählt, gemalt und geschrieben, in Stein gehauen und in Klang umgesetzt sein. Das, was sich da „äußert“, ist Widerspie- gelung dessen, was „innert“, was in mir ist“1 beschreibt die Theo- login Andrea SCHWARZ diese Sehnsucht des Menschen, Gedanken und Empfindungen greifbar werden zu lassen, um so Zeugnis davon zu geben. Dies gilt bevorzugt für die Geschichte des Kirchenbaus und die konkreten baulichen Ausformungen.

Aber auch die Gestaltung des Taufortes in der 2000jährigen Tradition des Christentums ist „in Stein gehauener“ Ausdruck, ist Ä u ß erung dessen, was - um in der Terminologie SCHWARZ‘ zu bleiben - Innerung der Christen ist: Anhand der Typographie des Taufortes lässt sich ablesen, wie Initiation theologisch gesehen und im Ritual praktiziert wurde.

Dieser Dreischritt bildet das Untersuchungsschema der vorliegenden Arbeit: Ausgewählte Tauforte werden in ihrer Typographie, ihrer Ausgestaltung, näher untersucht, um daraus Rückschlüsse auf die Theologie und Praxis der Taufe zu ziehen. Da sich Liturgiewissenschaft dem interdisziplinären Fragen verpflichtet fühlt und so vor allem den Dialog mit der Kirchen- und Kunstgeschichte sucht, ergibt sich folgende Struktur:

Im ersten Teil wird der Taufort im frühen Christentum unter- sucht. Unterstützend werden altkirchliche Dokumente zu Fragen der Taufpraxis und Ausgestaltung der Tauforte hinzugezogen. Die weitere Entwicklung des Taufortes in der Geschichte bis zum II. Vatikanischen Konzil wird in einem geschichtlichen Abriss ver- deutlicht. Hier soll nur ein roter Faden gesponnen werden, um daraufhin den Kern der Problemanzeige dieser Arbeit zu formulie- ren.

Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der Gestaltung des Taufortes in heutiger Zeit. Es wird das erneuerte Verständnis der Initiationsliturgie nach dem II. Vatikanischen Konzil anhand ein- schlägiger Texte und Dokumente erörtert. Hierzu zählen auch die gängigen Arbeitshilfen und Ritualbücher, um die wesentlichen Punkte einer gewünschten Praxis der Initiationsliturgie zu doku- mentieren. Die tatsächliche Taufpraxis wird ablesbar in der Ges- taltung ausgewählter Tauforte, wie sie anschließend gesichtet und bewertet werden. Daraufhin wird auf der Basis der bis dahin fest gehaltenen Ergebnisse in einem vorhandenen Kirchenbau ein Taufort gestaltet, der sowohl den (kunst-) historischen, theologi- schen als auch den pastoralliturgischen Ansprüchen und im we- sentlichen dem Menschen gerecht werden soll: „Die Sakramente sind hingeordnet auf die Heiligung des Menschen“ (SC 59) ist ein Grundsatz der Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils und sollte vor allem in der Gestaltung des Taufortes sichtbar wer- den. Dabei werden in dieser Arbeit besonders die Aspekte Kin- dertaufe und Erwachsenentaufe beachtet, denn die Feier der Kin- dertaufe wird auch in Zukunft eine gewichtige Rolle spielen; die Feier der Erwachsenentaufe bildet gerade in der jüngsten Zeit ei- ne besondere Herausforderung, da sich viele Erwachsene entge- gen jedem Trend zum Christsein entscheiden (hier erhalten wir besonders aus den USA wertvolle Impulse). Abschließend werden Optionen hinsichtlich der Feier der Tauferinnerung untersucht. Die Tauferinnerung /-erneuerung kann vor allem eine Alternative zum Problempunkt „Schuldbekenntnis / Kyrie“ im Gottesdienst sein und soll dementsprechend dargestellt werden. Ebenso kann der Tau- fort als Ort des Lebens gerade in den liturgischen Feiern am Le- bensende, der Krankensalbung und Begräbnisliturgie eine beson- dere Rolle einnehmen.

Grundsätzlich wird in dieser Arbeit exemplarisch gearbeitet. Das bietet die Chance, die Sachverhalte im Wesentlichen zu bestimmen und auf konkretes Anschauungsmaterial anzuwenden. Aus der Vielzahl bedeutender Tauforte wird daher nur eine Aus- wahl getroffen und bearbeitet. Auch wird aus dem umfangreichen Ritual „Taufe“ den Einzelelementen „Wasserritus“ und „Geistsen- dung/Handauflegung“ besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Das Anschauungsmaterial - insbesondere Zeichnungen und Abbildungen - befindet sich im Anhang der Arbeit; dort werden auch die Fundorte belegt. Ein Klammervermerk [z. B.: (M7)] an entsprechender Stelle weist auf das dazugehörige Material hin.

2 Die Ikonografie des Taufortes in der Antike

2.1 Der Taufort im frühen Christentum

Der Normalfall einer Taufe im frühen Christentum war die Er- wachseneninitiation, also eine Tauffeier verbunden mit Geistsen- dung („Firmung“) und Ersteucharistie mit der Gemeinde. Der „Normalfall“ Erwachseneninitiation wurde im Laufe der Geschichte - darauf werde ich noch genauer eingehen - durch die Säug- lingstaufe abgelöst. Betrachtet man aber die aktuellen Taufstatisti- ken deutscher Bistümer, so ist heute - neben stagnierenden Zah- len der Säuglings- bzw. Kindertaufe - ein vermehrtes Aufkommen der Erwachsenentaufe einschließlich katechumenaler Vor- und Nachbereitung in den letzten zehn Jahren zu erkennen2. Dieser Befund führt zu der Fragestellung, wie ein Taufort, an dem bisher durchweg Säuglinge getauft wurden, dementsprechend praxisge- recht gestaltet werden kann. Die Praxis der frühen Kirche kann hier durchaus Anregungen für eine angemessene Gestaltung bringen.

2.2 Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân in Zentralsyrien

Gesamtkomplex: Die Pilgerstätte Kal’at Sim’ân (M1) liegt heute ca. 30 km nordwestlich der syrischen Stadt Aleppo und wurde gegen Ende des 5. Jh. in der Nähe des damaligen Antio- chien erbaut. Der Komplex besteht aus zwei Teilen: die Hauptkir- che ist ein großer, kreuzförmiger Bau, in dessen Mitte die Säule stand, auf welcher der Asket und Heilige SIMEON DER STYLIT lebte und den Pilgern predigte3. Ca. 200 m weiter südlich befindet sich ein im Vergleich zur Hauptkirche eher unscheinbarer Baptisterien später - angebauten basilikalen Kapelle.4 Aufgrund der räumli- chen Entfernung zischen Hauptkirche und Baptisterium schien es wohl sinnvoll gewesen zu sein, einen eigenen Kirchenraum anzu- bauen.5

Baptisterium: Der Grundriss (M2) des Taufhauses ist quadra- tisch; drei Portale (Nord, Ost, West) führen in die korridorartigen Vorräume. Das Portal nach Süden hinaus stellt den Zugang zur Basilika her. Aufgrund der differenzierteren Ausgestaltung scheint der westliche Eingang das Hauptportal zu sein. Den Innenraum des Taufhauses bildet ein quadratisch ummanteltes, zentrales Oktogon, welches in den acht Seitenwänden drei mal apsidial und fünf mal rechteckig eingenischt ist. Die oktogonale Form des In- nenraums gibt eine Achsensymmetrie vor, die sich im gesamten baulichen Kontext fortsetzt6. So führen drei Durchgänge (jeweils Nord, Süd und West) in den Innenraum; an der Ostseite befindet sich an entsprechender Stelle eine Apsis mit der eigentlichen Taufstelle, der Piscina7. Die Diagonalnischen links und rechts der Piscinenapsis sind ebenfalls apsidial, während die gegenüberlie- genden rechteckig genischt sind.

Apsispiscina: Die Symmetrie eines solchen Zentralbaus lässt eigentlich darauf schließen, dass der sich Taufort ebenfalls im Zentrum der Anlage befindet. Das Baptisterium von Kal’at Sim’ân ist eine Besonderheit unter den frühchristlichen Baptisterien, da hier der Taufort eine Piscina in der recht großzügig angelegten Ostapsis ist. Die Piscina kann von einem Vorraum aus über vier herabführende Stufen in einem stollenartigen Gang (M3) betreten und ebenso über vier heraufführende Stufen auf der anderen Seite der Piscina wieder verlassen werden8. In der ersten Phase war die Piscina zunächst rund gestaltet, ca. 70 cm tief und mit weißgründigen Mosaiken versehen. In einer Umbauphase wurde sie mit einer Marmorinkrustation ausgestattet, wodurch die Wassertiefe um 20 cm reduziert wurde.9 Die Apsis ragt in den östlichen Vorraum hinein und ist rechteckig ummantelt.

Vorräume: Der Zentralraum ist umgeben von einem Umgang, welcher durch Säulen und anderen Gliederungselementen mehr- fach unterteilt ist, so dass sich weitere Raumpartien ergeben (auch hier wird die o.g. Achsensymmetrie gewahrt). Nord- und Südkorridor scheinen lediglich Verkehrsflächen zu sein, während die rechteckigen Räume im Westen und Osten architektonisch- funktionale Besonderheiten aufweisen: Im Zusammenhang mit dem Hauptportal wird der westliche Raum der Funktion eines Vor- raumes im Sinne eines Narthex gerecht. Der Ostraum ist stark eingeengt durch die Piscinenapsis, er scheint aber der unmittelba- ren Vorbereitung des Taufrituals zu dienen.

Das Innenoktogon findet seine vertikale bauliche Fortsetzung in einem 20 m hohen, achteckigen Turm mit Fensteröffnungen in jeder Turmwand (M4). Ein achtseitiges Zeltdach schließt den Turm ab. Ebenso werden die Umgänge zeltartig überdacht. Die später angebaute Basilika wird durch einen kolonnadenartigen Säulenumgang optisch an das Baptisterium zu einem Komplex angebunden.

Interpretation: Anhand dieser - stark vereinfacht dargestellten - Baubeschreibung soll im folgenden nun versucht werden, insbesondere den Wasserritus und den Ritus der Geistsendung als zentrale Taufelemente zu rekonstruieren:

Für das Verständnis wichtig erscheint mir zunächst die geographische Komponente, wie sie in der gängigen Literatur beschrieben wird, zu interpretieren:

Als Wallfahrtsort war Kal’at Sim’ân schon vor dem Tod des Säulenasketen Simeon eine bedeutende religiöse Hochburg, die eine enorme Anziehungskraft auf die Menschen ausstrahlte. Egon FÄRBER stellt fest, dass insbesondere syrische Baptisterien an „charismatisch begabte(n) Orte(n)“ errichtet wurden.10 Die Tatsa- che, dass sich Kal’at Sim’ân mitten in der syrischen Wüste auf einem Hügel befindet, verstärkt m. E. den charismatischen Cha- rakter dieses Ortes: Gerade im Altertum war die Wüste ein Ort der Suche nach Gott und der Erkenntnis. Dass dem Element Wasser hier eine ganz besondere Bedeutung zukommt, versteht sich von selbst.

Die Lage des Baptisteriums zur Hauptkirche spielt eigentlich keine Rolle; hier sind die Anordnungen vielfältig.11 Wasserritus: Ort des Wasserritus ist die Piscina in der Ostap-sis des Taufhauses. Der Täufling steigt über vier Stufen durch ei-nen Stollengang in die Piscina hinein, wird getauft und steigt durch einen weiteren Gang vier Stufen wieder hinauf. Eindeutig kommt hier die Taufsymbolik zum Tragen, wie sie in Röm 6,3ff beschrie-ben wird: Es geht um das Begrabenwerden und Auferstehen mit Jesus Christus, also eine symbolhafte Hineinnahme in das Heils-mysterium. Der Täufling wird Jesus in seinem Tod gleich durch das Hinabsteigen durch den Stollen in die Piscina und ist mit ihm in seiner Auferstehung vereinigt durch das Hinaufsteigen durch den weiteren Stollengang aus dem Taufbad heraus. Hier werden mehrere Motive deutlich:

- Die Bewegungsdimension des „Hindurchschreitens durch das Wasser“ steht analog zum Exodusgeschehen, also zum Durchzug des Volkes Israel durch das Rote Meer (Ex 13,17- 14,31).
- Die oktogonale Form des Innenraums bezeichnet den achten Schöpfungstag, d.h. die mit der Auferstehung Christi (am ach- ten Tage) beginnende neue Schöpfung, in die der Täufling mit hineingenommen wird. Ambrosius von Mailand bezeugt in der berühmten Inschrift des Taufhauses der Theklakirche in Mai- land die Acht als die bedeutsame Zahl für die Taufe schlecht- hin, da hier die Vollendung des Menschen grundgelegt wird.12
- Eindeutig klingt hier das Motiv der antiken Grablegung an: Das Grab war zumeist eine unterirdische Felsenhöhle, in die man durch einen Stollengang hinabsteigt.13
- Das Grabmotiv wird in der Gesamtgestaltung des Baptisteri- ums dadurch verstärkt, da Einflüsse der Sepulkralarchitektur klar erkennbar sind: die pyramidale Dachkonstruktion ist eine Weiterentwicklung des orientalischen Pyramidendachkammer grabes; das Konzept des römischen Mausoleumsoktogons mit Kuppeldach liegt dem Füllnischenoktogon zugrunde.14 „Diese Bautypen sind in der Tat geeignet, dass Sterben und Auferstehen mit Christus anzudeuten, das sich im Taufgeschehen ereignet“15, bringt FÄRBER die Erkenntnisse EMMINGHAUS‘ auf den Punkt, denn „Begräbnis und Taufe sind Bewegungen in die Tiefe: Der Tote wird in den Schoß der Erde gesenkt [...] und das hohe Licht (der Kuppel) verheißt die Auferstehung“16. Christologie und Eschatologie werden hier auf das engste miteinander verknüpft.

Die Tiefe der Piscina betrug zunächst 70 cm. Zwar geht G. KRETSCHMAR davon aus, dass in Kal’at Sim’ân durch Submersion (Untertauchen) getauft wurde17, aber die Piscinentiefe scheint wohl „nur“ eine Immersion (Eintauchen) zuzulassen.

Handauflegung: Der zentrale Wasserritus wird sicherlich von prä- und postbaptismalen Riten, insbesondere Salbungen gerahmt worden sein. Dazu bedarf es spezieller Räume, um diese Riten zu vollziehen. Aus Gründen der größtmöglichen Dezenz ist es fast unumgehbar, entsprechende Raumanordnungen im Taufhaus zu konzipieren. Es scheint, dass der Eingangsraum im Westen, der Narthex, der Raum für die Apotaxis und Abbrenuntiation ist. Prä- bzw. postbaptismale Salbungen mit begleitenden Gebeten (insbe- sondere Exorzismen) - vollzogen durch Presbyter und Diakone (bei weiblichen Täuflingen: Diakonissen) - finden vor bzw. nach Durchschreiten der Taufpiscina statt. In der Basilika wird dann vielleicht die erste Eucharistie mit der Gemeinde gefeiert worden sein, oder es hat dort die postbaptismale Salbung mit Handaufle- gung (Firmung) stattgefunden und die Ersteucharistie wurde dann in der Hauptkirche gefeiert. Hier gilt es, die altkirchlichen Doku- mente näher zu befragen.

Rekonstruktion (anhand der Architektur!): Apotaxis, Exorzis- men und präbaptismale Salbungen finden im westlichen Narthex bzw. im Nordkorridor statt. Im östlichen Apsisraum wird wohl die Syntaxis und anschließend der Wasserritus in der Taufpiscine durch einen Bischof vollzogen worden sein. Im Südkorridor und/oder in der Basilika werden die postbaptismalen Riten, insbe- sondere die Firmung zelebriert, evtl. findet dort auch die Ersteu- charistie statt. Deutlich wird hier, dass es sich hier- egal welche Feinheiten in den Ritualen differieren - um eine Wegfeier handelt, die geprägt ist von intensiven Zeichenhandlungen und symbol- trächtigen Bewegungselementen.

2.3 Frühchristliche Dokumente zur Feiergestalt der Taufe

In der Geschichte der Liturgie hat es zu jeder Zeit Schriftwerke gegeben, die bestimmte Regeln zur Feiergestalt, Impulse zu ritu- ellen Ausformungen etc. (vor-)gegeben haben. Im Folgenden wer- den zwei Texte vorgestellt, die die Taufliturgie vor der Konstantini- schen Wende (313) im römischen Raum und nach der Konstanti- nischen Wende im byzantinisch-syrischen Raum geprägt haben. Ob diese Dokumente Auswirkungen auf die Ausgestaltung der Baptisterien hatten oder die Tauftradition die Formulierungen die- ser Schriften beeinflusst haben, sei hier noch offen gehalten.

Traditio Apostolica (TA): Über die TA gibt es in der aktuellen Forschung nur spekulative Forschungsergebnisse, gerade was die Charakterisierung dieser bisher immer als wichtig bewerteten Quelle betrifft. Insbesondere die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils verweisen auf sie. Die Überlegungen C. MARKSCHIES‘ gipfeln sogar in der These, dass die TA als selbständige Quelle für historische und theologische Argumentationen ausscheidet.18 W. GEERLINGS hingegen beschreibt die TA als historische Quelle von einzigartigem Rang, die den Blick in die Anfänge der frühen Groß- kirche erlaubt.19 Die Forscher stimmen lediglich darin überein, dass die TA eine anonyme Kirchenordnung mit unbekanntem Titel sei.20 B. STEIMER verfolgt folgende, einfache Charakterisierung: Die TA ist gegen Ende des 2. Jh entstanden; die Verfasserschaft Hippolyts von Rom ist hypothetisch21. Der Adressat ist die univer- sale Kirche als Gemeinschaft der Getauften. Inhaltlich gliedert sich der Text der TA in drei Teile:

a) Verfassungs- und Ämterfragen, b) Pastorale Hinweise zu Taufe und Eucharistie, c) Weitere Anweisungen. Ein Prolog bzw. Epilog rahmen diesen Inhalt.22

Testamentum Domini Nostri Jesu Christi (TD): Das TD ist mit einer Entstehungszeit von Mitte bis Ende des 5. Jh. die späteste Kirchenordnung überhaupt. Der griechische Text wurde im syri- schen Raum verfasst und wurde später dem Oktateuch des Cle- mens als erstes Buch vorangestellt. Im ersten Teil (I 2-14) bein- haltet das TD einen apokalyptischen Text. Die eigentliche Kir- chenordnung (I 15-27) umfasst Anweisungen zum Kirchenbau und seiner Einrichtung23, zur Ordination, pastoral-liturgische Hinweise sowie Anweisungen zum christlichen Leben. Beide locker anei- nandergefügte Teile sind eingebettet in einer als Epiphaniege- schichte gestaltete Rahmenerzählung: der auferstandene Christus erscheint den Aposteln und drei Frauen und formuliert diesen sein Testament.24

Obwohl beide Dokumente in verschiedensten religiösen Zeiten und Milieus entstanden sind, gibt es doch auffällig viele inhaltliche Gemeinsamkeiten: Beide „Gemeinden“ sind offensichtlich stark im antiken Dämonenglauben verhaftet; eine Vielzahl an ausgepräg- ten Exorzismusriten beweist dies. Aufgrund dessen wird in beiden Schriften der Taufe und ihren liturgischen Feiergestalten besonde- re Bedeutung zugemessen. Die zentralen Taufriten werden im Folgenden synoptisch nebeneinandergestellt, um dann Rück- schlüsse auf die notwendigen räumlichen Bedingungen hinsicht- lich Wasserritus und Geistsendung zu ziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Interpretation: Auf dem ersten Blick scheinen beide Taufriten in ihrem Aufbau kongruent zu sein: In beiden Schriften werden zunächst die benötigten Substanzen, also Öle und Taufwasser, konsekriert; der zentrale Wasserritus wird gerahmt von Salbungen mit entsprechenden Salbungsformeln. Die Taufe wird abgeschlos- sen mit einer 3. Salbung als Geistsendung und der Ersteucharistie mit der Gemeinde.

Unterschiede liegen darin, dass im TD die Exorzismusriten ausgeprägter sind (z. B. die Anrufung Gottes zu Beginn der Taufe) bzw. diesen mehr Wert entgegengebracht wird als in der TA. Wo im TD der Bischof für die exorzistischen Elemente zuständig ist und ein Presbyter der Taufmittler ist, scheint es in der TA umge- kehrt: Hier tauft i. d. Regel der Bischof, während die Presbyter die apotaktischen Riten regeln. Vielleicht ist aus o.g. Grund eine Syntaxis mit ausdrücklichem Hinweis auf die Sprechrichtung (nämlich nach Osten hin) vorgesehen.

Diese unterschiedlichen Details können sich aber im Laufe der Zeit entwickelt haben. Der Ablauf der Taufe ist in den wesentli- chen Elementen gleich. Rückschlüsse auf die räumliche Ausges- taltung sind durchaus möglich: Die 1. Salbung im TD ist engstens mit der Apotaxis bzw. Syntaxis verbunden, sie bildet praktisch eine Einheit als präbaptismaler Ritus und wird deswegen wohl in einem Raum stattgefunden haben. Zwar fehlt in der TA die Syntaxis, a- ber selbiges dürfte auch hier gelten. Der Wasserritus ist in beiden Schriften identisch; die Ordnungen schreiben ein Hinabsteigen in bzw. ein Aufsteigen aus dem „Wasser“ vor, also scheint es sich jeweils um ein Becken zu handeln, welches man wirklich (durch Treppen) betreten kann. Der übrige Ablauf (postbaptismale Sal- bung, Firmsalbung) ist ebenso praktisch identisch. Es ist davon auszugehen, dass die postbaptismale Salbung und das Anziehen des Taufkleides in einem eigenen Raum stattfindet und die Firm- salbung allen Täuflingen in einem Kirchenraum gespendet wird. In dem TD ist schon jetzt das Volk anwesend, in der TA wird erst zur abschließenden Taufeucharistie das Volk erwähnt. Gesamtrekonstruktion des Taufrituals: Aufgrund dieser Ergeb- nisse scheint mir EMMINGHAUS‘ Rekonstruktion des Taufrituals in Kal’at Sim’ân25 nicht konsequent genug, da er zweifellos die postbaptismale Salbung einfach übergeht, bzw. dieser keinen Raum zuweist. Seine Darstellungen in einem früher verfassten Aufsatz26 sind eher nachvollziehbar. Meines Erachtens findet im westlichen Narthex Kal’at Sim’âns die Anrufung Gottes (großer Exorzismus) statt. Die Apotaxis könnte (aufgrund der Himmels- richtung) schon hier stattgefunden haben; es spricht aber mehr dafür, dass die präbaptismalen Riten (Apotaxis, 1. Salbung, Syn- taxis) in der nördlichen Seitenkammer begangen wurden. Die ei- gentliche Taufe wird in der Piscina begangen; der Täufling steigt von Norden hinein und verlässt die Piscina nach Süden wieder, so dass in der südlichen Seitenkammer die postbaptismale Salbung vollzogen und das Taufkleid angezogen wird. Durch Velen konn- ten diese Seitenkammern besser abgetrennt werden, so dass die Dezenz gewahrt wurde. Die dritte Salbung (Firmsalbung) findet in der Basilika statt; danach ziehen die Täuflinge zur Hauptkirche hinauf, um mit dem gläubigen Volk gemeinsam die Taufeucharistie zu feiern.

Diese Rekonstruktion ist insofern stimmig, da die Raumdispo- sition hinsichtlich Dezenzgründe, vor allem aber bezüglich der Symbolik und des Wegcharakters der Initiationsliturgie optimal genutzt wird. Allen drei Hauptelementen wird ein eigener Raum zugewiesen. Die kultische Würde wird so bewahrt. Kal’at Sim’ân könnte daher durchaus große Auswirkung auf die Praxis und die Theorie (also auf die Edition des TD) gehabt haben.

Für die Ausgestaltung des Wasserritus ist für die damalige Zeit - und erst recht für die heutige Zeit - ein besonderes Dokument wichtig, welches die Qualität des Taufwassers bestimmt: die Zwölf - Apostel Lehre, besser bekannt als Didache (Did): Die Did ist eine Kompilation eines unbekannten Verfassers. Weitgehender Konsens besteht in der Forschung über Zeit und Ort der Abfassung: sie scheint um 100 n. Chr. wahrscheinlich in Syrien oder Palästina verfasst worden zu sein. Literarisch ist sie wohl als Kirchenordnung einzustufen, jedenfalls stellt sie eine der wichtigsten Dokumentationsquellen über Leben und Glauben des frühen Christentums dar27.

Der Inhalt kann in drei locker miteinander verwobenen Haupt- teile gegliedert werden: a) ethische Unterweisung in Form einer Zwei-Wege-Lehre (cc 1-6), b) Liturgische Unterweisung (cc 7-10), und c) Kirchenordnung (cc 11-15). Eine eschatologische Unterweisung (c 16) schließt die Kompilation ab.28 Für die Frage nach dem Wasserritus ist die Passage 7.1-3 be-sonders wichtig: „(...) tauft auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in lebendigem Wasser. (...)“ definiert die Beschaffenheit des Taufwassers und die Taufformel. Die trinitarische Taufformel ist angelehnt an den matthäischen Taufauftrag in Mt 28,19 und findet bis in die heutige Zeit Verwen-dung in der Taufliturgie.

Das Taufwasser hat „lebendig“ zu sein; dies ist die primäre Qualität, die das Wasser vorzuweisen hat (andere Qualitäten sind zwar zugelassen, aber nicht vorzuziehen). Was ist also „lebendi- ges“ Wasser? Wenn man das Gegenteil betrachtet, nämlich das „tote“ Brackwasser aus Zisternen und Grabhöhlen, wird schnell klar, worum es sich bei „lebendigem“ Wasser handeln muss: Es soll klar rein und fließend sein. Diese Eigenschaften treffen insbesondere auf Quell- und Flusswasser zu.29

Es ist daher davon auszugehen, dass im frühen Christentum wenigstens eine Taufe durch Infusion (Übergießen) stattgefunden hat. Viele bildliche Darstellung der Taufe Jesu im Jordan nehmen dieses Motiv auf. Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân kann m. E. dem Kriterium des „Fließens“30 lediglich in der Infusionstaufe nach- kommen, denn die Einrichtung für Zu- und Abflüsse (wie z. T. in anderen Baptisterien üblich) sind dort aufgrund der Lage auf ei- nem Berg technisch eher schwierig.

Resümee: Dem Initiationsritus wurde im frühen Christentum eine überaus hohe Bedeutung zugeschrieben, denn

- Taufe ist eine Wegfeier: Die einzelnen Elemente Taufe, Fir- mung, Ersteucharistie sind in Kal’at Sim’ân auf drei entspre- chend kultisch würdige Räume verteilt. So wird symbolisch ei- ne Eingliederung in die Gemeinschaft der Gläubigen raum- zeitlich erfahrbar, der Täufling be-geht die Initiation regelrecht.
- Taufe ist eine erfahrungsorientierte Feier: Gerade die Anlage der Taufpiscina erlaubt dem Täufling ein ganzheitliches, be- wusstes zeichenhaftes Sterben und Auferstehen mit Christus. Die Hineinnahme in das Paschamysterium wird am eigenen Leib überaus intensiv erfahrbar.
- Taufe ist eine Gemeindefeier: Die Initiationsfeiern sind geprägt von einer regen Teilnahme der Gläubigen und Katechumenen in der Osternacht.

Die Ausstattung der Taufanlagen repräsentiert eindeutig, dass die Eingliederung in die Kirche im zeichenhaften Nachahmen des Paschamysteriums die Vollendung des gläubigen Menschen bei Gott grundlegt und daher höchsten Stellenwert besitzt.

3 Die Typologie des Taufortes / -gerätes in der Ge- schichte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts

3.1 Der geschichtlicher Befund

Gegen Ende des 5. Jh. zerfällt das weströmische Kaiserreich und damit zerfallen auch die antiken Kulturen mit ihrem philoso- phischen Gedankengut. Mit dem Niedergang dieser geistesge- schichtlichen Blütezeit geht ein Umbruch im religiösen Denken und eine tief greifende Reduktion des christlichen Erbes einher: In allen Lebensbereichen verkümmert das Gedankegut. Die antike Aufklärung weicht einer „Abklärung“, Rituale werden verzaubert und mystifiziert. Gegen ein zeichenhaftes Verständnis der Sakra- mente setzt sich ein materialistisches Verständnis durch. Teufels- und Dämonenglaube wirken sich auch auf die Taufliturgie aus, denn den exorzistischen Riten wird mehr und mehr Bedeutung zugemessen.31 AUGUSTINUS († 430) formuliert seine Lehre von der Weitergabe der Erbsünde in der Zeugung eines Kindes. Dies führt zu einem vermehrten Aufkommen der Säuglingstaufe. Die Institu- tionalisierung der Kirche nach der Konstantinischen Wende führt zu Vereinheitlichungstendenzen in der Liturgie.

Im Laufe des Mittelalters entsprechen zwar wesentliche Teile der Rituale dem im Osten verbreiteten Taufverständis, aber mit der Zeit löst sich das komplexe Ritengefüge aus folgenden Grün- den auf:

- Die Kindertaufe setzt sich aufgrund des augustinischen Gna- denlehre vermehrt durch. Das hat zur Folge, dass öfter getauft wird und nicht immer ein Bischof taufen kann.
- Die bischöflichen Riten (Handauflegung, Firmsalbung) lösen sich vom Kern der Taufe (Wasserritus und postbaptismale Hand-lungen). Unter Karl dem Großen wird der Taufritus vereinheit-licht. Die Immersionstaufe wird allmählich durch eine Infusions-taufe abgelöst.
- Das Sakramentale der Taufe entfaltet sich bei der Abwaschung am und im Menschen (THOMAS V. AQUIN), also im eigentlichen Wasserritus. Prä- und postbaptismale Riten gehören daher nicht notwendig zur Taufe; eine Wasserweihe in der Os- ternacht ist für das ganze Jahr ausreichend.32

Konsequenzen für den Taufort: Der Taufort war sicherlich nicht im Chor anzutreffen, dem heiligen Bezirk des Presbyteriums, sondern eher im rückwärtigen Teil des Kirchenraums in der Nähe des Westportals positioniert. Es werden aber keine festen Orte verbindlich vorgeschrieben. Einfache Kübel, Fünten, Bottiche oder Fässer aus unterschiedlichem Material waren die Taufbecken in der Missionskirche des Frankenreichs. Im Mittelmeerraum wuch- sen sozusagen die Piscinen als steinerne Brunnen in runder oder achteckiger Form aus dem Boden heraus.33 Diese Formen konn- ten sich in der Romanik durchsetzen; im Verlauf der Gotik kom- men kelchförmige Tauforte auf (M5).

Neue Akzente werden durch das Sakramentenverständnis Martin LUTHERS (*1483 †1546) in der Reformationszeit gesetzt: Kennzeichen reformierter Kirchengestaltung ist die Positionierung des Taufortes im Chorraum in unmittelbarer Altarnähe und damit im Angesicht der Gemeinde.34 Nur Taufe und Abendmahl sind letztlich die Sakramente, die Luther als solche ansieht. Der Gna- denbund Gottes mit dem Menschen wird in der Taufe grundgelegt und in der sakramentalen Liebesgemeinschaft Jesu mit der Ge- meinde in der Abendmahlsfeier gläubig aktualisiert. So findet die in der Frühgotik aufgekommene Kelchform in der protestantischen Ausgestaltung des Taufortes als Abendmahlskelch nahezu ihre Vollendung (M6).

Die Zeit der Gegenreformation Ende des 16. Jh. ist geprägt durch das Konzil von Trient. Dort wird im März 1547 das Dekret über die Sakramente formuliert: „die sieben Sakramente sind nicht allein zur Stärkung des Glaubens eingesetzt und wirken nicht nur durch den Glauben an das verheißende Wort“35. Durch diese ne- gative Formulierung distanziert sich die katholische Kirche grund- legend von den reformatorischen Lehren. Eine für die Thematik dieser Arbeit wichtige Person dieser Epoche ist der Mailänder Erzbischof Karl BORROMÄUS (*1538 †1584). Im Zuge der katholi- schen Gegenbewegung, vor allem aber aufgrund des schlechten baulichen Zustandes vieler Kirchen der Mailänder Provinz erließ er eine Instruktion über den Kirchenbau und dem Kirchengerät.36 Als idealen Taufort sieht BORROMÄUS eine separate Taufkirche süd- lich einer (Kathedral-) Kirche. Alternativ dazu bestimmt er, dass der Taufort generell am Eingang des Kirchengebäudes auf der linken Evangelienseite37 aufzustellen ist. Dies begründet er damit, dass die Taufe als Initiationssakrament ebenfalls den Eingang zur Gemeinschaft des Gottesvolkes allegorisch darstellt. Eine Auf- stellung des Taufbeckens im Presbyterium wie in der lutheraner Kirche ist bei ihm undenkbar.

Die Mailänder Dokumente BORROMÄUS‘ wurden durch den Hl. Stuhl approbiert und finden so ab dem 16. Jh. europaweit Beach- tung - auch was den Ort der Taufe angeht. Selbst im späten 19. Jh. finden die borromäischen Inhalte Niederschlag in diözesanen Synodentexten (z.B. Münster 1898).38 Die gotische Kelchform er- fährt in Renaissance und Barock wenig formale Änderung, „allein das dekorative Ornament passt sich der Stilform an; figürliche Darstellungen wurden immer seltener“39.

Im 17. Jh. wird der Taufstein in der Kirche vielfach übergan- gen. Die Taufe mit Taufgeschirr (Kannen, Schalen etc.) setzt sich durch. Der Taufgottesdienst war vielfach eine Privatfeier in der Sakristei oder im Krankenhaus. Dieses reduzierte Verständnis von Taufe wurde bis Mitte des 20. Jh. weder aufgefangen noch über- wunden. Zwar wurde der Typus einer eigenständigen Taufkapelle ab 1922 durch Architekten wie Dominikus BÖHM wiederaufgegrif- fen (M7), aber eine Neubewertung des Taufortes erfolgt im Grun- de nicht.40

3.2 Zusammenschau

Die Feier der Eingliederung in die Kirche war im frühen Christentum eine bewusste und zeichenhafte raum-zeitliche Wegfeier. Dementsprechend waren die Baptisterien als Tauforte sowohl funktional als auch sakral auf höchstem Niveau gestaltet.

Für die weitere ca. 1500jährige Kirchengeschichte lässt sich hinsichtlich des Taufortes und der -liturgie folgender Entwicklungsstrang formulieren:

Stilisierung: Die aufwändig gestalteten Baptisterien mit den Taufpiscinen werden abgelöst durch Taufsteine in vielfältigen Formen und Materialien, da sich die Kindertaufe in einer kleinen Feiergruppe durchsetzte und allmählich auch in anderen Kirchen getauft werden durfte. Bis zum 17. Jh. werden die Taufsteine hin zu Taufkannen und -schalen minimalisiert.

Ritualisierung: Der mittelalterliche Dämonenglaube führte zu einer Überstrapazierung der Exorzismen; der Wasserritus wird folglich vernachlässigt; das konsekrierte Wasser musste durch entsprechende Vorrichtungen vor missbräuchlicher Mitnahme geschützt werden. Daraus folgt, dass die frühchristliche Immer- sionstaufe in der Geschichte zur Taufe durch Aspersion (tropfen- artiges Benetzen der Stirn des Täuflings) auf das äußerste redu- ziert wird. Die bewegungsreiche Taufpraxis in „lebendigem Was- ser“ trocknet völlig ein.

Klerikalisierung: Während im Altertum nahezu überall eine dreifache Tauchung nach den Taufscrutinien („Glaubst du...“) folgt, findet ab dem Ende des 7. Jh. die indikative Spendeformel („Ich taufe dich...“) zunehmend Verwendung. Die Taufe wird zu einem sakralen Akt zwischen aktiven Spender und passiven Empfän- ger.41 Die Aussagen des Trienter Konzils manifestieren die Kleri- ker als die Wächter über den Gnadenschatz der Kirche.

[...]


1 AUSTEN, G., u.a., Wandel durch Licht und Zeit- Kirchenräume neu entdecken / mit Texten von Andrea SCHWARZ, Paderborn 1999, S. 5.

2 Im Bistum Münster bitten seit 1994 jährlich rund 230 Menschen ab 14 Jahre um die Taufe; Tendenz: zwar leicht steigend, aber die Gesamtzahl der Taufen nimmt hingegen stetig ab (Statistische Zahlen des Bistums vom 9. Juli 2000).

3 SIMEON DER STYLIT war ein Wüstenheiliger im 5. Jh., der durch seine streng asketische Lebensform auffiel. Schon zu Lebzeiten war die Säule auf dem nach ihm benannten Berg, auf der er lebte, Ziel vieler Pilger aus dem gesamten vorderen Orient.

4 Der Terminus „Baptisterium“ wird in dieser Arbeit ausschließlich für das Tauf gebäude verwendet.

5 Vgl. RISTOW, S., Frühchristliche Baptisterien, Münster 1998 (JAC Erg. Bd. 26), S. 17, S. 58 (zitiert: RISTOW, Baptisterien).

6 Das Oktogon misst ca. 10m x 10m, die umliegenden Räume sind ca. 5m breit. Weitere Zahlen sind zu finden in: EMMINGHAUS, J.H., Das Taufhaus von Kal ’ at Sim ’â n in Zentral- syrien, in: Tortulae. Studien u altchristlichen und byzantinischen Monumenten, Hg. von W.N. SCHUMACHER, Rom 1966 (RQ. Suppl.H. 30), S. 82-109 (zitiert: EMMINGHAUS, Tauf- haus).

7 Mit „Piscina“ ist in dieser Arbeit das im Boden eingelassene Wasserbassin gemeint.

8 Ähnlich gestaltet ist die Apsispiscina der Theodorkirche in Gerasa (vgl. KRETSCHMAR, Die Geschichte des Taufgottesdienstes in der alten Kirche, Kassel 1970 [Leiturgia Bd. 5, S. 1-349] S. 208, Fig. 4) (zitiert: KRETSCHMAR, Taufgottesdienst).

9 Vgl. RISTOW, Baptisterien, S. 239.

10 Vgl. FÄRBER, E., Der Ort der Taufspendung, Regensburg 1972 (ALW Bd. 13) S. 44, Anm. 41. (zitiert: FÄRBER, Taufspendung).

11 Vgl. Grafik in: RISTOW, Baptisterien, S. 16 oben, und die umfassenden Ausführungen E. FÄRBERs in: FÄRBER, Taufspendung, S. 50ff.. © Marius Stelzer

12 Vgl. DÖLGER, F.- J., Zur Symbolik des altchristlichen Taufhauses, Münster 1934 (AuC Bd. 4), S. 155ff..

13 Vgl. KEEL, O., Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament, Zürich 1972, S. 53, Abb. 65 mit EMMINGHAUS, Taufhaus Tafel 26d.

14 Vgl. EMMINGHAUS, Taufhaus, S.91, vgl. ebd. die Abbildungen Tafel 25f..

15 FÄRBER, Taufspendung, S. 47.

16 SCHWARZ, R., Vom Bau der Kirche, Heidelberg 1947, S. 76 (zitiert: SCHWARZ , Bau der Kirche).

17 Vgl. KRETSCHMAR, Taufgottesdienst, S. 174, Anm. 96.

18 Vgl. MARKSCHIES, C., Wer schrieb die sogenannte „ Traditio Apostolica “, in. KINZIG, W. u.a., Tauffragen und Bekenntnis. Studien zur sogenannten „ Traditio Apostolica “, zu den „ Interrogationes de fide “ und zum „ R ö mischen Glaubensbekenntnis “ , Berlin 1999, S. 1-74, hier: S. 39.

19 Vgl. GEERLINGS, W., Traditio Apostolica, Freiburg 1991 (FC Bd. 1) S. 114.

20 Die Forschungsgeschichte ist durchaus komplex; Antworten auf die drängenden Fragen werden nur in unbefriedigendem Maße gegeben, so z.B. der (eher trivial anmutende) Titelvorschlag „Dokument X“.

21 „Hippolyt“ kann aber als stellvertretende Autorenbezeichnung benutzt werden.

22 Vgl. STEIMER, B., Art. „ Traditio Apostolica “, LACL S. 610 und DERS., Vertex Traditionis. Die Gattung der altchristlichen Kirchenordnungen, Berlin 1992, S. 95ff..

23 Für die Thematik dieser Arbeit interessant ist der kirchenbauliche Hinweis, dass „innerhalb (...) des Vorhofes (...)das Baptisterium sein (soll).“ Das Baptisterium soll also ein Annexraum an (oder vor) der eigentlichen Hauptkirche sein. Das TD schreibt ebenso genaue Maßzahlen vor: 21 Ellen Länge und 12 Ellen Breite; dies entspricht bei 1 Elle | 0,5m ungefähr 11m x 6m. Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân kommt demnach den Vorga- ben des TD mit einer Wandlänge von 10m verblüffend nahe! Ferner wird beschrieben, dass das Baptisterium - wie der Altar - mit einem vorhangartigen Stoff verhüllt sein soll. (Vgl. VÖÖBUS, A., The Testament of our Lord, in: The Synodicon in the West Syrian Tra- dition, [CSCO Bd. 368] S. 34).

24 Vgl. STEIMER, B., Art. „ Testament unseres Herrn Jesus Christus “, LACL S. 587.

25 Vgl. EMMINGHAUS, Taufhaus, S. 89.

26 Vgl. DERS., Die Taufanlage Ad Sellam Petri Confessionis, in: RQ 57 (1962), S.100f..In Anm. 77 wird der Widerspruch zu seinen Ausführungen in Taufhaus, S. 89 besonders deutlich.

27 Vgl. STEIMER, B., Art. „ Didache “ in LACL, S. 166ff..

28 Vgl. SCHMID, J., Art. „ Didache “ in RAC, Sp. 1009ff..

29 Vgl. KLAUSER, Th., Taufet in lebendigem Wasser. Zum religions- und kulturgeschichtlichen Verständnis von Didache 7,1-3, in: Pisciculi. Studien zur Religion und Kultur des Altertums [FS. F.- J. DÖLGER] hg. von Th. KLAUSER u. A. RÜCKER. Münster 1939 (AuC Erg.-bd. 1) S. 157-164.

30 „...the water shall be pure and flowing“ berichtet auch das TD (s. VÖÖBUS, CSCO 368, S. 54)!

31 Vgl. hier die obigen Ausführungen zum synoptischen Vergleich der Dokumente TA und die TD.

32 Vgl. KRETSCHMAR, Taufgottesdienst, S. 338ff..

33 Vgl. FÄRBER, Taufspendung, S. 70ff..

34 Angelehnt an: KAHLE, B., Vortrag „ Ü ber historische Tauforte “ während der Internationalen theologisch-kunsthistorischen Studienwoche Liturgie IV „ Orte des Lebens: Taufe und Tod “ vom 21.-25. August 2000 im FRANZ-HITZE-Haus, Münster.

35 ISERLOH, E., Reformation, Katholische Reform und Gegenreformation, in: JEDIN, H., Handbuch der Kirchengeschichte, Freiburg 1999, Bd. 5, S. 494f..

36 Konsequenterweise müsste der Wortlaut der Instruktionen hier als primäres Belegmaterial Verwendung finden. Da es sich in diesem Kapitel aber um einen geschichtlichen Abriss handelt, sei hier nur auf die umfangreichen Quellenhinweise FÄRBERs verwiesen!

37 Die Evangelienseite (die Nordseite) gilt als die ranghöhere, weil in der Tradition der Diakon rechts von der Bischofkathedra das Evangelium verkündet hat (s. FÄRBER, Taufspendung, S. 82f.).

38 Vgl. FÄRBER, Taufspendung, S. 91.

39 EMMINGHAUS, J. H., Taufstätten. Kunstgeschichtlicher und liturgiewissenschaftlicher Ü berblick, in: GRÜN, A., Taufstätten. Quellen des Lebens, Würzburg 1988, S. 73-95, hier:S. 94.

40 KAHLE, B., Vortrag „ Ü ber historische Tauforte “ während der Studienwoche „ Orte des Lebens: Taufe und Tod “ im Franz-HITZE-Haus Münster.

41 Vgl. ANGENENDT, A., Geschichte der Religiosität im Mittelalter, Darmstadt 1997, S. 466.

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Ort des Lebens - Der Taufort als Paradigma für die Initiationliturgie und -pastoral in der Pfarrei
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
99
Katalognummer
V23754
ISBN (eBook)
9783638268110
Dateigröße
4711 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Lebens, Taufort, Paradigma, Initiationliturgie, Pfarrei
Arbeit zitieren
Marius Stelzer (Autor), 2000, Ort des Lebens - Der Taufort als Paradigma für die Initiationliturgie und -pastoral in der Pfarrei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23754

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