Arnes Nachlaß von Sigfried Lenz, ein Adoleszenzroman?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

25 Seiten, Note: 2 (+)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Adoleszenz

2. Der Adoleszenzroman
2.1 Einbettung des Adoleszenzromans in die Literaturgeschichte
2.2 Gattungsspezifische Kreterien

3. Analyse des Romans „Arnes Nachlaß“ von Siegfried Lenz
3.1 Der Autor
3.2 Aufbau und Erzählkonstruktion
3.3 Der Schauplatz
3.4 Die Zeit
3.5 Die Personen
3.6 Symbolik
3.7 Biblische Aspekte

4. „Arnes Nachlaß“ ein Adoleszenzroman?

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

In dem Seminar „Holden Caulfield und seine Geschwister“ wurde in unserer Projektgruppe ein Überblick des Romans „Arnes Nachlaß“ von Siegfried Lenz entworfen und den anderen Seminarteilnehmern/innen in einer knappen Präsentation vorgestellt. Da in der viel zu kurzen Zeit eine ausreichende Analyse nicht ansatzweise auszuarbeiten war, möchte ich dies mit meiner hier vorliegenden Hausarbeit nachholen.

In der nun folgenden Auseinandersetzung mit dem Roman soll der Frage nachgegangen werden, ob es sich bei „Arnes Nachlaß“ um einen, den gattungsspezifischen Eigenschaften entsprechenden, Adoleszenzroman handelt.

Dabei versteht es sich, dass vor der Analyse des Romans eine Klärung der Begrifflichkeiten unumgänglich erscheint.

1. Adoleszenz

Der Begriff Adoleszenz umschreibt die Lebensphase, in der der Wandel vom Kind zum Erwachsenen vonstatten geht. Hiermit sind nicht nur körperliche Veränderungen gemeint wie die sexuelle Reifung, sondern die Gesamtheit aller physiologischen, psychologischen und soziologischen Prozesse.

So ist die Dauer der Adoleszenz weit ausgeprägter als die der Pubertät, welche allein für die körperliche Reifung steht. Ab ca. dem 11. Lebensjahr beginnt die adoleszente Entwicklung und kann sich in der Regel bis ins zweite Lebensjahrzehnt hinziehen. Durch die Veränderung soziologischer Strukturen in der heutigen Gesellschaft kann die Zeitspanne der Adoleszenz allerdings noch weiter gefasst werden. Gerade der Einstieg ins Berufsleben, und die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit, hat sich in den letzten Jahrzehnten um einige Jahre verzögert. Aufgrund länger andauernder Studiengänge oder einer anhaltenden Orientierungslosigkeit in Bezug auf den gewünschten „Traumberuf“ ist es möglich, dass ein Eintritt in das Berufsleben erst ab Ende zwanzig oder mit Anfang dreißig erfolgt. Dieser verlängerte letzte Abschnitt erhielt im Laufe der Zeit die Bezeichnung „Postadoleszenz“, da die meisten Prozesse zum erreichen des Erwachsenenstatus schon lange durchlaufen worden sind und nur noch einige wenige Aspekte die Vollendung dieses Prozesses blockieren.

Meiner Meinung nach werden zwei wichtige Merkmale der Adoleszenz durch die Postadoleszenz verdeutlicht. Da es sich hier um eine noch sehr jungen Entwicklung handelt, kann die Adoleszenz nicht einen statischen Vorgang repräsentieren, der über die Jahrhunderte keine Veränderungen erfahren hat. So unterliegt der Reifeprozess einem stetigen, dynamischen Wandel, der sowohl zeitlich als auch lokal sehr unterschiedliche Ausmaßen annehmen kann. Äußere Faktoren wie Gesellschaftsform, Staatsform, gesellschaftliche Ansprüche, religiöser Einfluss und v.a. spielen eine zentrale Rolle bei der Heranreifung zum Erwachsenen.

Neben der Dynamik wird weiter deutlich, dass die Adoleszenz nicht aus einer kompakten Phase besteht, die jeder durchläuft und danach als vollwertiges erwachsenes Mitglied unserer Gesellschaft daraus hervorgeht, sondern dass es sich vielmehr um ein höchst komplexes Gebilde handelt, das aus verschiedensten Phasen aufgebaut ist, die zeitgleich oder sukzessiv durchlebt werden. Hieraus resultiert eine variable Vollendung der verschiedene Phasen. Der Erwachsenenstatus kann zum Beispiel im Bereich „Politik und Kultur“ früher abgeschlossen werden als im Bereich „Partnerschaft und Familiengründung“ (vgl. Hurrelmann, 1994,292).

Das Wesen der Adoleszenz liegt m.E. in der Diskrepanz zwischen der Identitätsfindung des Subjekts und der gesellschaftlichen Norm begründet.

Je mehr Rechte und Freiheiten die Individuen in unserer Gesellschaft mit zunehmenden Alter erlangen, desto mehr Handlungsspielraum erhalten sie. Damit beginnt die Zeit des „Ausprobierens“. Unterschiedliche Rollen werden getestet, gesellschaftliche Normen hinterfragt; immer mit dem Ziel der eigenen Identitätsfindung.

Nicht selten kommt es dabei zu Überschreitungen der konventionellen Normen als Zeichen der bewussten Negation unserer Gesellschaft und der „Ich“ –Präsentation des Individuums in der Öffentlichkeit, bei der die Wahrnehmung von anderen im Mittelpunkt steht.

Jedoch bleiben diese Überschreitungen in der Regel ohne negative Folgen für die Gesellschaft, häufig handelt es sich um stillen Protest ( z.B. nicht der Norm entsprechende Gestaltungsmerkmale wie Kleidung, Haarschnitt, etc.) oder um leichte Delikte (z.B. das Ansprühen von Hausfassaden).

Der Katalog an Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz scheint immens:

Psychisches Einvernehmen mit dem sich wandelnden Körper, Aufbau einer Peer- Group außerhalb der Familie, gesellschaftliche Rollenerwartung in Bezug auf das eigene Geschlecht, erste intime Beziehungen, Findung eines Partners/ einer Partnerin, Unabhängigkeit zum Elternhaus erlangen, realistische Formen der Zukunftsgestaltung aneignen, eigene Präferenzen von Werten bilden u.a. (vgl. Dreher & Dreher, 1985)

Demgegenüber stehen die Anforderungen der postmodernen Gesellschaft an den Jugendlichen in der heutigen Zeit. Nach Gansel ist

(d)er Begriff „Jugend“ zu einer Art Leitbild für alle Generationen geworden; Jung- Sein gilt in einer (post)modernen Erlebnisgesellschaft als Sinnbild, ja als Wert schlechthin. Die Folge ist, dass die älteren Generationen bemüht sind, möglichst rasch Zeichen von Jung- Sein zu übernehmen. (Gansel; 2000, 6)

Umso schwieriger wird es für die Jugend, weiter Möglichkeiten der Individualisierung zu finden. In einer Gesellschaft, in der fast alles erlaubt scheint, können explizite Abgrenzungen nur noch durch Extrema hervorgebracht werden. Darüber hinaus wird der Zeitraum der Lebensphase Jugend im gesellschaftlichen Konsens verlängert, so dass nicht nur das Jung- Sein als Lebensgefühl und Ausdruck für Kraft, Motivation, Kreativität und Individualität länger aufrecht erhalten wird, sondern auch der Eintritt in den Erwachsenenstatus und die damit verbundenen Probleme hinausgezögert werden.

So scheint es nicht verwunderlich, dass einige Jugendliche diesem Konflikt von der Bildung der eigenen Identität in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht gewachsen sind.

Wenn es zu einer Überforderung des Individuums kommt, können Störungen im adoleszenten Verlauf auftreten, wie zum Beispiel:

- psychosomatische Beschwerden (Kopfschmerzen, Magenbeschwerden undefinierbare Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, ...)
- erhöhtes Risikoverhalten (nicht anschnallen, alkoholisiert Auto fahren, Mitführen von Waffen, ...)
- Suchtverhalten (Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsum, Magersucht,...)
- Depressionen (Selbstmordgedanken, -versuche,...) (vgl. Mutz/Scheer,1997)

Werden diese Störungen frühzeitig erkannt, kann den Betroffenen auf ihrem weiteren Weg des Erwachsenwerdens geholfen werden. Ansonsten besteht die Möglichkeit, dass Folgeschäden ein ganzes Leben lang erhalten bleiben oder dass es frühzeitig aus Überforderung zu einer suizidalen Verzweifelungstat des Individuums kommt.

Wie man erkennt, hat sich Adoleszenz soziologisch stark verändert. Aus der „einfachen“ Übergangsphase vom Kind zum Erwachsenen ist ein komplex verknüpftes System mit sehr hohen Anforderungen an die Heranreifenden geworden.

2. Der Adoleszenzroman

2.1 Einbettung des Adoleszenzromans in die Literaturgeschichte

Die literarische Gattung „Adoleszenzroman“ entstand erst in den letzten zwei Jahrzehnten und wurde aus dem angloamerikanischen von „adolescent novel“ abgeleitet. Betrachtet man jedoch die damals entstandenen gattungsspezifischen Kriterien des Adoleszenzromans (s. 2.2) näher, finden sich ähnlich angelegte Texte schon viel früher in der Literaturgeschichte. Sowohl für Ewers (vgl. Ewers, 1989, 11) als auch für Gansel (vgl. Gansel, 2000, 9) weist Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ von 1774 als erster deutscher Roman ausführlich auf die adoleszente Problematik hin. Darauf folgte in geringem zeitlichen Abstand Moritz’ „Anton Reiser“ (1785- 1790), der vom „Werther“ beeinflusst wurde, doch vorerst weit weniger Beachtung fand.

Durchsetzten konnten sich diese literarischen Neuschöpfungen allerdings nicht. Das folgende Jahrhundert wurde von einer anderen Romangattung nachhaltig geprägt. Goethes „Wilhelm Meister“, der 1795/96 in vier Bänden erschien, sollte für das 19. Jahrhundert richtungsweisend sein. Der Bildungsroman hielt Einzug in die deutsche Literaturlandschaft.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die adoleszente Lebensphase in den sog. Schulromanen wieder aufgegriffen. Bekannteste Vertreter dieser Zeit waren Hesses „Unterm Rad“ (1906), Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906) und Huchs „Mao“ (1907). Geschildert wird zumeist der Konflikt zwischen der stark autoritären Lehrkraft und dem darunter leidenden Schüler. Die ausschließlich männlichen Protagonisten werden in existenzielle Sinnkrisen versetzt, die zu bewältigen sie nicht in der Lage sind. So endet die Suche nach der Identität letztlich meist mit dem Tod.

Im deutschsprachigen Raum bricht diese zweite, wichtige Phase der adoleszenten Literatur durch die neu aufkommenden Strömungen des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit vorzeitig ab.

Im zeitlich folgenden Nationalsozialismus sucht man vergeblich nach Spuren des Adoleszenzromans. Reflektierte, kritische Identitätsfindung von Jugendlichen war in der damaligen Literaturära unerwünscht.

So verwundert es nicht, dass erst Ende der 50’er Jahre wieder adoleszente Literatur auf dem deutschen Buchmarkt zu finden war. Der wohl derzeitig bekannteste Adoleszenzroman „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger wurde 1956 in deutscher Sprache bei Kiepenheuer & Witsch verlegt. In etwa zeitgleich erschien Carson McCullers „Frankie“ , in dem erstmalig für die Adoleszenzliteratur eine weibliche Protagonistin dargestellt wird. Bei beiden Büchern handelt es sich um Übersetzungen aus dem Angloamerikanischen. Dass gerade aus den Vereinigten Staaten die Adoleszenzromane nach Deutschland importiert wurden, erklärt sich Gansel wie folgt:

Der Modernisierungsvorsprung der amerikanischen Gesellschaft, der vor dem Hintergrund der Abbremsung der deutschen bzw. europäischen Moderne durch den Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg entsteht, führt dazu, dass hier die gattungsprägenden literarischen Realisierungen [...] möglich werden. (Gansel, 2000, 17)

Die gleiche Entwicklung der Gesellschaft trat in Deutschland nur verzögert ein. Romane wie „Katz und Maus“ von Grass (1961) oder „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Plenzdorf (1972) entstehen und stoßen auf begeisterte Rezipienten. Die Nachfrage nach Literatur zur Identitätsfindung für sich entwickelnde, orientierungslose Jugendliche wuchs an. So fand sich die Jugend in der Erwachsenenliteratur wieder, in der ausschließlich Adoleszenzromane verlegt worden waren.

Wieder sind es amerikanische Texte, die als Reaktion auf die steigende Konjunktur in diesem literarischen Bereich herangezogen werden. Die ersten Übersetzungen im Jugendbuchbereich erscheinen in den 1970er Jahren. Autoren wie Barbara Wersba, Susan E. Hilton, Warren Miller oder John Donovan werden bekannt. Manche von ihnen scheinen bis heute aktuell, so erschien vor kurzem Susan E. Hiltons „Die Outsider“ (1983) sogar in einer Neuübersetzung Die literarische Gattung des modernen Adoleszenzromans etablierte sich mit der Zeit und auch deutsche Autoren wie Korschunows, Herfurtner oder Chidolue folgten dem Trend, der sich über die 1980er und 1990er Jahre hinweg ausbreitete.

In aktuellen Strömungen findet als markanteste Erneuerung in Adoleszenzromanen ein inhaltlicher Umbruch statt, bedingt durch gesellschaftliche Veränderungen.

Die nach Gansel „postmodernen Adoleszenzromane“ haben nun keinen nach Individualität strebenden, sondern den nach Vergnügen suchenden Jugendlichen als Hauptakteur. Zu erklären ist dieser Wechsel durch die nicht mehr mögliche Abgrenzung zur Gesellschaft, in der, wie oben schon angesprochen, alles erlaubt scheint. (vgl. Gansel, 2000, 21)

2.2 Gattungsspezifische Kriterien

Kennzeichnend für den Adoleszenzroman sind verschiedene inhaltliche und formelle Gestaltungsmomente.

Bei den Protagonisten handelt es sich um einzelne (evt. auch mehrere) Jugendliche, die auf der Suche nach Individualität und ihrem Platz in der Gesellschaft sind. Es fällt auf, dass im klassischen Adoleszenzroman nur männliche Helden in Aktion treten. Dies ändert sich erst deutlich in den modernen Adoleszenzromanen der letzten 30 Jahre, worin auch die emanzipatorische Mädchenliteratur begründet liegt. Das Alter der Jugendlichen kann sich über die gesamte Adoleszenzphase erstrecken (ca. 11 – 35 Jahre). In Romanen, die in Jugendbuchverlagen erscheinen und Jugendliche als Zielgruppe haben, schwankt das Alter meist zwischen 11 und 18 Jahren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Arnes Nachlaß von Sigfried Lenz, ein Adoleszenzroman?
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Holden Caulfield und seine Geschwister
Note
2 (+)
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V23763
ISBN (eBook)
9783638268158
ISBN (Buch)
9783656446958
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arnes, Nachlaß, Sigfried, Lenz, Adoleszenzroman, Holden, Caulfield, Geschwister
Arbeit zitieren
Oliver Bock (Autor), 2002, Arnes Nachlaß von Sigfried Lenz, ein Adoleszenzroman?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23763

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