Behinderungsmissbrauch beschreibt den Versuch durch Wahl bestimmter Strategien, insbesondere durch Anwendung des sog. Predatory Pricing, Wettbewerber aus einem Markt zu verdrängen bzw. Markteintritte zu verhindern. Dabei bezeichnet Predatory Pricing das Setzen von sog. Kampf- bzw. Verdrängungspreisen. Eine dominante Firma setzt dabei temporär aggressive Preise mit dem ausschließlichen Ziel, Marktanteile zu gewinnen. Die Vertreter der sog. Chicago School (u.a. McGee) vertreten jedoch die Ansicht, dass derartige Verdrängungspreispraktiken irrationale Strategien darstellen. McGees Hauptargumente hierfür sind, dass Verdrängungspreiswettbewerb inkonsistent ist mit kurzfristiger Gewinnmaximierung, es günstigere Strategien wie bspw. Fusionen oder Unternehmenskäufe zur Erzielung einer Monopolstellung gibt, die dominante Firma selbst größere Verluste erleidet als ihr Gegner, die potentiellen Wettbewerber die Drohung von Verdrängungspreiswettbewerb nicht als glaubwürdig empfinden und Preiskampf seitens der dominanten Firma gegenüber bereits bestehenden Firmen keine zukünftigen Markteintritte verhindert. Gegen diese Meinung kam schnell Kritik auf. McGees Argument, dass Verdrängungspreiswettbewerb unprofitabel sei, gründet darauf, dass sich die dominante Firma nur einem einzelnen Wettbewerber gegenübersieht. Wenn jedoch Firmen in mehreren räumlich abgegrenzten Märkten sequentiell oder simultan agieren oder wenn es sich um ein Mehrproduktunternehmen handelt, kann die Firma durchaus Verdrängungspreistechniken in einem Markt anwenden, um andere Wettbewerber abzuschrecken. Dies erscheint intuitiv logisch: Die Firma erwirbt sich einen Ruf, eine Reputation für aggressives Verhalten bei Markteintritt und hält dadurch andere Konkurrenten, aus Angst, die gleiche Reaktion der dominanten Firma zu erfahren, von ihren Eintrittsversuchen ab. Jedoch wurde von Selten in seinem „Chain-Store Paradoxon“ gezeigt, dass dieser Reputationseffekt gerade nicht existiert. Erneut fehlte die Basis für die rationale Anwendung von Verdrängungspreisstrategien.
Im Jahr 1982 gelang es jedoch Kreps und Wilson sowie Milgrom und Roberts anhand eines formalen Modells doch die Existenz von Reputationseffekten aufzuzeigen. Sie lieferten damit die Begründung, dass Verdrängungspreistechniken durchaus in der Praxis angewendet werden, da sie nicht, wie ursprünglich angenommen, irrationale Praktiken darstellen, sondern unter bestimmten Bedingungen als rationale, gewinnmaximierende Strategien erscheinen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Chain-Store Paradoxon von Selten
2.1 Begrenzte Anzahl von potentiellen Konkurrenten
2.2 Unendliche Anzahl potentieller Wettbewerber
2.3 Zusammenfassung und Beurteilung des Chain-Store Paradoxons
3. Asymmetrische Information als Begründung für Reputationseffekte
3.1 Die Grundidee
3.2 Darstellung des Modells und seiner Annahmen
3.3 Herleitung und Beweis der gleichgewichtigen Strategien
3.4 Erweiterung und Zusammenfassung der Ergebnisse
4. Ausblick
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die theoretische Begründung von Reputationseffekten im Kontext von "Predatory Pricing" zu analysieren. Dabei wird untersucht, unter welchen Bedingungen die Drohung eines aggressiven Preiskampfes durch einen Monopolisten als rationale Strategie zur Verhinderung von Markteintritten neuer Konkurrenten dienen kann, indem das ursprünglich irrationale Bild des "Chain-Store Paradoxons" durch die Einführung asymmetrischer Informationen erweitert wird.
- Analyse des Chain-Store Paradoxons nach Selten
- Bedeutung asymmetrischer Informationen für Reputationseffekte
- Modellierung von Reputationsbildung und strategischem Verhalten
- Diskussion der Rationalität von Verdrängungspreisstrategien
Auszug aus dem Buch
3.2 Darstellung des Modells und seiner Annahmen
Das Modell besteht aus N+1 Spielern. Ein Spieler ist ein Monopolist, die übrigen N Spieler sind die Wettbewerber, die in sequentieller Reihenfolge ihre Entscheidungen über „Markteintritt“ oder „aus dem Markt draußen bleiben“ treffen müssen. Die Gewinne der Konkurrenten in Abhängigkeit von der gewählten Strategienkombination entsprechen dabei denen in der zuvor dargestellten Abbildung 1, wobei nach wie vor gilt: π_E(A) > 0 > π_E(P). Die Gewinne des Monopolisten hingegen sind komplexer: sie können sich entweder derart verhalten, dass sie wie beim Chain-Store Paradoxon in der Reihenfolge π_I(M) > π_I(A) > 0 > π_I(P) angeordnet werden können, oder aber es gilt π_I(P) > π_I(A), so dass der Preiskampf sogar direkt bzw. kurzfristig der Kooperation vorgezogen wird. Ein derartiger Monopolist, der lieber kämpft als kooperiert, wird im Folgenden als „starker Monopolist“ bezeichnet. Seine dominante Strategie ist es immer den Eintritt zu bekämpfen. Der andere, für den π_I(A) > π_I(P) gilt, wird hingegen als „schwacher Monopolist“ bezeichnet. Er bevorzugt es, dem Eintritt mit Kooperation zu begegnen. Die Existenz eines möglicherweise „starken Monopolisten“ kann dabei, wie bereits in Abschnitt 3.1 dargelegt, auf die Berücksichtigung einer gewissen Irrationalität, der direkten Vorteilhaftigkeit des Preiskampfes aufgrund nicht-pekuniären Nutzens in einzelnen Märkten oder wie bei Milgrom und Roberts durch Unterstellung von Verhaltensmustern zurückgeführt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des Behinderungsmissbrauchs und die Debatte um die Rationalität von Verdrängungspreisen ein, wobei die Positionen der Chicago School gegen die neuere spieltheoretische Literatur gegenübergestellt werden.
2. Das Chain-Store Paradoxon von Selten: Das Kapitel erläutert das klassische Modell von Selten, in dem unter vollständiger Information keine Reputationseffekte entstehen können, da es zu keinem Verdrängungswettbewerb auf dem Gleichgewichtspfad kommt.
3. Asymmetrische Information als Begründung für Reputationseffekte: Hier wird der theoretische Bruch mit dem Paradoxon vollzogen, indem asymmetrische Informationen über den "Typ" des Monopolisten eingeführt werden, was die Bildung von Reputation und damit rationales aggressives Verhalten ermöglicht.
4. Ausblick: Der Ausblick diskutiert die Bedeutung von Reputationseffekten über das spezifische Modell hinaus und verweist auf weiterführende wissenschaftliche Ansätze und die Relevanz in realen Marktszenarien.
Schlüsselwörter
Reputationsmodelle, Predatory Pricing, Chain-Store Paradoxon, Asymmetrische Information, Spieltheorie, Monopolist, Markteintritt, Wettbewerber, Bayesianisches Updating, Rationalität, Verdrängungswettbewerb, Gleichgewicht, Strategie, Kooperation, Preiskampf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen dafür, warum und unter welchen Umständen eine dominante Firma ("Monopolist") Verdrängungspreise anwendet, um potentielle Konkurrenten von einem Markteintritt abzuhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Chain-Store Paradoxon, die Spieltheorie (insbesondere in endlich wiederholten Spielen), das Konzept der asymmetrischen Information und die daraus abgeleitete rationale Entstehung von Reputationseffekten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass "Predatory Pricing" nicht zwingend irrational ist, sondern unter der Annahme unvollständiger Informationen als gewinnmaximierende Strategie verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine formale spieltheoretische Analyse durchgeführt, die auf Modellen der industriellen Organisation basiert, insbesondere unter Anwendung der Rückwärtsinduktion und des Bayesianischen Updatings.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zunächst das Chain-Store Paradoxon von Selten bei vollständiger Information und führt dann das Modell von Kreps, Wilson, Milgrom und Roberts ein, welches asymmetrische Informationen nutzt, um Reputationsbildung zu erklären.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Reputationsmodelle, asymmetrische Information, Predatory Pricing, Chain-Store Paradoxon, Markteintritt und spieltheoretisches Gleichgewicht.
Was unterscheidet den "starken" vom "schwachen" Monopolisten?
Der "starke Monopolist" zieht Preiskampf einer Kooperation vor (dominante Strategie), während der "schwache Monopolist" bei vollständiger Information stets kooperieren würde, aber im Modell durch Reputation den "starken" Typen imitiert.
Welche Rolle spielt die "Natur" in diesen Modellen?
Die "Natur" wird als künstlicher Spieler eingeführt, um ein Spiel mit unvollständiger Information in ein formell leichter lösbares Spiel mit unvollkommener, aber vollständiger Information zu transformieren.
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- Thomas Grohmann (Author), 2004, Reputationsmodelle im Rahmen des predatory pricing (Behinderungsmissbrauch, Kampfpreise, Verdrängungspreise), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23814