Das "Schweigen" in der Konkreten Dichtung


Seminararbeit, 2004

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Konkrete Dichtung

3. Schweigen und Konkrete Dichtung

4. Textbeispiele
4.1. Eugen Gomringer: schweigen
4.2. Ernst Jandl: gespräch
4.3. Gerhard Rühm: [schweigen]

5. Schlusswort

6. Bibliographischer Nachweis

1. Hinführung

Ich habe nicht zu sagen

und ich sage es

und das ist die Poesie

wie ich sie brauche.

(John Cage)

Die folgende Arbeit widmet sich der Betrachtung und Untersuchung des Schweigens in der Konkreten Dichtung.[1] Gleich zu Beginn soll darauf hingewiesen werden, dass es viele Arten und verschiedenste Ausprägungen des Schweigens gibt. Ohne also Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, was auch schier unmöglich wäre, ist in Bezug auf oben genanntes ‚Schweigen’ zunächst einmal jegliches Schweigen gemeint, dass sich in irgendeiner Art und Weise in der Konkreten Dichtung feststellen lässt.

Vor der Beschäftigung mit dem Schweigen in der Konkreten Dichtung soll in einem Kapitel noch auf die Konkrete Dichtung selbst eingegangen werden. Ziel dieses Kapitels soll es sein, einen kurzen Einblick in die Geschichte der Konkreten Dichtung vorzunehmen, das Verständnis der Konkreten Dichtung zu vermitteln und nicht zuletzt auch auf Problematiken der Konkreten Dichtung hinzuweisen.

Anschließend folgt der Einstieg in die Materie. Die Konkrete Dichtung wird daraufhin untersucht, was sie in Bezug auf Schweigen auszeichnet, wie sich Schweigen präsentiert, bzw. präsentieren kann, und welche besondere Rolle das Schweigen in ihr spielt.

Die gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich auf Textbeispiele konkreter Dichter angewendet werden, umgekehrt soll aber gerade auch durch die Textbeispiele der gewonnene Horizont zusätzlich erweitert werden.

2. Konkrete Dichtung

Gleich vorweg, ohne allzu sehr Wert auf biographischen Hintergrund der jeweiligen Personen zu legen, sollen hier einige Namen von Vertretern der Konkreten Dichtung genannt werden, nicht zuletzt auch aus dem Grund, da im Weiteren Werke von drei dieser Personen näher untersucht werden:

Die Konkrete Dichtung wurde „[…] getragen von Dichtern wie dem Schweizer Eugen Gomringer, den Brasilianern Augusto de Campos, Haroldo de Campos, Decio Pignatari, Pedro Xisto, den Deutschen Max Bense, Carlfriedrich Claus, Reinhard Döhl, Hans G. Helms, Helmut Heißenbüttel, Ferdinand Kriwet, Franz Mon, der Wiener Gruppe in Österreich – Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener [und Ernst Jandl].“[2]

„Den Begriff Konkrete Poesie verwendet erstmalig Eugen Gomringer nach seiner Begegnung mit Decio Pignatari, Mitglied der brasilianischen Gruppe konkreter Dichter Noigandres, 1955 in Ulm, wo Gomringer damals als Sekretär von Max Bill an der Hochschule für Gestaltung tätig war. Den Begriff des Konkreten gibt es in der bildenden Kunst schon seit 1930, dem Jahr des Erscheinens des von Theo van Doesburg formulierten »Manifests der Konkreten Kunst«, dessen Ideen Max Bill aufgreift und in seinen theoretischen Arbeiten präzisiert. Den Begriff Konkrete Poesie prägt Gomringer in Analogie zum dort entwickelten Begriff der Konkreten Kunst, was die zahlreichen Übereinstimmungen und Parallelen in Bills und Gomringers Schriften dokumentieren. Er wird innerhalb kurzer Zeit eine von vielen bevorzugte Bezeichnung für Texte, die oft wenig miteinander gemeinsam haben.“[3] Die Konkrete Dichtung ist somit, anders als die Konkrete Kunst, eine Entwicklung der Nachkriegszeit[4]. Man sollte aber auch immer im Auge behalten, dass nicht nur die Vertreter, sondern auch die Rezipienten der Konkreten Dichtung durch den zweiten Weltkrieg geprägt sind.

Auf die Frage, was Konkrete Dichtung eigentlich sei, lautet die Antwort, dass es keine „[…] konsistente Theorie, eine alle einschlägigen Textphänomene integrierende theoretische Begründung konkreter Dichtung [gibt].“[5] Das liegt zum einen daran, dass, wie oben schon erwähnt, der Begriff ‚Konkrete Dichtung’ eine Sammelbezeichnung für die verschiedensten Texte ist, zum anderen ist eine Begriffsbestimmung aber auch deshalb schwierig, weil ihre so genannten Vertreter zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen von ihr haben. Die konkreten Dichter haben uns eine Fülle an Texten beschert, es ist dabei aber gar nicht so sehr die äußere Erscheinung, die diese Texte im wesentlichen unterscheidet, es ist vielmehr das unterschiedliche Verständnis, das ihnen zugrunde liegt. So begreift Eugen Gomringer die Konkrete Dichtung als Dichtung seiner Zeit, die sich an die geänderten kommunikativen Verhältnisse angepasst hat. Er spricht davon, dass jede Zeit ihre eigene Sprache hat, dass sich die Schrift an die Notwendigkeit der schnelleren Kommunikation angepasst hat, und dass nun Konzentration und Einfachheit das Wesen der Dichtung sind.[6] Er bezieht auch die Rezipienten in sein Verständnis von Konkreter Dichtung mit ein und verortet die Dichtung in der Gesellschaft, indem er nämlich die Stellung der Dichtung in der Gesellschaft als ihren Zweck bezeichnet. In seinem Aufsatz ‚vom vers zur konstellation’ schreibt er: „zweck der neuen dichtung ist, der dichtung wieder eine organische funktion in der gesellschaft zu geben und damit den platz des dichters zu seinem nutzen und zum nutzen der gesellschaft neu zu bestimmen. […] von einer organischen funktion kann nur dann gesprochen werden, wenn sie sich in […] sprachvorgänge einschaltet.“[7] Andere Autoren haben wiederum ein ganz anderes Verständnis, beschäftigen sich vielleicht nicht mit dem Sprachwandel und dessen Einfluss auf die Dichtung. In jedem Fall fließt aber das jeweilige Verständnis in die Texte der Dichter mit ein, und am Beispiel Eugen Gomringers sollte deutlich werden, wie immanent ein solches Verständnis werden kann. So ist es auch keineswegs verwunderlich, warum Vertreter der Konkreten Dichtung nicht nur als Dichter, sondern auch als Theoretiker in Erscheinung treten, ist doch ihr Verständnis und ihre Auffassung von Konkreter Dichtung für das Textverstehen nicht unerheblich. Der Autor scheint also (noch) nicht ‚tot’ zu sein, denn bezeichnenderweise bedarf „[…] die Konkrete Poesie [häufig] der Ergänzung, Erläuterung durch konventionelle Sprache […].“[8]

Trotzdem lassen sich aber, um wieder auf die Begriffsbestimmung zurückzukommen, einige weitgehend allgemeingültige Merkmale Konkreter Dichtung feststellen. Zunächst einmal zur Bedeutung des Begriffs ‚konkret’: nach Thomas Kopfermann wird damit „[…] das natürliche, sichtbar und greifbar Wirkliche [bezeichnet], das sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort befindet. […] [D]as Konkrete [wird also] mit dem Wirklichen gleich[gesetzt].“[9] Um Missverständnissen vorzubeugen erläutert Eugen Gomringer zum Terminus ‚Konkrete Dichtung’, dass diese „[…] nicht deshalb konkret [ist], weil sie aus einem bestimmten wortschatz die sogenannten concreta auswählt und nur mit solchen arbeitet[, …] konkret dichten heisst [vielmehr] bewusst mit sprachlichem material dichten.“[10] Eine brauchbare, allgemein gehaltene Begriffbestimmung bietet Siegfried J. Schmidt an:

„Konkrete Kunst, in welchem Medium auch immer sie verwirklicht wird, ist eine nichtmimetische, generative Kunst, die die sinnliche Wahrnehmung der sichtbaren Wirklichkeit […] aufhebt und sich auf die Thematisierung ihrer künstlerischen Mittel selbst konzentriert. Diese Mittel […] werden nicht dazu benutzt, um Inhalte der Erfahrungswirklichkeit in künstlerischer Vermittlung zu repräsentieren. Sie gewinnen vielmehr Selbständigkeit, sie werden entfunktionalisiert, konkretisiert.“[11]

Ganz ähnlich konstatiert auch Eugen Gomringer, dass das konkrete Gedicht „[…] »eine Realität an sich und kein Gedicht über ...« [ist]. […] Das gleiche betont Gerhard Rühm: »Einer der wesentlichen Züge unserer Dichtung: sie ist nicht descriptiv, sie schafft selbst Wirklichkeiten, sie ist eine Wirklichkeit«.“[12] In der Konkreten Dichtung handelt es sich also nicht um die Darstellung eines äußeren Subjekts oder mehr oder weniger subjektiver Gefühle, sondern um ein sich selbst genügendes Objekt.[13] Der Autor gilt in der Konkreten Dichtung als besonders abwesend. Die Wörter sprechen nicht von, nicht über ihn, und sind auch nicht seine Ausdrucksvehikel. Sie sind als ein Sich-Aussprechen der Sprache selbst zu verstehen, und stehen somit einer Individualität im Text entgegen. Der Protagonist der Konkreten Dichtung ist der Text selbst, denn konkrete Texte wollen nichts anderes, als sich selbst darstellen. Das darf nicht im Widerspruch zu oben erwähntem ‚Verständnis’ gesehen werden, denn dieses ‚Verständnis’ dreht sich wie erwähnt um die Dichtung selbst. Was hier angesprochen wird ist der Bruch mit der traditionellen Dichtung, in der es doch seit jeher um die Darstellung eines (nicht realen) individuellen, bzw. subjektiven Erlebnisses geht. In der Konkreten Dichtung aber konstituiert Sprache Realität. Monika Schmitz-Emans beschreibt das als Konzeption des ‚reinen’ Wortes. Damit ist die Befreiung des Wortes aus seinem gewöhnlichen sprachlichen und faktischen Kontexten gemeint, und das Bestreben, den Repräsentationscharakter von Zeichen zu überwinden. Der Buchstabe wird kompensatorisch zu sich selbst erlöst, und die Konkrete Dichtung erhebt einerseits den Anspruch, die berühmte Spannung zwischen Gegenwart (der Schriftzeichen) und Abwesenheit (des Bezeichneten) zu überwinden, andererseits als überwundene bewusst zu machen.[14] Doch Vorsicht, diese ‚Erlösung’ ist nur ein Idealzustand, der nie wirklich ganz erreicht werden kann. Schon Helmut Heißenbüttel stellt fest: „Man benutzt etwas entgegen dem überkommenen Sinn, ohne dass man es ganz daraus lösen kann.“[15] Ein solcher Zustand könnte auch unvorstellbar Wunsch und Ziel der Konkreten Dichtung sein, denn die Sprache „[…] völlig zweckfrei, als bloßes Laut- oder Schriftmaterial oder Objekt zu behandeln, hieße, sie zu zerstören – sie und damit auch die Möglichkeit von Dichtung.“[16]

[...]


[1] Wie auch schon im Titel wird im weiteren Verlauf der Begriff ‚Konkrete Dichtung’ verwendet, der als äquivalent zum Begriff ‚Konkrete Poesie’ betrachtet wird. Termini in Zitaten werden hingegen unverändert übernommen.

[2] Ernst Jandl: Das Öffnen und Schließen des Mundes, Darmstadt 1985, S. 27. (fortan nur noch abgek. zitiert als ‚Jandl’)

[3] Berold van der Auwera: Theorie und Praxis Konkreter Poesie. In: Text + Kritik II. Konkrete Poesie, München 1971, Heft 30, S. 33. (fortan nur noch abgek. zitiert als ‚Auwera’)

[4] Gemeint ist der 2. Weltkrieg

[5] Monika Schmitz-Emans: Positive und negative Schrift. Aspekte einer Poetik konkreter Dichtung. In: dies.: Die Sprache der modernen Dichtung, München 1997, S. 175. (fortan nur noch abgek. zitiert als ‚Schmitz-Emans’)

[6] Vgl. dazu Eugen Gomringer: vom vers zur konstellation. In: ders. (Hg.): konkrete poesie. deutschsprachige autoren. anthologie von eugen gomringer, Stuttgart 2001, S. 155-156.

[7] Ebd., S. 158.

[8] Ekkehardt Juergens: Zur Situation der Konkreten Poesie. In: Text + Kritik. Konkrete Poesie, München 1971, Heft 30, S. 49.

[9] Thomas Kopfermann (Hg.): Theoretische Positionen zur Konkreten Poesie, Tübingen 1974, S. IX-X. (fortan nur noch abgek. zitiert als ‚Kopfermann’)

[10] Eugen Gomringer: weshalb wir unsere dichtung ‚konkrete dichtung’ nennen. In: ders.: theorie der konkreten poesie, Bd. 2: texte und manifeste 1954-1997, Wien 1997, S. 32.

[11] Siegfried J. Schmidt: Konkrete Dichtung. Ergebnisse und Perspektiven. In: ders. (Hg.): konkrete dichtung. texte und theorien, München 1972, S. 142.

[12] Ernst Jandl: Voraussetzungen, Beispiele und Ziele einer poetischen Arbeitsweise. In: Kopfermann, S. 48.

[13] Vgl. dazu Auwera, S. 34.

[14] Vlg. dazu Schmitz-Emans, S. 181-183.

[15] Helmut Heißenbüttel: Über Literatur, München 1970, S. 69.

[16] Siegfried J. Schmidt: Konkrete Dichtung. Ergebnisse und Perspektiven. In: ders. (Hg.): konkrete dichtung. texte und theorien, München 1972, S. 143.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das "Schweigen" in der Konkreten Dichtung
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
Das Schweigen in der Literatur des 20. Jh
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V23831
ISBN (eBook)
9783638268653
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
mit erläuterten Textbeispielen von Eugen Gomringer, Ernst Jandl und Gerhard Rühm
Schlagworte
Schweigen, Konkreten, Dichtung, Literatur
Arbeit zitieren
David Siener (Autor), 2004, Das "Schweigen" in der Konkreten Dichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23831

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