Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann - Eine Charakterstudie der Protagonisten


Seminararbeit, 2003
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Herr Friedemann und Gerda von Rinnlingen – Eine Charakterstudie

3. Ist Gerda von Rinnlingen eine ´femme fatale`?

4. Ein Vergleich von ´Der kleine Herr Friedemann` und ´Venus im Pelz`von Leopold von Sacher-Masoch

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Mann sagte über seine Erzählung ´Der kleine Herr Friedemann`, dass sie sein „eigentlicher Durchbruch in der Literatur [gewesen sei, da sie] zum erstenmal ein Grundmotiv“[1] anschlägt, das in seinem Gesamtwerk eine wichtige Rolle spielen wird. Die Geschichte des kleinen Herr Friedemann wird oft als ´Vorreiter` der Buddenbrooks gesehen, da sie erstaunliche Parallelen aufweist. Jedoch soll hier hauptsächlich auf die zwei Protagonisten, Herr Friedemann und Gerda von Rinnlingen, eingegangen werden. Johannes Friedemann, der ´stille Held` der Erzählung, wird von einer ihm überlegenen Frau, der Offiziersgattin Gerda von Rinnlingen, so sehr gedemütigt, dass ihm als letzter Ausweg nur noch der Selbstmord bleibt. Ein Streitpunkt der Forschung ist nach wie vor die Frage, ob Friedemann von sich selbst oder von Gerda in den Tod getrieben worden ist. Aus diesem Grund wird hier versucht, diese zwei Ansichten mit Hilfe eines Vergleichs mit Leopold von Sacher-Masochs ´Venus im Pelz` und dem Aspekt der ´femme fatale` genauer zu erläutern.

2. Herr Friedemann und Gerda von Rinnlingen – eine Charakterstudie

Außer Johannes Friedemann und Gerda von Rinnlingen kommen in der Erzählung ´Der kleine Herr Friedemann` nur Randfiguren vor, die wenig Einfluss auf das Geschehen haben. Je weiter sich Friedemann der Gerda hingibt, desto nebensächlicher wird alles, was um ihn herum passiert. Sowohl sein soziales als auch lokales Umfeld gerät immer mehr in den Hintergrund und wird in der Erzählung nur noch skizzenhaft dargestellt. Aus diesem Grund sollen hier hauptsächlich die Protagonisten und ihre Beziehung zueinander analysiert werden.

Johannes Friedemann wächst in einer bürgerlichen Kleinstadt auf. Schon als Kleinkind widerfährt ihm ein Unglück: Seine trunksüchtige Amme lässt ihn vom Wickeltisch fallen, und trotz schneller Hilfe eines Arztes wird er ein Leben lang als Krüppel verbringen müssen. Durch sein Gebrechen nimmt er in der bürgerlichen Gesellschaft die Rolle eines Außenseiters ein, und findet unter seinen Mitschülern keinen wahren Freund. Friedemann war von Kindesalter an von Frauen umgeben und wurde von ihnen geprägt. Sein Vater war früh verstorben, so dass sich ausschließlich Frauen um ihn kümmerten, und mit 21 Jahren verlor er seine Mutter. Ab diesem Zeitpunkt lebt Friedemann mit seinen drei Schwestern im Haus der Eltern. Da seine drei Schwestern weder hübsch noch besonders vermögend sind, findet die Familie Friedemann keinen wirklichen Anschluss zu der gehobenen Schicht der Stadt, was Friedemanns Außenseiter-Dasein noch verstärkt. Friedemann gelingt es dennoch, sich seine eigene kleine Welt aufzubauen, indem er sich den „kleinen Freuden des Lebens [widmet, und] lernte zu begreifen, dass alles genießenswert“[2] ist. Er liebt die Literatur und die Musik und scheint damit vollkommen zufrieden zu sein.

Im Alter von sechzehn Jahren macht er seine erste schmerzliche Erfahrung mit der Liebe. Er verliebt sich in ein Mädchen aus der Schule, aber diese ist an einem anderen Jungen interessiert. Friedemann beobachtet hinter einem Jasminstrauch kauernd, wie sich die beiden küssen. Dieses Erlebnis schmerzt und quält ihn so sehr, dass er beschließt, dies nicht noch einmal erleben zu wollen. „Gut, […] das ist zu Ende. Ich will mich niemals mehr um dies alles bekümmern. Den anderen gewährt es Glück und Freude, mir aber vermag es nur Gram und Leid zu bringen. […] Nie wieder.“[3]

Dieses Erlebnis ist für Friedemann so demütigend, dass er beschließt, auf die sinnlichen Erlebnisse des Lebens zu verzichten, womit er zunächst damit auch gut zu recht kommt. Er unterdrückt seine Triebwelt und baut sich mühsam einen Seelenfrieden auf, indem er wie ein „Epikuräer“[4] sein Leben genießt und sich den stillen Freuden des Geistes widmet. Friedemann verleugnet seine mangelnde Teilhabe am Leben und genießt seine Sehnsüchte. Er hat erkannt, dass die seelischen Erlebnisse nicht für ihn bestimmt sind, und schottet sich immer mehr von der Außenwelt ab. Trotzdem möchte Friedemann dennoch an Emotionen teilhaben, aber er nimmt seine „Empfindungen und Stimmungen bereitwillig auf und pflegt sie.“[5] Schmerz, wie den beim Tod seiner Mutter, genießt er wie Glück und gibt sich ihm hin. Friedemanns Leben ist dadurch in zwei Bereiche aufgeteilt: auf der einen Seite liebt er das Leben und die kleinen Freuden, auf der anderen klammert er einen großen Bereich aus, nämlich den des Geschlechts und des Triebes.[6] Dennoch macht ihn dieser Verzicht nicht lebensfeindlich oder unglücklich; im Gegenteil, sein Selbstbewusstsein wird dadurch noch gestärkt. Die Freude, mit der er sich den Künsten widmet, kann man als „Ersatzbefriedigung“[7] verstehen. Er entscheidet sich bewusst für eine bestimmte Lebensweise, die von seiner Umwelt nicht verstanden wird, und die seine Rolle als Außenseiter noch verstärkt.

Johannes Friedemann wird in der Erzählung als „klein, feingliederig und bartlos“[8], aber auch sehr musikalisch beschrieben. Schon allein durch seine Körperhaltung wirkt Friedemann hilflos und unterwürfig. Sein Äußeres wirkt gebrechlich und dadurch sehr weiblich, was durch seine zurückhaltende, kampflose Art noch verstärkt wird.

Umso stärker trifft ihn das Schicksal, als Gerda von Rinnlingen in sein Leben tritt. Die Begegnung zerstört seine bisherigen Illusionen einer heilen Welt. Friedemann fühlt sich von der burschikosen, Furcht einflößenden Gerda magisch angezogen. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen, als Gerda in einem gelben Jagdwagen an Friedemann vorbeifährt, wird klar, dass Gerda Friedemann überlegen ist. Gerda, die hoch auf der Kutsche sitzt, „senkte ihre Peitsche, nickte leicht mit dem Kopfe und fuhr langsam vorüber, indem sie rechts und links die Schaufenster betrachtete.“ Friedemann dagegen „blickte vor sich nieder auf das Pflaster“[9], was hier zusätzlich zu seiner natürlichen Körperhaltung als Demut interpretiert werden kann. Gerda von Rinnlingen ist für Friedemann ein Schicksalsschlag, der ihm bewusst macht, dass sein bisheriges Leben hauptsächlich auf Schein und Illusionen aufgebaut war. Der jahrzehntelang verdrängte Bereich der Liebe und der Sinnlichkeit bricht mit Gewalt in Friedemanns geordnetes Leben ein, wodurch sein bisheriger Lebensinhalt völlig unwichtig und nebensächlich wird.[10] Friedemann spürt die Macht und die Gefahr, die von Gerda ausgeht, in Form eines „unheimlichen Geräuschs“[11], kann sich dem aber dennoch nicht entziehen.

Der endgültige Einbruch der Leidenschaft überkommt Friedemann im Theater während der Wagner-Oper ´Lohengrin`, als er zufällig den Sitzplatz neben Gerda zugewiesen bekommt. Wie durch eine Übermacht verfällt Friedemann bei ihrem Anblick in einen ´Zustand`, in dem er keine Kontrolle über sich selbst mehr hat. Allein Gerdas Blick und ihre Anwesenheit lassen Friedemann „bleich, viel bleicher als gewöhnlich [werden und] unter dem glattgescheitelten braunen Haar [entstehen] kleine Tropfen auf seiner Stirn.“[12] Friedemann ist von der Leidenschaft überwältigt, fühlt sich aber gleichzeitig gepeinigt. Durch Gerdas forschenden Blick fühlt sich Friedemann hilflos, durchschaut und gedemütigt. Der Konflikt der ´Überlegenheit` Gerdas und der ´Unterlegenheit` Friedemanns wird hier zum Ausdruck gebracht, als Gerda ihren Fächer fallen lässt und ihn trotz Friedemanns Bemühen selber wieder aufhebt. Sie verspottet ihn daraufhin mit einem „Ich danke.“[13] Durch diese Geste zwingt Gerda Friedemann, sich aktiv zu ´erniedrigen`. Dadurch bedroht sie Friedemanns ohnehin nur künstlich aufgebautes ´Selbst`, und schwächt sein Selbstbewusstsein.

[...]


[1] Thomas Mann, hrsg. von Hans Wysling, Selbstkommentare, in: Dichter über ihre Dichtungen, Heimeran Verlag, München, 1975, S. 20.

[2] Thomas Mann, Der kleine Herr Friedemann, in: Erzählungen, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2003, S. 12.

[3] ebenda S. 10.

[4] ebenda S. 12.

[5] ebenda S. 12.

[6] Vegl. Doris Runge, Welch ein Weib!, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1998, S. 28

[7] Eckhard Heftrich, Vom Verfall zur Apokalypse, Klostermann Verlag, Frankfurt am Main, 1982, S. 21.

[8] Mann, Der kleine Herr Friedemann, S. 13.

[9] ebenda S. 16.

[10] Karin Thomeier, Das schöne Geschlecht: Frauengestalten in den Werken von Thomas Mann und Theodor Fontane, A Bell & Howell Company, Ann Arbor, 2000, S. 340.

[11] Mann, Der kleine Herr Friedemann, S. 18.

[12] ebenda S. 19.

[13] ebenda S. 20.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann - Eine Charakterstudie der Protagonisten
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Seminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V23900
ISBN (eBook)
9783638269131
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Beinhaltet eine ausführliche Charakterstudie, in der Friedemann und Gerda verglichen werden. Außerdem wird der Frage nachgegangen, in wie fern Gerda der "femme fatale" entspricht. Zusätzlich habe ich den "kleinen Herrn Friedemann" mit "Venus im Pelz" von Leopold Sacher-Masoch verglichen.
Schlagworte
Thomas, Mann, Herr, Friedemann, Eine, Charakterstudie, Protagonisten, Seminar
Arbeit zitieren
Nicola Dürr (Autor), 2003, Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann - Eine Charakterstudie der Protagonisten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23900

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