Die Geschichte der russischen Freimaurerei (im russischen entweder "wolnyje kamenschiki" oder "masony" genannt) reicht mittlerweile Jahrhunderte zurück. Diese Geschichte besteht aus unzähligen Aufstiegen und Fällen, Suche nach der Wahrheit und Herumirren inmitten von einer Vielfalt gesellschaftlicher und religiöser Einflüsse unterschiedlicher Epochen, aber auch in der Entwicklung der Kultur und der Kunst in Rußland.
Ohne zu übertreiben kann man sagen, daß die Freimaurerei in Rußland seit ihrer Entstehung zur Zeit Peter I. die einzige ideologische Bewegung der russischen Bildungsschicht gewesen ist (Klingt mir eher unwahrscheinlich). Anders als in Westeuropa bot die Freimaurerei die einzige Möglichkeit, sich mit philosophischen Themen und Werten zu beschäftigen. Durch die Freimaurerei konnte sich ja erst eine solche Bildungsschicht entwickeln, aus der viele namhafte Schriftsteller, Künstler, Komponisten oder Wissenschaftler, auf welche im späteren Verlauf dieser Arbeit eingegangen wird, hervorgegangen sind. (Aber es gab doch auch Gelehrte und Künstler, die keine Freimaurer waren.) Was für Menschen gehörten der Freimaurerei an? Aus welchen Schichten kamen diese Menschen? Welche Bedeutung hatte die Freimaurerei für Rußland? In dieser Arbeit geht es darum, die Entstehung und Entwicklung der Freimaurerei in Rußland darzustellen. Von ihren Anfängen zur Zeiten Peter I. über verschiedene Einflüsse der westeuropäischen Freimaurerei und der Stellung unter russischen Monarchen bis zum Verbot der Freimaurerei im 19. Jahrhundert soll die komplizierte Lage der russischen Freimaurerei aufgezeigt werden. Sehr wichtig dabei ist auch die Betrachtung der Bewegung der Dekabristen und der freimaurerischen Dichtung Puschkins, die in den Kapiteln 5 und 6 behandelt werden. Die Dekabristen, deren Anführer zum größten Teil Freimaurer waren, haben einen Versuch unternommen, sich gegen den Zaren zu stellen. Diese erste Opposition fand aber ein blutiges Ende. Um das Bild der russischen Freimaurerei zu vervollständigen, wird im Schlußteil kurz auf die Situation der Freimaurer in den Zeiten des Sowjetregimes und des heutigen Rußlands eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Anfänge der Freimaurerei seit Peter I.
3. Europäische Einflüsse auf russische Freimaurerei
4. Von der Förderung bis zum Verbot - Haltung der russischen Monarchen gegenüber der Freimaurerei
5. Die Dekabristen und ihr Scheitern
6. Schlußteil
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die gesellschaftspolitische Bedeutung der Freimaurerei in Russland von ihrer Entstehung unter Peter I. bis zu ihrem Verbot im 19. Jahrhundert. Ein besonderer Fokus liegt auf der Analyse der Wechselwirkungen zwischen freimaurerischen Strukturen, dem russischen Staatswesen und der Entstehung politischer Oppositionsbewegungen wie den Dekabristen.
- Historische Genese der russischen Freimaurerei im 18. Jahrhundert
- Einfluss westeuropäischer Systeme auf russische Logenstrukturen
- Wechselverhältnis zwischen Monarchen (Katharina II., Paul I., Alexander I.) und Logen
- Politischer Radikalismus und die Rolle der Freimaurerei in der Dekabristenbewegung
- Die Auswirkungen des staatlichen Verbots von 1822 und die Zäsur im 19. Jahrhundert
Auszug aus dem Buch
3. Europäische Einflüsse auf russische Freimaurerei
Die Einflüsse verschiedener europäischer Richtungen werden im Internationalen Freimaurer Lexikon von Lennhoff, Posner und Binder zu recht als Streit der Systeme bezeichnet. Die Anhänger der englischen, deutschen und schwedischen Lehrarten versuchten, ihre Macht auf die russische, oder genauer gesagt auf die St. Petersburger Freimaurerei auszubreiten. Die englische Lehrart erreichte St. Petersburg bereits mit James Keith und war zunächst die dominierende Richtung der Freimaurerei.
Ende der dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts gelangen die Schriften der Florentiner Rosenkreuzer nach St. Petersburg. Lorenz Natter, Kupferstecher und Steinschneider aus Schwaben, übergab diese Schriften an einen rosenkreuzerischen Zirkel, aus dem später ein neues rosenkreuzerisch-templerisches System unter der Leitung des Generals Petrow Melissino entstand. Durch Johann August Starck konnte die Strikte Observanz ihren Fuß in Rußland fassen. Das Schwedische System Zinnendorfscher Lehrart wurde in St. Petersburg durch den Prinzenhofmeister von Braunschweig und späteren "Direktor der Wissenschaften" des Petersburger Kadettenkorps von Reichell seit 1770 repräsentiert.
In den fünfziger bis achtziger Jahren fanden so alle in Europa gängigen Systeme nach und nach ihren Weg nach Rußland. Es ist daher wenig erstaunlich, daß die unterschiedlichen Riten, die Strikte Observanz, die Rosenkreuzer, die Templer, das Schwedische System und die englische Lehrart sich bald in einem Streit um die Vorherrschaft auf dem russischen Boden befanden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der historischen Bedeutung der Freimaurerei als ideologische Bewegung der russischen Bildungsschicht und Definition der Forschungsabsicht.
2. Anfänge der Freimaurerei seit Peter I.: Untersuchung der frühen Gründung der Logen und der Entwicklung von geselligen Herrenclubs hin zu ernsthaften, adelig geprägten Vereinigungen.
3. Europäische Einflüsse auf russische Freimaurerei: Analyse der Konkurrenz verschiedener europäischer Systeme wie der Strikten Observanz, Rosenkreuzer und der englischen Lehrart auf russischem Boden.
4. Von der Förderung bis zum Verbot - Haltung der russischen Monarchen gegenüber der Freimaurerei: Beleuchtung der politisch wechselhaften Beziehung zwischen den Zaren und den Logen, geprägt von Förderung, Instrumentalisierung und schließlichem Verbot.
5. Die Dekabristen und ihr Scheitern: Beschreibung der Rolle von Freimaurern innerhalb der oppositionellen Dekabristenbewegung und die Gründe für das Scheitern ihres Aufstands.
6. Schlußteil: Resümee über die Besonderheiten der russischen Freimaurerei im europäischen Kontext und deren Entwicklung nach den Verboten des 19. und 20. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Russische Freimaurerei, Dekabristen, Strikte Observanz, Katharina II., Rosenkreuzer, Aufklärung, Politische Opposition, Zarentum, Logen, Systemstreit, 19. Jahrhundert, Geheimgesellschaften, Gesellschaftsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung, die gesellschaftliche Rolle und die politischen Verstrickungen der Freimaurerei in Russland vom frühen 18. Jahrhundert bis in das 19. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Einflussnahme europäischer Logensysteme, die ambivalenten Beziehungen zur russischen Monarchie sowie die Radikalisierung innerhalb der Bewegung bis hin zum Dekabristenaufstand.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der russischen Freimaurerei als einflussreiche, politisch orientierte Elite darzustellen und aufzuzeigen, wie diese in Konflikt mit dem zaristischen Absolutismus geriet.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historische Arbeit, die auf Basis von Fachliteratur, Lexika und ergänzender Internetrecherche erstellt wurde, wobei insbesondere zeitgenössische Quellen und antifreimaurerische Gegendarstellungen analysiert wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Anfänge unter Peter I., der Streit der verschiedenen europäischen Logensysteme, die Haltung aufeinanderfolgender Zaren sowie die enge Verflechtung von Freimaurern mit der Dekabristenbewegung ausführlich untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Russische Freimaurerei, Dekabristen, Monarchen-Haltung, Strikte Observanz und politische Opposition charakterisiert.
Warum spielt die Dekabristenbewegung eine so große Rolle für die Arbeit?
Die Dekabristen sind zentral, da viele ihrer Anführer Freimaurer waren und ihre Organisationsstrukturen sowie ihr Streben nach politischer Veränderung maßgeblich von freimaurerischen Idealen und Ritualen beeinflusst wurden.
Wie wirkte sich die Regierungszeit Katharinas II. auf die Freimaurer aus?
Katharina II. förderte die Freimaurerei zunächst als Mittel zur Intellektualisierung der Elite, wandelte jedoch nach der Französischen Revolution und dem Aufkommen von Verschwörungstheorien ihre Haltung zu einer repressiven Verfolgung um.
- Citation du texte
- Wladimir Danilow (Auteur), 2004, Freimaurerei in Rußland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23928