Bertolt Brechts 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe'


Seminararbeit, 1999

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Abhängigkeit der Religionsauffassung vom sozialen und gesellschaftlichen Stand

2. Die Religion der Schwarzen Strohhüte
2.1 Passivität gegenüber der sozialen Frage
2.2 Materialistische Abhängigkeit des Religiösen
2.3 Die Religionsdogmatik der schwarzen Strohhüte

3. Die religiöse Entwicklung der Johanna Dark
3.1 Abwendung vom wirklichkeitsfremden Glauben
3.2 Hinwendung zu einer Religion der Tat
3.3 Der resultierende soziale Abstieg
3.4 Das Paradigmatische an Johannas Entwicklung

4. Missbrauch der Religion durch die Fleischfabrikanten
4.1 Der Glaube an den Profit
4.2 Religion als Rechtfertigung des Kapitalismus

5. Ablehnung der Religion durch die Arbeiterschaft
5.1 Religion als Luxus für die Unterschicht
5.2 Armut als Ursache der religiösen Unmoral

6. Abschliessende Bemerkungen

Literaturverzeichnis
a) Quellen
b) Literatur

Einleitung

Die Religion in Bertolt Brechts Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zu analysieren, liegt sehr nahe. So thematisiert Willy Haas in einer Rezension in meinem Sinn, wenn er folgendes über das Stück schreibt:

Es sind ganz gewi¢ nicht sozialistische oder gar marxistische Grundmotive, die ihn hier inspirieren: sondern, wie immer bei Brecht, eigentlich theologische, religiöse, inbrünstige [...][1]

Obwohl ich das Religiöse im Drama nicht im selben Sinn verabsolutieren werde, hat die Religion ihre Wichtigkeit vor allem als verbindendes Glied in der wirtschaftlich-sozialen Problematik. Die Religion erscheint stets als Hintergrund des Dramas, sei es in Johannas sozialem Klassenkampf, sei es durch die Arbeit der Schwarzen Strohhüte, oder sei es sogar durch das kapitalistische System, welches zumindest auf weltlicher Ebene von ihr abhängig ist.

Im einem der zwei umfassenden Bereiche des Dramas stellt Brecht das Wirtschaftssystem dar, wie es zur Zeit der Weltwirtschaftskrise vorherrschte; mit seiner sozialen Hierarchie und der Kluft zwischen Arm und Reich. Diesen Teil werde ich nicht explizit behandeln. Dennoch steht vieles dieser Thematik in Verbindung zu dem von mir erarbeiteten Gebiet der Religion. So auch im Kern meiner Arbeit, in dem ich der Fragestellung nachgehe, wie sich das Religiöse in den drei sozialen und gesellschaftlichen Schichten der Schwarzen Strohhüte, der Arbeiterschaft und der Fleischfabrikanten ausdrückt.

Die Religion als Glaubenslehre werde ich in meiner Arbeit nicht in Frage stellen. Auch werde ich religiöse Paradigmen nicht anhand des Dramas auf deren ‚Tauglichkeit‘ hin überprüfen. Ich werde mich mit den religiösen Verhaltensweisen der Figuren und den verschiedenen Funktionen der Religion innerhalb und zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten befassen.

In meiner Arbeit verzichte ich sowohl auf intertextuelle Komparationen als auch auf Parallelen zwischen dem Drama und historischen Ereignissen. Die Berücksichtigung all dieser Gegenstände würde den Rahmen dieser Arbeit um ein Weites übersteigen. Deren Einbezug überträfe auch die Bescheidenheit meiner ausschliesslich textanalytischen Vorgehensweise.

Die Auswahl der Sekundärliteratur gestaltete sich schwierig: Nur spärlich wurde die Religionsthematik von „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ bisher analysiert. Meistens verschwand sie hinter der ‚Brecht-typischen‘ Klassenkampfthematik. Ich musste mich also mit dem begnügen, was erreichbar war, und habe somit in der Auswahl der Sekundärliteratur keine Akzente gesetzt.

1. Die Abhängigkeit der Religionsauffassung vom sozialen und gesellschaftlichen Stand

Der Gegenstand der Religionsauffassung wird von mir sehr allgemein verwendet. Prinzipiell steht Religion in meiner Arbeit für die Orientierung an einer dogmatisch-religiösen Glaubensideologie. Auch wenn Brecht die christliche Heilsarmee als historischen Hintergrund der Schwarzen Strohhüte verwendet, wird meine Analyse der Religion nicht auf der Glaubenslehre des Christentums basieren. Eine solche ideologiegeschichtliche Interpretation würde weit über meine Textanalyse hinausgehen.

Meine Arbeit besteht aus einer Analyse der im Stück beschriebenen Auffassungen von Religion. Dabei wird ein kritisches Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft offenbar. Es herrscht unter den dargestellten Gesellschaftsschichten ein Dissens bezüglich dem Inhalt und den Funktionen des religiösen Glaubens. Das Personal des Dramas lässt sich mit wenigen Ausnahmen[2] in die Gesellschaftsbereiche der Schwarzen Strohhüte, der Fleischfabrikanten und der Arbeiterschaft einteilen. Diese drei sozialen Schichten werde ich auf ihren religiösen Glauben hin betrachten.

2. Die Religion der Schwarzen Strohhüte

2.1 Passivität gegenüber der Gesellschaftsreform

Die Schwarzen Strohhüte, eine Abteilung der Heilsarmee, sind in Brechts Drama das Sprachrohr des Religiösen. Charakteristisch für ihren Glauben ist die Eigenschaft der Passivität. Diese richtet sich gegen die Welt ausserhalb ihrer Religion. Johanna muss gegen Schluss des Dramas erkennen, dass sie trotz ihrer richtigen Gesinnung die sozialen Missstände nicht vermindert hat, nur weil sie, sich an das Gebot der Gewaltlosigkeit klammernd, die nötige Handlung verweigert hat:

Ich zum Beispiel habe nichts getan.

Denn nichts werde gezählt als gut, und sehe es aus wie immer,

als was

Wirklich hilft, und nichts gelte als ehrenhaft mehr, als was

Diese Welt endgültig ändert: sie braucht es. (JdS 222)[3]

Die Schwarzen Strohhüte legen das Weltgeschehen in Gottes Hände, denn „nur die Weltabkehr bietet die Möglichkeit eines höheren Glücks“[4]. Man muss ihren Glauben an die religiöse Humanität als naiv bezeichnen, denn sie vermindern mit ihrer Missionsarbeit nicht die Armut, sondern sie versprechen den Armen eine Linderung von deren Elend durch Hingabe zu Gott. In ihrer Predigt verweist Johanna die Armen auf die Orientierung an Gott, weg von der Gier nach existentiellen Grundbedürfnisse:

Und wenn ihr so [über Gott] nachdenkt, dann werdet ihr sehen, da¢ das überhaupt die ganze Lösung ist: Oben streben und nicht unten streben. Oben sich nach einem guten Platz anstellen und nicht unten. Oben der erste sein wollen und nicht unten. (JdS 135)

Die Passivität der Schwarzen Strohhüte hat neben der religiösen auch eine ökonomisch-existentielle Ursache. Durch die Vermeidung einer Gesellschaftsreform bleibt das bedürftige Arbeitervolk, das Fundament der Missionsarbeit, weiterhin bestehen. Nur durch die Bedürftigkeit dieser Schicht ist es den Schwarzen Strohhüten möglich, ihre Missionsarbeit weiterführen zu können. Snyder, Major der Schwarzen Strohhüte, legt dies folgendermassen dar: Die Schwarzen Strohhüte haben sich bisher „an die Armen und Ärmsten gewendet“, da sie davon ausgingen, dass „die am ehesten etwas für Gott übrig haben, die seine Hilfe am nötigsten hätten, und da¢ die Masse es macht“ (JdS 172).

Wo Reformen und Umwälzungen in der Gesellschaft unentbehrlich werden, zeigen sich die Schwarzen Strohhüte wie mit Scheuklappen vor den Augen. Johanna wird von ihren Kolleginnen gewarnt, als sie sich der sozialen Realität stellt: „Nicht misch dich in irdischen Zank! / Dem Zank verfällt, wer sich hineinmischt!“ (JdS 139) Da die Heilsarmee durch ihr Glaubensbekenntnis Pflichten der Solidarität und der Fürsorge wahrzunehmen hätte, sie aber eine isolierte, zuweilen egoistische Position einnimmt, wirkt die Religion hemmend auf den Prozess der Gesellschaftsreform. Der religiöse Glaube der Schwarzen Strohhüte ist „pervertiert, da die Intention durch das erzielte Ergebnis verstellt wird“[5].

2.2 Materialistische Abhängigkeit des Religiösen

Der materielle Status der Schwarzen Strohhüte ist, im Vergleich mit ihrer geistig hohen religiösen Gesinnung, sehr niedrig. Durch die Orientierung am Religiösen verneinen die Schwarzen Strohhüte eine materialistisch orientierte Lebensweise. Dies führt sie in ein existentielles Dilemma. Denn physisch sind auch sie „Diesseitige und unterliegen den Gesetzen der Diesseitigkeit“[6]. Sie müssen das Produkt ‚Religion‘ finanziell vermarkten, denn der „Trost hat seinen Preis, die Verkündigung der besseren Welt kostet Geld, die Verachtung des Materiellen bedarf des Materiellen“[7]. Die Religion wird zum Broterwerb der Schwarzen Strohhüte, ist nicht „nur Berufung“, sondern „auch Beruf“ (JdS 199). Sie verkaufen den Glauben als soziale Dienstleistung und verlangen dafür Spenden für Predigt und Suppe. Ähnlich der kapitalistischen Klasse versuchen auch die Schwarzen Strohhüte, der untersten Arbeiterschicht noch den letzten Pfennig abzunehmen. Mauler bringt die Ausbeutung der Armen durch die Schwarzen Strohhüte auf den Punkt: „Mensch ist / Euch, was euch hilft [...]“ (JdS 209). Snyder muss aber erkennen, „da¢ gerade diese Schichten eine ganz unerklärliche Zugeknöpftheit Gott gegenüber an den Tag legen. Es mag dies aber auch daran liegen, da¢ sie nichts haben.“ (JdS 172) Das bringt Snyder dazu, einen Appell an die Fleischfabrikanten zu richten. Die daraus folgende Finanzierung der Heilsarmee durch die Kapitalisten wird somit unbestreitbar zum Höhepunkt des religiösen Materialismus. Dadurch wird die Missionsarbeit zur Farce und die Religion der Schwarzen Strohhüte verkommt entgegen ihrer grundlegendsten Bestimmung zum Mittel der unterdrückenden Klasse der Fleischfabrikanten. Dazu mehr im vierten Kapitel.

Die Religion wird als Verkaufsartikel gehandelt. Durch Spendengelder versuchen die Schwarzen Strohhüte Gott „noch einmal aufzurichten in zerfallender Welt und zwar / Durch die Untersten“ (JdS 133), was aber durch die Armut der Arbeiter nicht möglich ist. Dadurch schliesst sich ein Teufelskreis im Verhältnis von Kapitalismus und Religion. Nur durch Geld können jene, die Religion vermitteln – und damit auch die Religion selber – überleben. Das Geld des Kapitalismus ist es aber auch, das die Inhalte einer Religion unter dem Profitdenken leiden lässt.

2.3 Die Religionsdogmatik der Schwarzen Strohhüte

Die Schwarzen Strohhüte besitzen eine strenge interne Hierarchie. Diese wurde von Brecht weitgehend vom historischen Vorbild der Heilsarmee übernommen. Die Rangordnung der Figuren weist Parallelen zu militärischen Gradbezeichnungen auf. Im Personenverzeichnis wird den Mitgliedern der Schwarzen Strohhüte eine bestimmte Rangordnung zugeschrieben: Johanna besitzt den Grad des Leutnants, Snyder ist Major und die übrigen Schwarzen Strohhüte stehen im Rang des Soldaten (vgl. JdS 128). Ihr Vokabular bedient sich häufig militärischen, bis hin zu kriegerischen Bildern.

Die Schwarzen Strohhüte besingen bei Johannas erstem Gang in die Tiefe die äussersten Massnahmen, die sie in ihrer Missionsarbeit treffen würden:

Wir werden auffahren Tanks und Kanonen

Und Flugzeuge müssen her

Und Kriegsschiffe über das Meer

Um dir, Bruder, einen Teller Suppe zu erobern.

[...]

Vorwärts marsch! Richt euch! Zum Sturm an das Gewehr! (JdS 134)

Die Missionsarbeit der Schwarzen Strohhüte erhält durch solche soldatischen Verhaltensweisen und Bezeichnungen häufig militärischen Charakter. Sie nennen sich selbst „die Soldaten des lieben Gottes“, weil sie „eine Armee sind“ und auf ihrem „Marsch kämpfen müssen mit dem Verbrechen und dem Elend“ (JdS 134 f.). In der Realität drücken sich diese radikal verbalisierten Absichten aber durch Passivität der Tat aus. Gemäss einer Armee treten die Schwarzen Strohhüte nur als Gruppe auf, mit Ausnahme von Johanna und Snyder. Es handelt sich hier um eine epische Struktur, denn durch dieses Kollektiv entsprechen die Schwarzen Strohhüte dem Agens einer Figur, was sich durch die zahlreichen Auftritte als spielinterner Chor bestätigt.

[...]


[1] Haas, Willy: Echter gro¢er Dichter. In: Die Welt, (4. 5. 1959); zit. n.: Herrmann (1974), S.95.

[2] Dazu gehören: der Hauswirt Mulberry, ein Kellner, zwei Detektive, zwei Musiker, Soldaten und Zeitungsleute

[3] Sigle JdS = Brecht, Bertolt: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“

[4] Jendreiek (1969), S. 130.

[5] Grosse (1980), S. 71.

[6] Jendreiek (1969), S. 137.

[7] Jendreiek (1969), S. 132.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Bertolt Brechts 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe'
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Seminar für Neue Deutsche Literatur)
Note
1,5
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V23936
ISBN (eBook)
9783638269377
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertolt, Brechts, Johanna, Schlachthöfe
Arbeit zitieren
Markus Züger (Autor), 1999, Bertolt Brechts 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23936

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