Franz Kafkas 'Der Verschollene'


Seminararbeit, 1998

20 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Frau als treibende Kraft der Romanentwicklung
1.1 Beeinflussung des Romanablaufs durch Frauenfiguren
1.2 Grundmuster in Karls Beziehungsverhalten
1.3 Chronologische Abfolge von Karls Frauenbeziehungen

2. Art und Rolle von Karls Frauenbeziehungen
2.1 Art der Beziehungen
2.2 Funktionen von Karls Beziehungspartnern
2.3 Explizite Personengruppen

3. Die Bedeutung der Sexualität
3.1 Karls Abneigung gegen die weibliche Sexualität
3.2 Sexuelle Orientierung der Frauenfiguren
3.3 Natur versus Konvention
3.4 Zur Darstellung der Sexualität

4. Karls kontinuierliche Entfremdung gegenüber der Weiblichkeit
4.1 Fokussierung auf das geistige Wesen der Frau
4.2 Von der passiven zur aktiven Entfremdung

5. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis
a) Quellen
b) Literatur

Einleitung

Viele zentrale Aspekte verbergen sich in der Beziehungsgestaltung zwischen dem Romanhelden Karl Rossmann und den weiblichen Nebenfiguren. Sie betreffen in erster Linie die Problematik heterosexueller Beziehungen, können aber auch auf entlegenere Thematiken einwirken.

Erst durch die Interpretation und Analyse der Interaktion in den Frauenbeziehungen wird Karls innere Entwicklung erschliessbar. Auch greift die Analyse von Karls Beziehungsgestaltung eine grundlegende Problematik von menschlichem Zusammenleben überhaupt auf: Wie kann ich eine Beziehung gestalten und einrichten, damit sie mich auch vollumfänglich befriedigt. Dass Karl sich dann auch sein eigenes Bild der Frau schafft und dieses in seinen Beziehungen zum Ausdruck bringt und dass ihm damit eine Entwicklung im positiven Sinne ermöglicht wird, ist ein wichtiger Aspekt dieser Arbeit und wird im fünften Kapitel nochmals aufgegriffen.

Grundlegend besteht die Arbeit aus einem Themenkomplex, der Analyse der vielfältigen Beziehungsstrukturen zwischen Karl und den Frauenfiguren. Diese Beziehungen betrachte ich einerseits als spezifische Interaktion, also als Karls Einstellung gegenüber einer bestimmten Frauenfigur, andererseits als dessen umfassendes Verhalten bezüglich dem weiblichen Geschlecht. Diese Thematik verbreitere ich, indem ich noch die wichtigsten Aspekte der Verhältnisse, welche die Frauenfiguren untereinander haben, und die Wirkung der Frau auf den Roman als Ganzes betrachte. Auf alle diese Bereiche beziehe ich mich auf den für mich relevanten Ebenen der Beziehung, der Sexualität und der Entfremdung. Die Analyse befasst sich vor allem mit den wichtigen Figuren Johanna Brummer, Klara, Oberköchin, Therese, Brunelda und Fanny. Andere Frauenfiguren werde ich zu Argumentationszwecken sporadisch aufführen.

Meine Vorgehensweise wird eine rein textanalytische sein. Ich werde also alles, was primär über den Text hinausgeht, nicht behandeln (im Rahmen dieser Arbeit auch nicht behandeln können). Darunter zähle ich Bezüge zur Biografie von Kafka, Parallelen zu anderen Werken, sowohl von Kafka als auch von anderen Autoren etc. Auch werde ich mich nicht mit der Entstehungsgeschichte des Romans beschäftigen, obwohl gerade diese im Hinblick auf die Kontextualisierung der beiden, den Abschluss des Romans bildenden Fragmente von grossem Nutzen sein könnte. Innerhalb der Textanalyse werde ich soweit als möglich auf die naheliegende Thematik von Karls Männerbeziehungen verzichten. Ich erwähne diese nur, wenn sie zum unbedingten Verständnis der Argumentation notwendig sind.

Neben der unumgehbaren Wahl von wenigen Werken aus dem Kuchen relevanter Sekundärliteratur, ist es mir auch nicht möglich, alle darin enthaltenen Interpretationsansätze zur Frauenthematik auszuloten. Ich analysiere auf einer allgemeinen Grundlage. Da die Analyse auf der Entwicklung der Figur Karl Rossmann basiert, versuche ich nicht, meine Arbeit einer rein konstruktivistischen, interaktionistischen oder endogenistischen Entwicklungsebene zuzuordnen. Schliesslich treten diese Ebenen selten rein auf und können in ihrer isolierten Betrachtung ein falsches Bild auf die umfassende Interaktion im Roman werfen.

1. Die Frau als treibende Kraft der Romanentwicklung

1.1 Beeinflussung des Romanablaufs durch Frauenfiguren

Betrachtet man Karl als das Zentrum der Romanhandlung, so sind Verhaltensweisen von sekundären Figuren insofern wichtig, als dass sie eine Reaktion von Karl provozieren und somit die Motivation seiner Entwicklung, also der Romanentwicklung, bilden. Dramatisch geschildert: „Karl [sieht] das Zusammenleben der Menschen als reinen Kampf um Einfluß, Position und Macht“[1] an.

Die Begegnungen von Karl mit Wesen des anderen Geschlechts enden meistens fatal, immer zum Leidtragen unseres Protagonisten. Ob er aufgrund der Johanna Brummer-Affäre aus seiner Heimat verstossen wird oder ob ihm die zufällige Bekanntschaft mit der Oberköchin nicht nur eine unehrenhafte Kündigung, sondern auch beinahe eine Haftstrafe einbringt, meistens lösen sich seine Frauenbeziehungen mit negativem Beigeschmack auf.

Das Knüpfen oder Auflösen einer Beziehung bedeutet stets den Anfang oder das Ende einer Lebensphase Karl Rossmanns. Stellvertretend für einen Neubeginn steht als ganz grosse Frau „die Statue der Freiheitsgöttin“ (V 7) an den Pforten seines Amerika-Exils. Ihr „Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor“ (V 7) und ermahnt Karl an die widersprüchliche Freiheit seiner neuen Heimat. Mit ihrem Schwert eröffnet sie ihm, einer Wegweisenden gleich, einen neuen Lebensabschnitt. Er wurde aber in dieses Exil geschickt, „weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte“ (V 7). Auch die mitternächtliche Verabschiedung von Klara verlangt als Tribut die endgültige Verstossung vom Onkel und somit den Abstieg aus elitären Kreisen in die Armut. Die Begegnung mit der Oberköchin bringt ihm dagegen eine Arbeitsstelle ein. Er erfährt Anerkennung und lebt mit ihr und Therese in einem familiären Verhältnis. In Bruneldas Wohnung ändert sich Karls Situation – obwohl das Zusammenleben auch familiäre Aspekte aufweist – ins Gegenteilige. Im „Oklahama“-Fragment (V 387) tritt er wegen Fannys Rat, „auf jeden Fall einen Posten bei dieser Truppe zu bekommen“ (V 395), dem „grosse[n] Theater von Oklahama“ (V 387) bei. Dies sind alles Beispiele für die Beeinflussung Karls durch weibliche Nebenfiguren, die für ihn die Konsequenz eines neuen Umfeldes mit sich bringen. Diese Situationsänderungen bringen Karl oft Unglück. Dass er an seinem Unglück selber wenig Schuld trägt, werde ich weiter unten erörtern.

1.2 Grundmuster in Karls Beziehungsverhalten

Kafka gestaltet Karls Beziehungen – vor allem jene zu Frauen – durch ein Muster, in dem er die „Geschichte Karl Roßmanns [...] als Variation einer narrativen Grundstruktur“ wiedergibt, „bestehend aus: Verfehlung, Verführung, Verhör und Verurteilung“[2]. Genau dieses Grundmuster ist in Karls Beziehungen zum Dienstmädchen, zu Klara und zur Oberköchin feststellbar. Die Brummer-Episode ist dabei der Inbegriff dieses ‚Verführungs-Verurteilungs-Schemas‘. Aber auch die Verführung, auf Klaras Wunsch einen Besuch in Pollunders Landhaus zu machen und die Aufforderung der Oberköchin „bei uns im Hotel“ (V 159) zu schlafen, enden mit Karls abschliessender Verurteilung. Es handelt sich bei dieser Grundstruktur also um ein repetitives Handlungsschema, das die Hauptfigur mit einer kontinuierlichen Vorhersehbarkeit scheitern lässt, oder wie es Detlef Kremer treffend formuliert hat, „macht er [Karl] sich nach jeder Verführung und nach jedem Rausschmiss wieder auf den Weg, um in veränderter Form das gleiche Grundmuster durchzuspielen“[3]. So ist es zum Beispiel naheliegend, dass er sich durch weitere Niederlagen ins Handlungsumfeld der beiden abschliessenden Fragmente bringt. Robertson hat dieses Grundschema folgendermassen skizziert:

Ein Mensch hat innerhalb einer festen Daseinsordnung gelebt. Da verführt ihn jemand zu einer Handlung, die dieser Ordnung widerspricht. Ohne Schuld schuldig, wird er von einer höchsten Autorität sofort und ohne eine Möglichkeit der Rechtfertigung ausgestoßen.[4]

Unschuldig bleibt Karl deshalb, weil die Vergehen und Fehler von anderen Figuren ihm angelastet werden. Karl fällt Vorurteilen zum Opfer. Seine Unschuld wird ignoriert, da die meisten Nebenfiguren ihm gegenüber eine bereits fixierte Meinung haben. Zu Karls Unglück ist diese oft falsch und unverrückbar.

1.3 Chronologische Abfolge von Karls Frauenbeziehungen

Es scheint einleuchtend, dass Kafka gerade am Anfang oder am Ende eines jeden Kapitels die Bekanntschaft Karls mit einer tragenden Flankenfigur ansetzt. So bedingt das Zusammentreffen von Karl und der Oberköchin am Schluss des „Marsch nach Ramses“ (V 128) das (vorläufige) Ende seiner Beziehung zu Delamarche und Robinson, den tragenden Charakteren dieses vierten Kapitels. Die Oberköchin erhärtet diese Loslösung, indem sie sich eher feststellend als fragend an Karl wendet: „Dann sind sie also frei?“ (V 171) Das Zusammentreffen zwischen Karl und der Oberköchin legt aber auch den Grundstein zum

nächsten Kapitel, zur nächsten Episode in Karls Leben, denn an ihre rhetorische Frage knüpft sie sofort den Übergang in ein neues Handlungsfeld: „Hören Sie, möchten Sie nicht hier im Hotel eine Stelle annehmen?“ (V 171) Auch lässt die Ankündigung eines Besuches bei Pollunder das Ende des Kapitels „Der Onkel“ (V 54) schon erahnen. „Wieder sagte Herr Pollunder das Entscheidende“ (V 71), nämlich dass der Besuch um Klaras Willen gewährt werden sollte. Somit ist es die Figur der Klara, die in erster Linie die lokale Entbindung vom Onkel bedingt, die am Ende des Pollunder-Besuches aber auch Mitschuld trägt an der faktischen Loslösung. „Ehe Sie [Karl] weggehn müssen Sie von Fräulein Klara Abschied nehmen“ (V 111), sagt Green und erreicht somit, da Karl dadurch das Ultimatum des Onkels versäumt, dessen Verstossung.

[...]


[1] Thalmann (1966), S. 146.

[2] Kremer (1994), S. 243.

[3] Ebd., S. 244.

[4] Robertson (1988), S. 86.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas 'Der Verschollene'
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Seminar für Neue Deutsche Literatur)
Note
2
Autor
Jahr
1998
Seiten
20
Katalognummer
V23937
ISBN (eBook)
9783638269384
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafkas, Verschollene
Arbeit zitieren
Markus Züger (Autor), 1998, Franz Kafkas 'Der Verschollene', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23937

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