Fear and Loathing in Las Vegas - Ein filmischer Erzählstil zwischen Dokumentarismus und Fiktion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

25 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Hunter S. Thompson und Terry Gilliam – der halluzinierende Journalist und der zeitkritische F

2. Der Roman «Fear and Loathing in Las Vegas: A Savage Journey to the Heart of the American Dream»
2.1 Gonzo-Journalismus als prägendes Stilprinzip des R

3. Der Film «Fear and Loathing in Las Vegas» als Adaption des Romans
3.1 Intertextualität
3.1.1 Paradefall eines vielschichtig intertextuellen Strukturelements: Die Suche nach dem amerikanischen Traum
3.2 Die Narration im F

4. S

5. Anhang
5.1 Sequenzprotokoll des Films «Fear and Loathing in Las Vegas»
5.2 Produktionsdaten des Films
5.3 Filmografie Terry Gilliam
5.4 Bibliografie Hunter S. T

6. Literatur
6.1 Primärquellen
6.2 Literatur
6.3 I

Einleitung

«If you’re scared to die, you better not be scared to live»

Aus «Friendly Ghost» von E

Wenn du dich vor dem Tod fürchtest, ist es ratsam, vor dem Leben keine Angst zu haben. Dies muss sich der Journalist und Schriftsteller Hunter S. Thompson wohl auch gedacht haben, als er mit seinem Anwalt Oscar Zeta Acosta zu einer legendären Reise ans «Mint 400»-Motorradrennen in Las Vegas aufbrach. Ihr Trip sollte zur Romanvorlage des höllischsten Drogenwahns werden, den die Literatur jemals gesehen hat. Als «Fear and Loathing in Las Vegas: A Savage Journey to the Heart of the American Dream» – ein Roman, der sich so gerne als journalistischer Tatsachenbericht verstanden haben will – 1971 im «Rolling Stone magazin» unter dem Autorpseudonym Raoul Duke erschien, schlug er ein wie gleich mehrere Bomben: Er machte seinen Autor Hunter S. Thompson zur lebenden Legende. Er begründete ein journalistisches Genre – den Gonzo-Journalismus. Und der Roman selber wurde zum Kultobjekt, dass niemals die grosse Masse anzusprechen wusste, aber im Kreise einiger Auserwählter bis heute ungebrochen seine treuen Anhänger findet. Genau so erging es schliesslich auch Terry Gilliams Romanverfilmung «Fear and Loathing in Las Vegas» aus dem Jahre 1998. Von Vielen geächtet, von Einigen heiss begehrt

Das Thema der vorliegenden Seminararbeit sei damit angedeutet. Film und Text werden einander gegenüber gestellt und auf intertextuelle Elemente hin untersucht. Die spezifische Fragestellung richtet sich dabei auf den journalistischen Sprachgestus als dominierende Erzählweise: Welche Wirkung bezweckt die journalistische Erzählweise in Hunter S. Thompsons Roman und wie zeigt sich diese in der Filmadaption von Terry Gilliam? Den Kern der Arbeit bildet indes die Betrachtung des Filmes. Anhand des Fokus auf einzelne Einstellungen und Subsequenzen versuche ich, der oben umrissenen Fragestellung zu Leibe zu rücken. Ein zusätzlicher roter Faden meiner Analyse findet sich im inhaltlichen Leitmotiv von Buch und Film, der «Suche nach dem amerikanischen Traum»

Methodisch werde ich mich an folgenden vier Dimensionen der Filmanalyse orientieren[1]: Die Filmrealität bildet den zentralen Gegenstand dieser Arbeit. Gegenstand dieser Dimension ist der Film an sich, der Stoff in seiner inhaltlichen wie formalen Ausführung. Die Bedingungsrealität befasst sich mit den Kontextfaktoren, die der Filmproduktion zugrunde liegen. Hierbei erlaube ich mir den Fokus auf Hunter S. Thompson und seinen Roman. Die Bezugsrealität – die Dimension der inhaltlichen und historischen Problematik, die im Film thematisiert wird – verwende ich indirekt als Werkzeug zur Analyse der Filmnarration, da der historische Bezug in Relation zur journalistischen Erzählweise steht. Zu guter Letzt werde ich ganz kurz in den Schlussbemerkungen anhand der Wirkungsrealität des Filmes die Rezeption des Filmes ansprechen

Grundlage meiner Analyse bildet die in Deutsch übersetzte, beziehungsweise synchronisierte Fassung des Romans und des Films. Der Genuss der vorliegenden Seminararbeit stellt sich indes erst mit der Kenntnis des Films ein. Bevor man Terry Gilliams «Fear and Loathing in Las Vegas» nicht gesehen hat, muss man gar nicht weiter lesen. Wer zudem Hunter S. Thompsons Roman gelesen hat, ist für die folgenden Seiten bestens gewappnet. Bleibt noch hinzuweisen, dass die Forschung im deutschen Sprachraum bis anhin an «Fear and Loathing in Las Vegas» wenig Interesse gefunden hat. Die Situation der Sekundärliteratur ist prekär. Die wenigen Titel zum Thema sind vornehmlich englischsprachiger Natur und mit dem angemessenem Aufwand dieser Seminararbeit nicht konsultierbar

1. Hunter S. Thompson und Terry Gilliam – der halluzinierende Journalist und der zeitkritische Fantast

Dieses Kapitel soll keineswegs im Stile einer «Leben und Werk von»-Abhandlung gestaltet sein. Wer sich übermässig für Terry Gilliam interessiert, dem empfehle ich wärmstens «Gilliam on Gilliam» von Ian Christie. Wer es lieber mit Hunter S. Thompson hält, der kann sich im Fundus seiner zahlreichen Biografien bedienen, von welchen etwa jene von Paul Perry und E. Jean Carroll hervorzuheben sind

Dieses Kapitel ist der Versuch, die Grundzüge zweier extravaganter Kulturschaffender herauszuschälen. Auf wenigen Stationen wird gezeigt, dass im Wesen, in den Arbeitsweisen und Werken[2] von Gilliam und Thompson wohl einige Unterschiede, weit mehr aber Gemeinsamkeiten zu entdecken sind. Diese einleitende Nabelschau soll dabei in keiner Weise der Interpretation des vorliegenden Stoffes «Fear and Loathing in Las Vegas»[3] dienen – in der Literaturanalyse, wie auch in der Filmanalyse sind interpretative Hilfestellungen durch den Rückbezug auf den Autor, beziehungsweise den Regisseur aus gutem Grund geächtet. Dies soll vielmehr ein kleiner Exkurs sein, der die Tatsache, dass da ein ganz eigensinnig seltsamer Filmemacher sich dem Roman eines seltsam verrückten Schriftstellerjournalisten angenommen hat, nicht achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Schliesslich ist die intertextuelle Spannung, die sich durch die Adaption ergibt, überaus explosiv

Terry Gilliam hat Fernseh- und Filmgeschichte geschrieben. Er begann als kleiner Comic- und Animationszeichner in den USA, machte sich England zur Wahlheimat und hat dort 1969 mit einigen schrägen Vögeln das legendäre, weltbekannte Kollektiv «Monty Phyton» gegründet. Indes unvergesslich sind seine schwarzhumorigen, oft surrealen Trickfilmanimationen, deren Wirkungen später sehr adäquat in vielen seiner Spielfilme zu spüren sind

Hunter S. Thompson ist seinerseits eine lebende Legende, was wohl damit zu tun hat, dass er Zeit seines Lebens gegen Autoritäten und Reglementierungen rebellierte. Zum Beispiel wurde er eine Woche vor seinem High-School Abschluss zu einer 60-tägigen Jugendstrafe verurteilt. Seit 1970 lebt Hunter[4] in seiner ‚Festung’ in Aspen, Colorado. Er ist Verfasser von Romanen, Reportagesammlungen und unzähligen journalistischen Arbeiten. Der hier besprochene Roman «Fear and Loathing in Las Vegas» gilt dabei als sein Meisterwerk und grösster Erfolg. Dessen Erstveröffentlichung fand im «Rolling Stone magazine» statt, was eine bis heute andauernde, fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dem Magazin und dem umtriebigen Journalisten zementierte. Hunter wurde sogar zum politischen Korrespondenten des Magazins erkoren, was in Anbetracht seiner Arbeitsweise schon fast zynisch anmutet. Er ist schliesslich ein verhaltensauffälliger und mitunter unbequemer Zeitzeuge, der seine Stories so hartnäckig, wie aussergewöhnlich recherchiert: Unter der Einwirkung von hohen Dosen illegaler, bewusstseinsverändernder Substanzen. Seine Biografie zeugt nicht nur von einer extravaganten Lebensweise und dem exzessiven Gebrauch von Explosionskörpern und Feuerwaffen, sondern es sind die Rauschmittel und die Drogen jeglicher Couleur, die sich wie Kokainspuren durch sein Leben ziehen und für die Hunter berüchtigte Berühmtheit erlangte

Gilliam und Hunter – ein ziemlich ungleiches Paar. Beide sind sie Geschichtenerzähler, wenn auch ihre Medien unterschiedlich und ihre Arbeitsweisen sehr individuell sind. Dennoch verbindet sie eine grosse Gemeinsamkeit: Die Autoren sind kompromisslose Naturen, ihr Werk zeugt von einer hohen Eigenständigkeit. So war es dem Einen, wie dem Anderen stets kein Leichtes, eine Arbeit zu vollenden, beziehungsweise veröffentlichen zu können. Wo Hunter als freischaffender Journalist stets nach geeigneten Plattformen für seine subkulturellen Texte suchen musste, scheint Gilliam in einem steten Kampf mit den produzierenden Studios und dem Vertrieb seiner Filmprojekte (vor allem «Brazil», «The Adventures of Baron Munchausen», «Fear and Loathing in Las Vegas» und das fallengelassene Filmprojekt «Don Quijote»). Die häufig gestellte Bedingung der konventionellen Anpassung ihrer eigenständigen Werke ist dabei dem Autor und dem Regisseur glücklicherweise ein Fremdwort geblieben. Trotzdem beide wenig kompromissbereite Menschen sind, messen sie der Adaption von «Fear and Loathing in Las Vegas» grossen Respekt bei. Augenzwinkernd schätzt Gilliam den Autor Thompson: «You feel a heavy responsibility doing a book that was such a seminal work – and by a living writer who carries a gun!»[5] Hunter seinerseits war vom Film bass erstaunt, nannte ihn ein Meisterwerk, «an eerie trumpet call over a lost battlefield»[6]

Da hat sich also ein kompromissloser Regisseur dem exzentrischen Kultroman eines schillernden, wie umstrittenen Autors angenommen. Terry Gilliam und Hunter S. Thompson haben mit ihren eigensinnigen Kunstfertigkeiten sicherlich spannende Eckpfeiler für die Filmadaption von «Fear and Loathing in Las Vegas» gesetzt. Ihrer beider Meisterhaftigkeit konnte sich jedoch im Doppelpack gleichwohl genial wie katastrophal auf den Film auswirken. Doch jeder mache sich schliesslich sein eigenes Urteil…

Terry Gilliams Verfilmung von Hunters Roman bestätigt den Regisseur als ungewöhnlichen Literaturverfilmer von aussergewöhnlichen Stoffen, wie auch schon «The Adventures of Baron Munchausen» zeigt. In den meisten Filmen Gilliams taucht der Zuschauer in eigenartig fantastische, surreale und utopische Welten. Nonsens und sarkastischer Humor lassen an die guten alten «Monty Phyton»-Zeiten erinnern. Gilliams Filme sind allein schon in ihrer Machart als intertextuell vielschichtige Kunstwerke zu verstehen. Häufig finden sich mythologische und symbolische Filmsemiotik und evidente, wie versteckte Bezüge zu Geschichte, Religion, Gesellschaft und anderem. Dabei trifft man in mehreren Publikationen auf den stehenden Begriff «gilliameske Welten» (in Abwandlung von kafkaesk), welcher für einen Ort der tragischen Komik und der Absurdität steht

Auch Hunters Texte weisen häufige, vielschichtig intertextuelle Bezüge auf, befindet sich doch der Autor an der Schnittstelle zwischen Journalismus und literarischer Fiktion. Er bezieht sich in seinen Ausführungen gleichwohl auf historisch gesicherte Quellen wie auf halluzinative Flashbacks. Das Ganze nennt sich schliesslich Gonzo-Journalismus, doch dazu mehr in Kapitel 2.1

2. Der Roman «Fear and Loathing in Las Vegas: A Savage Journey to the Heart of the American Dream»

Die Schubladisierung bereitet Kopfschmerzen. Ein Roman ist «Fear and Loathing in Las Vegas» nicht, auch wenn dies der Klappentext einem weis machen will. Eine journalistische Reportage ist der Text aber auch nicht, auch wenn dies der Autor so verstanden haben will. Die Schublade müsste schliesslich auf beiden Seiten etikettiert sein, wobei vorne der Gattungsbegriff der dokumentarischen Literatur und hinten vielleicht die Erzählform Novelle stände. Für die Novelle spricht, dass «Fear and Loathing in Las Vegas» eine prosaische Erzählung (zwar eine mit Wahrheitsgehalt) ist, die vom Kontrast zwischen empörender Abartigkeit und dem Gewöhnlichen dominiert wird. Die Suche nach dem amerikanischen Traum als dem zentralen Konflikt bleibt dabei keineswegs der fiktiven Ebene verhaftet, sondern zeigt sich anhand von Fakten und dokumentarischem Realitätsbezug als Kritik an der Zeit

Damit sei die Frage der Bedingungsrealität für «Fear and Loathing in Las Vegas» als literarischer Text bereits angedeutet (wohlgemerkt: dem Film liegt eine andere Bedingungsrealität zugrunde als dem Buch, das fast 20 Jahre früher erschien): Warum wird dieser Stoff, in dieser historischen Situation, in dieser Form literarisch aktualisiert?

Als «Fear and Loathing in Las Vegas» 1971 erschien, hatte das Buch nach kurzer Zeit den Status einer «Subkultur-Bibel»[7]. Zum Einen mag das daran liegen, dass Hunter S. Thompson in seinem Text radikal neue literarische und journalistische Erzählformen gefunden hat, die den Konventionen widersprachen. Zum Anderen hat Hunter auf zwar subjektive, doch sehr zutreffende Weise eine amerikanische Gesellschaft im Umbruch angeklagt

Der Haupterzählstrang des Textes ist der Drogentrip von Raoul Duke (Hunter S. Thompsons literarisches Alter Ego) und seinem Anwalt Dr. Gonzo nach und in Las Vegas. Die Suche nach dem amerikanischen Traum – eine Art Selbstfindungstrip – äussert sich als Leitmotiv des Textes. Die Suche wird zur Projektionsfläche für Raoul Dukes zeitkritische Exkurse und stellt sich am Schluss schliesslich als eine Bekanntschaft mit dem amerikanischen Alptraum heraus (siehe Kapitel 3.1.1).[8]

Diese ernüchternden Reflexionen zur Gesellschaft Amerikas, wiedergegeben durch innere Monologe Raoul Dukes, drehen sich um das jähe Ende der reformistischen Bewegungen Ende der 1960er Jahre aufgrund reaktionärer Repressionen. Nach den Demokraten Kennedy und Johnson zog 1969 mit Nixon ein Republikaner ins Weisse Haus und die Träume einer Generation mussten dem Trauma weichen. Hunter thematisiert das Ende der Hippiebewegung, welche sich weg vom Idealismus zunehmend in den Drogenkonsum geflüchtet hat. Entgegen der drogenlastigen Odyssee der zwei Helden sind diese konkreten gesellschaftskritischen Reflexionen marginal und punktuell eingestreut. In ihnen findet sich die journalistische Erzählweise des Textes am eindringlichsten und somit sei im weiteren Verlauf das Augenmerk auf diese Stellen gerichtet. Bevor ich anhand des intertextuellen Vergleichs auf die Erzählformen in Buch und Film eingehe, analysiere ich Hunter S. Thompsons literarischen Erzählstil

[...]


[1] Vgl. Korte (2001), S. 21f

[2] Werkübersichten siehe Kapitel 5.3 und 5.4

[3] Es sei dem Autor der vorliegenden Seminararbeit verziehen, wenn er statt dem vollständigen, aber umständlichen Romantitel «Fear and Loathing in Las Vegas: A Savage Journey to the Heart of the American Dream» auf die Kurzform «Fear and Loathing in Las Vegas» zurückgreift. Anm. d. Verf

[4] Auffallend wird in nahezu allen Publikationen über Hunter S. Thompson selbige Person mit dem Vornamen Hunter abgekürzt, was sich gut schreibt und gut anhört. Diese Praxis soll hier fortgeführt werden. Anm. d. Verf

[5] Christie (1999), S. 245

[6] Ebd., S. 261

[7] Zitat aus http://www.cs.uni-magdeburg.de/~wbruenin/ftf/film.html (22. 7. 2002)

[8] Zur Veranschaulichung sei auf das Sequenzprotokoll (Kapitel 5.1) des Filmes hingewiesen, das adäquat dem Buch die wichtigsten Handlungsstränge beinhaltet

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Fear and Loathing in Las Vegas - Ein filmischer Erzählstil zwischen Dokumentarismus und Fiktion
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Institut für Journalistik und Medienwissenschaften)
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V23942
ISBN (eBook)
9783638269438
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Text in 10-Punkt-Schrift.
Schlagworte
Fear, Loathing, Vegas, Erzählstil, Dokumentarismus, Fiktion
Arbeit zitieren
Markus Züger (Autor), 2002, Fear and Loathing in Las Vegas - Ein filmischer Erzählstil zwischen Dokumentarismus und Fiktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23942

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