Niklaus Meienberg - Ein berufsethisches Profil


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

19 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Untrennbarkeit von Ethos und Schreiben
1.1 Meienberg als Spiegel der Gesellschaft

2. Meienbergs Journalismus - oder die Leidenschaft zur Polemik
2.1 Meienbergs Journalismus- und Reportageverständnis
2.2 Einige Fallbeispiele: Medienkritisches
a) Wer will unter die Journalisten?
b) Von unserem Pariser Korrespondenten (statt eines Vorworts)
c) Auf einem fremden STERN,
d) Positiv denken! Utopien schenken!

3. Zum rezensierenden Umgang mit Meienberg: Die entschärfende Attribuierung eines journalistischen Profils

4. Im Konflikt mit den propagierten Werten

5. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Stilfragen aber sind eigentlich unwichtig bei Ihnen, Herr Meienberg, denn wie ich es sehe, ging es Ihnen zeit Ihres Lebens darum, ein Seelen- und Sittenbild der Schweiz zu liefern: das Bild eines Landes, dessen Enge immer Konfrontation zwischen Kritik und Kunst garantierte, weil sich Kritik und Kunst täglich auf der Strasse treffen - diesem Kampf, Herr Meienberg, sind Sie nie aus dem Weg gegangen.[1]

Aus einem offenen Brief des Journalisten Marc Fischer an den verstorbenen Niklaus Meienberg, 7. Mai 2000.

Kritik und Kunst. Zwei Dinge, welche die journalistische Laufbahn von Niklaus Meienberg grundlegend bestimmt haben. Er war ein Meister der Kritik: Sie war seine Triebfeder, der Ursprung seiner Recherchen und Texte, der stete Drang, ein Unrecht ans Licht zu führen. Dann aber auch die Kunst: Der meienbergsche Text hatte ein Ereignis zu sein, die Sprachgewalt musste den Inhalten gerecht werden (und war es auch). Ein Journalist, der qualitativ Hochstehendes produzieren möchte, „sucht immer die adäquate Sprache für sein Thema“[2]. Die Form war stets mehr denn Mittel zum Zweck, zeigte unverfälscht den Meienberg und seine Meinung, entfachte beim Leser eine Lust - und nicht selten auch berechtigten Zorn, denn Polemiken sind auch eine Form der Kunst.

Kritik und Kunst. In der Herausarbeitung des Ethos, wie ihn Meienberg im Journalismus verfolgt und umschrieben hat, bilden diese beiden Begriffe zentrale Werte. Meienberg stellte dabei an jeden seiner journalistischen Texte folgende Ansprüche: Er musste Klartext sprechen, wenn möglich politisch und kontrovers. Er musste literarische Qualität haben, zumindest durfte sich der Leser nicht langweilen. Dass Meienbergs Programm des journalistischen Ethos jedoch weit differenzierter daherkommt, ist Gegenstand dieser Arbeit.

Weiterführende, aufschlussreiche Reflexionen - so zur Biografie, zum lyrischen und prosaischen Werk, zur audiovisuellen Produktion - werde ich (sofern möglich) weglassen, da dies den bescheidenen Umfang dieser schriftlichen Arbeit sprengen würde (was bei Hausarbeiten leider meistens der Fall ist). Schwerpunkte möchte ich dagegen in der Analyse von Meienbergs Auseinandersetzung mit dem journalistischen Berufsethos und im moralischen Umgang der Schweizer Presse mit dem prominenten Journalisten setzen. Genau so, wie Meienberg sein journalistisches Ethos in seinen Texten darlegt, bildet sich dieses in der steten Auseinandersetzung mit den Medien, welche ihn rezensieren.

Neben diesen beiden Akzenten muss ich vieles weglassen, zu umfangreich ist Meienbergs Werk, zu zahlreich sind seine Äusserungen und Dispute zum Journalismus. Man muss sich beschränken, muss eine Auswahl treffen. Alles Material zu sichten, Texte und Biografisches, Briefe, Gespräche, Reden: Dies wäre einer Lizentiatsarbeit wohl angemessener. Er, dessen einschlägige Reputation aus der Verschmelzung von Erscheinung, Charakter, Intellekt und Stil besteht, ist - will man ihm vollumfänglich gerecht werden - letztendlich auch nur als solches Konglomerat zu begreifen. So kann ich die Ratlosigkeit des Journalisten Bosch in der Umschreibung des Niklaus Meienberg durchaus verstehen:

So vielstimmig er geschrieben hat, so vielgesichtig erscheint die Person Meienberg. War er Voltairianer, dann bis zur hysterischen Bösartigkeit Voltaires. War er streitbarer Christ, Katholik, dann bis zur inquisitorischen Unduldsamkeit.[3]

Obiger Vergleich zu Voltaire scheint übrigens äusserst passend, hat doch der Pariser Philosoph im 18. Jahrhundert schon zur Quellenprüfung und -kritik von Fakten in der Geschichtsschreibung ermahnt - etwas, das auch Meienberg in seinem journalistischen Programm immer wieder betont. Andererseits wird durch das Zitat aber auch auf das Inquisitorische hingedeutet...

1. Die Untrennbarkeit von Ethos und Schreiben

Das journalistische Ethos, damit meine ich die moralischen Arbeitsgrundsätze und, im vorliegenden Fall ganz besonders, auch die Lebensgrundsätze, sind bei Meienberg evident. Seine bevorzugten Thematiken, seine politischen Tendenzen, kurz, seine geradlinige Art, wie er mitunter anwaltschaftlichen Journalismus betreibt, lassen auf ein äusserst ausgeprägtes Berufsethos schliessen. Am eingehendsten wird dieses in zahlreichen Texten zum Thema Journalismus und der polemischen Korrespondenz mit Medien und Journalisten ersichtlich. Dazu mehr in Kapitel 2.

Diesem ausgeprägten Bewusstsein lag zuweilen eine untrennbare Bindung von Moral und Schreiben zugrunde, wobei oftmals erst ein ethischer Konflikt den Schreibprozess in Gang brachte. Das Eine bedingte das Andere. Journalistisches Schreiben hatte bei Meienberg immer etwas Politisches, ihm lag der Drang zur Aufklärung der Tatsachen und zur Verbesserung der Gesellschaft zugrunde (An diesem Drang ist er am Ende auch gescheitert):

Klassenkampf findet für mich in der Sprache statt [...]. Diese Anstrengung findet bei jedem Adjektiv statt, beim Rhythmus eines Satzes, den du anders machst als die Reklamesprache oder die abgenutzte Zeitungssprache. [...] Wenn man Klassenkampf machen will und hat zwar die richtigen Ansichten, aber in der Sprache selber findet nichts statt, dann votiere ich im Zweifelsfall für Proust gegen Wallraff.[4]

Möchte man den Ursprung dieses moralischen Bewusstseins, das ihn immer wieder zur Schreibmaschine greifen liess, bestimmen, so steht zu Beginn wohl der mütterliche Einfluss. Maria Meienberg, „ehrwürdige Madame Meienberg“[5], die grosse Frau im Leben des Niklaus, war, trotz bürgerlicher Lebenssituation, die progressive Kraft im Hause Meienberg. Erkannte sie eine Ungerechtigkeit, so musste sie unweigerlich dagegen ankämpfen. Sie war geistreich, streng und dominant, dennoch ein sozialer und humaner Mensch mit grossem Gerechtigkeitsbewusstsein:

Ich habe zwar erlebt, dass meine Mutter einen Hausierer in unseren sogenannten Salon gebeten und einen Kardinal, der bei uns zu Besuch war, zum Abwaschen aufgefordert hat, dass sie aber gleichzeitig eine beachtliche Strenge uns Kindern gegenüber an den Tag gelegt hat.[6]

Auch die Leidenschaft des Schreibens hat Niklaus von seiner Mutter geerbt, beziehungsweise wurde er schon als Kind von ihr zu regelmässigem und ausschweifenden Briefverkehr angehalten. Auch Niklaus versucht Zeit seines Lebens, ihm nahestehende Personen zum Schreiben zu animieren:

Ich möchte die Leute dazu bringen, zu einem eigenen Ausdruck zu kommen, selber zu schreiben. Viele könnten es nämlich, nur hat man ihnen in der Schule die Freude daran vergällt.[7]

So war er stets bemüht, junge Journalisten und Journalistinnen, wie Marianne Fehr und Jürg Frischknecht, unter seine Fittiche zu nehmen oder aber Freundinnen und deren Eltern, zum Beispiel Loris Scola und Familie, zur Niederschrift ihrer Geschichten zu bewegen.

Es ist mir natürlich klar, dass dieser Versuch, Meienbergs Ursprünge seines ethischen Journalismus zu erklären, weitgehend Hypothese sind. In Anbetracht der engen Beziehung zu seiner Mutter erscheint mir deren Einfluss jedoch beträchtlich. Meienberg offensichtlich auch:

Die Wahrheit zu sagen, wenn nötig auch ein bisschen laut, fällt mir weniger schwer, als aufs Maul zu hocken und mein Gemüt zu strangulieren. Das ist kein Verdienst, nur ein Temperament, höchstwahrscheinlich geerbt von der magna mater Sangallensis [Maria Meienberg], und macht sich auf die Dauer sogar bezahlt, sei es auch nur, dass man keinen Magenkrebs bekomme vom vielen heruntergeschluckten Ärger.[8]

Wie angedeutet, versuchte Meienberg Fehler und Unrecht in der Gesellschaft und im politischen System (vornehmlich der Schweiz) herauszufiltern und mit journalistischen Mitteln anzuklagen, zu verurteilen und nötigenfalls zu richten. Er setzte dabei seine Ansprüche hoch:

Ein „grand reporter“ will die ganze Wirklichkeit mitbringen, er akzeptiert die Aufsplitterung der Welt in einzelne Rubriken nicht (Kultur, Wirtschaftsteil, Politik etc.), er will totalisieren, wie Sartre das nennt.[9]

Und dann weiter unten:

Ein gründlicher Beobachter wird radikal, wenn er an die Wurzeln der Dinge gerät.[10]

Auch wenn er dadurch zahlreiche Rückschläge und Niederlagen in Kauf zu nehmen hatte, so blieb er doch meistens der moralische Sieger. Nebenbei scheint es nicht selbstverständlich, dass Meienberg, trotz aufbrausendem Wesen und kräftigem Zorn, die Feder stets mächtiger als das Schwert blieb. Er beteuert selbst, dass er die schriftliche, journalistische Reflexion als das einzig mögliche Ventil seines Sendungsbewusstseins betrachtete: „Richtig begabt bin ich anscheinend nur in einem Punkt: eben für die verdammte Schreiberei [...].“[11] Schreiben war Meienbergs Lebensdrang und Mittel zum Ausdruck und der Macht gleichzeitig.

Wo eine objektivierte, aufklärerische Betrachtung der journalistischen Thematik unmöglich war oder wenig Sinn machte, war er stets bestrebt, das Subjekt seiner Recherchen an seinen eigenen moralischen Werten zu messen. Sehr schön ersichtlich zum Beispiel an den Portraitreportagen der „grossen Tiere“ Charles De Gaulle[12] und Reimund Georg Broger[13]. Meienberg schreibt mit persönlicher Faszination von diesen beiden Menschen, ohne sich jedoch im Schwärmerischen, Unkritischen zu verfangen.

Trotz dem Drang und dem Temperament zum uneigennützigen Journalismus, suchte Meienberg Anerkennung und Popularität:

Ich muss etwas vollenden, meine Spuren hinterlassen, bei meinen Zeitgenossen Zeichen setzen [...] Da gibt es kein Wenn und kein Aber: Man muss Erfolg haben.[14]

Im Gegensatz zu den anonymen, kleinen Leute, über die er schrieb, war er stets darauf erpicht, seiner Person als Autor ein Gesicht zu geben. Er hatte ein grosses Bedürfnis nach Öffentlichkeit, denn er wusste, er schrieb für ein Publikum.

[...]


[1] Fischer, Marc: Guerillero mit Kopf und Schreibmaschine. Offener Brief eines jungen deutschen Journalisten an Niklaus Meienberg, dessen Reportagen und Essays neu aufgelegt wurden. SonntagsZeitung vom 7. Mai 2000.

[2] Stillhard (1992), S. 25.

[3] Bosch, Manfred: Die Kunst, ein Journalist zu sein. Die Zeit vom 31. Mai 2000.

[4] Meienberg, Niklaus: Vorschlag zur Unversöhnlichkeit. WochenZeitung vom 30.5. 1984.

[5] Meienberg (2000) [R1], S. 86; Reportagen 1 = Sigle [R1].

[6] Durrer (1988), S. 199.

[7] Meienberg, Niklaus: „Das Schreibverbot beim ‚Tagi’ gilt immer noch“. Schaffhauser Anzeiger vom 23. Oktober 1985.

[8] Meienberg (2000) [R1], S. 89.

[9] Meienberg (1987), S. 136.

[10] Ebd.

[11] Fehr (1999), S. 279.

[12] Meienberg (1991), S. 142 ff.

[13] Meienberg, Niklaus: Gespräche mit Broger und Eindrücke aus den Voralpen. In: Ders.: Reportagen aus der Schweiz. Zürich: Limmat Verlag (1975).

[14] Fehr (1999), S. 120.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Niklaus Meienberg - Ein berufsethisches Profil
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Institut für Journalistik und Medienwissenschaften)
Note
1.5
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V23943
ISBN (eBook)
9783638269445
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niklaus, Meienberg, Profil
Arbeit zitieren
Markus Züger (Autor:in), 2000, Niklaus Meienberg - Ein berufsethisches Profil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23943

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