Eine polytechnische Grundausbildung -Allgemeinbildende Schulen in der DDR


Seminararbeit, 2002
13 Seiten, Note: 15 Punkte (sehr gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eine Polytechnische Grundausbildung- Allgemeinbildende Schulen in der DDR
2.1. DDR und BRD - Zwei unterschiedliche Bildungssysteme in Deutschland ?
2.2. Die allgemeinbildende polytechnische Oberschule, Chronologische Entwicklung und struktureller Aufbau
2.3. Die polytechnische Grundausbildung als Grundpfeiler sozialistischer Werte-Erziehung

3 Ausblick

1 Einleitung

Die Bedeutung der Bildungspolitik ist eine der wichtigsten Visitenkarten eines Landes. Darüber hinaus lassen die Erziehungsziele und die Wege, diese Ziele zu erreichen, ein tieferes Verständnis für die innere Situation eines Staates zu als die bloße Beschreibung der Staats/ Regierungsform oder die Nennung der neuesten Wirtschaftsdaten. So beeinflussen die gewählten Konzepte der Bildungspolitik die ideologischen Weltanschauungen, politischen Meinungen oder moralischen Überzeugungen ganzer Generationen von neuen Staatsbürgern. Allgemeinbildende Schulen als obligatorische Institutionen in Staaten mit Schulpflicht haben den größten Anteil an der Ausbildung dieser Überzeugungen und sind somit sehr interessanteste Anschauungsmodelle für eine erfolgreiche oder nicht erfolgreiche Erziehungspolitik.

Deutschland war knapp 50 Jahre lang ein geteilter Staat. Auch bildungspolitisch wurden auf beiden Seiten der Mauer unterschiedliche Wege beschritten. Als zukünftiger Lehrer in der wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland (BRD) scheint es mir deshalb unabdingbar, sich mit den Unterschieden der verschiedenen Bildungs- und Schulpolitik zu beschäftigen. Allein schon deshalb, um ein besseres Verständnis für die eigenen Schüler, welche ja Kinder jener Schüler von damals sind, zu bekommen. Da mir als gebürtiger Westdeutscher die westdeutschen Konzepte hinlänglich vertraut scheinen, soll sich in dieser Arbeit der Schwerpunkt der Fragestellungen und Quellenbetrachtungen auf die ostdeutsche Bildungswirklichkeit beziehen, womit die Themenstellungen auch für eine Hausarbeit in einer quellenkundlichen Übung zum Thema: Grundzüge der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) legitimiert ist.

In dieser Arbeit soll die Entwicklung der Allgemeinbildenden Schulen in der DDR im Vergleich zu denen der BRD nachgezeichnet werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem größten Unterschied zum Westdeutschen Schulmodell, nämlich dem hohen Stellenwert des berufsvorbereitenden, polytechnischen Unterrichts in den allgemeinbildenden Oberschulen der DDR. Dieser soll hier im ideologischen und praktischen Kontext der DDR- Bildungspolitik näher beleuchtet und bewertet werden.

In einer quellenkundlichen Arbeit mit relativ beschränkten Anspruch wie dieser kann leider nicht jede These auf ihre hundertprozentige Stichhaltigkeit überprüft werden. Dazu fehlt allein schon der Zugang zu den Quellen. Deshalb stützen sich die Aussagen dieser Arbeit hauptsächlich auf Gesetzestexte, Lehrpläne und andere rechtlich relativ unanfechtbare Quellen, da die Gefahr von Propaganda oder Verzerrung der Wirklichkeit hier relativ gering erscheint..

Für die Betrachtung der intentionellen Unterschiede der beiden deutschen Bildungssysteme waren besonders das „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“ vom 23. Mai 1949 mit den Änderungen vom 12. Mai 1969, die „Verfassungen der Deutschen Demokratischen Republik“ vom 7. Oktober 1949 und 6. April 1968 sowie das „Familiengesetzbuch der DDR“ in der Fassung vom 20.Dezember 1965 hilfreich. Als grundlegende Gesetzestexte beschreiben sie den Anspruch der jeweiligen Staatsform an die Erziehungs/Bildungspolitik in eindrucksvoller Form und sind dadurch, dass politische Handlungen in einer Demokratie verfassungstreu sein sollten, Quellen von deren praktischer Umsetzung ,zumindest bedingt ausgegangen werden kann.

Eine interessante Interpretationen der bildungspolitischen Ziele der BRD zeigt der „Struktur-plan für das Deutsche Bildungswesen“, der 1970 vom Deutschen Bildungsrat verfasst wurde, um die Notwendigkeit der schulischen Chancengleichheit noch einmal vor Augen zu führen. Auf DDR-Seite zeigen die „Aufgabenstellungen des Ministeriums für Volks-bildung und des Zentralrates der FDJ“, welche 1969 in der Deutschen Lehrerzeitung erschienen, die Vorstellungen der DDR-Führung zur weiteren Entwicklung der staatsbürgerlichen Erziehung in der DDR auf.

Die Beschreibung von strukturellem Aufbau und Entwicklung der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule POS und der erweiterten Oberschule (EOS) in der DDR stützt sich in der Mehrzahl auf Gesetzestexte, welche die Entwicklung der Schulsysteme in BRD und DDR erkennen lassen.

So beschreiben das „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule “, welches 1946 von der Sowjetischen Besatzungsmacht erlassen wurde und den Aufbau des neuen Schulsystems im Ostsektor regelt und die „Entschließungen der Erziehungsminister zur Frage der Schulreform“ 1948 in der BRD sehr gut die verschiedenen Wege der Bildungspolitik. Den konkreten Aufbau der Schultypen der DDR läßt sich aus den „Thesen des Zentralkomitees über die Sozialistische Entwicklung des Schulwesens“ (1959), den „Instruktionen für die Vorbereitung und Durchführung der Umgestaltung der EOS“ (1966), und der „Studie der Akademie der pädagogischen Wissenschaften der DDR“ (1987), erkennen, welche Neuerungen und Veränderungen im DDR- Schulsystem dokumentieren. Bindend niedergelegt sind die vorher genannten Quellen im 1969 erlassenen „Gesetz über das einheitliche sozialistische. Bildungssystem“, und der „5. Durchführungsbestimmung zum Gesetz über das einheitliche Sozialistische Bildungssystem, die das Sonderschulwesen regelt.

Mit dem „Rahmenplan zur Umgestaltung und Vereinheitlichung des allgemeinbildenden öffentlichen Schulwesens“, 1959 vom Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen erstellt, wurden die grundlegenden Bestimmungen für das westdeutsche Schulsystem gelegt.

Einen Eindruck der bildungspolitischen Auseinandersetzungen der 70-er Jahre in West-deutschland geben 1978 die „Thesen und Gegenthesen des Bonner Forums und der deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften “ aus der Zeitschrift für Pädagogik wieder.

Die Ansprüche und Ziele des Polytechnischen Unterrichts an den POS (EOS) sowie die Konkrete Umsetzung wurden hauptsächlich anhand der Lehrpläne: „Lehrplan für POS von 1595/ Klasse 7 bis 10“, „Lehrplan für die POS von 1968/ Klasse 7- 10“, und dem Artikel: „Die berufliche Grundausbildung in Klasse 9 und 10“ in der Deutschen Lehrerzeitung betrachtet. Der 1966 erfolgte „Beschluß des Ministerrates der DDR zur weiteren Entwicklung der berufsvorbereitenden Bildung in den Klassen 9 und 10“ sowie die „Prognose des Bildungswesens“, 1973 von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften erarbeitet , zeigen Probleme im Bildungssystem der DDR auf. Zum Schluss lässt sich mit dem „Schlussbericht der Enquete-Komission des Deutschen Bundestages“ 1990., eine vorsichtige Wertung de DDR- Bildungspolitik wagen.

Sämtliche Quellen sind dem vergleíchenden Quellenband von Otto Anweiler und Petermann Dorner: „Bildungspolitik in Deutschland von 1945-1990“[1] entnommen. Direktzitate sind durch Kursivdruck, inhaltliche Übernahmen durch Fußnoten gekennzeichnet. Da im Rahmen dieser Hausarbeit Quellen nur aus dieser Quellensammlungen entnommen wurden, fehlt das Literaturverzeichnis am Ende der Arbeit.

Aufgrund der umfangreichen Material- und Quellenlage zum Thema Bildung und Wissenschaft in der DDR und der begrenzten Kapazität dieser Arbeit soll der Schwerpunkt auf den genannten Bereich der DDR- Bildungspolitik, die allgemeinbildende polytechnische Oberschule, gelegt werden. Das DDR- Hochschulsystem, Private Schulen (soweit vorhanden), Parteischulungen, betriebliche Ausbildung oder Bildungsarbeit der Kirchen und Gewerkschaften sowie die ebenfalls wichtige Erziehungs- und Bildungsarbeit der Freien Deutschen Jugend (FDJ) sollen hier nicht diskutiert werden. Auch muss bei einer Arbeit, die rein quellenkundlich motiviert ist, der Anspruch auf Vollständigkeit aufgegeben werden.

2 Eine Polytechnische Grundausbildung- Allgemeinbildende Schulen in der DDR

2.1. DDR und BRD - Zwei unterschiedliche Bildungssysteme in Deutschland ?

Bildung und Wissenschaft liefen in Deutschland knapp 50 Jahre lang getrennt voneinander. Auf der Westseite herrschte ein -schon im Grundgesetz verankertes- pluralistisch-föderalistisches[2] Bildungskonzept, welches im Rahmen von Interessenpluralismus, also möglicht ohne ideologischen Hintergrund der Bevölkerung/des Staates, das Ziel der sozialen Chancengleichheit vor Augen hatte. „Das Recht auf schulische Bildung ist dann verwirklicht, wenn Gleichheit der Bildungschancen bestehen und jeder Heranwachsende so weit gefördert wird, dass er die Vorrausetzugen besitzt, die Chancen tatsächlich wahrzunehmen[3] Auf der Ostseite Deutschlands war die Bildungslandschaft monistisch[4] - zentralistisch[5] geprägt mit einem ideologisch eingeschränkten Erziehungsrecht[6] der Kinder und Jugendvertreter und dem erklärten Ziel der Bildungsplanung[7]. Schon im Grundsatz war das DDR- Bildungssystem dafür ausgelegt den Schüler schon in frühen Jahren den Sozialismus als einzige erstrebenswerte Form von staatlicher Gemeinschaft näher zu bringen. Eindrücklich belegt wird dies in der Verfassung der DDR von 1968: „Die DDR sichert das Voranschreiten des Volkes zur sozialistischen Gemeinschaft allseitig gebildeter und harmonisch entwickelter Menschen, die vom Geist des sozialistischen Patriotismus und Internationalismus durchdrungen sind und über eine hohe Allgemeinbildung und Spezialbildung verfügen[8]

Diese verschiedenen Zielsetzungen führten mit der Zeit zu einem komplett anders strukturierten Schulsystem in beiden deutschen Staaten. So stand der vierklassigen (in Berlin: sechsklassigen) Grundschule mit anschließender Aufteilung der Schülerschaft auf Hauptschule (fünf Jahre), Realschule (ebenfalls 5 Jahre) und Gymnasium (9 Jahre) im Westen, ab 1959 die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule (POS) mit der Erweiterung zur zweiklassigen erweiterten Oberschule (EOS) im Osten gegenüber[9]. Diese soll hier näher beleuchtet werden.

2.2. Die allgemeinbildende polytechnische Oberschule, Chronologische Entwicklung und struktureller Aufbau

Bereits im Mai 1946 begann sich die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) von der Bildungsarbeit der übrigen Alliierten abzugrenzen. Mit dem „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule“[10] und der Einführung einer achtjährigen Einheitsschule/ Grundschule mit anschließender vierjähriger Oberschule in der ganzen Sowjetischen Besatzungszone unterschied sich diese schon zu diesem frühen Zeitpunkt von der Schulpraxis im Westen. Dort wurde erst 1948 bei der ersten gemeinsamen Kultusministerkonferenz (KMK) in Stuttgart eine verbindliche Schulreform für alle westlichen Besatzungszonen verabschiedet[11]. Jedoch unterschieden sich die Vorstellungen der einzelnen Erziehungsminister schon in Stuttgart zu stark, um ein einheitliches Schulsystem im Westen durchzusetzen.

[...]


[1] [1] Anweiler,Otto / Dorner, Petermann, Bildungspolitik in Deutschland von 1945 1990-Ein Historisch Vergleichender Quellenband, Opladen 1992.

[2] Vergl. Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland: Art. 5, Art. 7 Abs. 4 und 5, Art.91 a und b, vom 23. Mai 1949 (mit den Änderungen vom 12. Mai 1696), S, 79-82.

[3] Strukturplan für das Deutsche Bildungswesen (1970), S. 103

[4] Vergl. Aufgabenstellungen des Ministeriums für Volksbildung und des Zentralrates der FDJ zur weiteren Entwicklung der staatsbürgerlichen Erziehung der in der DDR (1969), S 94.

[5] Vergl. Verfassung der DDR vom 6. April 1968 mit den Änderungen vom 7. Oktober 1974, Art.17 Abs.2, und 85.

[6] Vergl.: Familiengesetzbuch der DDR vom 20.Dezember 1965 § 3, §4 und §42 S.409/ 410.

[7] Vergl.: Maßnahmeplan des Ministeriums für Volksbildung (1969), S.115/ 116.

[8] Verfassung der DDR vom 6. April 1968 mit den Änderungen vom 7. Oktober 1974, Art.25 ,S.84

[9] Vergl.: Das Bildungssystem der DDR, S.526/ 527.

[10] Vergl.: Gesetz zur Demokratisierung der dt. Schule (1946), S.130-135

[11] Vergl..:Entschließung der deutschen Erziehungsminister zur Frage der Schulreform (1948), S.75.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Eine polytechnische Grundausbildung -Allgemeinbildende Schulen in der DDR
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Fachbereich Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Seminar: Grundzüge der Geschichte der DDR
Note
15 Punkte (sehr gut)
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V23979
ISBN (eBook)
9783638269698
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr gute Arbeit zum Erziehungssystem der DDR, für Historiker (da sehr viel Wert auf Quellbetrachtung gelegt wurde) wie für Pädagogen hochinteressant. Viele Querverweise auf das Bildungssystem der BRD. Vollständige Zitierung über die Fußnoten, daher kein extra ausgewiesenes Literaturverzeichnis.
Schlagworte
Eine, Grundausbildung, Schulen, Seminar, Grundzüge, Geschichte
Arbeit zitieren
Anja Rein (Autor), 2002, Eine polytechnische Grundausbildung -Allgemeinbildende Schulen in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23979

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