Frauen- und Mutterrollen im Wandel der Zeit und Mutter-Kind-Gruppe als alternative Hilfsform


Diplomarbeit, 2004
68 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

I n h a l t s v e r z e i c h n i s

Vorwort

1. Die erste deutsche Frauenbewegung
1.1. Die bürgerliche Frauenbewegung (1865-1894)
1.2. Die proletarische Frauenbewegung
1.3. Die deutsche Frauenbewegung in der Zeit von 1933-1945
1.4. Die deutsche Frauenbewegung nach 1945
1.5. Die deutsche Frauenbewegung in der BRD nach und Neugründungen von Frauenprojekten
1.6. Die Frauenfrage in der DDR
1.7. Die deutsch-deutsche Frauenbewegung nach

2. Natürliche Aspekte der Mutterschaft
2.1. Die frühkindliche Entwicklung
2.2. Soziologie der Geschlechter
2.3. Entwicklung der Geschlechter im industriellen Kapitalismus
2.4. Neue und alte Lebensformen bzw. neue und alte Rollenbilder

3. Mutter-Kind-Gruppe als alternative Hilfe für Mütter und Kinder
3.1. Die Zielorientierte Projektplanung (ZOPP)
3.1.1. Ziele und Wirkungsweise der ZOPP
3.1.2. Wesentliche Merkmale der Planung
3.2. Fünf Analyseschritte
3.2.1. Beteiligtenanalyse
3.2.2. Interessenanalyse
3.2.3. Problemanalyse
3.2.4. Zielanalyse
3.2.5. Alternativanalyse
3.3. Projektplanübersicht (PPÜ)
3.3.1. Struktur der Projektplanübersicht (PPÜ)
3.3.2. Die wichtigen Annahmen werden ermittelt
3.3.3. Die Indikatioren werden formuliert
3.3.4. Die Quellen der Nachprüfbarkeit werden beschrieben
3.3.5. Das Mengengerüst und die Kosten für jede Einzelaktivität werden ermittelt und festgelegt
3.4. Die einzelnen Planungsschritte in den verschiedenen ZOPP-Stufen
3.5. Einbau des Planungsverfahrens in ein umfassendes Managementsystem
3.5.1. Erstellung einer PPÜ

Schlußwort

Literaturangabe

Vorwort

Das Thema "Frauen- und Mutterrollen im Wandel der Zeit und Mutter-Kind-Gruppe als Alternative Hilfsform", habe ich für meine Diplomarbeit, aus mehreren Gründen gewählt.

Das letzte Praktikum, im siebten Semester , habe ich im Autonomen Frauenzentrum Potsdam e.V., absolviert. In dieser Zeit konnte ich mehrere Biographien, von Frauen aus dem Frauenhaus, von Mitarbeiterinnen (auch ehrenamtliche) und von Frauen aus meiner Mutter-Kind-Gruppe, kennenlernen. Darunter waren alte und junge Frauen sowie ostdeutsche und westdeutsche Frauen, mit sehr uterschiedlichen Ansichten und Meinungen. Die vielen unterschiedlichen Informationen, die ich dadurch erhalten habe und die Tatsache, das ich selber Frau und Mutter bin, brachte mich auf die Idee, mich in meiner Diplomarbeit mit Frauen und Mutterrollen im Wandel der Zeit auseinanderzusetzten.

Das Praktikum im vierten Semester, absolvierte ich beim Landgericht Potsdam, im Bereich der Bewährungshilfe. Dort wurde ich u.a. mit Sexualverbrecher konfrontiert. In dieser Zeit spührte ich deutlich, das ich mein Interesse, meine Zuneigung und meine Hilfestellung, lieber den betroffenen Frauen und Kinder widmen wollte und das ich für die Täter wenig bis gar nicht bereit war, für und mit ihnen zu arbeiten. Dies war ein weiterer Grund, das oben genannte Thema zu wählen.

Im Autonomen Frauenzentrum Potsdam e.V. habe ich eine Mutter-Kind-Gruppe geleitet, in der ich, seitens der Mütter von Problematiken erfuhr, die ich erstens, schon–von vielen anderen Müttern gehört habe und zweitens, die ich selber auch schon erlebt habe (mit meinem Kind). Bei meinen Überlegungen stieß ich auf Fragen, wie beispielsweise "Wer ist eine gute und wer eine schlechte Mutter?", Wieso muttern manche Mütter mehr und manche weniger?" oder "Woher kommt überhaupt dieses Muttern?". Die verschiedenen Ansichten und Meinungen der alten und jungen Frauen, die ich kennengelernt habe, führten mich zu den Fragen, "Wie und wann entwickelte sich die Emanzipation der Frauen?", "Welche Rolle spielt diese Geschichte bei der Formulierung von Rollenbildern?" oder auch "Welche Unterschiede sind zwischen ost- und westdeutsche Frauen gegeben?".

In der ersten Begegnung mit den Müttern meiner Gruppe fragte ich sie, warum sie eine Mutter-Kind-Gruppe aufsuchten und was sie von dieser erwarteten. Unter anderem waren die meisten Antworten, das sie "mal raus müßten", "Kommunikation suchten" und das sie "Unterhaltung suchten". Diese Argumente bestätigten meine Annahme, das eine Mutter-Kind-Gruppe als eine alternative Hilfsform für Mütter und Kinder betrachtet werden kann. Dabei stieß ich auf die Fragen, "Welche Frauen –und Mütterbilder sind in der modernen Gesellschaft eingebettet?" oder "Welche neuen Lebensformen haben sich entwickelt?", die ich in meiner Arbeit bearbeiten möchte.

Im laufe der Zeit entwickelten sich feste Beziehungen zwischen den Müttern und Kindern und ich hörte aus den Gesprächen heraus, das sie sich auch privat trafen. Somit war einer meiner wichtigsten Ziele erreicht (soziale Bindungen knüpfen). In meiner Diplomarbeit möchte ich daher meine Gruppe mit der Zielorientierten Projektplanung prüfen. Dabei möchte ich die einzelnen Schritte dieser Methode erläutern um die Schritte nach vollziehen zu können.

Die deutsche Frauenbewegung wird der erste Teil meiner Arbeit, weil ich davon ausgehe, das diese einen wesentlichen Beitrag in der Entwicklung unserer Gesellschaft geleistet hat.

Im zweiten Teil möchte ich die schon erwähnten Fragen beantworten, "Woher kommt das Muttern?", "wer ist eine gute und wer eine schlechte Mutter?" u.s.w.. Dabei werde ich natürliche Aspekte von Mutterschaft erläutern, mich mit der frühkindlichen Entwicklung auseinander setzten und soziologische Erkenntnis von Frauen und Mütterbilder erläutern. Wobei ich hier erwähnen möchte, dass es sehr viele verschiedene Ansichten und Meinungen im Hinblick auf Rollenbilder oder psychologischer Entwicklung gibt und das ich mich nur auf die Literatur, auf die ich verweise, stütze.

Die unterschiedlichen sozialen Lagen und die verschiedenen kulturellen Prägungen von Frauen erlaubt es mir nicht, das ich mich auf ein einheitliches festes Frauen- oder Mutterbild beziehe, weil jeder anders ist.

Im dritten und letzten Teil möchte ich mich, wie schon erwähnt, mit der Mutter-Kind-Gruppe und der zielorientierten Projektplanung, beschäftigen. Zu Beginn möchte ich kurz Sinn und Zweck einer solchen Gruppe nennen und anschließend mit ZOPP prüfen.

Wobei ich darauf verweisen möchte, dass ich kein Kosten- und Mengengerüst aufstellen werde, weil die Gruppe bereits beendet ist und die meisten Kosten von meiner Praktikumsstelle getragen worden ist.

Nach dieser Arbeit möchte ich Kenntnisse, über die Geschichte und Entwicklung unserer Gesellschaft, in den genannten Bereichen, gewonnen haben. Es soll für mich klar sein, in welcher Umbruchsphase unsere Gesellschaft gerade steckt und welche kognitiven Veränderungen in jedem einzelnen Menschen und in der gesamten Gesellschaft vorgehen muß.

Die von mir geleitete Mutter-Kind-Gruppe ist meiner Ansicht nach erfolgreich durchgeführt und beendet worden, durch das schon erwähnte erreichte Ziel. Dies möchte ich nach dieser Arbeit durch ZOPP bestätigt haben.

Die soziale Arbeit muß sich der Entwicklung unserer Gesellschaft anpassen und muß sich deshalb auch ständig neu entwickeln oder verändern. Daher stieß ich auf die Frage, "wie muß geschlechtsspezifische bzw. Frauenarbeit im sozialen Bereich aussehen?" oder was muß mehr und was muß weniger betrachtet werden?". Diese Fragen werde ich jedoch erst im Schlußwort erläutern.

1. Die erste deutsche Frauenbewegung

Die erste deutsche Frauenbewegung hatte bereits 1848 ihren Ursprung. Durch die französische Revolution in jener Zeit, die Freiheit, Gleichheit und Selbstständigkeit forderte, wuchs auch in Deutschland das Verlangen nach einem sozialen und demokratischen Staat.

Vor allem die Forderung nach Gleichheit ermutigte die Frauen. um ihre Rechte zu kämpfen. Als Gründerin der ersten Frauenbewegung gilt Louise Otto–Peters, die aus der oberen Mittelschicht stammte. Sie forderte erstmals 1843 die Teilnahme am Interesse des Staates und 1847 die Selbstständigkeit durch individuelle Bildung. Louise Otto-Peters gründete 1849 eine politische Frauenzeitung. Sie und auch andere Frauen, wie Alice Schmidt und Henriette Goldschmidt, versuchten, die Frauen zur Selbstständigkeit zu motivieren. Der Hintergrund ihrer Forderungen nach Bildung und Arbeit war der Wunsch des Mitgestaltens und Mitwirkens bei der Entwicklung des Menschen. Die Entfaltung und Unabhängigkeit der Frauen sollte nicht nur individuelle und gesamtgesellschaftliche Zwecke verfolgen, sondern auch eine eigenständige Lebensform ermöglichen. Die Frauen forderten die Mitgestaltung in Arbeit, Politik und Bildung, da diese Bereiche nur von Männern verwaltet waren.

Ihre spezifischen Fähigkeiten, wie soziales Einfühlungsvermögen, Organisationstalent und Flexibilität in der Denkstruktur sollten mit den Fähigkeiten der Männer, wie Körperkraft, rationales Denken und Mut, die Vervollständigung der Menschheit ausmachen.

Damals war die Frau unter anderem im Arbeitsleben dem Mann unterstellt. Sie war durch die wirtschaftliche Lage zur Arbeit gezwungen und wurde überwiegend als Dienstpersonal bei sehr langer Arbeitszeit mit einem Mindestlohn eingestellt. Die Frau war, durch die geringe Arbeitsmöglichkeit, finanziell von dem Mann abhängig. Deshalb war es für ihre ökonomische Existenzsicherung wichtig, einen Mann zu finden, der sie heiratete. Das führte zu viele Ehen, die aus rein ökonomischen Gründen geschlossen wurden.

Die Initiatorinnen der ersten Frauenbewegung waren aus der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht und hatten in jener Zeit kein Recht auf Arbeit. Sie konnten für einen Mindestlohn als Lehrerin, Gouvernante oder Gesellschafterin arbeiten. Louise Otto-Peters und andere beriefen 1865 die erste Frauenkonferenz Deutschlands ein, bei der Auguste Schmidt die Ansprachen hielt. Nach dieser Konferenz entwickelte sich der erste „Allgemeine Deutsche Frauenverein“, der sich für die Bildung der Frau einsetzte. Dieser Verein veröffentlichte eine eigene Zeitschrift mit dem Namen “Die Neuen Bahnen“, die nicht die üblichen frauentypischen Informationen zum Haushalt oder zur Mode enthalten sollte, sondern Möglichkeiten zur Bildung und Selbstverwirklichung der Frau. Diese Zeitschrift verwalteten Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt von 1866 bis 1895.

Durch die Gegner der Frauenbewegung in dieser Zeit wurde es den Frauen, trotz angestiegener Emanzipation, nicht leicht gemacht. Gegner war die Männerwelt, die alte Arbeitsteilungen und Rollenmuster nicht loslassen wollte. Zum Beispiel schrieb H. Jakobs über religiöse und natürliche Arbeitsteilung, die dem Mann Kampf und Arbeit zuschrieb und der Frau Pflege und Aufopferung für den Mann und die Kinder. Einige Frauen, die mit alten Werten sowie Rollen zufrieden waren und keinen Grund zur Emanzipation sahen, lehnten ebenfalls die Forderungen der Frauenbewegung ab. Gläubige Frauen beispielsweise waren von Gottes Schrift überzeugt und standen hinter den Geboten, die eine Unterordnung der Frau unter den Mann festschrieben. Ein weiterer Gegner der Frauenbewegung waren die politischen Vorschriften, die den Frauen die Mitsprache an politischen Entscheidungen verboten. Der Fortschritt der ersten Frauenbewegung lag zum Teil in der Hand der Männer, denn diese konnten entscheiden, inwieweit sie den Frauen Einlass in "ihre Welt“ gewähren wollten.[1]

1.1. Die bürgerliche Frauenbewegung (1865–1894)

Priorität und Grundlage der bürgerlichen Frauenbewegung war der Beruf für die Frauen.

Die Arbeit war die Verbindung mit dem Leben des Volkes und die Aufgabe der Zukunft. Diese berufliche Grundlage war der ausschlaggebende Unterschied zur allgemeinen ersten Frauenbewegung. Die bürgerlichen Frauen wollten ihre Forderungen innerhalb der Wirtschaft und Gesellschaftsordnung erkämpfen und legten großen Wert auf selbstständige, organisatorische Einheit. Sie kämpften gegen die Männer der eigenen Klasse. Es schlossen sich Frauenberufsverbände zusammen, um gemeinsam und kooperativ zu arbeiten. Die Verbindung zwischen und mit großen Gruppen der deutschen Frauenbewegung war unter Beibehaltung der Grundeinstellung angestrebt. 1894 schlossen sich Frauenverbände zum „Bund Deutscher Frauenvereine“ (künftig BDF genannt) als Dachorganisation zusammen. Um die Jahrhundertwende zählte der BDF 70.000 Mitglieder und bis zum Ersten Weltkrieg 250.000. Ziel war die Vereinigung aller Frauen gleich welcher Partei sie angehörten oder welche Weltanschauung sie hatten, unter anderem um gemeinsam die Forderung nach freier Persönlichkeit und Selbstständigkeit zu stellen.

Um die Jahrhundertwende wurden Frauen auf Universitäten zugelassen. 1920 erhielten sie das Habilitationsrecht zum Studium und konnten ab 1922 im Justizdienst den Beruf „Richterin“ erwerben. Zwischen 1908 und 1933 wurden von 10.595 Frauen 54 Dozentinnen, 24 Professorinnen und zwei erhielten einen Lehrstuhl. Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde die erste soziale Frauenschule eröffnet.

1908 wurde die Vereinsfreiheit für Frauen gesetzlich verankert, daher bildeten sich in dieser Zeit einige Frauenvereine. 1809 wurde der Deutsche–Evangelische–Frauenbund in Kassel, 1903 der Katholische Frauenbund Deutschland in Köln und 1904 der Jüdische Frauenbund, gegründet.

Charakteristisch für die bürgerliche Frauenbewegung war das Streben: 1. nach Verteidigung der bürgerlichen Ehe– und Familienform, 2. nach Verbesserung der Einstellung zur Haushaltstätigkeit und 3. nach dem Kampf um politische Gleichberechtigung.[2]

Der BDF lehnte den Verein „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ ab. Dieser setzte sich für freie Ehen, uneheliche Mütter und für die Abschaffung des § 218 ein. Das Eintreten für ledige Mütter und deren Kinder stellte in den Augen des BDF eine Gefahr für das wirtschaftliche und sittliche Allgemeinwohl dar, weil dies seinem Streben nach Verteidigung der bürgerlichen Ehe– und Familienform widersprach. Nichteheliche Mütter wurden aus seinen Kreisen ausgeschlossen. Der BDF weigerte sich, den 1905 von Helene Stöcker gegründeten Verein „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ aufzunehmen, mit dem Argument:

„Der Bund Deutscher Frauenvereine bezweckt die Vereinigung aller Organisationen deutscher Frauen, welche die Förderung des weiblichen Geschlechts in wirtschaftlicher, rechtlicher, geistiger und körperlicher Hinsicht und die Hebung des Allgemeinwohls anstreben.“[3]

Der BDF hatte sich 1925 nicht für die Abschaffung des § 218 eingesetzt, vielmehr forderte er die Aufrechterhaltung der Strafbarkeit, aber die Herabsetzung des Strafmaßes und den Erlass der Zuchthausstrafe. Weiter forderte er die Ermächtigung des Arztes, die Schwangerschaft abbrechen zu dürfen, wenn die Gesundheit von Mutter oder Kind gefährdet ist. Dies wurde jedoch nicht durchgesetzt.

Der BDF wollte eine neue gesellschaftliche Einstellung zu verheirateten, berufstätigen Müttern erreichen. Die Frau sollte die Freiheit zur Entscheidung zwischen Arbeit oder Familie zwar haben, aber wenn sie sich für den Beruf entschieden hatte, sollte dieser die Erfüllung und der Mittelpunkt ihres Lebens werden und sie sich ganz und gar ihrer Arbeit widmen.

Die Forderung des Vereins „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“ nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf war für den BDF eine Bedrohung des bürgerlichen Famili-enideals und der Position des Mannes in der Gesellschaft. Daher forderte der BDF, die Hausarbeit der Frauen und Mütter als Beruf anzuerkennen. Die Gründung des „Verbandes Deutscher Hausfrauen“ im Jahr 1915 war ein Versuch, die Hausarbeit hervorzuheben.

Die politischen Rechte und Pflichten der Frauen wandelten sich. In der Zeit der Ernährungskrise durch den ersten Weltkrieg wurden die Fähigkeiten der Hausfrau, nämlich Geschicklichkeit und Erfindungsreichtum, hoch geschätzt und hatten einen hohen Stellenwert in der gesamten Volkswirtschaft.

1902 wurde der „Verband für Frauenstimmrecht“ von radikalen Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung gegründet, dazu zählten z. B. Anita Augspurg, Linda Gustava Heymann, Minna Lauer und Helene Stöcker. Trotz des Widerspruches von Helene Lange forderten sie das Frauenstimmrecht. 1918 erhielten die Frauen das Wahlrecht. Die Weimarer Verfassung enthielt erstmals gleiche Rechte und Pflichten für Männer und Frauen. 1919 waren die Hauptforderungen der ersten Frauenrechtlerinnen nach Gleichheit bei Bildungs- und Berufsmöglichkeiten sowie bei den politischen Rechten und Pflichten erfüllt.[4]

1.2. Die proletarische Frauenbewegung

Anfänge der proletarischen Frauenbewegung waren in jener Zeit zu erkennen, in der Frauen zur Arbeit in der Industrie zugelassen wurden. Die ersten Gründerinnen waren Clara Zetkin und Emma Ihrer. Die proletarische Frauenbewegung war organisatorisch in die sozialistische Arbeiterbewegung integriert und kämpfte mit den Männern ihrer Klasse vereint gegen die Kapitalherrschaft. Die Beseitigung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern war ihrer Meinung nach nur durch die Aufhebung der Gesellschaftsform zu erreichen.

Clara Zetkin, Emma Ihrer und andere konzentrierten sich auf folgende Schwerpunkte: 1. auf die Durchsetzung der Forderung der Arbeiterbewegung allgemein, 2. auf die Durchsetzung der Forderungen von Frauen innerhalb der Arbeiterbewegung und 3. auf die Mitbeteiligung an innerparteilichen Auseinandersetzungen.

Die Männer der Arbeiterbewegung forderten das Recht auf bürgerliche Familienform und hofften, somit Familien gründen und den Unterhalt durch Erwerbsarbeit sichern zu können. Sie lehnten Fabrikarbeiterinnen ab, weil die Zahl der Arbeiterinnen auf Kosten der höher bezahlten männlichen Arbeitskräfte steigen konnte. Je weniger Frauen in der Fabrikarbeit eingesetzt wurden, umso weniger Männer waren arbeitslos und männliche Arbeitskräfte hatten ihr volles höheres Gehalt zur Verfügung. Frauen sollten die Verantwortung für die Haus- und Familienarbeit, die Pflege sowie die Gemütlichkeit und Poesie des häuslichen Lebens tragen.

Im Berufsleben war die Bevorzugung der männlichen Arbeiter gegenüber den weiblichen Arbeiterinnen durch bessere Ausbildung, höhere Entlohnung und größere Körperkraft zu erkennen. Die völlige Gleichheit in Ausbildung, Bezahlung und Berufserfolgen hätte einen zu großen Verlust der männlichen Herrschaftsposition bedeutet. Ihre Argumentation gegen die Erwerbstätigkeit der Frau waren:

- „Mangel an Erziehung
- Überladung der Arbeit
- schlechte Bedingung der Gesundheit“[5].

Für die Männer waren dies Ursachen für physische und moralische Verkommenheit, die verhindert werden konnte, wenn die Arbeit besser und eindeutiger zwischen den Geschlechtern aufgeteilt wäre. Sie strebten die schon erwähnte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung an.

Gemeinsame Ziele der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegungen führten unter anderem zur Erhöhung der Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt. Diese Ziele waren: politische Gleichberechtigung, die Forderung nach gleichem Lohn bei gleicher Arbeit, der Mutterschutz, bessere Arbeitsbedingungen, keine Unterschiede bei den Bildungschancen, das Recht auf Erwerbstätigkeit und die privatrechtliche Gleichstellung. Die bürgerliche Frauenbewegung setzte sich für die Neuaufnahme von ledigen Frauen in mittlere und höhere Berufspositionen ein.

Sie hofften durch höheres Bildungsniveau, guten Arbeitseinsatz und Pflichterfüllung mehr Rechte zu erhalten. Die proletarische Frauenbewegung versuchte, gegen den Ausschluss der Arbeiterinnen vom Arbeitsprozess anzukämpfen und Mitbestimmungsrechte im sozialpolitischen Bereich, wie z. B. das Wahlrecht, zu erhalten.[6]

1.3. Die deutsche Frauenbewegung in der Zeit von 1933 bis 1945

Adolf Hitler sah die Frau als Geschlechts- und Arbeitsgenossin des Mannes. Der Mann sollte der Organisator des Lebens sein und die Frau seine Hilfe und sein Ausführungsorgan. Joseph Goebbels setzte sich dafür ein, dass keine weiblichen Abgeordneten im Parlament sitzen, denn Politik und Wehrhaftigkeit waren nur dem Mann zugeschrieben. Es wurde die „natürliche“ Arbeitsteilung propagiert und klare Grenzen zwischen Männer- und Frauenbereiche gesetzt. Der „Bund Deutscher Frauenvereine“ wurde 1933 aufgelöst und folgte der Aufforderung Lydia Gottschewskis, der Reichsfrauenführerin, sich in die „Deutsche Frauenfront“ zu integrieren. Die Bedingungen zur Aufnahme waren:

- „Bedingungslose Unterstellung unter den Führer der NSDAP
- Anerkennung der Aufgaben, die der nationalsozialistische Staat den Frauen stellt
- Entfernung nicht-arischer Mitglieder aus Vorständen
- Wahl der nationalistischen Frauen in prominenten Positionen“[7].

Einige weitere Frauenvereine, wie z. B. der „Deutsch-Evangelische-Frauenbund“ und der „Haus- und Landfrauenverein“, schlossen sich ebenfalls der „Deutschen Frauenfront“ an. Diese stand unter nationalsozialistischer Leitung.

Der stellvertretende Führer Rudolf Heß gründete mit der NS–Frauenschaft das „Deutsche Frauenwerk“. Leiterin war ab 1934 Gerdrud Scholtz–Klink, die, nach Literaturangabe, wenig Eigeninitiative ergriff und in ihren Reden Parteipropaganda und Hitlerzitate wiedergab.

1933 wurde den Frauen das passive Wahlrecht, die Habilitation an Universitäten und die Zulassung als Richterin sowie Rechtsanwältin entzogen. Die Frau wurde nur noch geschätzt, wenn sie ihrer Pflicht als Hausfrau und Mutter sowie in ihrer biologischen Funktion nachging. 1933 wurde das Ehestandsdarlehen eingeführt, das zum Abbau der Arbeitslosigkeit dienen sollte, das heißt wer geheiratet hat, bekam ein Darlehen. Dieses wurde von der Junggesellensteuer finanziert. Ab 1938 ist ein Pflichtjahr in Haushalt oder Landwirtschaft für junge Frauen eingerichtet worden, bevor sie ihre erste Arbeitsstelle antreten konnten. Das Frauenwerk und die NS–Frauenschaft führten Lehrgänge in Reichsmütterdiensten, Reichsbräuteschulen sowie Frauenhilfsdienste für Wohlfahrts- und Krankenpflege durch. In diesen Lehrgängen wurden den Frauen typische Hausfrauen- und Müttertätigkeiten, z. B. Pflege, Hauswirtschaft, Erziehung und Nähen beigebracht. Diese Tätigkeiten wurden als „wesensgemäß“ der Frau zugeschrieben.

Gisela Brandt und anderen ist bewusst geworden, dass das Bild der Frau je nach politischer und wirtschaftlicher Lage der Gesellschaft bestimmt wird. War die Arbeitslosigkeit der Männer sehr hoch, wurden die Frauen aus der Erwerbstätigkeit gedrängt. Wurden viele Arbeitskräfte benötigt, sind die Frauen wieder zur Erwerbstätigkeit zugelassen worden.[8]

1.4. Die deutsche Frauenbewegung nach 1945

Das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen war nach dem zweiten Weltkrieg stark verschoben. Die meisten Männer waren entweder verstorben, vermisst oder in Gefangenschaft geraten. Die psychische Belastung der Bevölkerung war sehr unterschiedlich. Je nachdem, was sie im Krieg erlebt hatten (Flucht, Vertreibung, Bomben), zu welcher Schicht sie zählten, wie alt sie waren, wie viele Kinder sie betreuten und wie stark ihre politischen Aktivitäten waren, so unterschiedlich war ihre soziale Lage. Die Männer sind durch die Kriegserfahrung meist psychisch labil oder verwirrt gewesen. Sie konnten sich nur schwer an die neue politische und wirtschaftliche Lage gewöhnen, waren meist arbeitslos und mussten sich auf neue Berufe umstellen.

Aus diesen Gründen waren überwiegend die Frauen für den Wiederaufbau Deutschlands verantwortlich. An sie wurden hohe Erwartungen und Forderungen wie Disziplin, Aktivität, Organisationstalent, Durchhaltevermögen, Härte und psychische Kräfte gestellt. Die Frauen erhielten durch die Erfüllung dieser Eigenschaften höhere Anerkennung. Somit konnten 1945 Frauenverbände neu gegründet werden. Meist waren es Verbände, die schon vor 1933 existiert hatten.

Nach dem Krieg hatten sich durch die vier Siegermächte und ihre Besatzungszonen unterschiedliche Interessenvertretungen herausgebildet. In der sowjetischen Besatzungszone schlossen sich 1947 einige Frauenverbände zum „Demokratischen Frauenbund Deutschland“ zusammen.

In den westlichen Besatzungszonen und in West–Berlin wurde 1949 in Bad Pyrmont der „Deutsche Frauenring e. V.“ (künftig DF genannt) als Dachverband der Frauenverbände gegründet. Dieser galt als Nachfolger des „Bundes Deutscher Frauenvereine“ von 1894.

1.5. Die deutsche Frauenbewegung in der BRD nach 1945 und Neugründungen von Frauenprojekten

Der DF konzentrierte sich auf Arbeits- und Berufsfragen von bestimmten Berufsgruppen, jedoch nicht auf die Situation von einzelnen Arbeiterinnen und auch nicht auf die Frage nach Beruf und Familie.

Internationalen Beziehungen wurde vom DF zielstrebig nachgegangen. 1951 wurde er in das „International Council of Women“ in Athen aufgenommen und 1952 in die „International Lyons Alliance of Women“.

Nach etwa 1975 wurden wieder einige Frauenprojekte, wie Gesundheitszentren, femi-nistische Therapien und Frauenhäuser, gegründet. Das erste Frauenhaus in Deutschland wurde in West-Berlin eröffnet. Wegen der Notlage der Frauen in den Frauenhäusern wurden erstmals die Themen „Gewalt in der Ehe“ und „Vergewaltigung“ vermehrt öffentlich diskutiert. 1978 ist der „Notruf für vergewaltigte Frauen“ gegründet worden. Die Frauen erhielten rechtlichen Schutz gegen sexuelle Vergewaltigung. In einigen Städten wurden Beratungsstellen für Mädchen, wie z. B. „Wildwasser“, errichtet. Weitere neu gegründete Frauenprojekte waren unter anderem: Frauenverlage, Frauenbuchläden, Frauenjahrbücher, Frauenband, Frauentheater, Frauen-Freizeiten. Darunter befand sich auch Alice Schwarzer mit ihrer Zeitschrift „EMMA“, die sie 1977 gründete.

1978 wurde der Verein „Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen e. V.“ von Frauen aus Bereichen wie Pädagogik, Soziales, Medizin Architektur, Stadtplanung und Geschichte, gegründet. Dieser strebte nach dem Ziel, interdisziplinäre Forschung, Lehre und Praxis auf nationaler und internationaler Ebene durch wissenschaftliche Diskussionen, Koordination von Projekten und Informationsaustausch voranzubringen. Renate Wiggershaus beschrieb die drei Hauptgruppen der Frauenprojekte wie folgt:

1. Projekte für Aufklärung, Weiterbildung, Selbstverwirklichung, feministische Gegenkultur, Politisierung von Frauen,
2. Projekte gegen „Gewalt gegen Frauen“,
3. Öffentliche Projekte zur gemeinschaftlichen Freizeitgestaltung mit und ohne Kinder.

In den achtziger Jahren wurden, aus England und Italien herrührend, das Erziehungsgeld sowie der Erziehungsurlaub im Gesetz verankert.

Dies entsprach der Forderung der Fauenbewegung, mit der sie Lohn für Hausarbeit verlangte. Die Kindererziehung wurde vom Staat durch finanzielle Unterstützung anerkannt.[9]

1.6. Die Frauenfrage in der DDR

In der DDR wurde die Gleichstellung der Geschlechter als offizielles Ziel der sozialistischen Gesellschaftspolitik genannt. Die Grundsätze und Ziele der SED waren unter anderem die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz ohne Unterschied von Rasse und Geschlecht sowie die Forderung nach Gleichberechtigung der Frau im öffentlichen Leben und im Beruf. Die Frauenfrage war festes Programm der Politik, denn sie ging davon aus, dass Gleichstellung zur Befreiung der Arbeiterklasse von kapitalistischer Ausbeutung sowie Unterdrückung dient. Auch der Abbau von Privateigentum wurde als Hilfe zur Gleichheit und Integration der Frau gesehen, weil es Entlastung von Pflichten im Haushalt und von der Erziehung bedeutete.

In der Öffentlichkeit sollte die Frau präsenter werden, sie sollte dem Mann gleichberechtigt für den Sozialismus eintreten. Dabei stand die Frau aber nicht als persönliches Individuum an erster Stelle. Sie wurde als Mitgestalterin des Sozialismus, Arbeitskraft und Gebärerin betrachtet.

1946 befahl die sowjetische Militäradministration gleiche Entlohnung von Arbeitern und Angestellten bei gleicher Arbeitsleistung unabhängig von Geschlecht und Alter. Diese Anpassung von Frauen und Männern wurde auf eine natürliche Hierarchie der Geschlechter gegründet. Dies wurde z. B. durch die Zuordnung von Berufen zwischen Männer und Frauen deutlich. Frauen wurden hauptsächlich in Tätigkeiten wie Lehrerin, Erzieherin und Krankenschwester beschäftigt. Sie waren nur für die Arbeitsbereiche nicht zugelassen, durch die Gesundheitsschädigungen entstehen könnten.

[...]


[1] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S. 11-16).

[2] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S. 34), (Zeilen 5-6).

[3] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S. 34), (Zeilen 22-25).

[4] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S. 19-26 und 33-38).

[5] Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S. 29), (Zeilen 23-24).

[6] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S. 27-31 und 38-39).

[7] Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S. 43), (Zeilen 6-9).

[8] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S. 42-46).

[9] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: „Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland“, 5., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hannover, 1997, (S.47-52)

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Frauen- und Mutterrollen im Wandel der Zeit und Mutter-Kind-Gruppe als alternative Hilfsform
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
68
Katalognummer
V24003
ISBN (eBook)
9783638269902
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen-, Mutterrollen, Wandel, Zeit, Mutter-Kind-Gruppe, Hilfsform
Arbeit zitieren
Ursula Niederleithner (Autor), 2004, Frauen- und Mutterrollen im Wandel der Zeit und Mutter-Kind-Gruppe als alternative Hilfsform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24003

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