Satanismus und Rechtsextremismus

Der Fall X.


Hausarbeit, 2001

23 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beschreibung der Vorgeschichte zum Mord
2.1. Die Clique
2.2. Das Opfer – Sandro Beyer

3. Der Mord an Sandro Beyer

4. Im Gefängnis

5. Nach der Haft

6. Satanismus (und Black Metal)

7. Rechtsextremismus

8. Erklärungsansätze und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Abend des 29. April 1993 wird der 15-jährige Gymnasiast Sandro Beyer von den damals noch Minderjährigen X., Andreas K. und Sebastian S. in Sondershausen getötet. Sechs Tage nach dem Mord werden die mutmaßlichen Täter gefasst. Diese sind nur zwei Jahre älter als das Opfer. Die anschließenden Kapitel sollen zunächst den Fall mit Schwerpunkt auf die Person X. beschreiben.

Der Fall wird von den Medien als „Satansmord“ tituliert und avanciert in den nachfolgenden Monaten während der Gerichtsverhandlungen und auch während und nach der Haft der drei Jungen zum Medienspektakel schlechthin. Schnell ist in den Medien die Rede von den „Satanskindern von Sondershausen“[1].

Kritischen Betrachtungen halten diese Aussagen nicht stand, so wird sich in dieser Arbeit zeigen. Von einem Satansmord, welcher sich medientechnisch unzweifelhaft gut verkaufen lässt, kann eigentlich nicht die Rede sein. Trotzdem soll sich diese Arbeit mit dem Phänomen „Satanismus“ befassen, da sich alle drei Täter zugehörig zu dieser Szene erklärten. Auf die vielfach diskutierte Verbindung zwischen Satanismus und Black Metal soll in diesem Zusammenhang auch kurz eingegangen werden.

Während und nach der Haft machen alle drei Jugendliche als „Neonazis“ von sich Reden. Anschließend sollen daher die Grundzüge des Rechtsextremismus, besonders hinsichtlich des implizierten Menschenbildes erläutert werden.

Im Anschluss sollen mögliche Gemeinsamkeiten zwischen Rechtsextremismus und Satanismus herausgestellt werden. Es soll der Frage nachgegangen werden, was (wie im Fall X.) einen scheinbar `fließenden´ Übergang vom Satanismus zum Rechtsextremismus für den Einzelnen rechtfertigt. Der letzte Punkt soll mögliche theoretische Modelle aufzeigen, die Erklärungen für das Sympathisieren eines Jugendlichen sowohl mit der Szene des Satanismus als auch mit der Szene des Rechtsextremismus liefern.

2. Beschreibung der Vorgeschichte zum Mord

2.1. Die Clique

In Sondershausen sind Sebastian und X. unter anderem durch ihren selbst gewählten Namen „Kinder des Satans“ bekannt; sie hören die Musikrichtung Black Metal, treffen sich auf Friedhöfen und lieben die Dunkelheit. Auffällig sind sie unter anderem durch ihre Kleidung: Sie ist hauptsächlich schwarz, geschmückt mit umgedrehten Kreuzen, Pentagrammen und Stachelhalsbändern.

Populär ist in dem Ort des weiteren ihre Band „Absurd“, diese probt zunächst in dem örtlichen „Haus der Jugend“, später wird ihnen das untersagt.

Der städtische Jugendpfleger beschreibt X. als „hartnäckigen Schweiger“[2]. Er und Andreas seien verschlossene Typen und in der Gruppe eher die Mitläufer. Sebastian S., im Gegensatz zu seinen beiden Freunden erfolgreich in der Schule, wird als unbestrittener „Anführer der Clique“[3] angesehen. Man beschreibt ihn als „intelligent, charmant und musikalisch begabt“, des weiteren beeindruckt er mit seiner „rhetorischen Begabung“[4]. Auch bei den Mädchen ist er beliebt.

X., Andreas und Sebastian favorisieren verbotene und indizierte Filme, erscheinen angetrunken auf Schulbällen und ernten zusätzliches Entsetzen durch das Aufritzen ihrer Arme in der Öffentlichkeit.

Im Juli 1992 trifft Sebastian auf dem Kirchentag in Erfurt folgende Aussage:

„Wir sind überzeugte Satanisten und beten Luzifer an (...) eine Katze oder einen Hund zu opfern macht uns gar nichts aus“[5]. Er gibt an, in vergleichbarer Form gelte das auch für Menschenopfer.

Ähnliche Äußerungen tätigen Sebastian und X. ebenfalls im wiederholten Maße.

In der Schule hingegen bleiben derartige ethische Meinungsäußerungen aus. Sebastian zum Beispiel schließt sich dem Schulchor an und „verurteilt rechte Gewalt“.[6]

Die Eltern von Sebastian sind Lehrer, ihr Sohn hat viele Freiheiten, sie selber sind es leid, Sebastians provokantem Verhalten Aufmerksamkeit zu schenken.[7]

Andreas´ Mutter, die Erzieherin ist, verbietet ihrem Sohn erfolglos, sich weiterhin mit seiner Clique zu treffen.

X.s Eltern erziehen ihre sechs Kinder „antiautoritär“ und „christlich“ und ermuntern diese, „sich unangepasst zu verhalten“.[8] X.s Vater ist zu dieser Zeit noch CDU–Landtagsabgeordneter.

In einer Schülerzeitung äußert X., er wünsche „den Tod aller Lebewesen“. Des weiteren: „Sandro B. gehört definitiv nicht zu uns, auch wenn er so etwas behaupten mag (...) Im tiefen Wald hört dich niemand schreien!“[9]

2.2 Das Opfer – Sandro Beyer

Sandro Beyer ist nach Aussage seiner Mutter ein „Einzelgänger und Quertreiber“[10]. Mit seinen Eltern hat er als Jugendlicher Konflikte: „Meine Eltern mischen sich in alles ein. Ich habe fast keine Freiheit.“[11] Cornelia Beyer, Sandros Mutter, gibt an, sie „habe versucht den Jungen christlich zu erziehen (...) so gut das in der DDR möglich war.“[12] Sandro lehnt jedoch die Konfirmation ab, die seine Eltern sich für ihn wünschen und entscheidet sich für die Jugendweihe.

Als Sandro vierzehn Jahre alt ist, verschlechtern sich seine Noten in der Schule. Wie viele andere Jugendliche auch, ist Sandro auf der Suche nach Grenzerfahrungen und nach Freunden. Ihn beschäftigen Gedanken an den Tod, er ist unter anderem fasziniert von X.s Clique. Er würde gerne dazugehören und passt sich deshalb auch optisch an: Er kleidet sich schwarz und hört ebenfalls Black Metal. Seine Eltern reagieren mit Empörung.

Sandros Bemühungen, von der Clique akzeptiert zu werden scheitern; er fühlt sich von X., Andreas und Sebastian „ausgenutzt“[13].

Später, Anfang des Jahres 1993, distanziert sich Sandro von der Clique. Als Grund gibt er an, Sebastian habe ihn vor anderen Leuten niedergemacht. Und außerdem habe sich seine Weltanschauung, was den Satanismus betreffe, gewandelt. Über die Clique äußert er sich nun folgendermaßen:

„Die erzählen rum, dass sie LSD konsumieren, Jungfrauen opfern, schwarze Messen zelebrieren, am Untergang der Welt mithelfen. So was ist doch primitiv! Ich könnte ausrasten. Wie doof war ich denn, mich mit solchen Dingen zu identifizieren?“[14]

Er fängt an, sich über seine einstigen Idole lustig zu machen.

3. Der Mord an Sandro Beyer

Sebastian lernt Kirsten, eine 26-jährige verheiratete Katechistin kennen und engagiert sich mit ihr gemeinsam für den Tierschutz. Er verliebt sich in sie, trifft sich aber weiterhin mit X. und der Clique.

X. und die anderen Jugendlichen drehen Horrorvideos nach Manuskripten, die X. zuvor aufgeschrieben hat. Die Videos handeln von Hinrichtungen und anderen Gewalttätigkeiten. Mit derselben Thematik befassen sich jetzt auch die Texte ihrer Band „Absurd“. Die Band trifft sich jetzt im Gartenhaus der Familie X..

In der Clique beginnt es zu kriseln, X. befürchtet, Kirsten könne Sebastian „in puncto Religion den Kopf verdreht“ haben.[15]

Sandro gelingt es, X.s und Sebastians Liste verbotener Videofilme an sich zu bringen, ebenso anderes Material, welches die Clique juristisch belasten könnte. Daraufhin werden Drohungen von X. laut: „You will die. Satan awaits!“[16]

Als Sandro außerdem noch beginnt, sich über die Freundschaft zwischen Sebastian und Kirsten lustig zu machen, spitzt sich die Situation zu. Drei Wochen vor der Tat, erkundigt sich Sandros Vater bei Kirsten, „ob sein Sohn in Gefahr sei“.[17] Diese beruhigt ihn und garantiert ihm, dass Sandro von Sebastian nichts zu befürchten habe.

Sandro erhält einen fingierten Brief, der angeblich von einer Mitschülerin stammt. In dem Brief steht, dass Mädchen fühle sich ebenfalls von den Jungen von „Absurd“ „fallen gelassen und verstoßen“.[18] Sie lädt ihn zu einem Erfahrungsaustausch im Wald ein. Als Sandro erscheint, warten am Treffpunkt Sebastian, Andreas und X. auf ihn. Sandro wundert sich über diesen Sachverhalt, lässt sich dennoch aus Neugierde auf ein Gespräch ein. Die Clique, so die Aussage der Angeklagten später, hat zu diesem Zeitpunkt vor, Sandro wegen der Liste der Horrorvideos und den Gerüchten um die Beziehung zwischen Sebastian und Kirsten zur Rede zu stellen. Um ungestört reden zu können, verlegen sie ihr Treffen in das Gartenhaus von X.s Eltern. X. und Andreas sagen später aus, Sandros Tod sei ein Unfall gewesen, Sebastian hingegen stellt die Tat als „kaltblütig geplanten Mord“ dar.[19]

Im Gartenhaus fordern die drei Jungen Sandro auf, sein Verhalten zu ändern. Spätestens als Sandro daraufhin lautstark seine konträre Meinung äußert, gerät die Situation außer Kontrolle. Andreas legt Sandro von hinten ein Elektrokabel um den Hals und zieht einige Male fest zu. Sandro bekommt Angst, versucht sich zu befreien und ruft um Hilfe. Andreas und Sebastian halten Sandro fest, während X. mit einem Messer vor Sandros Augen herumhantiert. Bei seinen Fluchtversuchen gerät Sandros Arm unabsichtlich in das Messer, woraufhin er sich in Panik noch stärker wehrt. Die drei Jungen fesseln ihn. Sandro verspricht, ihnen 500 DM zu geben und nichts zu verraten, wenn sie ihn gehen ließen. Sebastian, X. und Andreas glauben ihm nicht, und beraten sich flüsternd. Als Sandro erneut um Hilfe ruft, sehen die drei Jungen als einzigen Ausweg aus dieser Situation Sandros Tod, damit „er nicht verraten kann, was sie ihm zuvor angetan haben“[20]. Sandro wird mit einem Elektrokabel erwürgt. Seine Leiche wird am nächsten Morgen vergraben.

Die Polizei wird von Schulfreunden alarmiert, denen die Jugendlichen die Tat anvertraut hatten.

Während X. und Andreas die Tat zunächst leugnen, ist Sebastian zu einem sehr umfassenden Geständnis bereit.

Sebastian und X. bekommen vor Gericht je acht Jahre Jugendstrafe, Andreas wegen verminderter Schuldfähigkeit sechs. Als Erklärung für das Verbrechen an Sandro Beyer sah der für den Fall zuständige Richter die Horrorfilme, die Beschäftigung mit dem Satanismus und die Black Metal Musik. Ein Satansmord ist es in seinen Augen nicht gewesen. „Es war in gewisser Hinsicht ein Satansmord aufgrund dieses Hintergrundes, aber die Ausführung der Tat hatte nicht das Geringste mit einem Ritual oder einer satanischen Tat zu tun. Es fehlt jeder rituelle Hintergrund und die Ausstaffierung.“[21]

[...]


[1] Bild: 05 / 1993

[2] Nordhausen / Billerbeck 2001: 277

[3] Nordhausen / Billerbeck 2001: 277

[4] siehe ebd.

[5] Nordhausen / Billerbeck 2001: 278

[6] siehe ebd.

[7] Nordhausen / Billerbeck 2001: 279

[8] siehe ebd.

[9] Nordhausen / Billerbeck 2001: 277

[10] Nordhausen / Billerbeck 2001: 280

[11] Nordhausen / Billerbeck 2001: 280

[12] Nordhausen / Billerbeck 2001: 280

[13] Nordhausen / Billerbeck 2001: 281

[14] Nordhausen / Billerbeck 2001: 281

[15] Nordhausen / Billerbeck 2001: 283

[16] Nordhausen / Billerbeck 2001: 283

[17] siehe ebd.

[18] siehe ebd.

[19] Nordhausen / Billerbeck 2001: 288

[20] Nordhausen / Billerbeck 2001: 288

[21] Hessischer Rundfunk 1994

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Satanismus und Rechtsextremismus
Untertitel
Der Fall X.
Hochschule
Universität Bielefeld  (Pädagogische Fakultät)
Veranstaltung
Rechtsextremismus
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V24025
ISBN (eBook)
9783638270045
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Satanismus, Rechtsextremismus
Arbeit zitieren
Katja Wissmann (Autor), 2001, Satanismus und Rechtsextremismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24025

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