Karl May gilt als einer der meistgelesene deutsche Unterhaltungsschriftsteller. Seine Reiseerzählungen von Kara Ben Nemsi, dem deutschen Abenteurer, und seinem Gefährten, dem gläubigen Moslem Hadschi Halef Omar, im Orient sowie seine Wild-West-Romane mit Winnetou und Old Shatterhand sind Klassiker geworden. Die Auflage seiner Bücher im deutschen Sprachraum wird mit rund 75 Millionen Exemplaren angegeben. Seine Werke sind in 29 Sprachen für weltweit fast 200 Millionen Leser übersetzt worden. Daneben wurden viele seiner Romane erfolgreich verfilmt.
Vor dem Hintergrund der historischen Situation des imperialistischen Machstrebens der westlichen Kulturen lassen sich in Mays Roman ‚Durchs wilde Kurdistan’ Rückschlüsse auf das damals vorherrschende Orientbild ziehen. Durch die im 19. Jahrhundert vorherrschende Faszination des Orients reiht sich May mit seinem ‚Orientzyklus’ in diese Mode ein. Dass er neben der reinen Darstellung keine, auch heute noch bestehenden, Stereotype auslässt, kann ihm sicher angekreidet werden. Trotzdem üben die Mays Erzählungen nach wie vor eine gewisse Anziehungskraft auf die weltweite Leserschaft aus. Sei es beim jugendlichen Leser, für den der Abenteuerroman im Vordergrund steht, oder als Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen. Damit kann die abenteuerliche Reise von Kara Ben Nemsi durch Arabien und den Balkan stellvertretend für die kulturelle Auseinandersetzung von Orient und Okzident gesehen werden.
Dieser Aufsatz versucht die landläufig gängige Meinung des Orients zu skizzieren, und zwar so, wie sie vornehmlich durch den Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi geschildert wird. Gleichzeitig kann dabei die Meinung seines Schöpfers Karl May, der sich über die Maßen mit dieser Figur identifizierte, nicht außer Acht gelassen werden. Außerdem soll die Darstellung des religiösen Aspektes hinsichtlich der westlichen Vorurteile überprüft werden. Immerhin ist ein gewisser Missionierungseifer Mays nicht zu verleugnen. Ausgehend von dieser Grundlage kann schließlich das allgemeine Orient-Bild, das häufig durch Vorurteile hervorgerufen und untermauert wird, in einen Gesamtzusammenhang gebracht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Leben und Werk Karl Mays
3. Historische Einordnung
4. Die Darstellung des Orients in „Durchs wilde Kurdistan“
4.1 Vorbemerkungen
4.2 Zusammenfassung von „Durchs wilde Kurdistan“
4.3 Kara Ben Nemsis Auftreten im Orient
4.4 Kara Ben Nemsi, der Missionar
4.5 Die Verwendung von Stereotypen
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung des Orients in Karl Mays Reiseerzählung „Durchs wilde Kurdistan“ unter Berücksichtigung kolonialistischer und interkultureller Aspekte, wobei insbesondere die Rolle des Protagonisten Kara Ben Nemsi und dessen Interaktion mit der orientalischen Kultur analysiert wird.
- Analyse des Orientbildes im 19. Jahrhundert anhand von Karl Mays Werk
- Untersuchung der Identifikation des Autors mit seinem Helden Kara Ben Nemsi
- Reflexion über religiöse Aspekte und westliche Vorurteile
- Diskussion der Fiktionalität vs. Realitätsanspruch in Reiseerzählungen
- Kritische Würdigung der Stereotypisierung im Kontext zeitgenössischer Literatur
Auszug aus dem Buch
4.3 Kara Ben Nemsis Auftreten im Orient
Besonders auffällig bei der Lektüre des Romans ist, dass es Kara Ben Nemsi relativ mühelos gelingt, sich zwischen den verfeindeten Kulturen der Türken, Kurden, Christen und Araber zu bewegen. Er verfügt von Anfang an über ein großes Wissen der fremden Kulturen und kennt deren spezifische, regionale Gebräuche. Außerdem beherrscht er alle Sprachen, und wenn nicht, lernt er sie innerhalb kürzester Zeit. Durch seine, auch selbst bescheinigte, Überlegenheit kann er fast alle Gefahren meistern. Kara Ben Nemsi tritt den Kulturen zwar weitgehend tolerant gegenüber, wird aber doch als der im Endeffekt in jeglicher Hinsicht Überlegene dargestellt: Sei es beim Anschleichen an die einen Hinterhalt planenden Türken, wo er „natürlich […] am schnellsten voran [kam]“ oder beim Entdecken einer mit Geheimtinte verfassten Botschaft, die er mit folgenden Worten kommentiert: „Trage keine Sorge! Ein Effendi aus dem Abendland weiß mit solchen Dingen umzugehen.“ Kara Ben Nemsi ist immer der strahlende Held, der jedem überlegen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema, Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich des Orientbildes in Karl Mays Werken und Überblick über die verwendete Forschungsliteratur.
2. Leben und Werk Karl Mays: Biografischer Abriss von Karl May, der seine persönliche Entwicklung, seine Orientreise und den Einfluss seiner Erfahrungen auf sein schriftstellerisches Schaffen beleuchtet.
3. Historische Einordnung: Analyse des zeitgeschichtlichen Kontextes des späten 19. Jahrhunderts, insbesondere des Imperialismus, Kolonialismus und Militarismus in Deutschland.
4. Die Darstellung des Orients in „Durchs wilde Kurdistan“: Hauptteil der Arbeit, der die literarische Gestaltung des Orients durch Kara Ben Nemsi, dessen Missionierungseifer und den Einsatz von Stereotypen untersucht.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse, in der Karl Mays Werk als Unterhaltungsliteratur mit orientalistischen Zügen eingeordnet und zur Differenzierung zwischen Fiktion und Realität aufgerufen wird.
Schlüsselwörter
Karl May, Durchs wilde Kurdistan, Kara Ben Nemsi, Orientalismus, Orientbild, Kolonialismus, Reiseerzählung, Islam, Stereotype, Unterhaltungsliteratur, Literaturwissenschaft, West-Ost-Beziehung, Interkulturalität, Missionierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung des Orients in Karl Mays Reiseerzählung „Durchs wilde Kurdistan“ und prüft, inwieweit das Werk kolonialistische Züge oder Vorurteile transportiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die zeitgenössische Orientalismusforschung, den historischen Hintergrund des deutschen Kaiserreiches, die Rolle des Protagonisten Kara Ben Nemsi und die literarische Konstruktion des Orients.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die landläufige Meinung über den Orient, wie sie durch die Figur des Kara Ben Nemsi geschildert wird, zu skizzieren und kritisch hinsichtlich der westlichen Vorurteile und des Missionierungseifers Mays zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit zeitgenössischer Sekundärliteratur und kulturhistorischen Kontexten verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Auftreten des Helden, seine Rolle als vermeintlicher Missionar, die Verwendung kultureller Stereotype sowie die Zusammenfassung und Einordnung der Handlung von „Durchs wilde Kurdistan“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Orientalismus, Kara Ben Nemsi, Karl May, kulturelle Identität, Fiktionalität und Kolonialismus.
Inwiefern beeinflusst Karl Mays eigene Biografie das Werk?
Die Arbeit zeigt auf, dass May seine eigenen Wünsche und Identifikationsbedürfnisse stark auf die Figur des Kara Ben Nemsi projizierte und dass die Diskrepanz zwischen seinen fiktionalen Traumwelten und der realen Orientreise sein Schreiben maßgeblich prägte.
Welche Rolle spielt die Figur des Hadschi Halef Omar?
Halef dient laut der Arbeit als Kontrastfigur und als „Entwicklungsethik“, an der exemplarisch gezeigt wird, wie ein Orientale durch den Einfluss des kulturell überlegenen Europäers reifen kann.
- Quote paper
- M.A. Florian Schneider (Author), 2003, Karl Mays Orientdarstellung am Beispiel der Reiseerzählung "Durchs wilde Kurdistan". Unterhaltungsroman, Reiseerzählung oder Missionarsschrift?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24055