Das Trancephänomen in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“


Seminararbeit, 2001

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einführung

II) Deutungsansätze
1) Der astrologische Ansatz von Walter Blank
2) Der psychologische Ansatz von Klaus Ridder
3) Der soziologische Ansatz von Walter Delabar

III) Vergleich der Ansätze und Deutung am Text

I) Einführung

„sus begunder sich verdenken“[1] umschreibt Wolfram von Eschenbach selbst den Trancezustand Parzivals in der sogenannten Blutstropfenepisode. Trance, was ist das? Was passiert mit der erlebenden Person während eines solchen Zustands? In welchem imaginären Raum befindet sich die Person? Welches Moment löst die Trance aus? Dies alles waren Fragen, die mich bei der Themenwahl leiteten. Bei einem Blick in die Sekundärliteratur wird sofort ein Problem offenkundig: In seiner Undurchsichtigkeit ist der Trancezustand wenig greifbar. Steigert sich dadurch die Interessantheit des Themas, ist aber auch die Deutung umso komplexer, nicht zuletzt, weil das Wesen der Trance in der mittelalterlichen Literatur nicht unbedingt dem entsprechen muß, was wir heute darunter verstehen. Die Bewußtheit eines Seeleninnenraums und damit auch ein psychologisches Verständnis solcher Phänomene existierte im Mittelalter noch nicht. Sie entstand erst im 17./ 18. Jahrhundert. Trotzdem wird auch bei Eschenbach schon deutlich, daß die in Trance befindliche Person in einen „anderen, imaginären Raum“ eintritt und die „äußere, materielle Realität“ für einen bestimmten Zeitraum verläßt. Für die Interpretationen solch eines Zustands der „Unerreichbarkeit“ bedeutet das, daß sie letztlich allesamt „von außen“ herangetragen werden müssen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Ansätze in der Sekundärliteratur zum Trancephänomen in Wolfram von Eschenbachs ‚Parzival‘ an völlig unterschiedlichen Fragestellungen ansetzen um sich dem Phänomen auf greifbare Art und Weise zu nähern. Hier soll trotz aller Unterschiedlichkeit ein Vergleich der verschiedenen Ansätze von Walter Blank, Klaus Ridder und Walter Delabar versucht, und diese auf Ihre Funktionalität zur Erklärung von Parzivals Trancezustand hin überprüft werden. Zuletzt soll die betreffende Textstelle selbst herangezogen werden, um zu sehen, was sie selbst für Erklärungen liefert.

II) Deutungsansätze

1) Der astrologische Ansatz von Walter Blank

Walter Blank stellt sich bei seiner Betrachtung der Blutstropfenepisode die Frage nach den Einflüssen, die die Trance ausgelöst haben. Er begreift die Trance, in die Parzival fällt, als spezielle Form der Melancholie. Melancholie im mittelalterlichen Verständnis unterscheidet sich allerdings von dem Neuzeitlichen grundlegend. Während die Neuzeit gemäß ihres psychologischen Wissens endogene Ursachen sieht, diese also als „Krankheit“ gilt, ist die Melancholie im Mittelalter innerhalb der damals verbreiteten Säftelehre mit ihren vier Elementen Wasser, Feuer, Erde, Luft als innerkörperliches Phänomen direkt in Bezug zu setzen zum äußeren Kosmos. Blank orientiert sich mit seinem Ansatz also an der Weltsicht des Mittelalters, die den Mikrokosmos Mensch in direkter Spiegelung zum Makrokosmos Welt begreift. Da Mikro- und Makrokosmos aber letztlich identisch sind, ist die Trennung zwischen innen und außen zwar definitiv, aber nicht wirklich relevant. Demgemäß sucht Blank eine Erklärung des Trancezustands im „Außen“, konkret, in den astrologischen Gestirnseinflüssen des Planeten Saturn. In der Astrologie steht der Planet Saturn für bestimmte Qualitäten, er ist dem Element Erde zugeordnet, dem Saft der schwarzen Galle, der Jahreszeit Herbst und den astrologischen Erdzeichen, speziell dem Steinbock.[2] Andererseits steht der Saturn aber auch für ein bestimmtes astrologisches Thema, das Blank im Königsweg, den Parzival zurückzulegen hat, bevor er rechtmäßiger Gralsherrscher wird, wiederzuerkennen meint. In dem Saturn zugeordneten Themenkreis geht es vor allem um die Überwindung von Schwierigkeiten in verschiedenen Bereichen des materiellen Lebens. Stichworte, die dem zugeordnet sind, sind Arbeit, Verantwortung, Reife, Disziplin, Karriere. Parzival muß die Schwierigkeiten, die Ihm durch seine familiäre Herkunft und sein Schicksal in den Weg gelegt werden, erst überwinden und eben jene Verantwortung, Reife und Disziplin erlangen, ehe er der Herrscherposition würdig ist.[3]

Ist Parzival also ein „Saturnkind“[4] ? Blank hebt den Einfluß des Planeten Saturn an unterschiedlichen Stellen des Textes hervor. Er weist auf die Bedeutung der Planetenkonstellationen hin, die an all diesen Stellen unmittelbar mit der Handlung verknüpft ist. In der Blutstropfenepisode ist es „saturnische Kälte“[5] im Mai, da Schnee fällt, die auf dieselbe Saturnkonstellation rückschließen läßt, die auch auf der Gralsburg für die Leiden des König Anfortas verantwortlich zu machen ist. Als Beweis für die These, daß Parzivals Trance von einer Saturnkonstellation ausgelöst wurde, dienen ihm die „Melancholikersymptome“ die er bei Parzival während der Trance diagnostiziert:

„Das tiefe Nachdenken, die übergroße Minne, der Verlust des Verstandes, Realitätsverlust, die Verlagerung des Interesses von außen nach innen, die Konzentration und Unbeirrbarkeit, (...) Befähigung zu wesentlichen Erfahrungen über die konkrete Raum-Zeit-Situation hinweg.“[6]

Daß Parzival nicht nur während der Blutstropfenepisode vom Saturn beeinflußt wird, sondern seinem ganzen Wesen nach saturnisch ist, zeigt sein dem Roman inhärenter Lebensweg: Er verfolgt sein Doppelziel trotz saturnischer Einschränkungen, zum Beispiel seine durch die Mutter bestimmte falsche Erziehung oder seine Unwissenheit, mit der er Ither erschlägt und durch welche er somit Schuld auf sich lädt. Prinzipiell setzt Blank den Melancholiker mit dem Saturnkind gleich, was die Symptomatik des Verhaltens in der Blutstropfenepisode angeht. Unterschiede zeigen sich jedoch in der „religiöse(n) Konnotation“[7] Saturns, die im Parzival-Roman an mehreren Stellen zum Ausdruck kommt: Eine besondere, seltene kosmische Konstellation, die nur alle 500 Jahre eintritt, begleitet Parzivals Berufung zum Herrscher. Im Unterschied zum reinen Melancholiker bekommt Parzival in seiner saturnischen Prägung eine weitere Dimension: Kosmische Erwähltheit.

2) Der psychologische Ansatz von Klaus Ridder

Orientierte sich der Ansatz von Blank mehr am mittelalterlichen Verständnis von Emotion, so liegt Ridders Ansatz ein eher modernes, psychologisierendes Emotionalitätsverständnis zugrunde. Er fragt nach den psychologischen Ursachen der Trance. Diese spiegeln sich in einem zentralen Thema, das in der Textstruktur wiederkehrt und das wiederum wurzelt in der Kindheitserfahrung des Helden mit seinen Eltern. Das Thema das in der Tranceerfahrung zum Tragen kommt, ist laut Ridder Erinnerung:

„‘Sobald ich mich erinnere, nehme ich an einem größeren Spiel teil. Die Soziogenese unserer Erinnerungen und die Gedächtnishaftigkeit unserer Kultur greifen ineinander. Deswegen gibt es diese klare Trennung zwischen Innen und Außen hier gar nicht. Wir bewegen uns in einem riesigen Zwischenreich‘“[8]

[...]


[1] von Eschenbach, Wolfram: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von K. Lachmann. Übersetzung von P. Knecht. Einführung zum Text von B. Schirok, Berlin und New York 1998, (283/ 16). Im weiteren Textverlauf sind die Belegstellen der mittelalterlichen Zitate direkt in den laufenden Text eingefügt, wohingegen die Belegstellen der Zitate aus der Sekundärliteratur in Fußnoten erscheinen.

[2] Eine vollständige Aufzählung der Zuordnungen findet sich in Blank, Walter: Der Melancholiker als Romanheld. Zum deutschen ‚Prosa Lancelot‘, Hartmanns ‚Iwein‘ und Wolframs ‚Parzival‘. In: Ist mir getroumet mîn leben? Vom Träumen und vom Anderssein. Festschrift für Karl-Ernst geith zum 65. Geburtstag. Hrsg. von A. Schnyder, Claudia Bertholemy- Teusch, B. Fleith, R. Wetzel, Göppingen 1998, S. 15

[3] Zu den Themen des Planeten Saturn siehe Sakoian, Frances, Acker, Louis S.: Das große Lehrbuch der Astrologie. Knaur, München 1979, S.222 ff.

[4] Blank, Walter, a.a.O., S. 15

[5] Blank, Walter, a.a.O., S. 16

[6] Blank, Walter, a.a.O., S. 16

[7] Blank, Walter, a.a.O., S. 17

[8] Ridder zitiert hier Assmann, Jan. In: Die Zeit Nr.50 (1998), S. 44

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Trancephänomen in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
GK C ÄdL „Traurige Helden"
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V24139
ISBN (eBook)
9783638270793
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit 'sus begunder sich verdenken', umschreibt Wolfram von Eschenbach selbst den Trancezustand Parzivals in der sogenannten Blutstropfenepisode. Trance, was ist das? Was passiert mit der erlebenden Person während eines solchen Zustands? Die Arbeit stellt drei verschiedene Deutungsansätze vor, die sich der Frage widmen, wie die Blutstropfenepisode verstanden werden kann, und vergleicht diese in einem extra Kapitel miteinander.
Schlagworte
Trancephänomen, Wolfram, Eschenbachs, Helden
Arbeit zitieren
Petra Leitmeir (Autor:in), 2001, Das Trancephänomen in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24139

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