Empfindsamkeit im Briefroman- Sophie von la Roche: Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim


Seminararbeit, 2000
19 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Empfindsamkeit
1. Begriff
2. Zeitliche Einordnung
3. Herkunft des Begriffes
4. Sozialgeschichtlicher Aspekt
5. Empfindsamkeit als literarische und ästhetische Gattung

II) Sophie von La Roche
1. Biographische Eckdaten
2. Zur Geschichte des Fräuleins von Sternheim

III) Die Darstellung von Gefühl in der Geschichte des Fräuleins von Sternheim
1. Zur Form des Briefromans
2. Zur Unterschiedlichkeit der Gefühle bei den ProtagonistInnen
a) Gefühl bei Sophie
b) Gefühl bei Lord Rich
c) Gefühl bei Lord Seymour
d) Gefühl bei Lord Derby
e) Fazit

IV) Albrecht Koschorke: Alphabetisation und Empfindsamkeit
1. Hauptansatz
2. Die Argumentation der einzelnen Paragraphen
a) Affekte und Abwesenheit
b) Entstehung „imaginierter Unmittelbarkeit“
c) Empfindsamkeit und soziale Opposition und die Absenz der Innerlichkeit
d) Seelenfreundschaft als Modell der Überwindung von Körperlichkeit
e) Zum Verhältnis von Sprache und Empfindung
f) Zusammenhang mit dem Weiblichkeitsideal der Empfindsamkeit und dem Tugendbegriff
g) Auswirkungen auf den Literaturbegriff

I) Empfindsamkeit

1. Begriff

Der Begriff der Empfindsamkeit taucht zuerst 1760 in Übersetzungen aus dem Englischen zunächst in zwei Bedeutungskontexten auf. Erstens als„ moralische Zärtlichkeit“, das heißt im Sinne freundschaftlicher und verwandtschaftlicher Gefühle, vor allem der Liebe. Dies bezeichnet auch die „Tugendempfindsamkeit“. In einem zweiten Bedeutungskontext meint Empfindsamkeit die Fähigkeit, sinnliche Empfindungen wahrzunehmen im Sinne einer „ physischen Empfindsamkeit “ der Nerven und Organe.

Dem Begriff entsprechen im pejorativen Gebrauch die Worte „sentimental“, „sentimentalisieren“, „Sentimentalist“.[1]

2. Zeitliche Einordnung

Als Tendenz tritt die Empfindsamkeit bereits zwischen 1740 und 1760 als „Zärtlichkeit“ vor allem in moralisierenden Wochenschriften auf. Sie avanciert zur literarischen Modeerscheinung zwischen 1760 und 1770. Vorläufer der literarischen Tendenz in Deutschland sind die englische Sentimental Comedy (ab 1700) und die Romane von Samuel Richardson und Laurence Sterne (ab 1740). In Deutschland verliert sich der moralische Anspruch der Empfindsamkeit in der Romantik und wird psychologisch und ästhetisch ersetzt.[2]

3. Herkunft des Begriffes

Der Begriff wird als „Säkularisation des Pietismus“[3] verstanden, er ist aber nicht notwendigerweise an die Religion des Pietismus geknüpft. Die englische Moralphilosophie steht insofern in Zusammenhang mit der Empfindsamkeit als sie davon ausgeht, daß jedem menschlichen ein natürliches Gesetz eingeschrieben ist, wobei die Vernunft als Regulativ gegen ungezügelte Affekte dient. Affekte sind unter Leitung dieses moralischen Gefühls legitim, darüber hinaus sind sie lasterhaft.[4]

Außerdem beeinflußt die Naturrechtslehre mit ihrer Forderung nach „Menschenliebe“ und „Mitleid“ die Empfindsamkeit.

4. Sozialgeschichtlicher Aspekt

Adel wie Bürgertum sind beide Träger der neuen literarischen Tendenz. Aber auch

wirtschaftliche und damit einhergehende gesellschaftliche Veränderungen begünstigen die Empfindsamkeit: Die Kern- und Kleinfamilie löst den Familien- und Produktionsbetrieb des „Ganzen Hauses“ ab: Diese Privatisierung führt zur Entstehung neuer Privaträume.

Frauen spielen in dieser neuen Privatsphäre eine Schlüsselrolle, sie wurden als Leserinnen, Mütter, Frauen und Erzieherinnen angesprochen.[5]

5. Empfindsamkeit als literarische und ästhetische Gattung

In den einzelnen literarischen Gattungen (Roman, Brief, Tagebuchroman) taucht die Empfindsamkeit neben aufklärerischen Tendenzen auf.

Die Empfindsamkeit interessiert sich für Physiognomik und Pathognomik, nonverbale Äußerungen in Gebärde, Geste und Bewegung des Körpers werden beobachtet.

Zu den bevorzugten Motiven zählen der Topos der „schönen Seele“, Freundschaft, Familie und melancholische Naturszenarien: Mond, Sonnenauf- und untergang, Ruinen, Gräber, englische Parks, Natur und Landschaft sind bevorzugte „Anlässe des Empfindens“.

Die Problematik von Empfindung und Privatsprache findet ihren Ausdruck im Unsagbarkeitstopos, in Auslassungen, Gedankenstrichen und elliptischen Stilfiguren als bevorzugte literarische Stilmittel.

Trotz dieser vielfältigen Kennzeichen und Eigenheiten gilt die literarische Empfindsamkeit in der Forschung lediglich als Tendenz, nicht als eigener Epochen- oder Stilbegriff.[6]

II) Sophie von La Roche

1. Biographische Eckdaten

Marie Sophie Gutermann wird am 6.12. 1730 in Kaufbeuren geboren.

Sie erhält die klassische pietistische Mädchenerziehung. Ihr Vater, ein Arzt, fördert früh ihre Begabungen. Sie erhält Unterricht in Französisch, Tanzen, Malen, Klavier, den damals für Mädchen üblichen Fächern. Sophie jedoch bildet sich autodidaktisch weiter, doch blieb ihre Möglichkeit der Selbstentfaltung zeitlebens an Männer gebunden:

Ihr erster Verlobter Gian Lodovico Bianconi, Kollege des Vaters, erteilt ihr mit 17 Jahren Unterricht in Italienisch, Kunstgeschichte, Gesang, Mathematik; die Verlobung wird allerdings aufgrund eines Konfessionsstreits zwischen Verlobtem und Vater gelöst.

In Biberach an der Riß lernt sie 19jährig den 17jährigen Christoph Martin Wieland kennen. Zwischen den beiden entsteht eine Seelenfreundschaft, die in eine spätere Verlobung mündet: Beim intellektuellen Austausch bleibt Sophie mit ihrer Privatbildung dem jüngeren männlichen Schriftsteller unterlegen.

1753 heiratet sie den Verwaltungsfachmann Georg Michael Frank La Roche (katholischer Rat und Privatsekretär bei Friedrich Graf von Stadion). Seine Stellung hat für sie ein

Leben am kurfürstlichen Hof in Mainz, Bönningheim und Warthausen zur Folge, immer in Abhängigkeit von Graf Stadion, dem Arbeitgeber des Mannes.

Nach dem Ende der Karriere des Ehemanns leben die La Roches in Speyer und Offenbach

Durch den Rang ihres Mannes kommt sie zeitlebens mit der Hofgesellschaft in Kontakt, führt aber selbst ein bürgerliches Familienleben. Die Spannung zwischen Hofgesellschaft und Bürgertum thematisiert sie auch in der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“.

Sophies Schreiben ermöglicht ihr eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit von ihrem Mann, ausserdem entgagiert sie sich für die Frauenbildung, ab 1783 gibt sie die Zeitschrift „Pomona“ heraus. Sie stirbt am 18.2.1807 in Offenbach.[7]

2. Zur Geschichte des Fräuleins von Sternheim

Die GdFvS[8] erscheint 1771, herausgegeben von Christoph Martin Wieland. Es ist der erste von einer Frau verfaßte Bildungsroman:

Von ihm wurden die Fußnoten hinzugefügt, wo er das allgemeine moralische Empfinden verletzt sah einerseits, um die schriftstellerische Tätigkeit der La Roche zu rechtfertigen andererseits um sich den Rücken zu decken falls das Buch von der literarischen Öffentlichkeit abgelehnt werden würde.[9]

Ihr Schreiben legitimiert sie vor allem durch diese „erzieherischen Absichten“. Mit der Sternheim habe sie ein „papierernes Mädchen erziehen wollen“, tatsächlich aber war ihr Schreiben ein „Bedürfnis der Seele“.[10]

Diese Enthüllung der innersten Seelenvorgänge der Heldin wird sowohl von Vertretern der Aufklärung als auch des Sturm und Drangs mit Begeisterung aufgenommen. Erstere fanden Gefallen an der Idealisierung, zweitere an der Psychologisierung der Heldin. Die GsFvS machte Sophie von La Roche zwar bekannt, von offiziellen literarischen Kreisen blieb sie als „Autodidaktin“ jedoch zeitlebens ausgeschlossen. Sie galt als Dillettantin.[11]

Außerdem kommt es zu einer Identifikation Sophie von La Roches mit ihrer Romanheldin, man wollte sie auf die „empfindsame Seele“ festlegen, und negierte dabei ihr Schreiben: „Sie beurtheilen ein Buch- es ist eine Menschenseele“.[12] Als alternde Schriftstellerin blieb ihr aus diesen beiden Gründen weitere Anerkennung versagt.

III) Die Darstellung von Gefühl in der Geschichte des Fräuleins von Sternheim

1. Zur Form des Briefromans:

Die Form des Briefromans ermöglicht die Sicht auf ein und dasselbe Geschehen aus verschiedenen Perspektiven, wobei sich die Perspektive auf das Geschehen an die inneren Seelenvorgänge des jeweilig unterschiedlichen Charakters knüpft.

Ein Beispiel hierfür ist Sophies Verhalten auf dem Landfest des Grafen F: S. 134 ff, welches aus der Sicht Derbys wie folgt geschildert wird: „Sie war munter und sprach mit allen Damen auf das gefälligste“.[13] Lord Seymour nimmt Sophie anders wahr: „Mit wieviel niederträchtiger Gefälligkeit bot sie ihm Sorbet an, schwatzte mit ihm, tanzte mit ihm englisch mit einem Eifer, den sie sonst nur für die Tugend zeigte“.[14] Sophies eigene Sicht auf die Dinge ist wiederum eine andere: „Die Gräfin F, welche mich nötigte ihm eine Schale Sorbet anzubieten, brachte mich in eine Verlegenheit, die mir ganz zuwider war“.[15] Ihre Fröhlichkeit erklärt sie durch die „unbegrenzte Aussicht in das Reich der Natur“.[16]

Zweitens läßt die durch die Form des Briefs geschaffene Innerlichkeit und Privatzität eine sichtbar zu machen: „Das Gefühl ist stark an den Charakter gebunden“.[17] Dies soll anhand des folgenden Kapitels erläutert werden.

[...]


[1] Sauder Gerhard: Empfindsamkeit. In: Killy Walther: Literatur Lexikon. Bd. 13. Bertelsmann Lexikon Verlag. Güthersloh/ München 1992, S.202-206

[2] Sauder, a.a.O.

[3] Sauder, a.a.O.

[4] nach Sauder, a.a.O.

[5] Stock, a.a.O., S.161

[6] Sauder, a.a.O.

[7] Manger, Klaus: Sophie von La Roche. In: Killy Walther: Literatur Lexikon. Bd. 7. Bertelsmann Lexikon Verlag. Güthersloh/ München 1990, S.153-155

[8] Im weiteren Textverlauf gebraucht für „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“.

[9] Barbara Becker-Cantarino: Nachwort. In: Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, S.398

[10] Becker-Cantarino, a.a.O., S.394

[11] Becker-Cantarino, a.a.O., S.391

[12] J.W. Goethe, In: Frankfurter gelehrte Anzeigen vom Jahr 1772. Erste Hälfte. [Neudr.] Heilbronn: Gebr. Henninger, 1882. S.85f.

[13] Sophie von La Roche: Die Geschichte des Fräulein von Sternheim. Reclam. Stuttgart 1997, S.135

[14] La Roche, a.a.O., S.144

[15] La Roche, a.a.O., S.149

[16] La Roche, a.a.O., S.148

[17] Stock, Edith H.: Die Darstellung des Gefühls in drei Romanen des achtzehnten Jahrhunderts. Diss. University of Kansas 1974, S.251

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Empfindsamkeit im Briefroman- Sophie von la Roche: Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
GK C/ PS: Emotionalität, Körpersprache und Geschlechterdifferenz
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V24142
ISBN (eBook)
9783638270823
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit besteht aus 2 voneinander unabhängigen Teilen: Teil 1 untersucht die Gefühlsdarstellung der Protagonisten der Geschichte des Fräuleins von Sternheim und ist separat von Teil 2 verwendbar (S.1-10). Teil 2 fasst die Hauptthesen eines Texts von Albrecht Koschorke zum Thema Alphabetisation und Empfindsamkeit zusammen.
Schlagworte
Empfindsamkeit, Briefroman-, Sophie, Roche, Geschichte, Fräuleins, Sternheim, Emotionalität, Körpersprache, Geschlechterdifferenz
Arbeit zitieren
Petra Leitmeir (Autor), 2000, Empfindsamkeit im Briefroman- Sophie von la Roche: Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24142

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