Einen „Schlüsselroman“ nannte Franziska Gräfin zu Reventlow ihre „Herrn Dames
Aufzeichnungen“. Wegen seiner Aussagekraft über die Vorgänge innerhalb des Münchner
„Kosmiker- Kreises“ wird ihm in der Forschung seine Bedeutung zugemessen. Sein direkter
Bezug zu realen Begebenheiten gibt dem Roman doch gerade im Hinblick auf seine Autorin
noch eine weitere Dimension: Er enthält in der Darstellung der Frauenfiguren Maria und
Susanna, sowie in der „Zwitterfigur“ Herr Dame Einblick in einen grundlegenden inneren
Konflikt, dem die Autorin ausgesetzt war. Es ist der Konflikt um die Möglichkeiten und
Grenzen weiblicher Lebensführung um die Jahrhundertwende. Konkret bedeutet das, daß
Franziska zu Reventlow als Person zwischen Theorien von Weiblichkeit und
gesellschaftlichen Konventionen existierte und durch ihre selbst bestimmte Lebensweise
immer wieder an Grenzen stieß.
Wegen des Schlüsselromanstatus fungieren die Romanfiguren in meiner Betrachtung als
direkte Repräsentanten von Franziska zu Reventlows gelebter Biographie. Ziel dieser Arbeit
ist es, anhand der Romanfiguren Maria, Susanna und Herr Dame aufzeigen, worin dieser
Konflikt bestand. Dazu stelle ich zuerst verschiedene Weiblichkeitsbilder vor, die um die
Jahrhundertwende existierten, vor allem das in den kosmischen Theorien auftauchende Bild
der Hetäre. Danach soll eine Analyse von Herrn Dame, Maria und Susanna unter Einbezug
Franziska zu Reventlows biographischen Hintergrunds die Grenzen dieser
Weiblichkeitsbilder deutlich machen. Die Arbeit schließt mit einer Bewertung Reventlows als
reale Person in dem dargestellten Kontext.
Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung
II) Konzepte von Weiblichkeit um die Jahrhundertwende
1. Das Frauenbild der Kosmiker: Bachofen, Simmel und der „Hetärismus“
2. Andere Weiblichkeitsdiskurse um die Jahrhundertwende
2.1. Die Frau als Dämon
2.2. Bürgerliche Konzepte in Abgrenzung zum Sozialismus
III) Weiblichkeit in Herr Dames Aufzeichnungen
1. Herr Dame
2. Maria und Susanna
2.1. Maria
2.2. Susanna
IV) Positionierung und Bewertung Reventlows
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, den inneren Konflikt von Franziska zu Reventlow um die Jahrhundertwende anhand der Romanfiguren in ihrem „Schlüsselroman“ „Herrn Dames Aufzeichnungen“ zu analysieren und deren Einordnung in zeitgenössische Weiblichkeitskonzepte zu bewerten.
- Analyse der kosmischen Theorien von Weiblichkeit (Bachofen, Simmel, Hetärismus)
- Untersuchung alternativer Diskurse wie der „dämonischen Frau“ und bürgerlicher Frauenbilder
- Interpretation der Romanfiguren Maria, Susanna und Herr Dame als Repräsentanten biografischer Zerrissenheit
- Auseinandersetzung mit der Widersprüchlichkeit zwischen Reventlows Leben und ihrer theoretischen Argumentation
Auszug aus dem Buch
Die Zersplitterung der weiblichen Persönlichkeit
Reventlow entlarvt hier das allesverbindende „Wir“ der Kosmiker als ein (Männer-) Phantasiegebilde und stellt diesem notwendigerweise die Zersplitterung ihrer weiblichen (Hervorheb. durch Verf.) Persönlichkeit in mehrere Teile entgegen.
Maria und Susanna spiegeln die Teile ihrer Persönlichkeit, die sich mit den kosmischen Theorien und gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit teilweise noch vereinbaren lassen, obwohl auch sie schon darüber hinausgehen. Auch Herr Dame verkörpert Teile Franziska zu Reventlows, trotzdem er auch Züge Franz Hessels erhalten hat. Es sind die Teile ihrer Persönlichkeit, die nicht mit dem harmonisieren, was um die Jahrhundertwende an Modellen weiblicher Lebensführung vorhanden ist. So wie Herr Dame ist auch Franziska zu Reventlow „gährenshalber“ nach München geschickt worden. Herr Dame reist gerne, was den Freiheitsdrang Franziska zu Reventlows widerspiegelt. Doch Herr Dame ist, als Zwitterwesen, weder männlich, noch weiblich. Weil er zwischen den Kategorien existiert, ist er nur bedingt handlungsfähig.
Zusammenfassung der Kapitel
I) Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, den Konflikt um weibliche Lebensführung anhand des Schlüsselromans „Herrn Dames Aufzeichnungen“ als Spiegel von Reventlows Biografie aufzuzeigen.
II) Konzepte von Weiblichkeit um die Jahrhundertwende: Dieses Kapitel erläutert die kosmischen Theorien (Bachofen, Simmel) sowie zeitgenössische Diskurse wie das Bild der „dämonischen Frau“ und bürgerliche Vorstellungen von Weiblichkeit.
III) Weiblichkeit in Herr Dames Aufzeichnungen: Hier erfolgt eine tiefgehende Analyse der drei zentralen Romanfiguren Maria, Susanna und Herr Dame als Ausdruck der Zersplitterung der Reventlow’schen Persönlichkeit innerhalb vorgegebener Rollenmodelle.
IV) Positionierung und Bewertung Reventlows: Der abschließende Teil bewertet Reventlows eigene Haltung zur Frauenbewegung und ihre widersprüchliche Position zwischen theoretischer biologistischer Argumentation und ihrer gelebten individuellen Freiheit.
Schlüsselwörter
Franziska zu Reventlow, Herrn Dames Aufzeichnungen, Jahrhundertwende, Kosmiker, Weiblichkeit, Hetärismus, Rollenmodelle, Identität, Biografie, Emanzipation, Maria, Susanna, Herr Dame, Frauenbild, Geschlechterrollen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den inneren Konflikt der Autorin Franziska zu Reventlow um die Jahrhundertwende, den sie in ihrem Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ durch die Aufspaltung ihrer eigenen Biografie in verschiedene Romanfiguren thematisiert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die damaligen theoretischen Konzepte von Weiblichkeit, insbesondere der „Kosmiker“-Kreis, das gesellschaftliche Frauenbild sowie die biografische Realität der Autorin.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, an den Romanfiguren Maria, Susanna und Herr Dame aufzuzeigen, wie Reventlows individuelle Persönlichkeit mit den starren gesellschaftlichen und theoretischen Weiblichkeitsmodellen ihrer Zeit in Konflikt geriet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und biografieanalytische Arbeit, die primär den „Schlüsselroman“ als direkte Repräsentationsform der Biografie der Autorin auswertet und diese mit zeitgenössischen Diskursen kontrastiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Weiblichkeitskonzepte um 1900 sowie die detaillierte Analyse der drei Romanfiguren, deren jeweilige Eigenheiten für verschiedene Aspekte der Reventlow’schen Identität stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Weiblichkeit, Kosmiker, Hetärismus, Identitätsfragmentierung, Geschlechterrollen und Emanzipation.
Warum wird Herr Dame als „Zwitterwesen“ bezeichnet?
Herr Dame fungiert im Roman als eine Kategorie zwischen den Geschlechtern, die einerseits den Wunsch nach Freiheit verkörpert, aber durch ihre Unbestimmtheit in der damaligen Gesellschaft auch an ihrer Handlungsfähigkeit gehindert wird.
Wie unterscheidet sich Maria von Susanna im Roman?
Maria verkörpert den offensiven, lebenslustigen Teil der Autorin, der jedoch an der Widersprüchlichkeit zwischen freier Liebe und gesellschaftlichem Besitzanspruch scheitert, während Susanna die nach außen hin angepasste, „vornehme Dame“ repräsentiert, deren Existenz jedoch scheinharmonisch und lethargisch ist.
- Quote paper
- Petra Leitmeir (Author), 2001, Franziska zu Reventlow als Maria, Susanna und Herr Dame - Grenzen weiblicher Lebensführung um die Jahrhundertwende, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24143