Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Figurenkonzeption in Alexander Kluges 1965/66 gedrehtem Film "Abschied von gestern (Anita G.)" erscheint problematisch, überwindet er doch in eigensinniger Vermischung ‘fiktinaler und dokumentarischer Formen’ gängige Genrezuweisungen, bricht Wahrnehmungsmuster und Beschreibungsmodelle auf. Unter dem Etikett des Essayfilms subsumiert, oszillieren die Figuren als markierendes Element von Fiktion und Nicht-Fiktion zwischen Rolle und Selbstdarstellung: Ist der Figuren-begriff für die Nicht-Fiktion dann überhaupt anwendbar? Überzeugen ‘dokumentarische Formen’ nicht gerade durch die Präsenz ‘realer’ Menschen, die Authentizität ‘wirklichen’ Lebens? Wie überhaupt kann ein Nebeneinander von Fiktionalem und Dokumentarischem bestehen und funktionieren, will es sich auf die inhaltliche Präsentation durch Personen in Absetzung zur formalen Ausgestaltung durch dramaturgische und technische Mittel beziehen?
Fragen, die ins Zentrum einer Debatte der Postmoderne über das Wesen und den Status der ‘Bilder des Wirklichen’ weisen, stützen sie doch bedingt den Trugschluß, mit dem die Filmgeschichte einst begann: Der Bestimmung von Nicht-Fiktion und Fiktion, vorstrukturiert durch die angeblich nicht-narrativen, rein abbildenden ‘Protofilme’ der Lumières in Polarisierung zu den filmischen Illusionen eines Méliès; Ausgangspunkt einer Entwicklung, die ihren Höhepunkt früh in der Gleichsetzung von Nicht-Fiktionalem mit Dokumentarfilmen und Fiktionalem mit Spielfilmen fand. Eine Weiterentwicklung blieb aus: Die Marginalisierung des Dokumentarfilms gegenüber dem Sehgewohnheiten prägenden Genre des fiktionalen Films verursachte eine anhaltende Vernachlässigung innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses mit der Folge, daß fast hundert Jahre lang die Natur des Dokumentarischen im Realitätsbezug, in seiner Abbildfunktion von Wirklichkeit zu suchen war. Erst 1988 setzte mit Eva Hohenbergers Dissertation ‘Die Wirklichkeit des Films. Dokumentarfilm. Ethnographischer Film. Jean Rouch’ ein geistiger Kurswechsel in Deutschlands Köpfen ein.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Fiktion und Nicht-Fiktion – Gedanken zur Geschichte einer begrifflichen Verwirrung
1. Ein Rettungsversuch: Roger Odins Theorie der dokumentarisierenden Lektüre
1.1 Die Grundlage der dokumentarisierenden und fiktivisierenden Lektüre
1.2 Die Anwendung der dokumentarisierenden Lektüre
1.3 Die Produktionsmodi der dokumentarisierenden Lektüre
2. Reflexion der semio-pragmatischen Kopfprodukte Odins und ihre Bedeutung ür eine Figurenanalyse
2. Ein Analyseversuch: Roger Odin meets Abschied von gestern (Anita G.)
2.1 Filmexterner Produktionsmodus: Das Vorwissen und die Erwartungshaltung des Zuschauers
2.1.1 Die Filmtheorie Kluges im Gedenken Adornos
2.1.2 Der Einfluß des Klugeschen Gedankenguts auf die Figurenrezeption in Abschied von gestern (Anita G.)
2.1.3 Anita G. und institutionelle Anweisungen
2.2 Der filmische Text
Schlußbemerkung: Und am Ende bleibt die Figur...
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Film "Abschied von gestern (Anita G.)" von Alexander Kluge auf Basis der semio-pragmatischen Theorie von Roger Odin. Das primäre Ziel ist es, die spezifischen filmexternen und filminternen Lektüreanweisungen zu identifizieren und zu analysieren, um zu klären, wie die Figuren in einem hybriden Film zwischen fiktionalen und dokumentarischen Formen konstituiert und rezipiert werden.
- Analyse der Theorie der dokumentarisierenden Lektüre nach Roger Odin.
- Untersuchung der Filmtheorie Alexander Kluges unter Berücksichtigung von Adornos Rationalitätskritik.
- Analyse der Rezeption der Hauptfigur Anita G. im Kontext von Lektüreanweisungen.
- Untersuchung der Rolle von filmischen Gestaltungsmitteln für die Konstitution der Figur.
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit des semio-pragmatischen Modells auf essayistische Filmformen.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Die Filmtheorie Kluges im Gedenken Adornos
Kluges ideengeschichtlicher Hintergrund ist, wie er selbst in einem Interview mit Gertrud Koch offenbarte, bei Adorno und dessen Rationalitätskritik zu suchen. Folgend nun ein kleiner Exkurs in die ‘Dialektik der Aufklärung’: Ausgehend von der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland verstanden Adorno und Horkheimer den Nationalsozialismus als zivilisationsgeschichtlich typischen Verlauf, der sich durch die Dialektik der Aufklärung charakterisieren läßt. Die Vernunft des Menschen, im Dienste der Aufklärung stehend, sich Wissen aneignend, entspringt der Angst vor der Dominierung durch die Natur, dem ‘Draußen’, dem Nicht-Rationalen: Dieses selbst muß rationalisiert und damit entmythologisiert werden. Die Angst jedoch ist so groß, daß sie sich notwendigerweise auch gegen die nicht-rationalisierbaren Werte der Aufklärung richtet, die Idee von der Menschenwürde, der Gleichberechtigung etc.. Damit zerstört die Aufklärung ihre eigenen Werte.
Eine verdorbene Vernunft ersetzt die ursprüngliche Aufklärungsidee, deren emanzipatorisches Interesse sie zwar vortäuscht, in Wirklichkeit aber ein gesellschaftliches Orientierungsmodell darstellt, „das mit Rigidität in allen Bereichen (z.B. in Politik, Kultur, in ‘gesellschaftlichen Verhältnissen’) handlungsleitend wird; sie entwickelt dadurch eine Eigendynamik, die sie zur Reflexion auf sich selbst unfähig macht (...).“ Eine Rettung sieht Adorno nicht in einer Negation des rationalen Prinzips, die dessen Anerkennung voraussetzt, sondern im Anderen, Neuen, Fremdartigen, „dessen, was noch nicht Kulturwert erlangt hat.“ Im Staunen, in der Verwirrung, im Konfusen, im Nicht-Identischen liegt für Adorno die Erkenntnis.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Fiktion und Nicht-Fiktion – Gedanken zur Geschichte einer begrifflichen Verwirrung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik der Genrezuweisung bei Kluges Film und diskutiert die theoretischen Schwierigkeiten bei der Unterscheidung von Fiktion und Dokumentarischem.
1. Ein Rettungsversuch: Roger Odins Theorie der dokumentarisierenden Lektüre: Dieses Kapitel führt in die Semio-Pragmatik von Roger Odin ein und definiert die zentralen Begriffe der dokumentarisierenden versus fiktivisierenden Lektüre.
1.1 Die Grundlage der dokumentarisierenden und fiktivisierenden Lektüre: Es wird erläutert, wie der Leser durch die Konstruktion eines Enunziators eine Lektürehaltung einnimmt, die unabhängig vom gezeigten Realitätsgehalt ist.
1.2 Die Anwendung der dokumentarisierenden Lektüre: Das Kapitel listet verschiedene Lektüretypen auf, durch die ein Film als Dokument gelesen werden kann.
1.3 Die Produktionsmodi der dokumentarisierenden Lektüre: Hier werden die individuellen und institutionellen Ebenen diskutiert, die eine dokumentarisierende Lektüre programmieren.
2. Reflexion der semio-pragmatischen Kopfprodukte Odins und ihre Bedeutung ür eine Figurenanalyse: Eine kritische Auseinandersetzung mit Odins Begriffen hinsichtlich ihrer Eignung für eine Figurenanalyse.
2. Ein Analyseversuch: Roger Odin meets Abschied von gestern (Anita G.): Die praktische Anwendung der Theorie auf den konkreten Film Kluges beginnt hier mit der Analyse der Rezeptionsbedingungen.
2.1 Filmexterner Produktionsmodus: Das Vorwissen und die Erwartungshaltung des Zuschauers: Der Fokus liegt auf der Bedeutung von Kluges theoretischem und öffentlichem Hintergrund für das Verständnis seines Filmes.
2.1.1 Die Filmtheorie Kluges im Gedenken Adornos: Darstellung des Einflusses der Frankfurter Schule und der Rationalitätskritik auf Kluges Verständnis von Film und Regie.
2.1.2 Der Einfluß des Klugeschen Gedankenguts auf die Figurenrezeption in Abschied von gestern (Anita G.): Analyse des Widerspruchs zwischen Kluges filmtheoretischem Ansatz und der tatsächlichen Rezeption der Figuren.
2.1.3 Anita G. und institutionelle Anweisungen: Kurze Reflexion über den Einfluss des universitären Kontexts auf die Wahrnehmung des Films.
2.2 Der filmische Text: Untersuchung der internen, formalen Gestaltungsmittel des Films wie Montage und Kameraführung.
Schlußbemerkung: Und am Ende bleibt die Figur...: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert kritisch über die Grenzen des gewählten Analyseansatzes.
Schlüsselwörter
Alexander Kluge, Abschied von gestern, Roger Odin, Semio-Pragmatik, Dokumentarfilm, Fiktion, Lektüreanweisungen, Figurenrezeption, Adorno, Dialektik der Aufklärung, Filmtheorie, Montage, Essayfilm, Anita G.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie der Film "Abschied von gestern (Anita G.)" von Alexander Kluge von Zuschauern rezipiert wird und welche theoretischen Konzepte, insbesondere die Semio-Pragmatik von Roger Odin, dabei zur Erklärung der Mischung aus fiktionalen und dokumentarischen Elementen herangezogen werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kategorien der filmischen Fiktionalität, die Theorie der dokumentarisierenden Lektüre nach Roger Odin sowie der Einfluss der Rationalitätskritik von Adorno und Horkheimer auf das filmische Schaffen von Alexander Kluge.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die figurenzentrierte Analyse des Films "Abschied von gestern (Anita G.)". Es soll geklärt werden, ob und wie Odins Theorie der Lektüreanweisungen dabei helfen kann, das Verhältnis von Zuschauer und filmischer Figur zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die methodischen Ansätze der Semio-Pragmatik. Dabei wird der Film in verschiedene Lektüremodi (dokumentarisierend vs. fiktivisierend) unterteilt und sowohl anhand filmexterner (Vorwissen, Institution) als auch filminterner Faktoren (Montage, Stil) untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Position von Roger Odin sowie eine detaillierte Anwendung dieser Theorie auf Kluges Film. Dabei werden das Vorwissen des Zuschauers, Kluges eigene Filmtheorie, die Inszenierung der Figuren und die formale Gestaltung analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Die zentralen Begriffe sind: Semio-Pragmatik, dokumentarisierende Lektüre, Enunziator, Fiktionalität, Realgehalt, Montage, essayistischer Film, Rezeption und institutionelle Anweisungen.
Wie beeinflusst Kluges filmtheoretischer Hintergrund die Inszenierung der Figur Anita G.?
Kluge verzichtet laut Arbeit auf konventionelle schauspielerische Konzepte, um stattdessen "realistische" Momente durch Spontaneität und Unkontrolliertheit zu provozieren. Dies steht im Kontrast zur bürgerlichen Erzähltradition und dient dazu, gesellschaftliche Beschädigungen der Figur aufzuzeigen.
Zu welchem Ergebnis kommt die Autorin hinsichtlich der Anwendbarkeit von Odins Theorie?
Die Autorin erkennt den Nutzen von Odins Modell als Beschreibungsrahmen an, weist aber darauf hin, dass es Schwierigkeiten bei der Erfassung der suggestiven Kraft der Figur und des individuellen (Unter-)Bewusstseins der Zuschauer hat, was die Analyse des Films komplex macht.
- Citar trabajo
- Jasmin Hermann (Autor), 2000, Über: "Abschied von gestern (A. Kluge)" - Eine semio-pragmatische Lektüre nach Roger Odin, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24169