Fördermöglichkeiten für Menschen mit einer geistigen Behinderung im Rahmen der Judokurse des HPCA München


Seminararbeit, 2003

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Zur Geschichte des Judo
2.1. Ursprung und Entwicklung des Judosports
2.2. Prinzipien und geistige Grundlagen

3. Judo für Menschen mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung
3.1. Judo als Behindertensport
3.2. Das Judoangebot im Heilpädagogischen Centrum Augustinum (HPCA) in München

4. Möglichkeiten der Förderung mit Judo
4.1. Grafische Übersicht
4.2. Im Bereich der Körperwahrnehmung
4.3. Im Bereich Bewegung
4.4. Im Sozialen Bereich
4.5. Im Bereich des Selbstwertgefühls

5. Beispiel einer Judostunde

6. Schlussgedanken

Anhang: Quellenangaben, Bildnachweis

1. Einleitung

Kampfsportarten erwecken bei vielen Menschen Unbehagen und Unsicherheiten. Sie werden oft in Verbindung mit Gewalt, Brutalität, Überlegenheit und Ausübung von Macht gesehen. Als Ziel wird meistens die Zerstörung eines Menschen vermutet; sei es zur persönlichen Verteidigung oder aufgrund eines körperlichen Angriffes.

Da auch Judo zu den Kampfsportarten zählt, werden nicht selten solche Sichtweisen mit dem Judosport verknüpft. So ist es unvorstellbar, dass anstatt Zerstörung die Erhaltung eines gesunden Körpers, statt individuellen Machtkämpfen die soziale Eingliederung, statt körperlicher Bedrohung die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Vordergrund stehen. Noch weniger vorstellbar war lange Zeit der Gedanke, Judo als pädagogische Fördermöglichkeit für Menschen mit erschwerten Bedingungen, sei es aufgrund problematischen Verhaltens, einer körperlichen, einer geistigen oder einer Sinnesbehinderung, zu betrachten.

Im Zuge meiner Tätigkeit im Heilpädagogischen Centrum Augustinum (kurz: HPCA) konnte ich einen kleinen Einblick in die verschiedenen Möglichkeiten der Förderung durch Judo gewinnen, auf die ich in dieser Arbeit ein wenig näher eingehen möchte.

2. Zur Geschichte des Judo

2.1. Ursprung und Entwicklung des Judosports

Das Wort Judo setzt sich zusammen aus den japanischen Begriffen „dju“ (= edel, vornehm, sanft) und „do“ (= Weg, Grundsatz, Prinzip). Der Begriff Judo ist also zu übersetzen mit „sanfter Weg“.

Judo entwickelte sich aus dem Jiu-Jitsu (sanfte Kunst). Jiu-Jitsu ist keinesfalls japanischen Ursprungs, sondern kommt – wie fast alles Japanische – aus China. Die ethisch-moralische Grundlage für das Jiu-Jitsu liegt im stark vom Zen-Buddhismus beeinflussten Ehrenkodex der japanischen Samurai. Mit dem Niedergang der Samurai in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor aber auch die Kunst vom waffenlosen Kampfsystem Jiu-Jitsu mehr und mehr an Bedeutung.

Dem deutschen Gelehrten Erich Bälz, der von 1872 - 1884 an der Kaiserlichen Universität in Tokio lehrte, verdankt Japan die Rückbesinnung auf seine traditionsreiche Zweikampfdiszi-plin. Um seinen von der Wissenschaft stark beanspruchten Studenten einen körperlichen Ausgleich zu verschaffen, besann er sich auf das alte System des Jiu-Jitsu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unter seinen Studenten befand sich ein junger Mann namens Jigoro Kano, der die Anregungen seines Lehrers mit großem Interesse entgegennahm und sich mit unermüdlichem Eifer und Hingabe dem Studium und der Weiterentwicklung des Jiu-Jitsu widmete. Er erkannte bald die positiven Einflüsse dieser Kunst auf die Entwicklung der körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen. Seine Hauptkritik an diesem traditionellen System der Selbstverteidigung aber richtete sich dagegen, dass das Ziel des Kampfes immer noch die Kampfunfähigkeit, ja der Tod des Gegners war. Er entwickelte daher ein System, aus dem er allmählich alle gefährlichen Tritte, Stöße und Griffe eliminierte. Dafür verbesserte er die für einen sportlichen Zweikampf notwendigen Angriffs- und Verteidigungstechniken, indem er neue Techniken kreierte.[1]

1882 eröffnete Kano mit erst 23 Jahren seine eigene Schule und lehrte in ihr Judo den „sanften Weg“. Seine Schule nannte er Kodokan (Schule zum Studium des Weges). Er deutete damit an, dass über die Technik hinaus das Studium eines Weges (Weg des Lebens) mit ethischen Forderungen unterrichtet wird.[2]

Schon 1890 wurde Judo vom damaligen japanischen Minister für Erziehung in das Schulprogramm aufgenommen. Kano selbst wurde Seminarleiter eines Lehrseminars für Judo. Nachdem Judo 1911 Pflichtfach an allen japanischen Mittelschulen geworden war, war seine Breitenentwicklung nicht mehr aufzuhalten. Als Jigoro Kano 1938 starb, gab es bereits 100 000 „Schwarzgurtträger“ in Japan. Nach dem 2. Weltkrieg und dem Verbot des Judosports durch die Amerikaner wurde Judo seit 1950 wieder an den japanischen Schulen unterrichtet.[3]

1901 wird in Londoner Variete Judo erstmals durch japanische Sportler in Europa bekannt gemacht.[4]

2.2 Prinzipien und geistige Grundlagen

Zwei Grundsätze verhindern, dass Judo zu einem simplen Kräftevergleich ausartet: Zum Einen das technische Judoprinzip „Siegen durch Nachgeben“, bei dem man nicht versucht, sich einer Kraft zu widersetzen, sondern diese Kraft durch Ausweichen bzw. Weiterziehen in die Richtung, in die sie geht, auszunützen, und seinen Gegner damit zu überraschen.

Zum Anderen das moralische Prinzip vom gegenseitigen Helfen und Verstehen über das Hofmann sagt: „Jede Judoübung wird mit einem Partner und nicht gegen einen Gegner durchgeführt; ohne Partner, ohne willige Freunde, für deren Fortschritt man sich genauso verantwortlich fühlt, wie für den eigenen, ist Judo nicht möglich. Lehren und Lernen [...] sind Tätigkeiten, die den Menschen als soziales Wesen ansprechen und ihn zum vollwertigen Mitglied einer freien Gesellschaft werden lassen.“[5]

Vor diesem Hintergrund scheint nun auch die Übersetzung „sanfter Weg“ nachvollziehbar („Nachgeben“). Über Bewegungserlebnisse („Gebrauch von Körper und Geist“) soll Judo im Sinne Kanos zur Bildung und Stabilisierung der Persönlichkeit beitragen - eine Zielsetzung, die auch in der heutigen Psychomotorik einen wesentlichen Bestand hat.

Den meisten Menschen ist bekannt, dass der Judosport stark mit der fernöstlichen, japanischen Tradition verbunden ist. Dies zeigt sich insbesondere durch die Kleidung (Judogi, Kimono), Ritualen wie Verbeugung, sowie das barfüßige Ausführen des Judo auf einer Judomatte (= Tatami). Auf die Einhaltung der Judoetikette wird sehr viel Wert gelegt. So entspricht die Verbeugung beispielsweise nicht nur einer freundlichen fernöstlichen Geste, sondern gibt zum Ausdruck, dass ein Judoka eine Judoübung oder einen Übungskampf mit einem anderen Judoka durchführen möchte. Zugleich drückt dieser Gruß Achtung und Respekt vor dem Partner aus (Verbeugungen werden stets vor und nach einer Übung ausgeführt).

Die bei dieser bewegungsreichen Sportart etwas unpraktisch wirkende Bekleidung, die bei den Übungen ständig verrutscht, veranlasst die Judoka sehr oft, die Kleidung zu richten und den Gürtel neu zu binden. Der Judoka ordnet nicht nur die Kleidung, sondern er ordnet sich selbst. Das Ordnen der Kleidung ist in diesem Sinne eine Neuformierung der Ordnung, ein Sammeln von Konzentration und Kraft für Körper und Geist.[6]

3. Judo für Menschen mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung

3.1 Judo als Behindertensport

Die Inhalte des klassischen Judo sind in erster Linie die Judo-Techniken (Würfe und Haltegriffe). Neben diesen unmittelbaren Judo-Techniken gibt es weitere wichtige Elemente des Judo-Unterrichts. Die schon erwähnte Judoetikette stellt nicht nur eine besondere Form der Höflichkeit dar, sondern symbolisiert zugleich, dass man es beim Training und Wettkampf nicht mit einem Gegner, sondern mit einem Partner zu tun hat.

Judo-Gymnastik dient dazu Muskulatur, Kreislauf und Nervensystem auf die nachfolgenden Übungen speziell vorzubereiten. Vergleiche mit Krankengymnastik sind durchaus angebracht, und so wird Judo auch gern als Rehabilitationssport für bewegungsgestörte oder behinderte Menschen angewandt.

[...]


[1] vgl. W. Janko 1986, S. 2 ff.

[2] vgl. A. Khosrow 1985, S. 11 ff.

[3] vgl. W. Janko 1986, S. 2 ff und A. Koshrow 1985, S. 11 ff.

[4] vgl. http://www.tsvaltenfurt-judo.de/Judogeschichtliches.htm

[5] W. Hofmann 1983, S. 12.

[6] vgl. A. Brenner 2002, S. 2 f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Fördermöglichkeiten für Menschen mit einer geistigen Behinderung im Rahmen der Judokurse des HPCA München
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Sonderpädagogik)
Veranstaltung
Grundlegende Geistigbehindertenpädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V24180
ISBN (eBook)
9783638271097
ISBN (Buch)
9783638776295
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fördermöglichkeiten, Menschen, Behinderung, Rahmen, Judokurse, HPCA, München, Grundlegende, Geistigbehindertenpädagogik
Arbeit zitieren
Tim Tengler (Autor), 2003, Fördermöglichkeiten für Menschen mit einer geistigen Behinderung im Rahmen der Judokurse des HPCA München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24180

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