Charakteristik des Herrschers Karl in "offiziöser" Historiographie (Reichsannalen)


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

14 Seiten, Note: befriedigend (3,0)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Karl als legitimer Herrscher
2. 1 Tassilos Eid 757 und die Heeresflucht 763
2. 2 Tassilos Eid 781 und der Konflikt 787
2. 3 Tassilos Absetzung 788

3. Karl als ruhmreicher Volkskönig

4. Karl als christlicher Herrscher

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Reichsannalen sind ein Werk offizieller höfischer Geschichtsschreibung und hatten die Intention einer „Einwirkung auf die öffentliche Meinung der Mit- und Nachwelt“[1] ; d. h. sie dienten der Verherrlichung der Taten Karls. Diese subjektive Berichterstattung ist insofern besonders problematisch, als keine Quellen erhalten sind, die die Ereignisse aus der Perspektive der inneren und äußeren Gegner Karls darstellen.[2] Zwischen 787 und 793 wurde am karolingischen Hof der älteste Teil der Annalen verfaßt, die dann jährlich fortgesetzt wurden.[3] Die Stilkritik kam zu dem Ergebnis, daß wahrscheinlich mit den Jahren 795 und 808 ein Verfasserwechsel stattfand.[4] Die ganzen Reichsannalen wurden um 830 einer Überarbeitung unterzogen: „Sie rührt von einem Autor her, der Einhards Buch über Karl den Großen kannte, benutzte und seinen Stil nach demselben bildete.“[5]

Der erste Verfasser der Reichsannalen legte den Schwerpunkt auf die Darstellung des Verhältnisses zwischen Karl und dem bayrischen Herzog Tassilo III.; „die Hinweisung auf Tassilos Lehnseid und die Folgen desselben hält gleichsam die ganze Erzählung zusammen, wie der Refrain die Strophen eines Liedes“[6]. Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll dann auch die Frage stehen, wie die Reichsannalen die Annexion Bayerns nachträglich legitimieren, wie sie potentiellen Widersachern Karls die Entmachtung Tassilos als Präzedenzfall bei Untreue vor Augen führen und somit Karls Herrschaft stabilisieren.

Abschließend soll kurz auf die Charakterisierung Karls als ruhmreicher Volkskönig bzw. christlicher Herrscher eingegangen werden.

2. Karl als legitimer Herrscher

Am Beispiel des Bayernherzogs Tassilo III. verdeutlichen die Reichsannalen exemplarisch das Verhältnis zwischen König und Adel. Tassilo eignete sich hierfür besonders, da er als de facto unabhängiger dux über dem fränkischen Adel stand.[7]

2.1 Tassilos Eid 757 und die Heeresflucht 763

Im Bericht der Reichsannalen zu 757 heißt es, Tassilo habe dem Frankenkönig Pippin und dessen Söhnen Karl und Karlmann Treue versprochen, sicut vassus recta mente et firma devotione per iustitiam, sicut vassus dominos suos esse deberet[8]. Dieser Eid Tassilos gilt als der älteste überlieferte Vasalleneid.[9] Er läßt sich allerdings anhand von unabhängigen Quellen nicht verifizieren, so daß sich der Verdacht aufdrängt, daß der Verfasser beabsichtigte, „die Abhängigkeit Tassilos so weit wie möglich in die Vergangenheit zurückzudatieren“.[10] Den angeblichen Treueid habe Tassilo 763 bei einem Feldzug in Aquitanien gebrochen: Ibique Tassilo dux Baioariorum postposuit sacramenta et omnia, quae promiserat, et per malum ingenium se inde seduxit, omnia benefacta, quae Pippinus rex avunculus eius ei fecit, postposuit[11]. Wie Becher feststellt, läßt sich die vermeintliche Fahnenflucht (harisliz) Tassilos durch keine von den Reichs-annalen unabhängige Quelle belegen.[12] Ein weiteres Indiz dafür, daß kein harisliz stattfand, ist die fehlende Reaktion Pippins und die spätere Verschwägerung Karls mit Tassilo.[13] Darüber, wie es zu dieser familiären Annäherung gekommen ist, findet sich im Bericht zu 770 nur der lapidare Satz: Et in eodem anno perrexit domna Berta regina per Baioarium partibus Italiae.[14] Die Absprachen zwischen Karl, Tassilo und dem Langobardenkönig Desiderius werden völlig verschwiegen, denn diese „konnten den später von Karl gegenüber Tassilo eingenommenen Rechtsstandpunkt beeinträchtigen“[15]. Der Annalist konnte bei der Fälschung der Jahresberichte zu 757 und 763 darauf setzen, daß sich kaum ein Zeitgenosse noch an den wahren Ablauf der Ereignisse erinnern konnte. Außerdem: „Ohne schriftliche Zeugnisse, die ausdrücklich das Gegenteil der königlichen Version besagten, war es unmöglich, die Version der Reichsannalen anzufechten.“[16]

2. 2 Tassilos Eid 781 und der Konflikt 787

Im Jahr 778 scheinen die fränkisch - bayerischen Beziehungen noch konfliktfrei zu sein: Bei einer Expedition nach Spanien befanden sich im Heer Karls auch Bayern, die wohl nicht gegen den Willen Tassilos mitgekommen wären.[17]

Im Jahr 781 soll Tassilo den vermeintlichen Treueeid von 757 erneuern. Er soll zum König nach Worms kommen et ut non aliter faceret, nisi sicut iureiurando iam dudum promiserat ad partem domni Pippini regis et domni Caroli magni regis vel Francorum[18]. Der Annalist vermeidet hier bewußt eine Erinnerung an Karls Bruder Karlmann, „die ja zu seiner Zeit noch die Stellung Karls beeinträchtigen konnte“[19], nachdem Karl Karlmanns Söhne in illegitimer Art und Weise ausgeschaltet hatte. Bei dem Bericht über die Erneuerung der Eide fällt auf, daß Tassilo im Gegensatz zu 757 auch den Getreuen des Königs einen Eid geleistet haben soll.[20] Hierdurch bereitet der Annalist die Rolle der Getreuen Karls beim Prozeß gegen Tassilo 788 vor.[21] Im Bericht von 781 findet sich bereits eine Vorausdeutung auf Tassilos Treuebruch von 787: Sed non diu praefatus dux Tassilo promissiones, quas fecerat, conservavit.[22] Unter Berücksichtigung der unabhängigen Quellen kommt Becher zu dem Ergebnis, daß Tassilo 781 gegenüber Karl keinen Eid geleistet hat, sondern daß er sich als gleichberechtigter Partner mit Karl getroffen hat, um z. B. über Grenzprobleme zu verhandeln.[23]

[...]


[1] Vgl. Wattenbach: Geschichtsquellen, S. 247f.

[2] Vgl. Becher: Eid, S. 21.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Wattenbach, S. 251ff.

[5] Giesebrecht: Königsannalen, S. 221f.

[6] Ebd., 196. Kurze hingegen relativiert die Bedeutung der Bayernfrage, vgl. Kurze: Reichsannalen, S. 47.

[7] Vgl. Becher: Eid, S. 213.

[8] Ann. reg. Franc. ad 757, S. 16.

[9] Vgl. Becher: Eid, S. 17.

[10] Ebd., S. 44.

[11] Ann. reg. Franc. ad 763, S. 20f.

[12] Vgl. Becher: Eid, S. 51.

[13] Vgl. ebd., S. 50.

[14] Ann. reg. Franc. ad 770, S. 30.

[15] Mohr: Rolle, S. 130.

[16] Becher: Eid, S. 74.

[17] Vgl. Ann. reg. Franc. ad 778, S. 50.

[18] Ann. reg. Franc. ad 781, S. 58.

[19] Mohr: Rolle, S. 131.

[20] Vgl. Ann. reg. Franc. ad 757, S. 14f. et ad 781, S. 58.

[21] Vgl. Becher: Eid, S. 54.

[22] Ann. reg. Franc. ad 781, S. 58.

[23] Vgl. Becher: Eid, S. 58.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Charakteristik des Herrschers Karl in "offiziöser" Historiographie (Reichsannalen)
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Note
befriedigend (3,0)
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V24231
ISBN (eBook)
9783638271486
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie die Reichsannalen die Annexion Bayerns durch die Franken nachträglich legitimieren und wie sie potentiellen Widersachern Karls die Entmachtung des bayrischen Herzogs Tassilo als Präzedenzfall bei Untreue vor Augen führen. Weiterhin wird die Charakterisierung Karls als ruhmreicher Volkskönig bzw. christlicher Herrscher thematisiert. Breiter Seitenrand.
Schlagworte
Charakteristik, Herrschers, Karl, Historiographie
Arbeit zitieren
Markus Laag (Autor), 1999, Charakteristik des Herrschers Karl in "offiziöser" Historiographie (Reichsannalen), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24231

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