Vergewaltigung im Krieg


Zwischenprüfungsarbeit, 2000

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg Japans
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Zwangsprostitution
2.3 Nach dem Krieg

3 Versuch einer allgemein-historischen Perspektive

4 Erklärungsansätze
4.1. Zum Verhältnis von Militarismus und sexueller Gewalt
4.1.1 Vergewaltigung im Kontext zur “Männeridentität“
4.2 Die kulturelle Konstruktion des Krieges
4.2.1 Die Konstruktion “Soldat“
4.2.2 Die Konstruktion des “weiblichen Körpers“
4.2.3 Vergewaltigung – die Symbolik innerhalb der Konstruktion “Krieg“
4.3 Zur “Um- Schreibung“ von Gewalt
4.4 Das “eigentliche“ Verbrechen

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

Erstellungserklärung

1 Einleitung

In dieser Arbeit soll geschlechtsspezifische Gewalt im Kontext von Krieg untersucht werden. Vergewaltigung wird hier nicht als Tat eines einzelnen betrachtet, sondern es wird der gesellschaftliche Rahmen, der dieses Verbrechen möglich macht und maskiert, im Blickfeld sein.

Dabei wird davon ausgegangen, dass Vergewaltigungen ein gesellschaftliches und kein biologisches Phänomen sind. Annahmen, die Vergewaltigungen als Konsequenz eines männlichen sexuellen Triebstaus, als sexuellen Akt konstatieren, blenden die Bedingungen und Regeln menschlicher Gesellschaft aus und verschleiern, dass Vergewaltigung ein Gewaltakt ist.

In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, diese Maskierung in einigen Aspekten in Beschäftigung mit folgenden Fragen aufzudecken:

Welche Mechanismen sind vorhanden, die sexuelle Gewalt bagatellisieren oder sogar legitimieren? Was liegt dem zugrunde, dass ein gewisses Maß an Gewalt akzeptiert wird? Welchen Einfluss übt das Militär auf die zivile Gesellschaft aus? Welche Bedeutung hat sexuelle Gewalt in der kulturellen Konstruktion des Krieges? Welche Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind Vorbedingung für Vergewaltigungen?

Die Auseinandersetzung mit der Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg Japans wird als Beispiel für Vergewaltigungen im Krieg in der Beantwortung der Fragen herangezogen.

Zahlreiche koreanische Frauen wurden während des Krieges aus ihrem Lebenskontext herausgerissen, in Lager verschleppt, erlebten dort psychische und physische Folter, Vergewaltigungen und wurden nach dem Krieg mit sozialen Folgen wie Degradierung und Ausgrenzung und Schuldzuweisungen konfrontiert. Die Erlebnisse der koreanischen Frauen stehen stellvertretend für Frauen in anderen Kriegen.

Wie so oft, wurde auch in Japan und Korea die sexuelle Gewalt und Versklavung in der Nachkriegszeit verdrängt und verleugnet. In Korea wurde erst in den letzten zehn Jahren das Schweigen gebrochen. Im Dezember 2000 findet in Tokyo das Tribunal Women’s International War Crimes Tribunal on Japan’s Military Sexual Slavery statt. Die ehemaligen Zwangsprostituierten warten seit Jahren auf eine Entschuldigung und ein Bekenntnis Japans.

Im ersten Teil der Arbeit werden die Hintergründe und das Geschehen im Asien-Pazifik-Krieg kurz zusammengefasst. Der zweite Teil fungiert als Überleitung: es soll aufgezeigt werden, dass die Kriegsvergewaltigungen durch die Japaner kein Einzelphänomen waren. In dem Zusammenhang wird eine konkrete Fragestellung entwickelt, die zu den einzelnen Erklärungsansätzen hinführt. Mit den Erklärungsansätzen soll ein Einblick ermöglicht werden, der die Zusammenhänge zwischen Militarismus, Sexismus, (sexueller) Gewalt und männlicher Identität deutlich macht. Die kulturelle Konstruktion von Krieg, Weiblichkeit und Männlichkeit und die in diesem Zusammenhang stehende Bedeutung von Vergewaltigung soll dekonstruiert werden. Im Anschluss daran sollen die Mechanismen betrachtet werden, die Gewalt umschreiben, verschleiern. Der letzte Erklärungsansatz betont abschließend, dass es sich um Gewalt an Frauen von Männern handelt.

2 Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg Japans

2.1 Historischer Hintergrund

Im Jahr 1931 beginnt die Kolonialregierung Japans den 15-jährigen Invasionskrieg in China und im asiatisch-pazifischen Raum[1]. Die Einnahme der Mondschurei wird begleitet von massiver Assimilierungspolitik und Kriegsmobilisierung im geographisch und auch ökonomisch strategisch wichtigen Stützpunkt Korea.

1937 wird das Japanisierungsprogramm erlassen: KoreanerInnen wird der Shinto- Glaube aufgenötigt, bei öffentlichen Zusammenkünften haben sie einen Treueeid auf den japanischen Kaiser zu leisten bzw. diesem von Kind an zu dienen und sie werden in Massenverbänden zu gemeinsamen Aktivitäten zusammengeschlossen und organisiert. Im Jahr 1938 wird Japanisch als die offizielle Sprache erklärt, koreanische Geschichte als Lehrfach gestrichen und Namensänderungen in das japanisch Klingende erzwungen. Mit dem Ausbruch des totalen Kriegs in China 1937 kommt es zu Massenrekrutierung und Zwangsarbeitsdienst von KoreanerInnen für die japanische Armee.

„Die Methoden, mit denen Japan [...] sowohl Frauen als auch Männer zwangsverpflichtet, kommen einer Versklavung gleich. Doch zusätzlich zu der Ausbeutung, der Unterdrückung und der rassistischen Diskriminierung, die alle ZwangsarbeiterInnen Japans ertragen müssen, sind die zwangsprostituierten Frauen extremer geschlechtsspezifischer Degradierung und ständiger brutalster Gewalt ausgesetzt“[2].

Nach der Kapitulation Japans im August 1945 endet für Korea die japanische Kolonialherrschaft nach 35 Jahren.

2.2 Zwangsprostitution

Vor diesem kolonialen Hintergrund ist die Zwangsprostitution von schätzungsweise 200.000 Frauen, die hauptsächlich aus Korea und China aber auch aus anderen von Japan besetzten Ländern kommen, in den Militärbordellen zu sehen.

1932, als die japanische Armee Shanghai überfällt, wird dort das erste Militärbordell als sogenannte „Lösung der sexuellen Probleme der Soldaten“[3] eingerichtet. Zeitgleich entstehen auch für die japanische Marine eigene Bordelle, um die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten einzudämmen[4]. Zu einer organisierten, allgemeinen Verbreitung der Militärbordelle kommt es nach dem Beginn des offenen Krieges mit China. Nach dem Massaker von Nanking und in anderen Städten, in denen die japanische Armee einmarschiert und aufgrund des fehlenden Versorgungsnetzes plündert, mordet, gebrandschatzt und vergewaltigt, wird „statt wilder Vergewaltigungen ein Vergewaltigungssystem“[5] errichtet, dass der antijapanischen Haltung und der Disziplinlosigkeit Einhalt gewähren soll:

„Die Wirkung von Stätten sexueller Befriedigung auf die Psyche des Soldaten ist unmittelbar und tiefgreifend, daher hängen von ihrer erfolgreichen Leitung weitgehend auch die Hebung der Kampfmoral, die Disziplin der Truppe und die Vermeidung von Verbrechen und Geschlechtskrankheiten ab...“[6].

Ab da an wird ein von dem Militär genauestens organisiertes und verwaltetes Bordellsystem betrieben. Auch die Beschaffung bzw. die Verschleppung der Frauen aus den Kolonien, in erster Linie aus Korea[7], wird vom Militär durchgeführt oder in Auftrag gegeben. Zu Beginn werden vor allem junge, gesunde und unverheiratete Frauen aus ärmeren Familien ab einem Alter von ca. zwölf Jahren gefährdet. Diese werden mit Aussichten auf guten Verdienst und eigene Felder, Arbeit in der Pflege oder Fabriken und oft auch mit Handgeld geködert. Bei dieser Anwerbung und Vermittlung helfen auch KoreanerInnen in ihren Positionen als Lehrer, Schuldirektoren, Dorfvorsteher und Polizisten mit. Die gegründeten Jungfrauenvereine sollen ein Reservoir für den späteren Nachschub sein. Parallel zu den Vorbereitungen eines Krieges mit der Sowjetunion wird 1941 die Beschaffung von Frauen intensiviert[8].

Aus Angst vor der Rekrutierung, die auch Jungfrauenabgabe genannt wird, verstecken oder verheiraten viele Koreaner ihre Töchter oder verhelfen ihnen zur Flucht.

Da sich 1943 das Kriegsgebiet auf immer größere Teile Asiens verbreitet, ist die gebräuchliche Methode der Anwerbung nicht mehr effektiv genug: „eine regelrechte

Menschenjagd“[9] wird veranstaltet.

Der Alltag im Bordell steht unter der völligen Kontrolle der Armee. Benutzungsordnungen regeln die Aufenthaltsdauer, das Verhalten und die Preise, die rassistisch hierarchisiert sind: Japanerinnen sind teurer als Koreanerinnen usw.. Die Frauen erhalten einen japanischen Namen oder eine Nummer. In kleinen Kammern werden sie oft mit Waffengewalt und Misshandlungen gezwungen, zwanzig und mehr Offizieren und Soldaten zu bedienen, so dass oft keine Zeit bleibt zum Essen, sich zu waschen oder auf die Toilette zu gehen.

2.3 Nach dem Krieg

Es ist ungewiss, wie viele Frauen aus den Militärbordellen überlebt haben und wo sie jetzt leben.

Zahllose Frauen sterben an Folgen von Krankheiten oder bei alliierten Angriffen, manche begehen Selbstmord oder werden vom Militär ermordet und viele werden an den Fronten zurückgelassen, oft ohne zu erfahren, dass der Krieg beendet ist. Viele von ihnen bleiben in dem fremden Land, da es ihnen unmöglich ist, allein wieder in die Heimat zu gelangen oder aus Angst vor der Diskriminierung, auch innerhalb der Familie. „Vorurteile und Repressionen gegenüber Frauen, die die Sexualmoral verletzt haben, sind in der koreanischen Gesellschaft sehr stark“[10].

In der Nachkriegszeit wurden zahlreiche Dokumente von der japanischen Regierung vernichtet oder unter Verschluss behalten, um die Tatsache der Zwangsprostitution weitgehendst geheim zu halten. Das Thema sollte im Geschichtsbewusstsein ausgelöscht und in der Gesellschaft tabuisiert werden. Mit dem Erfolg, dass erst 1991 drei Koreanerinnen vor einem Landesgericht in Tokio die japanische Regierung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verklagt haben[11]. Dieses Ereignis wurde dann für einen begrenzten Zeitraum von den japanischen Massenmedien publik gemacht.

Die japanische Regierung gab vor dem Fund wichtiger Beweise aus dem Verteidigungsministerium nicht zu, dass das Militär an der Zwangsprostitution beteiligt bzw. Organisator war. Trotz einer Entschuldigung vor dem koreanischen Parlament meint die Regierung Japans, dass alle Schuld der Kolonialzeit mit dem japanisch-südkoreanischen Abkommen von 1965[12] abgegolten sei.

Die Begriffe, mit denen die Zwangsprostituierten bezeichnet wurden und werden, machen die Tabuisierung bzw. Schwierigkeiten, die mit diesem Thema zusammenhängen, deutlich. In militärischen Geheimschriften werden sie als Sonderbeauftragte geführt, in der Presse als Comfort Women (dt. Trost-Frauen, Trostspenderinnen), Liebesdienerinnen, Sexsklavinnen und Schenkmädchen[13].

3 Versuch einer allgemein-historischen Perspektive

Vergewaltigungen im Krieg, wie sie im vorigen Kapitel geschildert wurden, stellen kein Einzelphänomen dar. Nicht nur die Kolonialmacht Japan hat sich in dieser Art frauenverachtend verhalten.

Unabhängig von der Nationalität, der geographischen Lage und dem Zeitalter wurde im Krieg (und im Frieden) vergewaltigt, wie einige Beispiele im Folgenden verdeutlichen sollen:

Vergewaltigungen wurden in Religions- und Revolutionskriegen, im Ersten Weltkrieg von den deutschen Truppen in Belgien[14], im Zweiten Weltkrieg von der französischen Armee 1943 in Italien und zu Kriegsende in Südwestdeutschland durchgeführt. Zu den Vergewaltigungen wurden die Soldaten explizit von ihrem französischen Kommandanten berechtigt[15]. Aber auch durch Angehörige aller Truppen kamen während diesem Krieg Vergewaltigung vor. Ein zahlenmäßig hohes Ausmaß erreichen die Vergewaltigung im Großraum Berlin durch die Rotarmisten: Es werden mehrere hunderttausend Vergewaltigungen geschätzt, mindestens hunderttausend allein zwischen April und Juni 1945[16]. In Vietnam brach eine Vergewaltigungswelle bei den Such- und Vernichtungsaktionen der amerikanischen Gis im vietnamesischen Bergland aus. 1971 berichteten Zeitungen über Massenvergewaltigungen im Krieg von Bangladesh: 200.000 bengalische Frauen wurden von pakistanischen Soldaten vergewaltigt[17]. Während des Golfkriegs fanden in Kuwait zahlreiche Vergewaltigungen und sexuelle Folter durch die irakischen Truppen statt[18] und auch in den letzten Kriegen in Ruanda, im ehemaligen Jugoslawien und in Tschetschenien werden sehr viele Frauen Opfer von sexueller Gewalt in extremer Form.

Angesichts dieses Ausmaßes lassen sich Vergewaltigungen nicht als eine Begleiterscheinung von Kriegen, als Einzeltaten und als Konsequenzen abnormen Verhaltens einzelner Männer konstatieren. Vielmehr ruft dieses entworfenen Bild Fragen auf, die sich auf den Rahmen dieses Phänomens beziehen. Was liegt dem Phänomen, dass Vergewaltigungen im Krieg systematisch eingesetzt werden (können), zugrunde? Welchen Zweck haben hier Vergewaltigungen? Wieso werden sie eingesetzt, ausgeführt und gleichzeitig in der Öffentlichkeit tabuisiert? Welche gesellschaftlichen, geschlechtsspezifischen Strukturen machen diese Taten trotz internationaler Abkommen möglich?

Die Beantwortung des Zusammenhangs von Krieg und Vergewaltigung, die Auseinandersetzung mit immerwiederkehrenden Mustern, muss auf verschiedenen Ebenen erfolgen und stellt somit einen Versuch dar, verschiedenen Erklärungsansätze zusammen zu führen und diese jeweils auf das konkrete Beispiel, Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg, zu beziehen. Die Funktionen von Vergewaltigungen und ihr Funktionieren wird erörtert in Beziehung zu Theorien über Kultur, Weiblichkeit und Männlichkeit, über Macht und Militär.

4 Erklärungsansätze

4.1. Zum Verhältnis von Militarismus und sexueller Gewalt

„Das Militär tritt wie keine andere patriarchalische Institution als Produzent und Reproduzent einer gesellschaftlichen Männeridentität [...] auf, in der die Gewalttätigkeit gegen andere Menschen, insbesondere Frauen und rassisch Unterdrückte, in Form von direkter und indirekter Gewalt [...] glorifiziert werden“[19]. Zu diesem Fazit gelangt Fiegl in der Auseinandersetzung mit der Frage, welche Rolle die Institution Militär in der gewalttätigen Kontrolle über Frauen einnimmt. Dabei stellt sie einen direkten Zusammenhang zwischen Militarisierung, Identität, Gewalt, Hierarchien und Sexualität dar.

Sie baut ihre Analyse darauf auf, dass das Militär zur eigenen Erhaltung, zur Sicherung der Nachfrage, eine Ideologie benötigt und benutzt, die das Militär selbst als Sozialisationsfaktor für junge Männer notwenig macht: Die Etablierung von männlicher Identität fußt auf Abwertung des weiblichen Geschlechts bis hin zur offenen Frauenverachtung und gleichzeitigen Loyalität zu Gewalttätigkeit.

Schon als Kinder nehmen Jungen wahr, dass sich Geschlechter durch Möglichkeiten in der Machtausübung unterscheiden. Dabei realisieren sie, dass „ein Mann-werden [...] Gewalttätigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber Frauen und anderen Opfern [erfordert]“[20], und dass das Zeigen von emotionalen Regungen wie Angst und Schmerzen nicht dem Männlichkeitsideal entsprechen. Mit dem Eintritt in die Armee erfolgt die endgültige Zurichtung eines Jungen, dessen Persönlichkeit und Geschlechtsidentität zu diesem Zeitpunkt selten stabil ist[21]. Dieser Aspekt wird in der militärischen Ausbildung aufgegriffen, um hier im eigenen Interesse manipulieren zu können. Fiegl führt als Beispiel die achtwöchige totale Isolation, die in der Grundausbildung der USA Pflicht ist, an:

„Mit körperlichem Drill, Schlafentzug, Essensentzug und seelischer Entblößung [... werden...] ihre Bewegungen und ihre Gefühle uniformiert. Die Ausbildung zum zähen und athletischen Körper wird begleitet von einer Brutalisierung des Geistes.[...]. Der Prozeß der Brutalisierung erfolgt klar mit dem Ziel, menschliche Empfindungen, die eine Tötungshemmung mit sich führen, abzustumpfen“[22].

Die Methoden, die diesen Brutalisierungsprozess leiten, entsprechen der Ideologie. Die Ausbilder schikanieren systematisch jeden Soldaten, der körperliches Versagen oder Empfindungen zeigt, mit Bezeichnungen, die sie in der Öffentlichkeit lächerlich machen wie „sweetie, shithead, fatboy, faggot, ladies, girls und pussies, die normalerweise für Homosexuelle, körperlich Verachtete und Frauen benutzt werden“[23]. In dieser Erniedrigungssituation wird eine menschliche Hierarchie, eine Ungleichheit von Mensch und Untermensch konstruiert und eingebläut, die notwendig ist, um töten und foltern zu können. Diese Form der Zurichtung ist von besonderer Bedeutung, wenn die Kriegssituation entfernt, der Soldat seiner Regierung kritisch gegenübersteht und für die Soldaten auf der hierarchische unteren Ebene, um Beweggründe allein zum Aushalten in der Armee und zum Töten zu haben. „Ihre Vorstellung von rassischer und sexueller (geschlechtlicher) Überlegenheit werden angestachelt [...]“[24]. Diese Hierarchie wird ihnen in der Struktur des Militärs vorgeführt: Es gibt identifizierbare Ränge, die Oberen und die Unteren, mit entsprechenden Privilegien und Macht. Der junge Rekrut findet sich in einer untergeordneten, typisch weiblichen Position vor, in der er am eigenen Körper Demütigungen erfährt. Um aus dieser Position heraus zu kommen, gilt es eine männliche Identität des Soldat- Seins zu beweisen. Dazu stellt das Militär traditionelle Kategorien von Männlichkeit zu Verfügung.

In der hierarchischen Struktur sollen die Soldaten lernen, dass alles geregelt und kontrollierbar sein muss. Jede Form, die nicht den Prinzipien des Militärs entspricht, wird missachtet. Dies zeigt sich vor allem sprachlich, z.B. werden Kriegsdienstverweigerer Staatskrüppel und Drückeberger genannt und es wird ihnen ihre Männlichkeit aberkannt. Dass Frauen der Respekt abgesprochen wird, beweisen folgende Bezeichnungen für den Sexualverkehr, die oft Gewalt, Aggression und Dominanz assoziieren: abknallen, abschußreif, aufsitzen, bocken, erobern, hämmern, durchziehen, Nummer schieben, Stellungskrieg, stoßen u.s.w.[25].

[...]


[1] Der Inhalt dieses Kapitels beruht größtenteils auf den Informationen der folgenden Broschüre: Japanische Fraueninitiative, Koreanische Frauengruppe Berlin e.V. (Hg.) :-.. gebt mir meine Würde zurück! Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg Japans. Berlin 1993.

[2] Choi, Mira; Mühlhäuser Regina: „Wir wissen, dass es die Wahrheit ist...“.Gewalt gegen Frauen im Krieg-Zwangsprostitution koreanischer Frauen 1936-45. Berlin 1996, S.52.

[3] Untergebener des damaligen Adjutanten beim Generalstab und späteren Oberbefehlshaber der China-Armee zit. nach Japanische Fraueninitiative, Koreanische Frauengruppe 1993,S. 12.

[4] Nach einem Dokument zur Eröffnung des Bordells im April 1933. vgl. a.a.O.,S.13.

[5] Ebd. Die Zahl der Getöteten in Nanking wird auf 200.000 und die Zahl der vergewaltigten Frauen auf 20.000 allein im ersten Monat der Besetzung geschätzt.

[6] Aussage des Adjutanten Kawahara aus dem Heeresministerium, zitiert nach A.a.O., S.13f.

[7] Japanerinnen selbst hatten ihre Funktion als Arbeitskräfte und Gebärerinnen (Produktion und Reproduktion). Hätte man sie zur Prostitution gezwungen, wären einerseits die Praktiken des eigenen Militärs bekannt geworden, hätte somit dem Image geschadet, andererseits hätte es den Unwillen der Soldaten hervorgerufen, wäre also nicht mit ihrer sexuellen Doppelmoral vereinbar gewesen.

[8] „Die Anwerbung von insgesamt 20.000 Frauen wurde dem Generalgouverneur von Korea als dringliche Angelegenheit übertragen“. A.a.O., S.17.

[9] A.a.O., S.18: z.B. werden mit mehreren Lastwagen Fabriken angefahren, diese mit Soldaten umstellt und Arbeiterinnen mit Knüppeln in die Wagen getrieben, um danach in die verschiedenen Bordelle verteilt zu werden. Vergewaltigungen während der Fahrt sind die Regel.

[10] A.a.O., S.21. „Die Keuschheit einer Frau gilt im Konfuzianismus als wertvoller als ihr Leben. Das weibliche Ideal beschreibt die Jungfräulichkeit vor der Heirat und keusches Verhalten in der Ehe“. Choi; Mühlhäuser 1996, S.63.

[11] Inzwischen klagen aus China, den Philippinen, Japan und Indonesien ehemalige Zwangsprostituierte. 1986 beginnen einige Frauengruppen die ersten Recherchen nach Beweismaterialien bezüglich militärischer Zwangsprostitution und Öffentlichkeitsarbeit. Seit 1992 finden Mittwochsdemonstrationen vor der japanischen Botschaft in Seoul statt.

[12] Japan verpflichtete sich zur finanziellen Wirtschaftshilfe, aber nicht zu individuellen Entschädigungen. Auch bei dem internationalen Militärtribunal in Tokio (1946) wurde die Zwangsprostitution als Kriegsverbrechen nicht thematisiert. Auch die Alliierten klammern das Thema wegen eigenen diesbezüglichen Vergehen aus. Z.B. haben in vielen Fällen die amerikanischen Soldaten von den Militärbordellen, die ihnen die japanische Regierung überließ, um die eigenen Frauen zu schützen, profitiert. Ausnahme bildet die niederländische Regierung, die wegen 32 betroffener Frauen gegen Japan einen Prozess führte, in dem 1947 ein japanischer Offizier zum Tode verurteilt wurde. Die Frauen selbst wurden nicht entschädigt.

[13] Keiner dieser Begriffe ist treffend, vielmehr sind sie kennzeichnend für die Tätersprache. Sie beschönigen und verleugnen die erfahrene Brutalität. Die Bezeichnung Zwangsprostituierte scheint noch am neutralsten zu sein, soweit dies möglich ist und sich für solche Geschehnisse korrekte Sprache finden lässt.

[14] Vgl. Brownmiller, Susan: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft. Frankfurt a.M. 1978, S.38.

[15] Vgl. Seifert, Ruth: Vergewaltigung im Krieg. Geschlechtsspezifische Gewalt und die kulturelle Konstruktion des Krieges. In: WIDERSPRUCH. Heft Nr.30. Zürich 1995, S. 20.

[16] Vgl. Johr, Barbara: Die Ereignisse in Zahlen. In: Sander, Helke; Johr, Barbara (Hg.innen): BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigung, Kinder. München 1992, S.54.

[17] Vgl. Brownmiller 1978, S.39, 83.

[18] Vgl. Seifert 1995, S. 21.

[19] Fiegl, Verena: Der Krieg gegen die Frauen. Der Zusammenhang zwischen Sexismus und Militarismus. 2.veränd. Aufl., Bielefeld 1993, S.142.

[20] A.a.O., S. 130. Dabei sind Männer, die sich in einer Opferposition befinden, sei es durch finanzielle Mittellosigkeit und Abhängigkeit oder durch Erniedrigung ihrer Rasse, besonders darauf angewiesen, Männlichkeit durch sexuelle Gewalt zu beweisen. Vgl. 133.

[21] Fiegl wählt hier explizit den Begriff der Zurichtung anstatt der neutraleren Bezeichnung Ausbildung, um den Aspekt der Dehumanisierung mit ein zu beziehen. Vgl. a.a.O., S. 116.

[22] A.a.O., S. 135f.. Während ihrer Ausbildung rufen weibliche und männliche Rekruten Rape and kill. Die Dehumanisierung und Entsensibilisierung ist im vollem Gang. Vgl. S.126.

[23] Fiegl a.a.O., S.135. Dabei zeigt sich, dass Heterosexualität als wesentliche Grundlage der Männlichkeitskonstruktion dient. Homosexualität wird wie im Militär auch in der zivilen Gesellschaft als weniger männlich und daher als verachtungswürdig empfunden.

[24] A.a.O., S.136.

[25] Vgl. a.a.O.,S. 137. Ein weiteres Beispiel: Ein schikanöser Ausbilder in der Bundeswehr wird als Ficker bezeichnet .

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Vergewaltigung im Krieg
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
30
Katalognummer
V24379
ISBN (eBook)
9783638272681
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergewaltigung, Krieg
Arbeit zitieren
Sibylle Grundmann (Autor:in), 2000, Vergewaltigung im Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24379

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