In dieser Arbeit soll geschlechtsspezifische Gewalt im Kontext von Krieg untersucht werden. Vergewaltigung wird hier nicht als Tat eines einzelnen betrachtet, sondern es wird der gesellschaftliche Rahmen, der dieses Verbrechen möglich macht und maskiert, im Blickfeld sein.
Dabei wird davon ausgegangen, dass Vergewaltigungen ein gesellschaftliches und kein biologisches Phänomen sind. Annahmen, die Vergewaltigungen als Konsequenz eines männlichen sexuellen Triebstaus, als sexuellen Akt konstatieren, blenden die Bedingungen und Regeln menschlicher Gesellschaft aus und verschleiern, dass Vergewaltigung ein Gewaltakt ist.
In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, diese Maskierung in einigen Aspekten in Beschäftigung mit folgenden Fragen aufzudecken:
Welche Mechanismen sind vorhanden, die sexuelle Gewalt bagatellisieren oder sogar legitimieren? Was liegt dem zugrunde, dass ein gewisses Maß an Gewalt akzeptiert wird? Welchen Einfluss übt das Militär auf die zivile Gesellschaft aus? Welche Bedeutung hat sexuelle Gewalt in der kulturellen Konstruktion des Krieges? Welche Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind Vorbedingung für Vergewaltigungen?
Die Auseinandersetzung mit der Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg Japans wird als Beispiel für Vergewaltigungen im Krieg in der Beantwortung der Fragen herangezogen.
Zahlreiche koreanische Frauen wurden während des Krieges aus ihrem Lebenskontext herausgerissen, in Lager verschleppt, erlebten dort psychische und physische Folter, Vergewaltigungen und wurden nach dem Krieg mit sozialen Folgen wie Degradierung und Ausgrenzung und Schuldzuweisungen konfrontiert. Die Erlebnisse der koreanischen Frauen stehen stellvertretend für Frauen in anderen Kriegen. Wie so oft, wurde auch in Japan und Korea die sexuelle Gewalt und Versklavung in der Nachkriegszeit verdrängt und verleugnet. In Korea wurde erst in den letzten zehn Jahren das Schweigen gebrochen. Im Dezember 2000 findet in Tokyo das Tribunal Women’s International War Crimes Tribunal on Japan’s Military Sexual Slavery statt. Die ehemaligen Zwangsprostituierten warten seit Jahren auf eine Entschuld igung und ein Bekenntnis Japans.
Inhaltsverzeichnis
2.1 HISTORISCHER HINTERGRUND
2.2 ZWANGSPROSTITUTION
2.3 NACH DEM KRIEG
3 VERSUCH EINER ALLGEMEIN-HISTORISCHEN PERSPEKTIVE
4 ERKLÄRUNGSANSÄTZE
4.1. ZUM VERHÄLTNIS VON MILITARISMUS UND SEXUELLER GEWALT
4.1.1 Vergewaltigung im Kontext zur “Männeridentität“
4.2 DIE KULTURELLE KONSTRUKTION DES KRIEGES
4.2.1 Die Konstruktion “Soldat“
4.2.2 Die Konstruktion des “weiblichen Körpers“
4.2.3 Vergewaltigung – die Symbolik innerhalb der Konstruktion “Krieg“
4.3 ZUR “UM- SCHREIBUNG“ VON GEWALT
4.4 DAS “EIGENTLICHE“ VERBRECHEN
5 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht geschlechtsspezifische Gewalt im Kriegskontext, wobei sie Vergewaltigung als gesellschaftlich konstruiertes Phänomen betrachtet, das durch patriarchale Machtstrukturen und militärische Ideologien legitimiert und maskiert wird.
- Analyse der Zusammenhänge zwischen Militarismus, Sexismus und männlicher Identität.
- Untersuchung der kulturellen Konstruktion von Krieg, Soldatentum und Weiblichkeit.
- Dekonstruktion von Mechanismen der Gewaltumschreibung und Tabuisierung.
- Fallbeispielanalyse der Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg Japans.
- Reflexion über die symbolische Funktion von Vergewaltigung als Mittel der Kulturzerstörung.
Auszug aus dem Buch
4.1. Zum Verhältnis von Militarismus und sexueller Gewalt
„Das Militär tritt wie keine andere patriarchalische Institution als Produzent und Reproduzent einer gesellschaftlichen Männeridentität [...] auf, in der die Gewalttätigkeit gegen andere Menschen, insbesondere Frauen und rassisch Unterdrückte, in Form von direkter und indirekter Gewalt [...] glorifiziert werden“. Zu diesem Fazit gelangt Fiegl in der Auseinandersetzung mit der Frage, welche Rolle die Institution Militär in der gewalttätigen Kontrolle über Frauen einnimmt. Dabei stellt sie einen direkten Zusammenhang zwischen Militarisierung, Identität, Gewalt, Hierarchien und Sexualität dar.
Sie baut ihre Analyse darauf auf, dass das Militär zur eigenen Erhaltung, zur Sicherung der Nachfrage, eine Ideologie benötigt und benutzt, die das Militär selbst als Sozialisationsfaktor für junge Männer notwenig macht: Die Etablierung von männlicher Identität fußt auf Abwertung des weiblichen Geschlechts bis hin zur offenen Frauenverachtung und gleichzeitigen Loyalität zu Gewalttätigkeit.
Schon als Kinder nehmen Jungen wahr, dass sich Geschlechter durch Möglichkeiten in der Machtausübung unterscheiden. Dabei realisieren sie, dass „ein Mann-werden [...] Gewalttätigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber Frauen und anderen Opfern [erfordert]“, und dass das Zeigen von emotionalen Regungen wie Angst und Schmerzen nicht dem Männlichkeitsideal entsprechen. Mit dem Eintritt in die Armee erfolgt die endgültige Zurichtung eines Jungen, dessen Persönlichkeit und Geschlechtsidentität zu diesem Zeitpunkt selten stabil ist. Dieser Aspekt wird in der militärischen Ausbildung aufgegriffen, um hier im eigenen Interesse manipulieren zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
2.1 Historischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die politische Ausgangslage durch die japanische Kolonialpolitik, die durch Zwangsmobilisierung und Assimilationsversuche geprägt war.
2.2 Zwangsprostitution: Hier wird das systematische Militärbordellsystem analysiert, das zur Kontrolle der Soldaten und zur Entmenschlichung der betroffenen Frauen diente.
2.3 Nach dem Krieg: Das Kapitel thematisiert die soziale Stigmatisierung der Überlebenden sowie die systematische Verdrängung des Traumas in der japanischen und koreanischen Nachkriegsgesellschaft.
3 Versuch einer allgemein-historischen Perspektive: Dieser Abschnitt ordnet die Kriegsvergewaltigungen als globales, nicht singuläres Phänomen ein, um ihre strukturelle Verankerung aufzuzeigen.
4 Erklärungsansätze: Dieser theoretische Hauptteil analysiert verschiedene Ebenen der Gewalt, von der militaristischen Konstruktion von Männlichkeit bis hin zur symbolischen Umschreibung von Gewalt.
4.1. Zum Verhältnis von Militarismus und sexueller Gewalt: Es wird dargelegt, wie das Militär durch die Ausbildung männlicher Identität zur Gewalt gegen Frauen als Kontrollinstrument beiträgt.
4.1.1 Vergewaltigung im Kontext zur “Männeridentität“: Dieses Unterkapitel verdeutlicht, wie Vergewaltigungen in Krisensituationen dazu dienen, Macht und Männlichkeit zu stabilisieren.
4.2 Die kulturelle Konstruktion des Krieges: Der Fokus liegt hier auf der symbolischen Bedeutung der Körper von Soldaten und Frauen als kulturelle Zeichen im Krieg.
4.2.1 Die Konstruktion “Soldat“: Es wird die funktionale und kulturelle Rolle des Soldatenkörpers als Repräsentant des Staates und dessen Entzivilisierungsprozess behandelt.
4.2.2 Die Konstruktion des “weiblichen Körpers“: Das Kapitel beschreibt den weiblichen Körper als symbolische Folie für Nation und Gemeinschaft, der gleichzeitig als verletzlich konstruiert wird.
4.2.3 Vergewaltigung – die Symbolik innerhalb der Konstruktion “Krieg“: Hier wird Vergewaltigung als symbolischer Akt der Kulturzerstörung und Grenzverletzung analysiert.
4.3 Zur “Um- Schreibung“ von Gewalt: Dieses Kapitel kritisiert die Methoden der Sprachregelung und Unterschlagung, die Gewalt als notwendiges Nebenprodukt tarnen.
4.4 Das “eigentliche“ Verbrechen: Es wird die individuelle psychische und physische Zerstörung der betroffenen Frau durch das Gewaltverbrechen in den Mittelpunkt gestellt.
5 Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass nur eine tiefgreifende Änderung der patriarchalen Rollenbilder und eine Abkehr von der militärischen Ideologie nachhaltigen Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt bieten kann.
Schlüsselwörter
Geschlechtsspezifische Gewalt, Vergewaltigung im Krieg, Zwangsprostitution, Militarismus, Männlichkeitskonstruktion, Weiblichkeit, Patriarchat, Menschenrechte, Kulturzerstörung, Identität, Machtstrukturen, Kriegsbordell, Trauma, Entmenschlichung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht geschlechtsspezifische Gewalt im Kontext von Kriegen und analysiert diese nicht als Einzeltaten, sondern als gesellschaftlich und militaristisch verankerte Phänomene.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Verhältnis von Militarismus und Sexualität, der kulturellen Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie den Mechanismen der Tabuisierung und Umschreibung von Gewalt.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzudecken, welche gesellschaftlichen Mechanismen sexuelle Gewalt in Kriegen legitimieren und wie diese durch die Konstruktion von Männlichkeit zur Kontrolle von Frauen instrumentalisiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Analyse auf Basis soziologischer und feministischer Diskurse durchgeführt, die am Beispiel der Zwangsprostitution im Asien-Pazifik-Krieg Japans konkretisiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einbettung des Fallbeispiels und eine tiefgehende Analyse theoretischer Erklärungsansätze für die Systematik kriegerischer Vergewaltigungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Militarismus, patriarchale Identität, Kulturzerstörung, Menschenrechtsverletzung, Trauma und die symbolische Konstruktion des Soldaten- bzw. Frauenbildes.
Warum wählt die Autorin ausgerechnet das Fallbeispiel der japanischen Zwangsprostitution?
Dieses Beispiel dient als Paradebeispiel für die systematische staatlich-militärische Organisierung von Gewalt, bei der Frauen als Sexualware für die Kampfmoral instrumentalisiert und nach dem Krieg sozial ausgegrenzt wurden.
Welche Rolle spielt die Sprache bei der Umschreibung von Gewalt?
Die Autorin argumentiert, dass durch Euphemismen, das Verschweigen von Tatsachen und die Umdeutung von Verletzungen als „Nebenprodukt“ die menschliche Grausamkeit hinter kriegerischer Logik maskiert wird.
- Quote paper
- Sibylle Grundmann (Author), 2000, Vergewaltigung im Krieg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24379