Gregorius und Ödipus - ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: gut (2)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufgabenstellung

3. Rahmenbedingungen
3.1 Quellenlage
3.2 Die Beziehung zwischen Hartmann und Ödipus
3.3 Querbeziehungen zu der Gregoriuslegende

4. Ödipus und Gregorius
4.1 Die Vorgeschichte
4.2 Die Aussetzung
4.3 Der Lebensweg von Ödipus und Gregorius
4.4 Buße, Erhöhung und Tod
4.5 Zusammenfassung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Quellenangaben

1. Einleitung

Rund 1500 Jahre liegen zwischen der Entstehung des sophokleischen Ödipus und der Gregoriuslegende Hartmanns von Aue. Da erscheint es auf den ersten Blick äußerst gewagt, wenn nicht gar unmöglich, eine Verbindung zwischen beiden Werken sehen und darlegen zu wollen. Denn „Tragödie und Legende sind verschieden voneinander wie ein griechischer Tempel und ein gotischer Dom“[1], wie Günther Zuntz zu Recht bemerkt. Dabei ist es nicht nur der große zeitliche Raum, der die beiden Werke voneinander trennt. Auch zwischen den politischen, religiösen und sozialen Rahmenbedingungen, in denen Ödipus und Gregorius erschaffen worden sind, herrscht eine gewaltige Kluft. Es wäre durchaus angebracht, hier den berühmten Vergleich zwischen Tag und Nacht heranzuziehen. Zwei wesentliche Elemente, an denen die Differenz besonders deutlich wird, seien hierbei in aller Kürze genannt. Auf der einen Seite finden wir im antiken Griechenland eine polytheistisch ausgerichtete Gesellschaft, wohingegen die Zeit Hartmanns schon ein Jahrtausend lang durch die monotheistische Lehre des Christentums geprägt ist. Ebenso liegen zwischen der gesellschaftlichen Struktur Welten. Während wir in Griechenland die erste Einführung einer ansatzweise demokratischen Grundsätzen verpflichteten Gesellschaftsordnung beobachten dürfen, folgt die mittelalterliche Gesellschaft Hartmanns dem strengen und noch unveränderlichen Prinzip einer nach Ständen geordneten Struktur, in der Klerus und Adel um die Vorherrschaft kämpfen. Auch wenn mit dieser Beschreibung die Distanz nur grob umrissen wird, zeigt sie doch deutlich, dass man sehr vorsichtig mit dem angestrebten Vergleich von Ödipus und Gregorius umgehen muss. Keinesfalls darf man die Texte ohne Berücksichtigung dieses Hintergrunds nebeneinander legen.

Dennoch hat sich auch immer wieder erwiesen, dass der Literatur universelle Prinzipien der menschlichen Existenz zugrunde liegen, die die Grenzen von Zeit und Raum sprengen. So bescheinigt Joachim Pfeiffer vollkommen zu Recht den Mythen der Antike, dass sie „auch nach über 2000 Jahren […] noch nichts von ihrer Wirkungskraft eingebüßt“ haben[2]. Insbesondere gilt das für die Tragödie des Königs Ödipus, die Zuntz nicht zuletzt „als das Meisterstück auch formaler Vollendung“ bezeichnet[3]. Ein ebenso großes und nicht minder zutreffendes Lob hält er für den Gregorius bereit, den er „ein Juwel mittelalterlicher Dichtung“[4] nennt.

Doch auch in ihrer eigentlichen Aussagekraft sind beide Werke weit voneinander entfernt. So finden wir auf der einen Seite die griechische Tragödie mit ihren Merkmalen der Vernichtung, der Zerstörung, der Verzweiflung und des Untergangs, die bei dem Zuschauer Furcht und Schauder hervorrufen soll, um ihm die Gefahr und die Konsequenzen der durch den freien Willen ermöglichten Verfehlungen vor Augen zu führen und damit eine Reinigung (Katharsis) zu bewirken. Auf der anderen Seite hingegen steht die Legende, deren Grundaussage es ist, dass das Festhalten und die stete Berufung auf Gott gekoppelt mit der Buße einem jeglichen Sünder Erlösung verspricht, wie schwer das Vergehen auch sein mag. Eine besonders gute Zusammenfassung dieses Umstands gibt Zuntz:

Vom Griechischen her gesehen: welche Verkehrung, welche Entwertung einer grandiosen tragischen Konzeption ist diese Legende! Hier überwältigt uns kein konzentrierter und stürmischer Schwung vernichtender Selbsttäuschung und –entdeckung; hier droht keine Vernichtung. Man folgt dem vergleichsweise gelassenen Fortgang einer erbaulichen Erzählung […] in der Tat: wer an einem knappen und eindrücklichen Symbol die Wandlung demonstrieren wollte, die das Christentum über Welt und Menschheit gebracht hat, der könnte schwerlich ein bedeutungsvolleres ersinnen, als Tragödie und Legende hier, am gleichen Stoff, verwirklicht haben.[5]

2. Aufgabenstellung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, unabhängig von der eben erwähnten ästhetischen Vollkommenheit der beiden Werke, Gemeinsamkeiten und Unterschiede inhaltlicher Natur zwischen dem „Gregorius“ von Hartmann von Aue sowie dem „Ödipus“ in der Bearbeitung des Sophokles herauszuarbeiten. Vor allem soll dabei der Frage nachgegangen werden, ob man den Gregorius wie Zuntz als den „Ödipus des Mittelalters“[6] bezeichnen darf oder ob dies unzulässig ist.

3. Rahmenbedingungen

3.1 Quellenlage

Bevor man sich dem Vergleich von Ödipus und Gregorius zuwendet, ist es unabdingbar, sich die Tatsache bewusst zu machen, dass es sich bei diesen Texten nicht um isolierte und allein stehende Werke handelt. Vielmehr gibt es in beiden Fällen, vor allem aber bei Ödipus, eine große Fülle an verschiedenen Versionen. Bei Otto Rank findet sich ein Überblick über die konkreten literarischen Ausgestaltungen des Ödipus-Mythos, der von zahlreichen griechischen Autoren wie Homer, Aischylos, Sophokles und Euripides über die römischen Tragiker wie Seneca bis hin zu Voltaire und Hölderlin reicht.[7] Rank verweist in diesem Zusammenhang anhand einiger Beispiele auch auf die zum Teil erheblichen Unterschiede, welche die einzelnen Werke charakterisieren.

Ähnlich verhält es sich mit der Gregoriuslegende, die ebenfalls „in zahlreichen Textfassungen in West- und Mitteleuropa verbreitet“ ist und deren erstes Erscheinen auf Mitte des 11. bis Mitte des 12. Jahrhunderts datiert wird.[8] Die Version Hartmanns geht auf die „altfranzösische Verslegende ‚La Vie du Pape (Saint) Grégoire’“ zurück, von der sechs Handschriften überliefert sind, die aus dem 13.-15. Jahrhundert stammen, also deutlich nach der ersten Verbreitung der Legende.[9] Originalhandschriften sind bislang keine gefunden worden, so dass auch im Falle von Hartmanns Gregorius nur ein indirekter Zugang über die erhaltenen Handschriften zum Ursprungstext möglich ist.

Aufgrund der Tatsache, dass von Ödipus und Gregorius unterschiedliche inhaltliche Versionen verschiedener Autoren existieren und dass die Originaltexte nicht zugänglich sind, schreibt Kühnel daher zu Recht:

Hartmanns von Aue ‚Gregorius’ (und entsprechend die altfranzösische ‚Vie du pape Grégoire’, Hartmanns Vorlage) ist mit der Gregorius-Legende sowenig identisch wie der ‚König Ödipus des Sophokles’ oder der ‚Oedipus’ des Seneca mit dem griechischen Mythos von Ödipus.[10]

Betrachtet man demnach bei dem hier anzustellenden Vergleich nur die sophokleische Ödipus-Version und den Gregorius von Hartmann, die jeweils nur eine einzelne stoffliche Konkretisierung des Mythos bzw. der Legende darstellen, so stellt diese Konzentration auf zwei spezielle Texte eine erhebliche Reduktion dar, deren man sich zumindest bewusst sein muss. Ein weitergehender Vergleich, der auch unterschiedliche Varianten mit einbezieht, würde den Rahmen dieser Arbeit jedoch bei weitem sprengen.

3.2 Die Beziehung zwischen Hartmann und Ödipus

Ein Blick in die wissenschaftlich Literatur über den Gregorius zeigt, wie kontrovers die Debatte um die Frage geführt wurde, ob man überhaupt eine Nähe zwischen dem Mythos des Ödipus und der Legende um Gregorius in irgendeiner Form, sei es inhaltlicher oder formaler Natur, unterstellen darf. Die deutlichste Ablehnung dieser Vorstellung findet sich bei Bernward Plate, der zusammen mit einer knappen Inhaltsangabe der Tragödie des Sophokles zu dem Schluss kommt: „Außer Aussetzung und unwissentlicher Mutterheirat – und dies nicht einmal exakt – ist nichts aus der antiken Sage mit Gregorius gemein.“[11] Zu einer ganz ähnlichen Auffassung gelangen Christoph Cormeau und Wilhelm Störmer, die bei der Behandlung des Stoffumkreises mythische Geschichten und vor allem deren psychoanalytische Deutung außen vor lassen wollen, obwohl sie durchaus die Aussetzung und den Mutter-Sohn-Inzest als Gemeinsamkeit anerkennen. Zudem gestehen sie ein, dass die Ödipussage den Autoren des Mittelalters durchaus bekannt war.[12]

Auf der anderen Seite ist Ingrid Kasten von der engen Verbindung zwischen den beiden Werken überzeugt und beginnt ihren Aufsatz über die weibliche Hauptfigur des Gregorius mit den Worten: „Die mittelalterliche Gregoriuslegende, das ist inzwischen überzeugend belegt, geht in ihrem Kern auf die antike Ödipusfabel zurück.“[13] Auch Jürgen Kühnel sieht die „stofflichen Parallelen“ zwischen Ödipus und Gregorius als hinreichende Legitimation, diesem Thema einen eigenen Aufsatz zu widmen.[14]

Zuntz dagegen ist sich nicht ganz sicher, ob die Überlieferung der Ödipussage einen direkten Einfluss auf den Gregorius hatte und schreibt dazu:

Gewiß ist nicht unmöglich, daß auch diese [die Legende von Gregorius] letzten Endes von griechischer Tragödie abhängt – und vielleicht eher von Euripides als von Sophokles - ; vielleicht war das alte tragische Motiv in Byzanz auf einen Heiligen übertragen und in den Kreuzzügen dem Westen vermittelt worden.“[15]

Genau an dieser Stelle setzen die Überlegungen von Ulrich Mölk ein, der sich intensiv mit den Quellen des Gregorius befasst hat und auf dessen Aufsatz Kasten ihre eben erwähnte Annahme stützt. Auch Mölk behandelt die Frage, ob es für den französischen Dichter von „La Vie du Pape (Saint) Grégoire“ eine lateinische Vorlage gab, die ihrerseits auf einen byzantischen Ursprung zurückzuführen ist und dann aus dem östlichen Mittelmeerraum ihren Weg in die französische Literatur gefunden hat. Trotz einiger Belege oder vielmehr Indizien für diese These, die hier nicht näher erläutert werden sollen, kommt Mölk zu dem Schluss, dass es ohne klaren Beweis ergiebiger sei, „zu fragen, ob die Entstehung der französischen Gregoriuslegende nicht aus westlichem Erzählgut verständlich gemacht werden kann.“[16]

Direkt im Anschluss daran verfällt er auf die Ödipussage. Obgleich er sich sicher ist, dass den Autoren des Mittelalters die Stücke des Euripides und des Sophokles unbekannt waren, führt er den vielleicht entscheidenden Beweis für den Zusammenhang zwischen Ödipus und Gregorius an, der hier ausführlich zitiert werden soll:

Trotzdem dürfen wir sagen, daß der Ödipus-Mythos, allerdings ohne die Episoden der Buße und der Erhöhung, für die Ausformung der Gregoriuslegende die entscheidende Anregung gegeben hat. Wir sind deswegen so zuversichtlich, weil wir erweisen können, daß der französische Dichter den Roman de Thèbes (um 1150) gekannt und benutzt hat und sich sogar auf ihn bezieht. Es finden sich als sichere Entlehnung mindestens ein Verspaar und mindestens ein Nebenmotiv mit deutlichen sprachlichen Anklängen (die Zurechtweisung des jungen Kämpfers durch den erfahrenen Gegner), wie überhaupt der Thebenroman das Muster für Kampfschilderungen (Belagerung, Ausfall, ritterliche Zweikämpfe) und wohl auch militärische Terminologie abgegeben hat. Der ganze erste Teil des Thebenromans (rund 500 Verse) erzählt von den Schicksalen des Ödipus. Hier und auch sonst ist viel von Sünde, Verdammnis, Reue und Buße die Rede.[17]

Legt man diesen, zumindest plausibel klingenden, Beleg für eine „Verwandtschaft“ von Ödipus und Gregorius zugrunde, erscheint die nähere Beschäftigung mit diesem Thema durchaus als gerechtfertigt.

3.3 Querbeziehungen zu der Gregoriuslegende

Neben der Gregoriuslegende, die Buschinger im Zusammenhang mit dem Inzestmotiv als den Prototypus mittelalterlicher Heiligenlegenden bezeichnet[18], gibt es eine ganze Reihe weiterer Texte im Mittelalter, die den Inzest thematisieren und Anklänge an die Ödipusgeschichte aufweisen. Schon Otto Rank widmet in seinem Buch über die Inzestthematik in der Literatur mittelalterlichen Fabeln und christlichen Legenden ein ganzes Kapitel.[19] und stellt dabei fest: „In ihrem Grundschema weisen die legendarischen Erzählungen eine so weitgehende Übereinstimmung mit der Ödipusfabel auf, daß man vielfach an direkte Entlehnung gedacht hat.“[20] Die größte Übereinstimmung mit dem Ödipusmythos findet er in der Judaslegende und verweist darauf, dass „die meisten Forscher sie nur für eine christliche Überarbeitung der Ödipusfabel“ gehalten haben.[21] Rank, der als Schüler Freuds ganz der Psychoanalyse verpflichtet ist, liefert auch eine Begründung für die große Zahl an Inzestgeschichten im Mittelalter:

Deutlicher noch als die antike Überlieferung offenbart die christliche Legendenbildung, daß es sich bei diesen Produktionen nur um mächtig durchbrechende gehemmte Triebregungen handelt, die vom Volk nunmehr auf seine Heiligen übertragen werden, in denen es jedoch nicht nur die Befriedigung dieser Regungen, sondern in der oft ins Unsinnige gesteigerte Reue und Buße die Strafung und Entsühnung dafür findet.[22]

Ob man sich einer solchen monokausalen Auffassung anschließen möchte, bleibt dem Leser überlassen, da es sich in gewisser Weise, wie so oft bei der Psychoanalyse, um eine „Glaubensfrage“ zu handeln scheint, die sich einer konkreten Beweisführung entzieht.

Auch bei Danielle Buschinger findet sich eine ausführliche Darstellung verschiedener Spielarten des Inzests in mittelalterlichen Texten und deren Beziehung zum Ödipusmythos.[23] Als ein Beispiel dafür identifiziert sie den Prolog des Tristan-Prosaromans, der ihrer Meinung nach ebenfalls auf den ‚Roman de Thèbes’ zurückzuführen ist und der von Apollo handelt:

Alle Abenteuer, die Apollo bis zu seiner Bekehrung durchlebt, sind nur Nachahmungen, Umstellungen der Abenteuer des Ödipus. Der mittelalterliche Prosaist hat sehr getreu und gänzlich dem griechischen Mythos seinem mittelalterlichen Helden angepaßt, um Tristan einen hervorragenden Vorfahren zu geben.[24]

Darüber hinaus benennt sie zahlreiche weitere Werke, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Dazu zählen unter anderem der ‚Apolloniusroman’, die ‚Albanuslegende’ und der ‚Conte del Graal’ bzw. der ‚Parzival’.

Auf diesem Hintergrund gelangen Cormeau und Störmer in ihrem 1993 in der zweiten Auflage veröffentlichten Buch über Hartmann von Aue zu folgendem Schluss:

Das Hochmittelalter kennt mehrere christliche Inzestlegenden nebeneinander, die große Ähnlichkeit mit der Gregoriusfabel haben. Gegenseitige Beeinflussung ist wahrscheinlich, der Versuch, eine Abhängigkeit in der Entstehung aufzuhellen, scheitert aber an der unzureichenden Kenntnis der Entstehungsdaten.[25]

4. Ödipus und Gregorius

In den vorangegangenen Abschnitten wurde gezeigt, dass es durchaus eine Berechtigung dafür gibt, die beiden Texte einander gegenüberzustellen, selbst wenn das Stück des Sophokles den mittelalterlichen Autoren nicht direkt zugänglich war. Die folgenden Abschnitte sollen dazu dienen, die Vielfalt der Parallelen aber auch der Differenzen darzulegen, die sich bei weitem nicht auf einzelne Motive wie die Aussetzung reduzieren lassen.

4.1 Die Vorgeschichte

In seinem Buch „Ödipus und Minos“ bemerkt Gerhard Szonn zu Recht, dass „auf der Welt nichts ohne Ursache und Voraussetzungen geschieht[…]“[26] und lenkt damit den Blick auf das Problem, dass gerade bei der psychoanalytischen Interpretation des Ödipus, insbesondere bei Sigmund Freud, häufig der Fehler begangen wurde, immer nur einen Teilausschnitt der Sage zu betrachten. Doch erst durch die Geschichte der Vorfahren des Ödipus als auch durch sein eigentliches Ende in ‚Ödipus auf Kolonos’ bekommen wir einen Gesamteindruck der Sage, was zum Beispiel Klaus Schlagmann zu der Überzeugung führt, dass Ödipus eigentlich nur „das Opfer familiärer Verstrickung“ ist.[27]

Und so fördert ein kurzer Blick auf die Großväter ein erstes Element zu Tage, welches die beiden Protagonisten miteinander verbindet und die Wurzeln des Unglücks erkennen lässt. Laios’ Vater stirbt bereits, als sein Sohn erst ein Jahr alt ist, was schließlich zu dessen Flucht aus Theben führt.[28]. Auch der Großvater des Gregorius stirbt zu einem Zeitpunkt, als sein Sohn gerade 10 Jahre alt ist.[29] Dieser Umstand ist insoweit zumindest aus psychoanalytischer Sicht bedeutend, alldieweil beide Väter deutlich vor Beendigung der so genannten Latenzphase sterben, also vor dem Ende der Pubertät. Szonn argumentiert hier in Bezug auf Laios dahingehend, dass dieser durch den frühen Tod seines Vaters kein Vorbild hatte, an dem er hätte reifen können und sieht das als Wegbereitung für die weitere tragische Entwicklung.[30] Gleiches könnte demnach für Gregorius’ Vater, dem Herrscher Aquitaniens, gelten. An seinem Sterbebett ermahnt er zwar den Sohn zu einer an den edlen Tugenden des Rittertums orientierten Lebensweise [31], doch dieser ist aufgrund der fehlenden Vaterfigur dazu gar nicht in der Lage.

In der Folge davon kommt es bei den Vätern von Ödipus und Gregorius zu schwer wiegenden Verfehlungen. Laios, der infolge seiner Flucht am Hofe des Pelops aufgenommen worden ist, geht eine pädophile, homosexuelle Beziehung mit dessen Sohn Chrysippos ein und entführt ihn, worauf Chrysippos Selbstmord begeht. Pelops verflucht darauf hin den Laios, was der Grund dafür ist, dass er keine Kinder bzw. kein Kind hätte bekommen sollen. [32,33] Eine zwar nicht exakt analoge, aber dennoch vergleichbar schwere Sünde begeht der Vater des Gregorius durch den Inzest mit seiner Schwester. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Frage, ob die Schwester den Beischlaf mit ihrem Bruder freiwillig oder gezwungenermaßen vollzieht. ob es sich also über den Inzest hinaus auch um eine Vergewaltigung handelt. Als der Bruder sich in das schwesterliche Bett begibt und offensichtlich den Geschlechtsakt vollziehen möchte, heißt es im Text:

[...]


[1] GZ, S. 92

[2] JP

[3] GZ, S. 89

[4] GZ, S. 91

[5] GZ, S. 91/92

[6] GZ, S. 90

[7] OR, S. 230-240

[8] CS, S. 123

[9] CS, S. 123

[10] JK, S. 156

[11] BP, S. 31

[12] CS, S. 125

[13] IK, S. 400

[14] JK, S. 141

[15] GZ, S. 90

[16] UM, S. 96

[17] UM, S. 97

[18] DB, S. 110

[19] OR, S. 312 ff.

[20] OR, S. 313

[21] OR, S. 318

[22] OR, S. 312

[23] DB, S. 108-140

[24] DB, S. 112

[25] CS, S. 125

[26] GS, S. 42

[27] KS

[28] GS, S. 43

[29] GR, V. 187-189

[30] GS, S.53/56

[31] GR, V. 244-265

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Gregorius und Ödipus - ein Vergleich
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar I)
Veranstaltung
Gregorius
Note
gut (2)
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V24394
ISBN (eBook)
9783638272803
ISBN (Buch)
9783638648325
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Literaturwissenschaft wurde schon oft auf die Analogien zwischen Hartmann von Aues Gregorius und dem Ödipus von Sophokles hingewiesen. In dieser Arbeit wird der Vergleich intensiviert und ausgebaut.
Schlagworte
Gregorius, Vergleich, Gregorius
Arbeit zitieren
Sascha Fiek (Autor), 2004, Gregorius und Ödipus - ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24394

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Titel: Gregorius und Ödipus - ein Vergleich



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