Rund 1500 Jahre liegen zwischen der Entstehung des sophokleischen Ödipus und der Gregoriuslegende Hartmanns von Aue. Da erscheint es auf den ersten Blick äußerst ge-wagt, wenn nicht gar unmöglich, eine Verbindung zwischen beiden Werken sehen und darlegen zu wollen. Denn „Tragödie und Legende sind verschieden voneinander wie ein griechischer Tempel und ein gotischer Dom“[1], wie Günther Zuntz zu Recht bemerkt. Dabei ist es nicht nur der große zeitliche Raum, der die beiden Werke voneinander trennt. Auch zwischen den politischen, religiösen und sozialen Rahmenbedingungen, in denen Ödipus und Gregorius erschaffen worden sind, herrscht eine gewaltige Kluft. Es wäre durchaus angebracht, hier den berühmten Vergleich zwischen Tag und Nacht heranzuzie-hen. Zwei wesentliche Elemente, an denen die Differenz besonders deutlich wird, seien hierbei in aller Kürze genannt. Auf der einen Seite finden wir im antiken Griechenland eine polytheistisch ausgerichtete Gesellschaft, wohingegen die Zeit Hartmanns schon ein Jahrtausend lang durch die monotheistische Lehre des Christentums geprägt ist. Ebenso liegen zwischen der gesellschaftlichen Struktur Welten. Während wir in Griechenland die erste Einführung einer ansatzweise demokratischen Grundsätzen verpflichteten Gesell-schaftsordnung beobachten dürfen, folgt die mittelalterliche Gesellschaft Hartmanns dem strengen und noch unveränderlichen Prinzip einer nach Ständen geordneten Struktur, in der Klerus und Adel um die Vorherrschaft kämpfen. Auch wenn mit dieser Beschreibung die Distanz nur grob umrissen wird, zeigt sie doch deutlich, dass man sehr vorsichtig mit dem angestrebten Vergleich von Ödipus und Gregorius umgehen muss. Keinesfalls darf man die Texte ohne Berücksichtigung dieses Hintergrunds nebeneinander legen.
Dennoch hat sich auch immer wieder erwiesen, dass der Literatur universelle Prinzipien der menschlichen Existenz zugrunde liegen, die die Grenzen von Zeit und Raum spren-gen. So bescheinigt Joachim Pfeiffer vollkommen zu Recht den Mythen der Antike, dass sie „auch nach über 2000 Jahren […] noch nichts von ihrer Wirkungskraft eingebüßt“ haben[2]. Insbesondere gilt das für die Tragödie des Königs Ödipus, die Zuntz nicht zu-letzt „als das Meisterstück auch formaler Vollendung“ bezeichnet[3]. Ein ebenso großes und nicht minder zutreffendes Lob hält er für den Gregorius bereit, den er „ein Juwel mittelalterlicher Dichtung“[4] nennt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufgabenstellung
3. Rahmenbedingungen
3.1 Quellenlage
3.2 Die Beziehung zwischen Hartmann und Ödipus
3.3 Querbeziehungen zu der Gregoriuslegende
4. Ödipus und Gregorius
4.1 Die Vorgeschichte
4.2 Die Aussetzung
4.3 Der Lebensweg von Ödipus und Gregorius
4.4 Buße, Erhöhung und Tod
4.5 Zusammenfassung
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem „Gregorius“ von Hartmann von Aue und dem „Ödipus“ des Sophokles, um die wissenschaftliche Zulässigkeit des Vergleichs als „Ödipus des Mittelalters“ kritisch zu hinterfragen.
- Stoffliche Parallelen in der literarischen Überlieferung
- Psychoanalytische Aspekte der familiären Verstrickung
- Einfluss von christlichem versus griechisch-tragischem Weltbild
- Strukturelle Analogien in Lebensweg, Aussetzung und Erlösung
Auszug aus dem Buch
4.2 Die Aussetzung
Bei näherer Betrachtung der Aussetzung offenbart auch diese bedeutende Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Werken. In beiden Fällen liegt die Ursache für die Aussetzung eindeutig in den Vergehen der Väter. So wäre es ohne die Sünde des Laios nie zu dem Fluch des Pelops und dem daraus resultierenden Orakelspruch gekommen, dass er für den Fall, einen Sohn zu bekommen, von diesem erschlagen würde. Laios hätte dann auch nicht seinen Sohn aussetzen müssen. Ähnlich verhält es sich bei Gregorius, dessen Aussetzung ja auch auf dem Umstand beruht, dass er ein uneheliches, im Inzest gezeugtes Kind ist, welches den Ruf der Familie zerstört hätte.
Interessanterweise sind es aber in beiden Fällen die Mütter, die mit der Aussetzung der Kinder befasst sind und damit ihrerseits eine Schuld auf sich laden. Anhand einer Textstelle widerlegt Schlagmann den in der Literaturwissenschaft oftmals begangenen Irrtum, dass Laios für die Aussetzung verantwortlich sei. So heißt es im 3. Stasimon des Ödipus im Gespräch zwischen Ödipus und dem Hirten:
Hirte: Sein Sohn denn also wurde es [das Kind des Laios, Ödipus] genannt…doch die drinnen könnt am besten sagen, deine Frau, wie sich das verhält. Ödipus: Gab sie es Dir? Hirte: Ja, Herr! Ödipus: Um was damit zu tun? Hirte: Vernichten sollt ich es! Ödipus: Die Mutter bracht es über sich…? Hirte: Aus Angst vor schlimmen Sprüchen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Erörterung der zeitlichen und kulturellen Kluft zwischen dem antiken Ödipus-Stoff und der mittelalterlichen Gregoriuslegende bei gleichzeitiger Anerkennung universeller existenzieller Prinzipien.
2. Aufgabenstellung: Definition des Ziels, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Werken herauszuarbeiten und die Eignung des Vergleichsbegriffs „Ödipus des Mittelalters“ zu prüfen.
3. Rahmenbedingungen: Analyse der komplexen Quellenlage, der Forschungsdebatte zur literarischen Nähe beider Stoffe sowie der Inzestthematik in weiteren mittelalterlichen Texten.
4. Ödipus und Gregorius: Detaillierter motivischer Vergleich von Vorgeschichte, Aussetzung, Lebensweg sowie der Themen Buße, Erhöhung und Tod der Protagonisten.
5. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass trotz wesentlicher Unterschiede in der Zielsetzung und christlicher Transformation der Stoffe, eine stoffliche Verwandtschaft und gegenseitige Beeinflussung plausibel ist.
Schlüsselwörter
Ödipus, Gregorius, Hartmann von Aue, Sophokles, Inzest, Literaturvergleich, Mittelalter, Antike, Legende, Tragödie, Psychoanalyse, Buße, Aussetzung, Erlösung, Mythos.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die literarischen Stoffe des Ödipus von Sophokles und des Gregorius von Hartmann von Aue, um strukturelle und inhaltliche Parallelen zu identifizieren.
Welche zentralen Themenfelder werden untersucht?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Entstehung der Werke, die Rollen der Vorfahren, die Motive der Aussetzung sowie den Weg von Sünde, Buße und letztendlicher Erlösung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, die Berechtigung der Bezeichnung des „Gregorius“ als „Ödipus des Mittelalters“ kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, inwieweit ein direkter Einfluss existiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Motivvergleich unter Berücksichtigung von Quellenanalysen sowie psychologischer Interpretationsansätze.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Handlungsstationen der Protagonisten – von der Vorgeschichte der Väter über die Aussetzung und die spätere Identitätsfindung bis hin zum Ende der Helden – detailliert gegenübergestellt.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Analyse?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Inzestmotiv, christliche Legende, griechische Tragödie, Staatsraison, Buße und die Transformation von Stoffen im Mittelalter.
Warum spielt der frühe Tod der Großväter eine Rolle im Vergleich?
Der frühe Tod der Großväter wird als psychoanalytisches Element gedeutet, das die Väter in ihrer moralischen Entwicklung beeinträchtigte und somit den Nährboden für die späteren schweren Verfehlungen (Inzest) legte.
Worin liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Aussetzungen bei Ödipus und Gregorius?
Während die Mutter des Ödipus den Tod des Kindes herbeiführen wollte, zielte die Aussetzung im Gregorius darauf ab, das Kind am Leben zu lassen und sein weiteres Schicksal in Gottes Hand zu legen.
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- Sascha Fiek (Author), 2004, Gregorius und Ödipus - ein Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24394