In ihrem 1996 erschienenen Roman "Medea. Stimmen" stellt Christa Wolf ihre Titelheldin in ein Licht, das sich nicht radikaler von dem uns seit vielen Jahrhunderten überlieferten, traditionellen Bild der mythologischen Medea entfernen könnte. An die Stelle des Scheusals Medea, der betrogenen Ehefrau, deren leidenschaftliche Liebe in vernichtende Raserei umkippt und der kaltblütigen Bruder- und Kindermörderin tritt bei Wolf eine Exiliantin aus politischer Überzeugung, die in ihrer Wahlheimat Korinth auf die Spur eines grausamen Staatsverbrechens gerät und schließlich aufgrund ihrer staatsfeindlichen Nachforschungen zum Opfer eines gezielt inszenierten Rufmordes wird.
Christa Wolfs provozierende Mythenneubearbeitung verbindet sich überdies mit einem noch provozierenderen Anspruch: Dem Anspruch nämlich, ihren Lesern nicht nur irgendeine neue Variante des altbekannten Mythos zu liefern, sondern die einzige wahre und richtige Variante, aufgrund derer alle vorherigen "schnellfertige[n] Urteile" (MS: 9) über Medea von Grund auf widerrufen werden müssen.
Den wissenschaftlichtheoretischen Rahmen für Wolfs Neuinterpretation des Mythos liefert dabei die in 1980ger Jahren entwickelte Mythentheorie des französischen Soziologen und Kulturwissenschaftlers René Girard, der in seinen Untersuchungen "La Violence et le sacré" (Das Heilige und die Gewalt) und "Le Bouc émissaire" (Der Sündenbock) Mythen auf indirekte weil verschlüsselte Zeugnisse realer historischer Verfolgung zurückführt und auf den Wolf in ihrem Roman an verschiedenen Stellen zitierend Bezug nimmt.
Ausgehend von einem etwas genaueren Blick auf einige zentrale Thesen Girards und deren Umsetzung in "Medea. Stimmen" möchte sich die vorliegende Arbeit folgenden Fragen widmen: Inwieweit führt Wolfs Rückgriff auf die von Girard entwickelten sozialpsychologischen Interpretationsmuster insgesamt zu einer entmythisierenden Erzählweise? Inwieweit gelingt es Wolf durch die Thematisierung der Genese des Mythos "Medea" auf der Textoberfläche die Lebensgeschichte Medeas über das Persönliche hinaus als exemplarischen Fall eines Sündenbock- und Verfolgungsmechanismus darzustellen? Welche Probleme ergeben sich bei der literarischen Umsetzung dieser Intention? Und schließlich: Inwieweit lässt sich das von Christa Wolf entworfene Persönlichkeitsbild Medeas mit dem Versuch einer Entindividualisierung und Verallgemeinerung ihres Schicksals als das eines prototypischen Sündenbocks vereinbaren?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Der mythische Held als Sündenbock: über René Girards Interpretation des Mythos als Zeugnis historischer Verfolgungs- und Ausgrenzungsprozesse
II. Christa Wolfs Medea. Stimmen: Entmythisierung eines Sündenbockmechanismus? Über Wolfs literarische Umsetzung der girardschen Mythentheorie
III. Mythos als Kulturprodukt - über zivilisationskritsche Aspekte in Medea. Stimmen, ChristaWolfs Begriff der Verkennung und die Frage nach der Exemplarität des medeischen Schicksals
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Christa Wolfs Roman "Medea. Stimmen" im Kontext der Mythen- und Sündenbocktheorie von René Girard, um zu ergründen, wie die Autorin den Mythos entmythisiert und welche Rolle dabei gesellschaftliche Machtstrukturen sowie der Begriff der "Verkennung" spielen.
- Analyse des Sündenbockmechanismus nach René Girard.
- Untersuchung der literarischen Umsetzung der girardschen Theorie bei Christa Wolf.
- Kritische Betrachtung zivilisationskritischer Aspekte und des Aufklärungsbegriffs im Roman.
- Reflektion über die Rolle Medeas als individuelle Figur gegenüber ihrer Funktion als Sündenbock-Prototyp.
- Diskussion der Diskrepanz zwischen Wolfs wissenschaftlichem Anspruch und der literarischen Mythenkonstruktion.
Auszug aus dem Buch
Einleitung
In ihrem 1996 erschienenen Roman Medea. Stimmen stellt Christa Wolf ihre Titelheldin in ein Licht, das sich nicht radikaler von dem uns seit vielen Jahrhunderten überlieferten, traditionellen Bild der mythologischen Medea entfernen könnte. Anstelle des Scheusals Medea, der barbarischen Wilden und bösen Zauberin, der betrogenen Ehefrau, deren leidenschaftliche Liebe in vernichtende Raserei umkippt und der kaltblütigen Bruder- und Kindermörderin steht bei Wolf eine homöopathische Heilerin, eine Exiliantin aus politischer Überzeugung, die in ihrer Wahlheimat Korinth auf die Spur eines grausamen Staatsverbrechens gerät und schließlich aufgrund ihrer staatsfeindlichen Nachforschungen zum Opfer eines gezielt inszenierten Rufmordes wird, aufgrunddessen Medea in die Rolle eines Sündenbocks getrieben, als Mörderin abgestempelt und der kollektiven Gewalt einer wütenden Volksmasse ausgesetzt wird.
Christa Wolfs provozierende Mythenneubearbeitung verbindet sich überdies mit einem noch provozierenderen Anspruch: Dem Anspruch nämlich, ihren Lesern nicht nur irgendeine neue Variante des altbekannten Mythos zu liefern, sondern überdies auch noch die einzige wahre und richtige Variante, aufgrundderer alle vorherigen "schnellfertige[n] Urteile" (MS: 9) über Medea von Grund auf widerrufen werden müssen. Medea aus dem "Dunkel" einer jahrhundertealten "Verkennung" (ebd.: 10) zu lösen, das ist die Aufgabe, die Wolf ihrem Prosawerk explizit voranstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Mythenneubearbeitung bei Christa Wolf und Vorstellung der Forschungsfragen unter Einbezug von René Girards Theorie.
I. Der mythische Held als Sündenbock: über René Girards Interpretation des Mythos als Zeugnis historischer Verfolgungs- und Ausgrenzungsprozesse: Darstellung und Erläuterung der girardschen Mythentheorie sowie des zentralen Konzepts des Sündenbockmechanismus.
II. Christa Wolfs Medea. Stimmen: Entmythisierung eines Sündenbockmechanismus? Über Wolfs literarische Umsetzung der girardschen Mythentheorie: Anwendung der theoretischen Erkenntnisse Girards auf die spezifischen Ereignisse und Charakterkonstellationen in Wolfs Roman.
III. Mythos als Kulturprodukt - über zivilisationskritsche Aspekte in Medea. Stimmen, ChristaWolfs Begriff der Verkennung und die Frage nach der Exemplarität des medeischen Schicksals: Untersuchung der weiterführenden zivilisationskritischen und politischen Aspekte des Romans sowie eine abschließende Einordnung der Medea-Figur.
Zusammenfassung: Retrospektive Zusammenführung der Ergebnisse bezüglich der Stärken und Schwierigkeiten der wolfschen Mythenrezeption.
Schlüsselwörter
Christa Wolf, Medea. Stimmen, René Girard, Sündenbockmechanismus, Mythos, Entmythisierung, Verfolgung, Aufklärung, Verkennung, Zivilisationskritik, Kollektiv, Machtstrukturen, Literaturanalyse, Medea.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Christa Wolfs Roman "Medea. Stimmen" im Hinblick auf die Frage, inwieweit die Autorin wissenschaftliche Mythentheorien, insbesondere die von René Girard, literarisch umsetzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Mechanismen der Mythenbildung, die Rolle des Sündenbocks innerhalb einer Gemeinschaft sowie eine dezidierte Zivilisations- und Aufklärungskritik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Erfolg von Christa Wolf bei der Entmythisierung des Medea-Mythos zu prüfen und zu untersuchen, ob Medea als individueller Charakter oder primär als prototypischer Sündenbock fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die den Roman im direkten Vergleich mit René Girards soziokulturellen Untersuchungen zum Sündenbock und zum Heiligen interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch Girard, die konkrete Anwendung auf die Romanhandlung in Korinth und Kolchis sowie eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Begriff der "Verkennung" im Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Sündenbockmechanismus, Entmythisierung, Zivilisationskritik, Aufklärung, Verkennung und die literarische Mythenneubearbeitung.
Inwiefern unterscheidet sich Wolfs Medea vom klassischen Bild?
Wolf entlastet ihre Protagonistin von den klassischen Mordvorwürfen und inszeniert sie als Opfer politischer Machenschaften und einer patriarchalen Machtordnung.
Welches zentrale Problem identifiziert die Autorin bei Christa Wolf?
Das Hauptproblem liegt in einer möglichen Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf wissenschaftlich fundierte Mythengenese und der tatsächlich durchgeführten, teilweise plakativ-politischen Interpretation des Mythos.
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- Magistra Artium Verena Krauch (Author), 2004, Christa Wolfs "Medea. Stimmen" zwischen Entmythisierung und Remythisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24397