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Zur Zweifelhaftigkeit der Voraussetzung willkürlich gewählter und historisch gewachsener Zeitvorstellungen in den Arbeiten der modernen Zeitphilosophie

Title: Zur Zweifelhaftigkeit der Voraussetzung willkürlich gewählter und historisch gewachsener Zeitvorstellungen in den Arbeiten der modernen Zeitphilosophie

Term Paper (Advanced seminar) , 1998 , 39 Pages , Grade: sehr gut

Autor:in: Andrea Dittert (Author)

Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
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In dem dieser Arbeit vorausgegangenen Seminar wurde sich - abgesehen von einem kurzen, einführenden Abstecher zu Augustinus - ausschließlich mit Überlegungen von Philosophen des 20. Jh. zum Thema ‘Zeit’ beschäftigt. So lasen wir u.a. Texte von Hans Reichenbach, John und Ellis McTaggart, Michael Dummett, William James und John N. Findlay und versuchten anhand ihrer die allgemeine Problematik des ‘Sprechens über die Zeit’ und die besonderen Schwierigkeiten der Umsetzung umgangssprachlicher Aussagen in formalen Sprachen, wenn dabei die Vor- und Nachzeitigkeit ausgedrückt werden muß, zu verstehen und die grundsätzlichen Argumente der Diskussionen über das Sein bzw. die Irrealität der Zeit, mitsamt den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Zeitmessung, nach zu vollziehen. Niemals hinterfragten wir jedoch, auf welcher historisch gewachsenen Basis die behandelten Autoren standen und welche geistesgeschichtlichen Entwicklungen ihren Überlegungen vorausgegangen waren.
Die Theorien der sich mit dem Thema Zeit beschäftigenden heutigen Philosophen sind jedoch meines Erachtens eindeutig durch die in unserer Kultur allgemeine Vorstellung von der Zeit beeinflußt. So setzen
z.B. alle herangezogenen Autoren voraus, daß es einen Übergang von der Vergangenheit über die Gegenwart zu einer Zukunft gibt und streiten nur über die begriffliche Fassung und physikalische
Ausdehnung dieser Aspekte, ohne den Zeitstrang ansich in Frage zu stellen. Ich möchte mit dieser Arbeit ebenfalls nicht die Linearität der Zeit widerlegen, halte es jedoch für notwendig, die geschichtliche
Entwicklung unserer Zeitskala zu reflektieren, um die allzu oft als selbstverständlich genommene Skalierung der Zeit in ihrer Willkürlichkeit deutlich zu machen. Nur durch das Bewußtsein dieser historischen Gewachsenheit kann verhindert werden, daß modernen Überlegungen einfach
unausgesproche Voraussetzungen als a priori gegeben zu Grunde gelegt werden, die nicht Ergebnis physikalischer oder psychologischer Untersuchungen sind, sondern einem gesellschaftlich bedingten
Bedürfnis nach Synchronisation von astronomischen Gegebenheiten, religiösen Vorstellungen, historischer Ereignisse und individuellen Verhaltens entsprangen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Synchronisation von Kalender und Astronomie

2.1 Zyklische Himmelserscheinungen als Grundlage des Kalenders

2.1.1 Der Tag

2.1.2 Der Monat

2.1.3 Das Jahr

2.1.4 Belege für die Orientierung an den Himmelskörpern

2.2 Abweichung des Kalenderjahres vom astronomischen Jahr

2.2.1 Problem der nichtganzzahligen Tagesanzahl des Sonnenjahres

2.2.2 Problem der nicht ganzzahligen Anzahl von Mondumläufen des Sonnenjahres

2.2.3 Kalender als Näherungsproblem

2.3 Annäherungsmöglichkeiten des Kalenderjahres an das astronomische Jahr

2.3.1 Orientierung am Mond (Lunare Kalender)

2.3.2 Orientierung an Sonne und Mond (Lunisolare Kalender)

2.3.3 Orientierung an der Sonne (Solare Kalender)

3 Festigkeit des tradierten Kalendersystems

3.1 Historische Entwicklung unseres Kalenders

3.1.1 In der Tradition des römischen Kalenders

3.1.2 Bis heute gültige gregorianische Kalenderreform

3.1.3 Kalenderverwirrungen in der Folge der gregorianischen Reform

3.2 Aussichtslose Reformvorschläge

3.2.1 Bessere Lösung: Neuer Orthodoxer Kirchenkalender

3.2.2 Anregungen zu Reformen aus der Wirtschaft

4 Entwicklung einer langfristigen Jahreszählung

4.1 Auffassung vom skalar-linearen Verlauf der Zeit

4.1.1 Entstehende Distanz zur Vergangenheit beim Übergang von mündlich zu schriftlich geprägten Kulturen

4.1.2 Von der zyklischen zur linearen Zeit

4.2 Willkür unserer Datierung

4.2.1 Festlegung der Epoche

4.2.2 Historisch-chronologische Fixierung von Christi Geburt

4.2.3 Unsicherheit unserer Zeitachse

5 Fazit

Zielsetzung und Themen

Die Arbeit untersucht die philosophischen und historischen Grundlagen unserer Zeitvorstellungen sowie die damit verbundenen, oft als selbstverständlich wahrgenommenen Datierungssysteme. Ziel ist es, die Willkür bei der Fixierung von Zeitachsen und den Übergang von zyklischen zu linear-skalaren Zeitverständnissen kritisch zu hinterfragen und deren gesellschaftliche sowie religiöse Einbettung aufzuzeigen.

  • Historische Entwicklung astronomisch orientierter Kalendersysteme.
  • Untersuchung der Diskrepanzen zwischen astronomischen Zyklen und bürgerlicher Zeitrechnung.
  • Analyse des Wandels vom mündlich zum schriftlich geprägten Zeitverständnis.
  • Reflexion der historisch-chronologischen Fixierung des Christentums als Ausgangspunkt moderner Zeitrechnung.
  • Dekonstruktion der vermeintlichen Notwendigkeit einer linearen Jahreszählung.

Auszug aus dem Buch

4.1.1 Entstehende Distanz zur Vergangenheit beim Übergang von mündlich zu schriftlich geprägten Kulturen

Damit die beim Übergang von einer mündlichen zu einer schriftlichen Kultur entstehende Möglichkeit zur Distanzierung von der Vergangenheit Erläuterung finden kann, muß zunächst grundsätzlich auf Unterschiede zwischen mündlich und schriftlich geprägten Kulturen eingegangen werden. Durch die Verwendung der Adjektive 'mündlich' und 'schriftlich' kommt es leicht zu Mißverständnissen, weil diese Adjektive häufig nur medial verstanden werden, d.h. 'mündlich' als Weitergabe von Informationen mittels des phonetischen, schriftlich als Weitergabe mittels des graphischen Mediums. Diese Reduzierung der Begrifflichkeiten auf einen rein medialen Unterschied reicht bei der Betrachtung von Kulturen jedoch nicht aus, es müssen auch die mit der Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit einhergehenden Folgen für das Denken Beachtung finden.

So muß man feststellen, [...] daß für die schriftliche Kommunikation gilt: »The meaning is in the text«, für die mündliche: »The meaning is in the context.« Dadurch, daß bei einer schriftlichen Fixierung der Kontext verloren geht, ist zur Erhaltung der Verständlichkeit des Geäußerten ein anderer Umgang mit der Sprache erforderlich als im direkten, mündlichen Austausch. Zunächst einmal fehlen die Möglichkeiten der Mimik, Gestik und Betonung, dann müssen zusätzlich zeitliche und örtliche Einordnungen erfolgen und indexikalische Wörter mit eindeutigen Bezügen ausgestattet werden. Die schriftliche Form erfordert also - ganz allgemein - [...] einen höheren Aufwand an Versprachlichung, um das Gelingen der Kommunikation zu sichern.

Mit der Verschriftlichung muß zudem eine gewisse Abstraktionsfähigkeit entwickelt werden, insofern [...] daß die Schrift eine neue Art der Beziehung zwischen dem Wort und dem Gegenstand, auf den es sich bezieht, herstellt - eine allgemeinere und abstraktere Beziehung [...] , während bei mündlicher Kommunikation eine direkte Beziehung zwischen Symbol und Referent bestehen bleibt. Der Abstraktionsgrad ist bei Schriften, die jeweils ein Zeichen für jeweils ein Objekt verwenden, relativ gering, dafür läßt sich mittels ihrer nur relativ wenig notieren - oder es ist das Erlernen einer Flut von Einzelzeichen erforderlich.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die philosophische Herangehensweise an das Thema Zeit, die Kritik an der unreflektierten Übernahme linearer Zeitvorstellungen und die methodische Gliederung der Arbeit.

2 Synchronisation von Kalender und Astronomie: Dieses Kapitel behandelt die technischen Grundlagen der Zeitmessung und die Schwierigkeiten, astronomische Zyklen wie Tag, Monat und Jahr in einem konsistenten bürgerlichen Kalender zu vereinen.

3 Festigkeit des tradierten Kalendersystems: Hier wird die historische Entwicklung des Kalenders, insbesondere des julianischen und gregorianischen Systems, sowie die Problematik von Kalenderreformen analysiert.

4 Entwicklung einer langfristigen Jahreszählung: In diesem Teil wird der kulturelle Wandel vom zyklischen zum linearen Zeitverständnis und die willkürliche Festlegung von Zeitachsen, speziell am Beispiel der christlichen Zeitrechnung, untersucht.

5 Fazit: Das Fazit resümiert, dass unsere Zeitrechnung auf unreflektierten, historisch gewachsenen Konventionen beruht und fordert eine kritischere Distanz zu diesen als absolut gesetzten Zeitvorstellungen.

Schlüsselwörter

Zeitphilosophie, Kalender, Astronomie, Chronologie, Epoche, Mündlichkeit, Schriftlichkeit, linear, zyklisch, Christi Geburt, gregorianische Reform, Zeitrechnung, Skalierung, Geschichte, Kulturwissenschaft.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen und historischen Analyse unserer Zeitvorstellungen und deckt auf, dass diese oft auf unreflektierten, willkürlichen Setzungen statt auf objektiven Notwendigkeiten beruhen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Schwerpunkte liegen auf der Synchronisation von astronomischen Zyklen mit Kalendersystemen, der historischen Entwicklung der Zeitrechnung sowie dem kulturellen Wandel vom mündlichen zum schriftlichen Zeitverständnis.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, die gesellschaftlich konstruierten Voraussetzungen unserer heutigen linearen Zeitrechnung offenzulegen und die Hintergründe für die Fixierung bestimmter Zeitachsen, wie etwa 'nach Christi Geburt', zu beleuchten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine philosophische und kulturwissenschaftliche Literaturanalyse sowie die Untersuchung historischer und astronomischer Datierungsmodelle.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert die technische Kalenderproblematik, historische Kalenderreformen sowie den Übergang von einer zyklischen zu einer skalar-linearen Wahrnehmung der Zeit.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wesentliche Begriffe sind Zeitphilosophie, Kalender, Chronologie, Linearität, zyklische Zeit, Epochenbildung und Schriftkultur.

Warum ist die Wahl von Christi Geburt als Zeitmarke problematisch?

Die Datierung ist historisch ungenau und beruht auf nachträglichen, teils widersprüchlichen Versuchen, das Geburtsdatum Christi mit astronomischen Ereignissen wie der Saturn-Jupiter-Konjunktion in Einklang zu bringen.

Welche Rolle spielt der Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit für unser Zeitverständnis?

Der Übergang erforderte eine höhere Abstraktionsfähigkeit und veränderte die Art und Weise, wie Gesellschaften ihre Vergangenheit konstruieren und in einer linearen Zeitachse fixieren.

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Details

Title
Zur Zweifelhaftigkeit der Voraussetzung willkürlich gewählter und historisch gewachsener Zeitvorstellungen in den Arbeiten der modernen Zeitphilosophie
College
University of Osnabrück  (FB II - Philosophie)
Course
Philosophie der Zeit
Grade
sehr gut
Author
Andrea Dittert (Author)
Publication Year
1998
Pages
39
Catalog Number
V24407
ISBN (eBook)
9783638272902
Language
German
Tags
Zweifelhaftigkeit Voraussetzung Zeitvorstellungen Arbeiten Zeitphilosophie Philosophie Zeit
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Andrea Dittert (Author), 1998, Zur Zweifelhaftigkeit der Voraussetzung willkürlich gewählter und historisch gewachsener Zeitvorstellungen in den Arbeiten der modernen Zeitphilosophie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24407
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