Rainer Maria Rilke zählt wohl auch heute noch zu den bekanntesten und bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern.
Am 04. Dezember 1875 unter dem Namen René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke als Sohn eines Beamten einer Eisenbahngesellschaft und dessen Ehefrau, der Tochter eines Kaufmannes und Kaiserlichen Rates, in Prag geboren, waren seine Kinder- und Jugendjahre von drei wesentlichen Konflikten geprägt:
Zum Ersten erlebt der junge Rilke seine ersten zehn Lebensjahre in einer formal zwar geführten, in Wirklichkeit aber gescheiterten Ehe seiner Eltern, glaubt seine Mutter Sophie doch unter ihrem Stande verheiratet zu sein. Aus diesem Grund verlässt Sophie Rilke 1885 ihren Mann, wodurch in ihrem Sohn René das Gefühl tiefer Heimatlosigkeit erwachst. Eine weitere Problematik stellt die Schulzeit Rilkes dar. Nachdem er seine ersten vier Schuljahre auf einer vornehmen und streng christlichen Grundschule in Prag verbracht hat, schickt ihn sein Vater auf eine Militärschule in Österreich, da er für seinen Sohn eine Offizierslaufbahn vorgesehen hat. In den theoretischen Fächer zwar sehr gut abschneidend, empfindet der junge Rilke diesen Lebensabschnitt jedoch zunehmend als Grauen, da die körperlichen Anstrengungen und der raue Umgang der Mitschüler für den sensiblen Jungen eine wachsende Belastung darstellen. Daher bricht Rilke diese Ausbildung 1890 ab und kehrt 1892 nach einem einjährigen Aufenthalt an der Handelsschule Linz für Privatstudien nach Prag zurück, wo er 1895 die Reifeprüfung ablegt und „mit Auszeichnung“ besteht.
In diese Zeit fällt auch die erste Gedichtveröffentlichung Rilkes in einer Zeitung und die ständig zunehmende Fixierung des jungen Lyrikers auf die Literatur. Dies ist auch der Grund, warum Rilke nach zwei Semestern an der Universität Prag 1896 schließlich als Student der Philosophie nach München, einem damals kosmopoliten Zentrum, wechselt, empfindet er doch das Prager Deutsch als varia ntenarm und sich somit in seiner Tätigkeit als Schriftsteller eingeschränkt.
In München lernt René Rilke schließlich die schriftstellerisch tätige Lou Andreas-Salomé kennen. Die Geliebte, mütterliche Freundin und intellektuelle Lehrerin vermittelt Rilke Nietzsches Gedankenwelt und begeistert ihn für ihre Heimat, Russland; unter ihrem Einfluss ändert Rilke sogar seinen Vornamen von René zu Rainer. Gemeinsam mit dem Ehepaar Salomé bereist Rilke dann 1899 erstmals Russalnd, 1900 zum zweiten Mal mit Lou alleine.
Inhaltsverzeichnis
0. Kurzer Abriss über Leben und Werk Rilkes
1. Äußerer Aufbau und inhaltliche Gliederung
1.1. Der Titel
1.2. Die Strophenanordnung
1.3. Das Reimschema
1.4. Das Metrum
1.5. Die inhaltliche Gliederung
2. Syntax
2.1. Die Satzstruktur
2.2. Die Wortwahl
3. Bildliche und klangliche Gestaltung
3.1. Erste Strophe
3.2. Zweite Strophe
3.3. Dritte Strophe
3.4. Vierte Strophe
4. Deutungsversuche
4.1. Die Bildhaftigkeit
4.2. Die Dialektik
5. Römische Fontäne – Ein typisches Ding-Gedicht
6. Quellenverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur
Zielsetzung und Themen der Analyse
Die vorliegende Arbeit untersucht das Sonett „Römische Fontäne“ von Rainer Maria Rilke unter formalen, syntaktischen und bildsprachlichen Gesichtspunkten, um die Charakteristika des Rilke’schen Ding-Gedichts sowie die dialektische Struktur des Werkes offenzulegen.
- Strukturelle Analyse (Aufbau, Metrum und Reimschema)
- Syntaktische Untersuchung zur Veranschaulichung der Wasserbewegung
- Analyse der klanglichen und bildlichen Gestaltungselemente
- Deutung der anthropomorphen Metaphorik und Personifikation
- Einordnung des Werkes als typisches Ding-Gedicht
Auszug aus dem Buch
1.1. Der Titel
Eine Besonderheit im Aufbau dieses lyrischen Werkes stellt die Überschrift dar, besteht sie doch aus Titel und Untertitel. Der erste Teil des Titels („Römische“) ist wohl von C.F. Meyers Gedichtüberschrift „Der römische Brunnen“ übernommen, sowie als Anspielung auf ein thematisch scheinbar ähnliches, jedoch ganz anders aufgebautes und motiviertes Gedicht, zu sehen. Darüber hinaus hat das Adjektiv „Römische“ in dem Kontext bei Rilke die Aufgabe, dem Leser den hier beschriebenen Brunnen „als in Rom befindlich, nicht nach Art oder im Stil eines südländischen Renaissance- oder Barockbrunnens“ vor Augen zu führen. Die zweite Hälfte des Titels („Fontäne“) gibt dem Leser lediglich zu verstehen, was im Folgenden beschrieben wird, eine besondere Anspielung oder Intention lässt sich hinter diesem Wort nicht vermuten.
Der Untertitel des Gedichts hingegen trägt für den Rezipienten sehr wohl eine Information: so wird hieraus der genaue geographische Ort der im Folgenden skizzierten Fontäne, nämlich in den Gärten der Villa Borghese ersichtlich. Derartige Hinweise im Untertitel gibt Rilke in den „Neuen Gedichten“ des öfteren, um dem Leser Verständnishilfen bereitzustellen (z.B. „Die Treppe der Orangerie. Versailles“; „Die Flamingos. Jardin des Plantes“), man kann jedoch anmerken, dass in dem vorliegenden Gedicht das Gesamtverständnis durch den zusätzlichen Hinweis nicht entscheidend gefördert wird, die „Verständnishilfe“ nicht einmal notwendig erscheint, kann man doch auch ohne die Kenntnis des genauen Brunnens die Aussage dieses Gedichtes erschließen.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Kurzer Abriss über Leben und Werk Rilkes: Biografische Darstellung von Rilkes Werdegang und seiner Hinwendung zur Literatur unter prägenden Einflüssen wie Auguste Rodin.
1. Äußerer Aufbau und inhaltliche Gliederung: Untersuchung der formalen Struktur, einschließlich Titelwahl, Strophenanordnung, Metrum und Reimschema.
2. Syntax: Analyse der komplexen Satzstruktur und Wortwahl, die gemeinsam die Dynamik und Zeitlosigkeit des Wasserflusses im Sonett versinnbildlichen.
3. Bildliche und klangliche Gestaltung: Detaillierte Betrachtung der vier Strophen im Hinblick auf ihre klangliche Ästhetik und bildhaften Metaphern.
4. Deutungsversuche: Interpretation der Bildhaftigkeit und der dialektischen Spannung zwischen Ruhe und Bewegung sowie Form und Inhalt.
5. Römische Fontäne – Ein typisches Ding-Gedicht: Einordnung des Sonetts in die Gattung des Ding-Gedichts unter Berücksichtigung des Ich-Verzichts und der objektiven Gegenstandsdarstellung.
6. Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten primären und sekundären Literaturquellen.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Römische Fontäne, Ding-Gedicht, Sonett, Wasserbewegung, Anthropomorphismus, Bildhaftigkeit, Dialektik, Syntax, Metrum, Lyrik, Jahrhundertwende, Auguste Rodin, Stillstand, Spiegelung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Analyse grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer detaillierten Analyse und Interpretation von Rilkes Sonett „Römische Fontäne“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Aspekte sind der äußere Aufbau, die syntaktische Struktur, die klangliche Gestaltung und die Einordnung als „Ding-Gedicht“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Rilke durch formale und sprachliche Mittel die Bewegung eines Brunnens als „Kunst-Ding“ darstellt und eine dialektische Spannung erzeugt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt eine philologische und textanalytische Methode, um die Zusammenhänge zwischen formaler Struktur und inhaltlicher Aussage zu entschlüsseln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Syntax, Klanggestaltung und spezifischen Deutungsversuchen hinsichtlich der Bildhaftigkeit und Dialektik des Sonetts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Rilke, Ding-Gedicht, Wasserbewegung, Anthropomorphismus, Dialektik und Sonettform.
Wie wirkt sich das „Arbeitsethos“ von Auguste Rodin auf die Struktur des Gedichts aus?
Der Einfluss von Rodins „toujours travailler“ zeigt sich in der disziplinierten, handwerklich präzisen Gestaltung des Sonetts, die eine objektive Distanz wahrt.
Warum wird die „mittlere Schale“ im Gedicht besonders hervorgehoben?
Durch die Waise im neunten Vers und eine längere inhaltliche Beschäftigung fungiert die mittlere Schale als ruhendes Zentrum, von dem aus sich alle Bewegungen ausbreiten.
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- Kathrin Brandl (Author), 2002, Analyse und Interpretation des Sonetts "Römische Fontäne" von Rainer Maria Rilke, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24427