Der Weberaufstand von 1844 in der zeitgenössischen Darstellung von Wilhelm Wolff


Seminararbeit, 1997

27 Seiten, Note: gut (2,0)


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Methodische Vorüberlegungen

2. Quellenkontext

3. Quellenanalyse
3.1 Ursachen für die Verelendung der Weber
a) Aufhebung der Leibeigenschaft
b) Gewerbefreiheit
c) Der Niedergang der Textilindustrie
d) Ergänzung der Darstellung im Hinblick auf die Textilindustrie
3.2 Der Aufstand
a) Die Vorgeschichte
b) Der Verlauf des Aufstands
3.3 Lösungsvorschläge zur Behebung der Krise
a) Beurteilung von Vorschlägen durch Wolff
b) Andere Lösungsvorschläge

4. Integration der Quelle
4.1 Hungerrevolte versus Klassenkampf
a) Zeitgenössische Bewertung
b) Bürgerliche Geschichtsschreibung
c) Marxistische Geschichtsschreibung
4.2 Der Weberaufstand als Sozialer Protest
4.3 Die Nachgeschichte des Aufstands

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Methodische Vorüberlegungen

Der Schwerpunkt bei der Quellenanalyse soll auf den von Wolff angeführten Ursachenbündeln für den Weberaufstand liegen, wobei diese durch die Forschungsliteratur konkretisiert und auch ergänzt werden sollen. Auch soll eine Integration der Quelle in den publizistischen Gesamtrahmen erfolgen, da dieser u. a. für den Schreibanlaß Wolffs von Bedeutung ist.

Bei der Integration der Quelle in den Forschungsdiskurs soll die Kontroverse zwischen der bürgerlichen und der marxistischen Geschichtsschreibung, ob und inwieweit die aufständischen Weber bereits aus einem ausgeprägten Klassenbewußtsein heraus handelten, im Vordergrund stehen. Hierbei stellen sich zwei Probleme: Zum einen gibt es bei den ausführlichen Darstellungen zum Weberaufstand ein deutliches Übergewicht von marxistisch gefärbten Analysen, in denen Wolff häufig für den Kommunismus vereinnahmt wird. Und zum anderen basieren deren Argumente auch auf Quellen[1], die dem Verfasser dieser Arbeit nicht zugänglich sind. Somit ist eine Bewertung der Plausibilität dieser Argumente nur eingeschränkt möglich.

Ein allgemeines Problem der Geschichtsschreibung zu dieser Thematik ist, daß die Akten aus dem ehemaligen Staatsarchiv in Breslau während des Zweiten Weltkriegs vernichtet wurden.[2]

2. Quellenkontext

Die Darstellung Wolffs ist vor seinem biographischen Hintergrund zu sehen:[3] Wilhelm Wolff wurde 1809 in dem schlesischen Dorf Tarnau als Sohn eines feudalabhängigen Kleinbauern geboren. Während seines Studiums stand er den Breslauer Unterschichten näher als seinen Kommilitonen von der Universität. Wegen seines politischen Engagements als Burschenschafter wurde er 1835 zu achtjähriger Haft verurteilt, von der er drei Jahre absitzen mußte. Da er sein Studium nicht fortsetzen durfte, war er vorübergehend als Hauslehrer tätig. 1843 wurde er als Journalist v. a. durch seinen „Kasemattenartikel“ bekannt, in dem er die soziale Lage und die Bildungssituation verelendeter Menschen in Breslau schildert. Sein Engagement für die sozial Schwachen und besonders seine Berichterstattung über den Weberaufstand führten 1846 zu seiner Ausweisung aus Schlesien.

Zum publizistischen Gesamtrahmen des Weberaufstandes ist zu sagen, daß die deutsche Presse der frühen 40er Jahre trotz der behördlichen Zensurmaßnahmen die Notlage der Weber eindringlich beschreibt. Ein Beispiel hierfür ist ein Artikel in der Trier’schen Zeitung vom 28. Januar 1844, der wie folgt endet: „Unsere Weber ... sterben vor Hunger mit ihren Kindern, wenn ihnen nicht bald geholfen wird!“[4]. „Das soziale Gewissen der zeitung-lesenden bürgerlichen Öffentlichkeit war schon geweckt, als die Revolte ausbrach.“[5] Auslösende Faktoren für den Bericht Wolffs waren nach seiner eigenen Auskunft widersprüchliche Zeitungsberichte und „Verunglimpfungen gegen unsere armen Weber“[6] in einigen Artikeln. Was Wolff konkret mit diesen „Verunglimpfungen“ meint, wird am Ende seines Berichtes deutlich: Er geht hier[7] auf den Vorwurf gegenüber den Webern ein, daß sie fatalistisch und traditionell an ihrem Beruf und an den alten Produktionsmethoden festhielten. Dieser Vorwurf findet sich häufig in der zeitgenössischen Presse. So heißt es z. B. in der „Privilegierten Schlesischen Zeitung“ vom 22. Februar 1844: „Von unseren Webern und Spinnern ist auch kein Entschluß zu erwarten. Sie sind zu gänzlicher Willenlosigkeit herabgesunken und so weit gekommen, daß sie bei dem Spinnschemel, auf der Werkbank eher verhungern als etwas anderes treiben.“[8] Auch Jahre nach dem Aufstand findet sich in einer Denkschrift dieser Vorwurf: „In der Unbeweglichkeit und Indolenz der Gebirgsbewohner und in ihrer beispiellosen Unkenntnis der Verhältnisse außerhalb der Provinz liegt die Hauptschuld an dem Verfall des Leinengewerbes.“[9] Wolff negiert diesen Vorwurf nicht, sondern hinterfragt ihn danach, was denn zu diesen Einstellungen geführt hat und wie man sie verändern könnte.[10]

Was die „Verunglimpfungen“ angeht, ist außerdem zu berücksichtigen, daß zu der Zeit, als Wolff seinen Bericht verfaßt hat ( Ende Juni 1844), sowohl von Seiten von Unternehmern als auch von Seiten des Staates jegliche Verantwortung für die Vorkommnisse auf die Weber abgewälzt wird. So heißt es in einer Erklärung der Brüder Dierig vom 15. Juni: „Imstande, mit gutem Gewissen zu sagen, daß wir uns niemals irgendeine Bedrückung, Härte oder Verkürzung gegen die 4000 Arbeiter ... erlaubt haben ... - dürfen wir uns von jeder moralischen Verantwortlichkeit für das, was geschehen ist, freisprechen.“[11] Die Aufständischen werden als „zerstörungswütige und räuberische Rotte“ und als „eingedrungene Frevler“ diskreditiert.[12] Und in einer Bekanntmachung der königlich - preußischen Regierung vom 28. Juni wird die Lage der Weber wie folgt beurteilt: „Ein allgemeiner Notstand hat sich bei den Webern jener Gegend keineswegs eingefunden; es fehlte ihnen im ganzen nicht an Arbeit, und ihr Lohn reichte zur Bestreitung ihrer notwendigsten Lebensbedürfnisse aus. Insbesondere fanden fleißige und geschickte Weber, bei gutem Betragen und Sparsamkeit, stets ihren Lebensunterhalt. ... Die Hauptschuldigen sind größtenteils Menschen, die im Rufe der Liederlichkeit standen.“[13]

Im Gegensatz zu solchen tendenziösen Darstellungen glaubt Wolff „durch eine möglichst treue Schilderung des Ereignisses der Wahrheit einen Dienst zu erweisen“.[14] Zwar wird schon im Vorwort deutlich, daß Wolffs Darstellung emotional gefärbt ( „fast klingt’s wie Hohn, solch Dasein als „Leben“ zu bezeichnen“), teilweise schon fast pathetisch ist ( „Folgen eines der Gerechtigkeit, der Gleichheit und Brüderlichkeit feindlichen Prinzips“).[15] Daß er sich jedoch um eine möglichst sachgerechte Schilderung zu bemühen scheint, wird schon daran deutlich, daß er die Not der schlesischen Weber nicht verabsolutiert, sondern in einen internationalen Kontext stellt: „Zwar ist das Elend des schlesischen gemeinen Mannes, die Not und Entbehrung der Besitzlosen in unserer Provinz gewiß nicht größer als in manchen andern Teilen Deutschlands, nicht bitterer als das Los der arbeitenden Klassen anderswo. Wir dürfen nur an Frankreich, England und das grüne, aber hungernde Irland denken!“[16].

Unmittelbar nach dem Aufstand begab sich Wolff, wie er schreibt, auf eine „kleine Reise“[17] in die vom Aufstand betroffenen Gebiete, um für seine Schrift zu recherchieren. Da eine Veröffentlichung seiner Schrift in Schlesien wegen der herrschenden Pressezensur nicht möglich war, sandte Wolff sie nach Darmstadt, wo sie im Dezember im „Deutschen Bürgerbuch für 1845“ erschien.[18] Kurz darauf wurde diese Sammelschrift verboten mit der Begründung, daß „ein durch willkürliche Übertreibungen bis zur Gehässigkeit entstelltes Bild der jetzigen Notzustände und im Gegensatz hierzu eine Schilderung kommunistischer Ansiedlungen gegeben“ würde.[19]

3. Quellenanalyse

3.1 Ursachen für die Verelendung der Weber ( S. 158 - 168 )

Bevor Wolff den Ablauf des Aufstands schildert, versucht er, die Faktoren der sozialen Situation zu bestimmen, aus der er hervorging.

a) Aufhebung der Leibeigenschaft ( S. 158 - 161 )

Wolff wertet die Aufhebung der Erbuntertänigkeit als „bedeutende Erleichterung“[20], vergißt dabei aber nicht, auf die noch bestehenden feudalistischen Zwänge hinzuweisen: „Somit blieben alle Fronden und Hofdienste, alle Geld- und Naturalleistungen, Silberzinsen, Grundgeld, Hundehafer, Garnspinnen, Hühner-, Gänse-, Eier-, Besen- und Wächterzins usw. in voller Kraft.“[21]. Zudem seien die Ablösungszahlungen für die Bauern beträchtlich gewesen[22] ; konnten sie das Geld hierfür nicht aufbringen, verloren sie ihren Hof[23]. (Peuckert sieht in der Loslösung vom Acker die Hauptursache für die spätere Hungersnot der Weber: „So lange der Weber noch ein paar Morgen Land bebaut, geht es ihm nie ganz schlecht.“[24].) War der Ertrag eines Hofes zu gering, so war der Bauer „ auf Nebenerwerb als Landarbeiter, Heimgewerbetreibender oder Dorfhandwerker angewiesen. Diese Verdienstmöglichkeiten waren jedoch knapp.“[25] Bevölkerungswachstum und zunehmende Maschinisierung hätten das brachliegende Arbeitskräftepotential vergrößert und den Gutsherrschaften Lohndumping ermöglicht.[26] Wolff differenziert zwischen den Besitzenden und den Landlosen: „Aber die Besitzenden gewannen ... . Dagegen blieb der Häusler, der Inlieger, der Tagelöhner, was er gewesen: ein arbeitender Sklave.“[27] Der Produktivitätszuwachs in der Landwirtschaft sei ungerecht verteilt worden: „Weil aber der Reichtum denen, die ihn schufen, nur in äußerst homöopathischer Verdünnung zugute kam, so hatten die desto mehr, welche sich die Früchte fremder Arbeit zu bemeistern verstanden und vermochten.“[28] Die Folge war laut Wolff, daß viele Wohlhabende im Luxus lebten, während viele Arme Trost im Branntweinsuff suchten.[29]

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Hauptproblem darin bestand, „daß der Feudalismus anderen gesellschaftlichen Formen zu weichen hatte, die sich ihrerseits noch ganz im Anfangsstadium befanden, für deren Funktionsfähigkeit vor allem noch keinerlei sozialpolitische Formeln gefunden worden waren.“[30]

b) Gewerbefreiheit ( S. 161 - 163 )

Wolff steht dieser „neuen Freiheit“ skeptisch gegenüber: Diese habe nun zu einem „Monopol des Kapitals im Bunde mit der Spekulation“ geführt; nur die Kapitalbesitzer hätten sich durchsetzen können, wohingegen die kleinen Handwerker, „der sogenannte Mittelstand“ von diesen abhängig geworden sei.[31] Einen zweite Ursache für die Zunahme des städtischen Proletariats sieht Wolff in der Urbanisierung: „Häuser und andere Bauten zogen ... die wenig verdienenden Leute vom Lande herein. ... Die Mädchen und Knechte begaben sich nach der Stadt aufs Dienst ... und gingen nicht wieder zurück.“[32] Und während früher noch eine gewisse Qualifikation zur Ausübung eines Handwerks erforderlich gewesen sei, sei jetzt „die ganze freie Rennbahn eröffnet“.[33] Dies ist wohl auch eine Anspielung auf „den zahlreichen Andrang von Tagelöhnern, Arbeitern, andern kleinen Handwerkern, die in den schlechten Zeiten brotlos geworden waren und nun von der neuen freiheitlichen Gewerbeverfassung nicht mehr behindert von der Spinnerei und Weberei Rettung erhofften“[34] ( Dies dürfte insgesamt zu einer deutlichen Qualitätsverschlechterung der schlesischen Webprodukte und somit zu einer Beeinträchtigung der Konkurrenzfähigkeit geführt haben.) Die Proklamierung der Gewerbefreiheit brachte noch ein weiteres Problem mit sich, auf das Wolff nicht eingeht: „Diese Erleichterungen brachten es mit sich, daß sich in die ohnehin schon überfüllte Klasse der Zwischenhändler ... trotz ihrer schlechten Existenzbedingungen, einzig und allein um der nun unbeschränkten Selbständigkeit willen, eine Menge unnützer Elemente hineindrängte.“[35] Hierdurch dürfte der Verdienst der Weber geringer geworden sein.

[...]


[1] Zu nennen sind hier u. a. die Quellen aus dem Zentralen Staatsarchiv in Merseburg, auf die sich vor allem Schmidt und Waldmann beziehen.

[2] Vgl. Waldmann: Aufstand, S. 82.

[3] Vgl. zu den folgenden biographischen Angaben Schmidt: Wolff, S. 21ff.

[4] Zitiert nach Bremes: Weberaufstand, S. 50.

[5] Kroneberg: Weberrevolte, S. 557.

[6] Wolff: Elend, S. 157.

[7] Vgl. ebd., S. 176 / 177.

[8] Zitiert nach Kroneberg: Weberrevolte, S. 86.

[9] Minutoli, A.v.: Denkschrift v. 1. Februar 1849 betr. die Frage: „Läßt sich von der Herstellung der Leinenindustrie eine Aufhilfe des Schlesischen Gebirges erwarten ?“, S. 18; zitiert nach Frahne: Textilindustrie, S. 132.

[10] Vgl. Wolff: Elend, S. 176 / 177.

[11] Zitiert nach Bremes: Weberaufstand, S. 71 / 72.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 66.

[14] Wolff: Elend, S. 157.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 174.

[18] Vgl. Schmidt: Wolff, S. 239.

[19] Zitiert nach Schmidt: Wolff, S. 240.

[20] Wolff: Elend, S. 158.

[21] Ebd.

[22] Vgl. ebd., S. 159.

[23] Die Bauern verloren in Schlesien etwa 40 % des in die Regulierung eingebrachten Landes (Vgl. Steitz: Quellen, S. 379).

[24] Peuckert: Weber, S. 135.

[25] Herzig: Unterschichtenprotest, S. 6.

[26] Vgl. Wolff: Elend, S. 159.

[27] Ebd.

[28] Ebd., S. 160.

[29] Vgl. ebd.

[30] Schwab - Felisch: Hauptmann, S. 77.

[31] Vgl. Wolff: Elend, S. 161.

[32] Ebd., S. 162.

[33] Ebd., S. 161.

[34] Schmoller: Entwicklung, S. 423.

[35] Frahne: Textilindustrie, S. 108 / 109.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Weberaufstand von 1844 in der zeitgenössischen Darstellung von Wilhelm Wolff
Hochschule
Universität Münster  (Historisches Seminar)
Note
gut (2,0)
Autor
Jahr
1997
Seiten
27
Katalognummer
V24536
ISBN (eBook)
9783638273879
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Schwerpunkt bei der Quellenanalyse liegt auf den von Wolff angeführten Ursachenbündeln für den Weberaufstand. Bei der Integration der Quelle in den Forschungsdiskurs steht im Vordergrund die Kontroverse zwischen der bürgerlichen und der marxistischen Geschichtsschreibung, ob und inwieweit die Weber bereits aus einem Klassenbewußtsein heraus agierten.
Schlagworte
Weberaufstand, Darstellung, Wilhelm, Wolff
Arbeit zitieren
Markus Laag (Autor:in), 1997, Der Weberaufstand von 1844 in der zeitgenössischen Darstellung von Wilhelm Wolff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24536

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