Aphasie als Kommunikationsstörung - Kommunikation mit Menschen, die von Aphasie betroffen sind


Hausarbeit, 2003

35 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zu den medizinischen Hintergründen einer Aphasie
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Ätiologie
2.3 Klassifikation der aphasischen Syndrome
2.3.1 Globale Aphasie
2.3.2 Broca-Aphasie
2.3.3 Wernicke-Aphasie
2.3.4 Amnestische Aphasie
2.3.5 Nicht-Standard-Syndrome
2.3.6 Anmerkungen zu den Klassifikationen
2.4 Begleiterscheinungen der Aphasie

3. Sprach- und kommunikationstheoretische Aspekte im Zusammenhang mit Aphasie
3.1 Begriffsbestimmungen
3.2 Theoretische Grundlagen zur Kommunikation
3.3 Störungen der Kommunikation
3.4 Kommunikation mit Menschen, die von Aphasie betroffen sind

4. Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jeder individuelle Lebenslauf ist gekennzeichnet durch eine Vielfalt unvorhergesehener, dramatischer Ereignisse, die die Lebenssituation und damit die Lebensgestaltung eines Menschen verändernd beeinflussen. Aus einem kritischen Lebensereignis wie einer Aphasie ergeben sich eine Vielzahl von Belastungen in fast allen Bereichen des gewohnten täglichen Lebens. Neben den unmittelbaren durch die Aphasie bedingten Störungen der Sprache ergeben sich durch Lähmungen der rechten Körperhälfte oft zusätzlich Einschränkungen der Mobilität. Von besonderer Bedeutung sind jedoch die Veränderungen im sozialen Leben des Betroffenen, die meist weitaus schwerwiegender sind, als die Sprachstörung selbst. Das gesamte Leben ist einge­bettet in Beziehungen zu den Mitmenschen; auch die Selbstverwirklichung jedes Indi­viduums geschieht über Begegnungen, Beziehungen und Kommunikation mit anderen Menschen. Wenn die Sprache als elementarer Bestandteil des Menschseins und der menschlichen Kommunikation plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht, führt dies im Leben der Betroffenen oft zu großen Belastungen.

In dieser Hausarbeit sollen zunächst die medizinischen Grundlagen einer Aphasie dargestellt werden. Außerdem stelle ich, der Vollständigkeit halber, die wichtigsten gegenwärtigen Aphasieklassifikationen der deutschen Aphasiologie vor, wobei jedoch zu berücksichtigen ist, dass diese nicht als Persönlichkeitsmerkmal zu verstehe sind, sondern lediglich als Möglichkeit einer Einteilung verschiedener aphasischer Symptomatiken (Kap. 2).

Im Anschluss an die medizinische Betrachtungsweise der Aphasie finden die Folgen für Kommunikationsprozesse mit von Aphasie betroffenen Menschen Berücksichtigung (Kap. 3).

Zuletzt erfolgen die Schlussbetrachtung und der Ausblick (Kap. 4).

Der Begriff „Aphasiker“ wird in dieser Arbeit nicht verwendet, da diese Bezeichnung für Menschen mit dieser Störung der Sprache defizitorientiert ist, d.h. die Störung wird als charakteristisch für den jeweils Betroffenen in den Vordergrund gestellt und nicht der Mensch selbst. Um dieser Betrachtungsweise gerecht zu werden, habe ich mich deshalb dazu entschlossen, die Begriffe „Betroffener“ bzw. „von Aphasie betroffener Mensch“ zu verwenden.

„Der Aphasiker ist nicht nur Aphasiker. Er ist noch der Mensch, er vor Ausbruch der Aphasie war, mit allen seinen Eigenschaften, seinem Wissen und seinen Wünschen.“ (Lutz 1992, S. 365)

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass ich der Lesbarkeit halber für ver­schiedene Bezeichnungen, beispielsweise für Berufe, die maskuline Form verwende, was jedoch beide Geschlechter mit einschießt.

2. Zu den medizinischen Hintergründen einer Aphasie

In diesem Abschnitt werden die theoretischen Grundlagen für das Verständnis von Aphasien dargestellt. In diesem Zusammenhang wird deutlich werden, dass Definition, Ätiologie und Symptomatik der Aphasien nicht eindeutig geklärt sind.

Das Kapitel beginnt mit einer versuchsweisen Klärung des Aphasiebegriffs (Kap. 2.1). Anschließend folgt die Darstellung der Ätiologie (Kap. 2.2) und die Einteilung der Aphasien in die verschiedenen Syndrome (Kap. 2.3). Hier wird sich herausstellen, dass in der Aphasieforschung noch immer die Lokalisationstheorie vorherrscht, obwohl diese weder am Individuum orientiert noch auf alle Aphasien anwendbar ist. Den Ab­schluss dieses Kapitels bildet eine kurze Stellungnahme und Diskussion um den Syndromansatz.

2.1 Begriffsbestimmung

Aphasie wird auf unterschiedliche Weise definiert. Brookshire meint:

„Wenn wir ein halbes Dutzend Experten nach ihrer Meinung fragen würden, erhielten wir wahrscheinlich ein halbes Dutzend Definitionen. So scheint eine allgemein gültige Definition der Aphasie ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.“ (Brookshire 1983, S. 19)

Dem Begriff nach ist „Aphasie“ (Gr. aphasia) dem Griechischen entlehnt nach „a“ = un/ nicht und „phasis“ = Sprache/ Rede, und bedeutet dem Wortsinn nach soviel wie „ohne Sprache“ bzw. Sprachverlust (vgl. Pita 1994, S. 21; Hartmann 1996, S. 146).

Mit dem Begriff Aphasie wird also der Verlust von Sprache bezeichnet, und zwar nach Abschluss des primären Spracherwerbs infolge einer Hirnschädigung der linken Hemisphäre. Somit ist die Aphasie von Sprachstörungen des Kindesalters, wie z.B. Sprachentwicklungsverzögerungen oder sprachlichen Beeinträchtigungen infolge frühkindlicher Hirnschädigungen abzugrenzen (vgl. Leischner 1987, S. 268).

Weiterhin ist die Aphasie von Störungen der Sprechmotorik zu unterscheiden. Diese sog. Dysarthrien sind Artikulationsstörungen mit Beeinträchtigungen der Phonation, Prosodie und des Sprechrhythmus. Eine Dysarthrie kann eine Aphasie begleiten, aber ebenso unabhängig von ihr auftreten (vgl. Huber, Poeck, Weniger 1989, S. 89).

Ebenfalls abzugrenzen ist die Aphasie von anderen Störungen wie z.B. degenerativen Erkrankungen des Gehirns oder Sprachstörungen, die durch Läsionen in der rechten Hemisphäre verursacht werden, da sie sich in Symptomatik und Verlauf von der Aphasie unterscheiden.

Erworbene Aphasien beschränken sich allerdings nicht auf Erwachsene. Auch Kinder können von Aphasie betroffen sein. Diese kindlichen Aphasien unterscheiden sich aber in Erscheinungsbild und Verlauf erheblich von den Aphasien Erwachsener und sind daher von diesen abzugrenzen (vgl. Poeck 1994, nach Tesak 1997, S. 3).

Trotz dieser definitorischen Bestimmungsstücke und der Abgrenzung von einigen anderen Störungen ist der Begriff der „Aphasie“ nicht eindeutig geklärt; die Sprachstörung Aphasie ist eine fest umschriebene Störung und trotz der Eingrenzung durch die oben genannten Komponenten könnten hierunter weitere Formen von Sprachverlust nach abgeschlossenem Spracherwerb verstanden werden (vgl. Wallesch 1988, S. 152).

Hartmann (1996 S. 147) hält den Begriff der Aphasie für semantisch nicht korrekt, da Betroffene in nur sehr seltenen Fällen einen die gesamte Sprache betreffenden Sprachverlust erleiden. Er schlägt deshalb für diese Störung sprachlicher Fähigkeiten den Begriff der Dysphasie (gr. „dys“ = Störung) als zutreffenderen und präziseren Begriff vor. Da dieser Begriff in der französischen Literatur allerdings für Verzögerungen in der Sprach- und Sprechentwicklung besetzt ist, lehnt Böhme (1983, nach Hartmann a.a.O., S. 148) diesen Begriff als uneinheitlich ab.

Abschließend möchte ich die zuvor genannten Aspekte noch durch zwei Definitionen zur Aphasie verdeutlichen.

„Aphasien sind Störungen der Sprache, die sich auf allen Ebenen (Laut, Wort, Satz und Text/ Diskurs) und in allen Modalitäten (expressiv und rezeptiv, laut- und schriftsprachlich) der Sprachverarbeitung nach vollzogenem Spracherwerb manifestieren, durch eine umschriebene Hirnschädigung bedingt sind [...].“ (Wallesch 1988, S. 152)

„[Aphasien sind] zentrale Sprachstörungen, die linguistisch als Beeinträchtigung in den verschiedenen Komponenten des Sprachsystems (Phonologie, Lexikon, Syntax und Semantik) zu beschreiben sind. Die aphasischen Störungen erstrecken sich auf alle expressiven und rezeptiven sprachlichen Modalitäten, auf Sprechen und Verstehen, Lesen und Schreiben, wobei im Prinzip dieselben sprachsystematischen Merkmale der Störungen nachweisbar sind.“ (Huber, Poeck, Weniger 1989, S 89)

Bei der Betrachtung beider Definitionen wird deutlich, dass sich die Sichtweise der Aphasie weitgehend auf formale Aspekte der Sprache beschränkt und der Aspekt des Sprachverlustes als Kommunikationsstörung in den Hintergrund tritt. Auf diesen Aspekt der Aphasie werde ich im nächsten Kapitel (Kap. 3.) eingehen.

Aufgrund der Verbreitung des Aphasiebegriffs für die oben beschriebene Störung, wird dieser, allerdings unter Vorbehalt, weiterhin verwendet.

2.2 Ätiologie

Seit Gall (1807) ist es üblich, bestimmten Arealen des Gehirns bestimmte Aufgaben zuzuschreiben (vgl. Tesak 1997, S. 41). So ordnet die Hemisphärenspezialisierung der linken Hemisphäre die Planung und Kontrolle motorischer Prozesse, Rechnen, das verbale Gedächtnis und die zentrale Sprachverarbeitung zu, wohingegen die rechte Hemisphäre für räumliches Denken, Musik und die Verarbeitung emotionaler Vorgänge verantwortlich sein soll (ebd.).

Dieser Einteilung folgend ist die linke Hemisphäre sprachdominant. Patienten, die einen rechtshemisphärischen Gefäßverschluss erleiden sind meist nicht oder nur leicht aphasisch.

„Bei erwachsenen Rechtshändern treten bei Läsionen in der linken Fronto-Temporo-Parietalregion regelmäßig aphasische Störungen auf. [...] Diese Hemisphäre wird als sprachdominant bezeichnet.“ (Pita 1994, S. 22)

Ursache von Aphasien ist eine plötzlich auftretende und umschriebene Läsion der Großhirnrinde der linken Hemisphäre (vgl. Tesak a.a.O., S. 43; Wallesch 1993, S. 14).

Mit etwa 65-80 % sind Hirngefäßerkrankungen, wie z.B. Hirninfarkte die häufigste Ur­sache für die Entstehung einer Aphasie (vgl. Tesak 1997; Huber, Poeck, Weniger 1997; Leischner 1987; Hartmann 1996). Weitere Ursachen sind traumatische Schädigungen, wie Schädel-Hirn-Traumata und Hirntumoren, Aneurysmen, entzünd­liche Prozesse und andere pathologische Erkrankungen des Gehirns (vgl. Tesak a.a.O., S. 43).

Der Lokalisationstheorie gegenüber stehen ganzheitliche Hirnfunktionstheorien, die eine Zuordnung bestimmter Fähigkeiten zu festumschriebenen Hirnarealen ablehnen (vgl. Hartmann 1996, S. 142). Wallesch vertritt die Ansicht, dass das gesamte Gehirn an der Sprachverarbeitung beteiligt ist (vgl. Wallesch 1993, S. 14).

Abschließend ist festzuhalten, dass in der Forschung keine Einigkeit darüber herrscht, wie Aphasien entstehen und ob die sie verursachenden Läsionen anatomisch zuzu­ordnen sind. Wallesch fasst diesen Sachverhalt zusammen:

„Bis zum heutigen Tag ist die Neurologie nicht in der Lage, die pathophysiologischen Grundlagen der Aphasien aufzuklären. Anatomische Erklärungsansätze, wie sie die klassische Aphasietheorie darstellt, werden zwar weiterhin angewendet (...), erscheinen aber vor dem Hintergrund neuerer Erkenntnisse über die funktionale Struktur des Cortex prinzipiell verfehlt.“ (Wallesch 1988, S. 169)

2.3 Klassifikation der aphasischen Syndrome

In diesem Abschnitt werden zunächst kurz die verschiedenen Stadien der Erkrankung dargestellt, denn eine Einteilung in die Standard-Syndrome kann nicht unmittelbar nach dem die Hirnschädigung verursachenden Ereignis erfolgen.

Die Stadien der Erkrankung lassen sich einteilen in die akute und die chronische Phase. Die Akutphase folgt unmittelbar auf das hirnschädigende Ereignis und dauert etwa vier Wochen an. Nach Wallesch (1993, S. 17) stehen hier v.a. Störungen von Basisfunktionen wie Antrieb, Aufmerksamkeit und Bewusstseinslage im Vordergrund. Erst vier Monate nach der Erkrankung kann die Aphasie als chronisch bezeichnet und eine Einteilung in die verschiedenen Syndrome vorgenommen werden (ebd.).

Die durch die Aphasie bedingten Sprachstörungen verändern sich im Laufe der Zeit (ebd.). Als Faktoren hierfür nennt der Autor neben der Veränderung der anatomischen Läsion und pathophysiologischen Einflüssen die individuelle Kompensationsfähigkeit, andere begleitende Defizite wie z.B. eine Halbseitenlähmung und psychosoziale Bedingungen, die auf die Entwicklung einwirken können (ebd.). Trotz dieser beschriebenen Veränderungen bleiben die Symptome einer Aphasie relativ konstant. Wallesch beschreibt die Zusammensetzung der Symptomatik einer Aphasie als von zwei Faktoren abhängig: zum einen dem schädigungsbedingten Defizit, zum anderen der individuellen Kompensationsleistung (ebd.).

Die Symptomatik einer Aphasie basiert auf einer Vielzahl von Symptomen auf allen linguistischen Ebenen und in allen Modalitäten (vgl. Tesak 1997, S. 32). Obwohl jeder Betroffene eine individuelle Symptomatik, d.h. ein unterschiedlich gut erhaltenes oder beeinträchtigtes sprachliches Können zeigt, sind Symptomkombinationen in immer ähnlicher Weise zu beobachten. Solche „Symptombündel“ werden als aphasische Syndrome zusammengefasst (ebd.).

„Die Kombination der aphasischen Symptome [...] wird nicht in beliebiger Vielfalt beobachtet. Vielmehr lassen sich [...] typische Störungsmuster erkennen [...]. Diese Syndrome bleiben in ihren wesentlichen Charakteristika konstant.“ (Huber, Poeck, Weniger 1989, S. 107)

Die Klassifikation der Syndrome erfolgt in Anlehnung an die Aachener Schule und den „Aachener Aphasie Test“ (AAT). Grundannahme des AAT ist, dass sich die Syndrome aus den sie verursachenden Läsionen ergeben. Obwohl an der Lokalisationslehre in­zwischen Kritik geübt wird und nachgewiesen ist, dass der Ort der Läsion nicht einem bestimmten Syndrom zuzuordnen ist, scheint die Lokalisationslehre in der Forschung weiter vorzuherrschen (vgl. Pita 1994; Huber, Poeck, Weniger 1989, Wallesch 1988, Tesak 1987; Leischner 1987).

Im Folgenden werden die vier Standard-Syndrome, die globale Aphasie, die Broca- und die Wernicke-Aphasie und die amnestische Aphasie sowie die Nicht-Standard-Syndrome dargestellt.

2.3.1 Globale Aphasie

Die globale Aphasie ist die schwerste Form von Aphasie (vgl. Huber, Poeck, Weniger 1989, S. 122; Tesak 1997, S. 33, Hartmann 1996, S. 159). Leischner (1987) be­schreibt sie außerdem als die häufigste Aphasieform. Alle sprachlichen Modalitäten (Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen) sind betroffen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Aphasie als Kommunikationsstörung - Kommunikation mit Menschen, die von Aphasie betroffen sind
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (EWF)
Veranstaltung
Kommunikationsstörungen
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
35
Katalognummer
V24572
ISBN (eBook)
9783638274173
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um eine Hausarbeit, die als Grundlage für meine spätere Diplomarbeit diente. Inhalte: Medizinische Grundlagen be Aphasie, Syndromansatz, kommunikationstheoretische Aspekte (Schulz v. Thun, Watzlawick), Bedeutung nicht-Betroffener für Kommunikationsverlauf, ausführliche Literatur
Schlagworte
Aphasie, Kommunikationsstörung, Kommunikation, Menschen, Aphasie, Kommunikationsstörungen
Arbeit zitieren
Kristina Laudan (Autor), 2003, Aphasie als Kommunikationsstörung - Kommunikation mit Menschen, die von Aphasie betroffen sind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24572

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