Formas de la modificación: Formas y funciones de los aumentativos


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

41 Seiten, Note: gut +


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wortbildung – die grundlegenden Verfahren .

3. Die Wortbildungstheorien von Hans-Martin Gauger und Eugenio Coseriu
3.1 Die Wortbildungstheorie von Gauger .
3.1.1 „Programm“ und „Norm“ bei Gauger
3.1.2 Die Diminutiv- und Augmentativbildung innerhalb der Wortbildungstheorie von Gauger
3.2 Die Wortbildungstheorie von Coseriu
3.2.2 „System“ und „Norm“ bei Coseriu.
3.3 Vergleich der Theorien Gaugers und Coserius

4. Diachrone Entwicklung und formale Aspekte der spanischen Augmentative
und Pejorative
4.1 Augmentativa
4.1.1 Diachrone Entwicklung der romanischen Augmentative aus dem Lateinischen
4.1.2 Morpheminventar
4.1.3 Formale Aspekte sowie innersprachliche und geographische Distribution
4.1.4 Das so genannte „augmentative Femininum“
4.2 Pejorativa
4.2.1 Diachrone Entwicklung der romanischen Pejorative aus dem Lateinischen
4.2.2 Morpheminventar

5. Klassifikation und Funktionen der spanischen Augmentation und Pejorisation

6. Die Suffixe
6.1 Augmentativsuffixe
6.1.1 -azo / a
6.1.2 -ón / -ona.
6.1.3 - ote / a.
6.1.4 - acho / a
6.1.5 - udo / a
6.2 Pejorativsuffixe .
6.2.1 - aco / a
6.2.2 - ajo / a.
6.2.3 - astro / a / e
6.2.4 - ejo / a.
6.2.5 - ete / a und - eto / a
6.2.6 - ucho / a
6.2.7 - uco / a

7. Schlussbetrachtung

8. Bibliographie

1. Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist die Augmentativ- (und Pejorativ-) -bildung im Spanischen, die innerhalb der Wortbildung der Derivation zuzuordnen ist. Neben den formalen Merkmalen und Besonderheiten der spanischen Augmentation sollen in dieser Arbeit vor allem auch die Funktionen und die Semantik der Augmentative diskutiert werden, wobei die Wortbildungstheorien von Hans-Martin Gauger und Eugenio Coseriu in diesem Zusammenhang besondere Berücksichtigung erfahren werden. Die Pejorisation ist insofern interessant, als die Übergänge zwischen Augmentation und Pejorisation oftmals fließend sind und sich nicht immer klare Grenzen ziehen lassen.

Was die Forschungslage und die verfügbare Literatur zu unserem Thema anbelangt, ist festzustellen, dass im Vergleich zur relativ umfangreichen Literatur, die speziell zur Diminutivbildung vorliegt, zur Augmentativbildung (sowie zur Pejorativbildung) diese doch sehr begrenzt ist. So liegt keine Monographie vor, die sich speziell und ausschließlich den spanischen Augmentativen widmen würde. Aus diesem Grunde werde ich mich in der folgenden Arbeit auf die jeweils relevanten Kapitel in den allgemeiner gehaltenen Darstellungen zur spanischen Wortbildung, wie zum Beispiel von Rainer (1993), Thiele (1992) oder der Gramática descriptiva de la lengua española der Real Academia Española (1999) zurückgreifen. Auch die etwas ältere Arbeit von Gooch (1967), die sich schon etwas spezieller ausschließlich der spanischen Diminutiv- Augmentativ und Pejorativsuffixe widmet, soll berücksichtigt werden. Ein Problem ist allerdings, dass in einigen dieser Darstellungen oftmals Aspekte hervorgehoben werden, die für die vorliegende Arbeit von eher sekundärem Interesse sind (so ist das Werk Rainers beispielsweise sehr morphologisch ausgerichtet). Auch sind einige Widersprüche zwischen einzelnen Darstellungen festzustellen.

Da das Interesse dieser Arbeit vor allem auf dem synchronen Zustand der Augmentative (und Pejorative) liegt, werde ich mich auf eine knappe Darstellung der diachronen Entwicklung der romanischen Suffixe aus dem Lateinischen im Allgemeinen und der entsprechenden Suffixe im Spanischen im Besonderen beschränken und im Anschluss ausschließlich den synchronen Zustand berücksichtigen.

Den ersten Teil dieser Arbeit wird ein Kapitel zur Wortbildung, den verschiedenen Wortbildungsverfahren sowie der Stellung der Augmentation und Pejorisation innerhalb dieser Verfahren einleiten. An dieser Stelle sollen die wichtigsten Aspekte der Wortbildungstheorien von Hans-Martin Gauger und Eugenio Coseriu diskutiert werden, da diese für unser Thema von besonderem Interesse sind. Wo es nötig ist oder sinnvoll erscheint, sollen dabei auch Unterschiede zwischen Gauger und Coseriu herausgearbeitet werden.

Während der erste Teil dieser Arbeit also hauptsächlich einführenden Charakter hat, eher allgemein gehalten ist (das heißt, die Wortbildung im Ganzen betrachtet) und notwendiges theoretischen Hintergrundwissen präsentiert, soll im zweiten Teil ganz speziell auf die Augmentativ- und Pejorativbildung im Spanischen eingegangen werden. Nach einer knappen Darstellung der diachronen Entwicklung der Augmentativ- und Pejorativsuffixe aus dem Lateinischen wird ein Kapitel folgen, das sich dem Morpheminventar, den formalen Charakteristika sowie der innersprachlichen und geographischen Distribution widmet.

Im Anschluss an diese Darstellung der formalen Aspekte werden die Funktionen der Augmentation und Pejorisation beleuchtet. Den Abschluss dieser Arbeit wird schließlich eine ausführliche Diskussion einzelner Suffixe bilden. Da uns primär die spanische Augmentation interessiert, werde ich mich innerhalb der Pejorisation hauptsächlich auf diejenigen Suffixe beschränken, die zwar pejorisieren aber eigentlich dem Morpheminventar der Augmentative beziehungsweise dem Programm der Augmentation zuzuordnen sind; lediglich eine begrenzte Anzahl weiterer Pejorativsuffixe (beziehungsweise solcher Suffixe, die in verschiedenen Arbeiten als diese bezeichnet werden) wird zusätzlich besprochen werden.

Ziel dieser Arbeit ist also eine Diskussion der Formen und Funktionen der spanischen Augmentation (und Pejorisation) unter besonderer Berücksichtigung der Wortbildungstheorien von Hans-Martin Gauger und Eugenio Coseriu.

In dieser Arbeit werde ich folgende Zeichen verwenden: die deutschen Entsprechungen spanischer Beispielbegriffe (kursiv gesetzt) werden jeweils in runden Klammern und Anführungszeichen erscheinen. In einigen Fällen (z.B. wenn sich eine deutsche Übersetzung unter Zuhilfenahme der entsprechenden zweisprachigen Wörterbücher nicht ermitteln ließ) wird stattdessen (gegebenenfalls auch zusätzlich) eine spanische Umschreibung oder Definition des jeweiligen Begriffes hinzugefügt (diese erscheint ebenfalls kursiv in runden Klammern).[1]

2. Wortbildung – die grundlegenden Verfahren

Von Wortbildung kann nur gesprochen werden, wenn es hierzu ein Verfahren gibt, das auf viele Wörter der gleichen Wortart anwendbar ist.

Die zwei grundlegenden Verfahren innerhalb der Wortbildung sind die Komposition und die Derivation; der Status der Konversion sowie der Kürzung sind hingegen umstritten.[2]

Bei der Komposition werden freie Morpheme oder Wörter zu komplexen Wörtern zusammengesetzt, wie zum Beispiel sordomudo („taubstumm“) oder coliflor („Blumenkohl), wobei im zweiten Beispiel zusätzlich ein -i- zwischen die beiden Elemente tritt. Im Deutschen nimmt die Basis (das Determinatum/ el determinado) für gewöhnlich die letzte Position im zusammengesetzten Wort ein („Blumenkohl“), während das erste Element (das Determinans/ el determinante) die Basis näher bestimmt. Im Spanischen hingegen ist diese Abfolge nicht produktiv[3]. Stattdessen wird im Spanischen oftmals eine Präposition benutzt (zum Beispiel puerta de madera, „Holztür“), die Syntax kommt also ins Spiel, oder aber das Determinatum nimmt, wie im obigen Beispiel (coliflor), die erste Position im Kompositum ein.

Mit Konversion wird die affixlose Überführung eines Wortes in eine andere Wortart bezeichnet, wobei stets ein Wortartwechsel stattfindet. Allerdings ist der Status der Konversion innerhalb der Wortbildung, wie bereits erwähnt, umstritten.

Ergebnis der Kürzung sind Kurzwörter sowie Abkürzungen, die wie Wörter benutzt und flektiert werden (so genannte Akronyme oder Initialwörter, die sich aus den Anfangsbuchstaben oder –silben einer Wortgruppe oder eines Kompositums zusammensetzen, beispielsweise RENFE (Re d N acional de F errocarriles E spañoles, „die spanische Eisenbahn“)). Die Kürzung ist in der sprachwissenschaftlichen Literatur bisher nur marginal behandelt worden und ihr Status innerhalb der Wortbildung ist ebenfalls Gegenstand von Kontroversen.

Die Derivation vollzieht sich mittels der Affixe, die an einen Stamm angehängt werden. Innerhalb der Gruppe der Affixe lässt sich noch einmal zwischen Präfixen, Infixen oder Interfixen, sowie Suffixen differenzieren. Der Status der Infixe beziehungsweise der Infigierung allerdings ist ebenfalls nicht unumstritten, da Infixe auch als Teil einer Suffixkombination, also als eine Abfolge von zwei (oder mehr) Suffixen betrachtet und damit die Infigierung als Bestandteil der Suffigierung angesehen werden kann. Die Präfigierung und die Suffigierung bilden somit die grundlegenden Verfahren innerhalb der Derivation.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass in den germanischen Sprachen ein starker Ausbau der Nominalkomposition zu beobachten ist, während diese in den romanischen Sprachen, und damit auch im Spanischen, eine erheblich schwächere Ausprägung aufweist. Letztere verfügen hingegen über ein reicheres Reservoir an Derivationsverfahren.[4]

Die Bildung von Diminutiven, Augmentativen, Pejorativen und Meliorativen vollzieht sich durch das Anhängen entsprechender Suffixe an bestimmte Wörter, also durch Suffigierung, und fällt damit in den Bereich der Derivation. Aus diesem Grunde ist die Derivation (sowie die Suffigierung) in dieser Arbeit zur spanischen Augmentativ- und Pejorativbildung von besonderem Interesse.

Eine weitere grundlegende Unterscheidung in der Sprachwissenschaft die auch im Zusammenhang mit der Wortbildung wichtig ist, ist diejenige zwischen Synchronie (der gegebene Sprachzustand steht im Mittelpunkt) und Diachronie (die sprachgeschichtliche Entwicklung steht im Mittelpunkt). Die so genannten Lexikalisierungen, also Bedeutungsfixierungen, hängen oft mit diesem Unterschied zusammen. Die semantische Beziehung der Komponenten eines zusammengesetzten Wortes kann im Laufe der Zeit verdunkelt werden oder ganz verschwinden. Ist Letzteres der Fall, so spricht man von demotivierten Bildungen (Gegensatz: motivierte oder semantisch transparente Bildungen). Bei einem lexikalisierten Wort ist also das Verhältnis zwischen Grund- und abgeleiteten Wort nicht mehr erkennbar. Verschiedene Typen und Grade der Lexikalisierung können unterschieden werden.

3. Die Wortbildungstheorien von Hans-Martin Gauger und Eugenio Coseriu

3.1 Die Wortbildungstheorie von Gauger

In seiner Arbeit Durchsichtige Wörter. Zur Theorie der Wortbildung (1971) unterscheidet der deutsche Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger zwischen durchsichtigen und undurchsichtigen Wörtern. Diese Unterscheidung greift er auch in anderen Schriften wie Untersuchungen zur spanischen und französischen Wortbildung (1971) auf, die für unsere vorliegende Arbeit ebenfalls von Interesse ist. Deshalb sollen, bevor ich dann auf die (Diminutiv- und) Augmentativbildung innerhalb der Wortbildungstheorie Gaugers näher eingehen werde, diese grundsätzliche Unterscheidung sowie die entsprechenden Begrifflichkeiten zunächst kurz erläutert werden.

Ein durchsichtiges Wort ist nach Gauger ein abhängiges Wort. Es existiert nur durch andere Wörter in der Sprache. Ein solches Wort enthält dasjenige Wort formal und inhaltlich in sich selbst, durch das es bedingt ist. Das undurchsichtige Wort auf der anderen Seite ist ein unabhängiges Wort. Der Begriff „Durchsichtigkeit“ kennzeichnet also im Hinblick auf ein (morphologisch komplexes) Wort das Ausmaß, in dem sich dieses Wort als Summe der Bedeutungen seiner Teile und der Weise ihrer Zusammenfügung verstehen lässt.[5]

Was die formale Konstitution des durchsichtigen Wortes angeht, so unterscheidet Gauger drei Grundtypen: Komposita, Affixbildungen sowie Nullableitungen. Die ersten beiden werden zur Gruppe der so genannten Kompositive zusammengefasst, die Nullableitungen bilden die Gruppe der Substraktive.

3.1.1 „Programm“ und „Norm“ bei Gauger

Ebenfalls grundlegend ist Gaugers Unterscheidung zwischen „Programm“ und „Norm“.

Wörter, die einer derivationellen Reihe zugeordnet sind („Reihenwörter“) sind Verwirklichungen eines „derivationellen Programms“. Diese Reihenwörter sind formal und inhaltlich bestimmt: zusammengehörige Reihenwörter besitzen eine bestimmte Form, sie enthalten dasselbe Affix; außerdem liegt ein identisches inhaltliches Verhältnis zum Grundwort vor. Diese Wörter „sind“ oder „bilden“ jedoch kein Programm, sondern sie sind lediglich Verwirklichungen eines solchen, diesen Unterschied hebt Gauger deutlich hervor:

„Das Programm ist etwas, das gleichsam „hinter“ der Sprache ist. Es ist Teil jenes unabdingbaren Wissens, das die Sprechenden von ihrer Sprache besitzen…. Das Programm ist eine in der Sprache wirksame A n l a g e. Diese ist von ihren einzelnen Verwirklichungen zu trennen. Natürlich kommt im Einzelbewusstsein eine solche „Anlage“ durch eine Reihe bestimmter Wörter zustande, die nach ihr gebildet sind; sie ist aber, nach ihrem Zustandekommen, mehr und anders als alle diese Wörter zusammengenommen: diese erscheinen als ihre Verwirklichungen. Daher ist das Programm grundsätzlich offen für alle Wörter, die nach seiner Anlage überhaupt möglich sind.“[6]

Gauger unterscheidet also zwischen der Anlage (dem Programm) und der tatsächlichen Verwirklichung. Das Programm, als eine bloße Anlage, ist seiner Natur nach prinzipiell offen für alle seiner Intention nach überhaupt in Frage kommenden Bildungen. Faktisch jedoch sind alle Programme, was ihre Durchführung angeht, mehr oder weniger stark blockiert: „Alle erfahren – im Inhaltlichen wie im Formalen – mehr oder weniger tiefgreifende „Auflagen“, die von ihnen selbst her nicht einsichtig oder gar prädiktabel sind“[7]. Und an dieser Stelle kommt die „Norm“ ins Spiel. Was Gaugers Verständnis von der „Norm“ angeht, so knüpft er im Wesentlichen an Coseriu[8] an. Eine ausführliche Erläuterung dieses Begriffs wird daher in Kapitel 3.2.1 folgen.

3.1.2 Die Augmentativ- und Pejorativbildung innerhalb der Wortbildungstheorie von Gauger

Hans-Martin Gauger unterscheidet drei verschiedene Leistungen eines durchsichtigen Wortes, nämlich den Ausgriff, die Verschiebung und die Variation.

Die Diminution, Augmentation, Pejorisation und Meliorisation, die uns in dieser Arbeit im Bereich der Wortbildung primär interessieren, sind nun den variierenden Bildungen zuzuordnen. Charakeristisch für die Variation ist, dass die Suffixe dieser variierenden Bildungen nichts am Verständnis, an der grammatikalischen Korrektheit oder an der Aussage eines Satzes ändern. Sie haben etwas Überflüssiges[9] und bewirken lediglich eine Variation des Grundwortes.[10] Dieser Typ des durchsichtigen Wortes, also die variierende Bildung, kann als abhängiges Wort verstanden werden, „das sein Grundwort, sein „Thema“, in einer bestimmten Variation präsentiert: la maisonnette -> la maison, la casita -> la casa[11].

Variation ist beim Substantiv, beim Adjektiv, beim Verb und im Spanischen[12] auch relativ häufig bei einigen Adverbien und sogar bei Verbalformen wie dem Partizip und dem Gerundium[13] zu beobachten.

Innerhalb der vier Variationsrichtungen (diminutive, augmentative, pejorative und meliorative Variation - wobei die diminutive Variation den bei weitem bedeutendsten Typ darstellt), können jeweils zwei zu einer Gruppe zusammengefasst werden, so dass wir mit Gauger auf der einen Seite die quantitative Variation erhalten, die Diminution und Augmentation zusammenfasst, sowie auf der anderen Seite die qualitative Variation, die sowohl die Meliorisation als auch die Pejorisation beinhaltet. Quantitative und qualitative Variation gehen nach Gauger eine Art Symbiose ein, dies wird im Folgenden noch deutlich werden.

Für jeden dieser Typen gibt es, mit Ausnahme der meliorativen Variation, jeweils ein eigenes Programm. So stellt Gauger fest, dass zum Beispiel die diminutive Variation durch eine Reihe von Programmen bewerkstelligt wird, die eigens zu diesem Zweck bestimmt sind, er nennt -ito, -illo, -ico, -uelo u.a. Für die augmentative Variation nennt Gauger ebenfalls eigene Programme, nämlich -azo, - ón oder -ote. Das gleiche gilt für den Bereich der pejorativen Variation, hier sind es -aco, -ajo, -ejo, -acho, -ucho, -uzo sowie -uco.[14] Die meliorisierende Variation, für die, wie bereits erwähnt, kein eigenes Programm existiert, werde hauptsächlich durch diminutive Suffixe herbeigeführt, denn der enge psychische Zusammenhang zwischen dem als „klein“ Empfundenen und einer ganz allgemein positiven Gefühlszuwendung sei, so Gauger, offensichtlich. Aber auch, und das ist für diese Arbeit besonders wichtig, nicht nur diminutive sondern auch augmentative Suffixe können meliorisieren.

Eine Meliorisation durch ein Augmentativ findet vornehmlich dann statt, wenn bereits das durch das Grundwort oder Basislexem Gemeinte von der Sprache positiv beurteilt werde. Als Beispiel führt Gauger innerhalb der Gruppe der Substantive das Wort cochazo („El Mercedes 220 es un cochazo[15] ) an. Un cochazo sei etwas Besseres als un coche. Wichtig ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, dass das Basislexem coche im Spanischen durchweg positiv beziehungsweise neutral bewertet wird, es enthält keine negative Konnotation. Für der Gruppe der Adjektive nennt Gauger das Beispielwort guapetona („¡Que guapetona esta usted, Fulanita![16] ), welches wiederum besser sei oder positiver eingeschätzt werde als das entsprechende Ausgangswort guapo (auch dieses trägt keinen negativen Bedeutungsgehalt).

In den Fällen hingegen, in denen das Intentum jedoch von vornherein negativ bewertet werde, verhalte es sich im Falle einer Suffigierung durch ein Suffix, das dem Programm der Augmentation zuzuordnen ist, genau anders. Ein solches „negatives“ Basiswort könne nun einzig durch ein Diminutivsuffix beziehungsweise Diminutivprogramm meliorisiert werden. Dementsprechend ist in dem Beispiel „él no es un cursi ni un pobretón de esos de café con leche[17] kein positiver Bedeutungswandel, also keine Meliorisation des Basislexems pobre („arm“) durch das augmentative Suffix -ón festzustellen, denn in diesem Fall ist die Bedeutung des Grundwortes nicht positiv oder neutral sondern negativ. Anstelle der Meliorisation tritt eine Pejorisation ein.

Betrachtet man das entsprechende Gegenbeispiel, in dem statt des Augmentativsuffixes an dasselbe (inhaltlich negativ befrachtete) Wort (pobre) ein Suffix angefügt wird, das dem diminutivierenden Programm zugehörig ist (-ito), so ist eine meliorisierende Wirkung zu beobachten: „Hermano Juan: ¿por qué es usted tan pobrecito? ¿Es verdad que ha sido usted muy rico?[18] ).

Zusammenfassend kann man also sagen, dass in vielen Fällen die (positive oder negative) Bedeutung des Grundwortes im Falle einer Suffigierung die Variationsrichtung beeinflusst. Ein und dasselbe Suffix kann also, an zwei verschiedene Basislexeme angefügt, einmal eine meliorisierende und einmal eine pejorisierende Wirkung haben. Ein positiv bewertetes Basislexem kann durch ein Augmentativsuffix meliorisiert werden, ein von vornherein negativ befrachtetes Wort hingegen erfährt durch das Anfügen eines Augmentativsuffixes mit großer Wahrscheinlichkeit eine Pejorisation.

Nach Gauger erfolgt die Pejorisation oder Meliorisation also nicht nur durch die dafür eigens vorgesehenen Suffixe (also die entsprechenden Programme – wobei für die Meliorisation, wie bereits erwähnt, kein eigenes Programm existiert), sondern wird (abhängig vom Basislexem) auch durch andere Programme realisiert. In diesem Zusammenhang weist Gauger darauf hin, dass viele Grammatiken beispielsweise auch gar nicht zwischen augmentativen und pejorativen Suffixen unterscheiden. Allerdings betont er, es gebe dennoch sehr wohl „ein[en] Unterschied zwischen Suffixen, die „auch“ pejorisieren, es aber sehr oft in keiner Weise tun…, und solchen, die ausschließlich pejorisieren“[19]. Außerdem ist anzuführen, dass einige pejorative Suffixe gar nicht „groß und hässlich“, sondern „klein und hässlich“ meinen, und auch diminutive Suffixe Pejorisation bewirken können.

Was in den letzten Abschnitten erläutert wurde ist also genau das, was eingangs mit Gauger als Symbiose zwischen qualitativer und quantitativer Variation bezeichnet wurde.

Abschließend ist noch darauf hinzuweisen, dass Gauger fast alle Programme durch die Norm in ihrer Verwirklichung stark eingeengt sieht, vor allem die pejorative Variation. Hier seien überall zahlreiche programmunabhängige Lexikalisierungen anzutreffen.[20]

3.2 Die Wortbildungstheorie von Coseriu

In diesem Kapitel sollen die wichtigsten Punkte der Wortbildungstheorie des rumänischen Sprachwissenschaftlers Eugenio Coseriu Einführung in die strukturelle Betrachtung des Wortschatzes (1970) vorgestellt werden.

Zunächst sei vorausgeschickt, das uns hauptsächlich diejenigen Strukturen interessieren, die Coseriu als die „sekundären paradigmatischen Strukturen“ bezeichnet. Diesem Bereich sind nämlich die für uns relevanten Wortbildungsverfahren zuzuordnen, die wir auch schon im zweiten Kapitel dieser Arbeit angesprochen haben, nämlich die Komposition, die Entwicklung sowie die Modifizierung oder Modifikation[21]. Letztere beinhaltet dann auch unsere Augmentation sowie die Diminution und soll deshalb ausführlicher behandelt werden.

Bevor wir die sekundären paradigmatischen Strukturen näher betrachten, erscheint es mir sinnvoll, zunächst auch die restlichen Strukturen knapp darstellen.

In seiner Wortbildungstheorie differenziert Coseriu innerhalb der lexematischen Strukturen (also dem Bereich, in dem es um die Strukturierung der Bedeutungsbeziehungen geht[22]) zwischen den paradigmatische Strukturen und den syntagmatische Strukturen: „[d]ie im Wortschatz einer Sprache identifizierbaren Strukturen sind entweder paradigmatisch oder syntagmatisch“[23]. Bei den syntagmatischen Strukturen handelt es sich um Solidaritäten zwischen Lexemen, wobei das eine Lexem jeweils in seiner Gesamtheit oder nur teilweise als unterscheidender Zug im anderen Lexem enthalten ist. Man kann drei unterschiedliche Typen von Solidaritäten unterscheiden, nämlich die Affinität, die Selektion, sowie die Implikation.

Innerhalb der paradigmatischen Strukturen unterscheidet Coseriu zwischen den primären paradigmatischen Strukturen auf der einen Seite und den bereits oben erwähnten sekundären paradigmatischen Strukturen auf der anderen Seite. Die primären paradigmatischen Strukturen sind deshalb primär, da es sich hier um einen Bereich handelt, in dem die Lexeme zum primären Wortschatz angehören, dies bedeutet, diese Lexeme implizieren keine anderen Wörter. Innerhalb der primären Strukturen erfolgt eine weitere Differenzierung, und zwar zwischen Wortfeld und lexikalischer Klasse. Ein Beispiel für ein Wortfeld ist das Wortfeld der Altersadjektive, lexikalische Klassen wären (bei Substantiven) zum Beispiel „lebende Wesen“ oder „Objekte“, etc.

„Die sekundären [paradigmatischen] Strukturen entsprechen dem traditionellen Bereich der Wortbildung“[24] und sind deshalb für uns besonders interessant. Bei den sekundären paradigmatischen Strukturen ist ein Terminus immer logisch primär, der andere immer sekundär. Hierbei wird der erste vom zweiten impliziert, aber nicht umgekehrt, es handelt sich also um eine nicht umkehrbare Transformation eines primären Begriffes. Übertragen auf die Augmentation, die innerhalb der Modifizierung in genau diesen Bereich fällt, wäre libro („Buch“) beispielsweise primär, libraco („Schwarte“) hingegen sekundär.

Insgesamt lassen sich, Coseriu folgend, drei Typen von sekundären paradigmatischen Strukturen unterscheiden, nämlich die Modifizierung, die Entwicklung und die Komposition.[25]

Die Modifizierung „entspricht einer „inaktuellen“ grammatikalischen Determination, das heißt, einer Determination, die keine spezifische Funktion des modifizierten primären Begriffs (im Satz) impliziert.“[26] Nach Coseriu handelt es dabei für gewöhnlich um eine Quantifikation des primären Begriffs oder Ausgangswortes. Paragrammatische Bestimmungen bewirken Veränderung des Lexems, ohne das diese Veränderung die Eingliederung des Lexems in eine ihm übergeordnete Konstruktion mit sich bringt, die Modifizierung bleibt immer dem Lexem untergeordnet. Ein bestimmter Aspekt des Lexems wird also jeweils modifiziert; man erhält immer dasselbe jedoch aus einer anderen Perspektive. Verschiedene Typen der Modifizierung sind nach Coseriu zu unterscheiden: augmentative oder diminutive Bildungen, Wiederholungen, Negationen, etc. Wichtig zu erwähnen ist, dass Coseriu pejorisierende oder meliorisierende Bildungen nicht explizit aufzählt; es bleibt unklar, ob er diese zur Modifizierung hinzurechnet, da er in diesem Zusammenhang stets ungenau formuliert wie „Dieser Struktur entsprechen zum Beispiel … “[27].

[...]


[1] Zur Übersetzung wurden in diesen Fällen jeweils die zwei Bände des zweisprachigen Wörterbuch von Slaby-

Grossmann herangezogen: Rudolf J. Slaby u. Rudolf Grossmann, Wörterbuch der spanischen und deutschen

Sprache, Bd. I u. II (Wiesbaden: Brandstetter Verlag, 31975). Für spanischsprachigen Umschreibungen oder

Definitionen wurde das Diccionario de la Lengua Española von der Real Academia Española konsultiert: Real

Academia Española, Diccionario de la Lengua Española (Madrid: Espasa Calpe, 222001). (=DRAE)

[2] Vgl. Helmut Glück (Hrsg.), Metzler Lexikon Sprache (Stuttgart; Weimar: Metzler, 2000), 794.

Außerdem ist anzumerken, dass die Terminologie in diesem Bereich nicht einheitlich ist, so wird

beispielsweise anstelle von „Derivation“ auch der Begriff „Ableitung“ oder „Modifizierung“ verwendet, die

„Konversion“ wird auch mit dem Terminus „Entwicklung“ oder „Transposition“ bezeichnet, etc.

[3] Ein Wortbildungsmuster ist während einer Zeitspanne t produktiv, wenn während t nach diesem Muster neue

Wörter gebildet werden. Produktivität bezeichnet also die Fähigkeit eines Wortbildungsmusters, zur

betrachteten Zeit neue Wörter zu bilden. Vgl. Nikolaus Schpak-Dolt, Einführung in die Morphologie des

Spanischen (Tübingen: Niemeyer, 1999), 71.

[4] Glück (2000), 794.

[5] In der Literatur ist alternativ auch häufig der Begriff „Motiviertheit“ zu finden.

[6] Hans-Martin Gauger, Durchsichtige Wörter. Zur Theorie der Wortbildung. (Heidelberg: Carl Winter

Universitätsverlag, 1971), 45.

[7] Hans Martin Gauger, Untersuchungen zur spanischen und französischen Wortbildung. (Heidelberg: Carl

Winter Universitätsverlag, 1971), 12.

[8] In dem Aufsatz „Sistema, norma y habla“ (zuerst erschienen in der Revista de la Facultad de Humanidades y

Ciencias in Montevideo (1952)) differenziert Coseriu – auf Saussures Unterscheidung zwischen

„langue“ vs. „parole“ aufbauend - innerhalb der Sprache nochmal zwischen „System“ und „Norm“.

[9] Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 101.

[10] Eine Ausnahme bilden nach Gauger in diesem Zusammenhang lediglich Eigennamen.

[11] Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 102.

[12] Gauger bezieht sich in seiner Arbeit Untersuchungen zur spanischen und französischen Wortbildung (1971)

sowohl auf das Spanische als auch auf das Französische.

[13] Vgl. Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 102/103.

[14] Vgl. Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 105.

[15] Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 104

[16] Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 104.

[17] Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 104.

[18] Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 104.

[19] Gauger, Durchsichtige Wörter (1971), 105.

[20] Lexikalisierungen, die bei einzelnen Pejorativsuffixen auftreten, werden im sechsten Kapitel betrachtet.

[21] In der deutschen Übersetzung werden beide Begriffe gebraucht, vgl. Eugenio Coseriu, Einführung in die

strukturelle Betrachtung des Wortschatzes (Tübingen: Günter Narr Verlag, 21973).

[22] Vgl. Coseriu (21973), 105.

[23] Coseriu (21973), 110.

[24] Coseriu (21973), 119.

[25] Coseriu (21973), 119.

[26] Coseriu (21973), 119.

[27] Vgl. Coseriu (21973), 119.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Formas de la modificación: Formas y funciones de los aumentativos
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanisches Seminar, Spanische Abteilung)
Veranstaltung
La formación de palabras en español
Note
gut +
Autor
Jahr
2003
Seiten
41
Katalognummer
V24591
ISBN (eBook)
9783638274326
Dateigröße
826 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gegenstand dieser Arbeit ist die Augmentativ- (und Pejorativ-) -bildung im Spanischen, die innerhalb der Wortbildung der Derivation zuzuordnen ist. Neben den formalen Merkmalen und Besonderheiten der spanische Augmentation sollen in dieser Arbeit vor allem die Funktionen und die Semantik der Augmentative diskutiert werden, wobei die Wortbildungstheorien von Hans-Martin Gauger und Eugenio Coseriu in diesem Zusammenhang besondere Berücksichtigung erfahren.
Schlagworte
Formas
Arbeit zitieren
Sonja Weimar (Autor), 2003, Formas de la modificación: Formas y funciones de los aumentativos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24591

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