Barthold Heinrich Brockes: "Die kleine Fliege" Das hässliche Insekt als Verweis auf den Schöpfer?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

18 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1. Naturlyrik im 18. Jahrhundert

2. „Die kleine Fliege“
2.1 Das Vergnügen

3. Vorgehensweise der Interpretation
3.1 Lehrgedicht oder deskriptives Gedicht?

4. Konstituierung des Subjektes zum Objekt
4.1 Das hässliche Insekt?
4.2 Die Verfahrensweise

5. Form und Farbe des Objektes
5.1 Farbe versus Glanz

6. Beschreibung des Objektes
6.1 Edelsteinmetaphorik
6.2 Schöpfung als Spiegel Gottes

7. Gotteslob

8. Reflexion

9. Rationaler Diskurs
9.1 Die Sonne und ihr Licht
9.2 Das Wunder

10. Konklusion

11. Aufbau des Gedichtes
11.1 Die Komplexität des Gedichtes
11.2 Reimschema

12. „Die kleine Fliege“

1. Naturlyrik im 18. Jahrhundert

„Nahm in der Literatur des 17. Jahrhunderts die Natur schon eine wichtige Stelle als Inhaltselement ein, so wächst ihr Anteil im 18. Jahrhundert ganz beträchtlich. Alles für das Gefühlsleben Bedeutsame wird nun in landschaftliche Umgebung eingebettet.“[1]

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) läutete das 18. Jahrhundert ein mit seiner neunbändigen Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott“ (1721-1748). Das neue an der Dichtung Brockes war, dass er, im Gegensatz zur älteren Gartendichtung, die sich kaum ohne christliche und antike Topoi mitteilen konnte, Naturdinge und Naturphänomene mit ihren genauen Namen benannte und diese sinnlich wahrnahm.[2]

Der Wandel der Naturlyrik vom 17. zum 18. Jahrhundert soll neben der Erarbeitung des Gedichtes „Die kleine Fliege“ Gegenstand der Betrachtung dieser Arbeit sein. Hierbei soll das Gedicht „Abend“ von Andreas Gryphius als Exemplum für die Barocklyrik dienen.

Der Umbruch der Naturlyrik vollzog sich nicht einfach durch einen neuen Glauben, „sondern der alte sah sich vom Gang der Zeit genötigt, die Natur als immer gewaltiger sich aufdrängende Wirklichkeit weit genauer wahrzunehmen und in seine Weltdeutung einzubeziehen, als das bisher geschehen war.“[3] Die Dichtung der früheren Aufklärung, die hier durch das zu erarbeitende Gedicht „Die kleine Fliege“[4] exemplarisch dargestellt wird, repräsentiert „eine sinnlich erfahrbare Naturentdeckung und -beschreibung, die als Ausdruck des Selbstgefühls dem aufklärerischen Prinzip der Selbstbestimmung und des Vernunftgebrauches entspricht.“[5] Welche Naturentdeckung in dem Gedicht „Die kleine Fliege“ gemacht wird und ob diese sinnlich erfahren wird, soll nun erarbeitet werden.

2. „Die kleine Fliege“

Das zu behandelnde Gedicht „Die kleine Fliege“ von Barthold Heinrich Brockes entstammt dem fünften Band (1736 erschienen) seiner voluminösen Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten.“

In diesen neun Bänden kreisen „die Stücke [in weltfrommem Optimismus] um Gegenstände der Natur und des eigenen Körpers, beschreiben auf minutiöse Weise die Lichtreflexe auf dem Blatt einer Kirschblüte, die optischen und akustischen Sensationen eines Gewitters oder das Herausbrechen eines kranken Zahns.“[6] Bei dem zu untersuchenden Geicht handelt es sich um Erlebnislyrik.

2.1 Das Vergnügen

Schon der Titel der Gedichtsammlung lässt nicht zweifeln an eine Neuartigkeit der Naturlyrik im 18. Jahrhundert. War das Thema der Barocklyrik noch die Vergänglichkeit des Menschen, die sich programmatisch auch in dem Abendgedicht von Gryphius geradezu aufdrängt („Der schnelle Tag ist hin/ die Nacht schwingt ihre Fahn“), so ist bei Brockes von „Irdisch“, „Vergnügen“ und „Gott“ die Rede.

Das Vergnügen, das in dieser Trias an zentraler Stelle steht und der (syntaktischen) Verbindung des „Irdischen“ zum „Göttlichen“ dient, bildet als „Freude, Spaß, angenehmer Zeitvertreib, [...] zunächst vor allem [als] ‚innere Befriedigung, zufriedene Heiterkeit’“[7] eben diesen Gegensatz zur Barockthematik. Hier zeigt sich, dass „der düstere Pessimismus des siebzehnten Jahrhunderts [...] sich in den wachsenden Optimismus der Aufklärung [verwandelte].“[8]

Dieser Wandel manifestiert sich um die Jahrhundertwende auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaft. Die physikotheologischen Arbeiten von Thomas Burnet, Richard Bentley und sogar Newton mit seiner Arbeit „Philosophia naturalis principia mathematica“ am Ende des 17. Jahrhunderts stellten die Naturwissenschaft in den Dienst der Theologie, in dem sich der Optimismus der bürgerlichen Revolution selbst niederschlug. So ist auch das „Irdische Vergnügen in Gott“ zuallererst singende Physikotheologie[9], mit der die Käfer- und Sternenwelt so gleichermaßen „mit betrachtendem Gemüte“ angeschaut und als Offenbarung göttlicher Weisheit und Allmacht begriffen werden kann.[10]

Der zweite Teil des Titels, „bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten“, reicht über das Vergnügen hinaus. „Er besagt in dem doppelten Attribut, dass das Physikalische, d. h. das von der Natur Handelnde, den Sinn hat, mit dem moralischen Bewusstsein des Menschen in Beziehung zu treten.“[11] Vorwegzunehmen sei an dieser Stelle, dass sich das moralische Bewusstsein in den Lehrsätzen des zu behandelnden Gedicht findet. Dazu aber mehr an späterer Stelle.

„Wie den Physikotheologen ging es auch Brockes bei aller Naturbetrachtung zuerst und zuletzt um den Menschen, um seine sinnvolle Stellung zwischen Gott, Erdennatur und Universum.“[12] Das „Vergnügen“ wird dem Menschen zugesprochen, das er, während der Prüfung seiner Stellung zwischen „Irdischen“, das ist die „Erdennatur“, und dem „Göttlichen“, erfährt.

3. Vorgehensweise der Interpretation

Das Gedicht „Die kleine Fliege“ besteht aus einem Textkorpus, der sich über 41 Verse erstreckt. Er enthält keine Strophen und ist in seinem Satzbau dem Prosastil sehr angenähert. Dieser lockere Stil steht, eben wie die neue Naturthematik, in einem krassen Gegensatz zur barocken Lyrik, in der die scharfe Zäsur innerhalb eines Verses die Trennung des Diesseits und des Jenseits andeutet. Die Funktion dieser Gedichtform wird gegen Ende dieser Arbeit erörtert.

Über den Versuch einer Typologisierung des Gedichtes „Die kleine Fliege“ soll nun der Gedichtstext bearbeitet werden. Hierbei erfolgt, nicht nur aus Gründen der Übersichtlichkeit, eine Unterteilung in Sinnabschnitte.

3.1 Lehrgedicht oder Deskriptives Gedicht?

Es ist nicht einfach, Brockes’ Gedichte eindeutig als deskriptive Gedichte oder als lehrende Gedichte zu klassifizieren. So ist für Breitinger eine gute Dichtung immer auch eine malende und lehrende.[13] Einmal vorausgesetzt, es handele sich bei dem vorliegenden Gedicht um ein beschreibendes, dann muss im Folgenden noch untersucht werden, ob auch in dem Gedicht „Die kleine Fliege“ die für beschreibende Gedichte typischen allgemeinen Wahrheiten, Sentenzen oder physikalischen und moralischen Lehrsätze[14] enthalten sind, die sich ja in einer Form im zweiten Teil des Bandtitels schon ankündigen („bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten“).

Warum ist so eine Typologisierung des Gedichtes vor der eigentlichen Interpretation von Bedeutung? Sie ist wichtig, um so vorab einen wesentlichen Eindruck der Gesetzmäßigkeit des Aufbaues zu bekommenden, die diesem Gedicht obliegt, denn „die deskriptive Dichtung folgt stets der vorgegebenen Ordnung der Gegenstände, die sie zu einem Gemälde gruppiert.“[15]

[...]


[1] Willi Fleming: Der Wandel des Deutschen Naturgefühls vom 15. zum 18. Jahrhundert. In: Paul Klickhohn, Erich Rothacker (Hrsg.): Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Halle/Saale 1931. S. 81.

[2] Vgl. Eberhard Haufe: Brockes oder der Anfang der Naturherrlichkeit im deutschen Gedicht. In: Bernd Jentzsch (Hrsg.): Barthold Hinrich Brockes: Im grünen Feuer glüht das Laub. Weimar 1975. S. 137.

[3] Ebd. S. 134.

[4] „Die kleine Fliege“ in: Barthold Heinrich Brockes: Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten, Fünfter Theil. Bern 1970.

[5] Günter Stephan: Lektürehilfen Naturlyrik. Gattungs- und epochenspezifische Aspekte. Stuttgart 1989. S. 32.

[6] Rolf Grimminger (Hrsg.): Deutsche Aufklärung bis zur Französischen Revolution. S. 507.

[7] Wolfgang Pfeifer, Wilhelm Braun u.a. (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin 1993. S. 1503.

[8] Eberhard Haufe: Brockes. S. 138/139.

[9] Unter >Physikotheologie< versteht man „die teleologische Betrachtung der Körperwelt und den Beweis, der von der so konstatierten zweckmäßigen Einrichtung, Vollkommenheit und Schönheit dieser Welt auf die Existenz Gottes und seine Eigenschaften schließt. Dieser Gottesbeweis [...] erfolgt explizit unter Berücksichtigung der Ergebnisse der aufkommenden Naturwissenschaften.“ Art. „Physikotheologie“ in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie (Bd. 7). Darmstadt 1989. Sp. 948f.

[10] Vgl. Eberhard Haufe: Brockes. S. 139.

[11] Günter Stephan: Lektürehilfen. S. 36.

[12] Eberhard Haufe: Brockes. S. 139.

[13] Vgl. Rolf Grimminger (Hrsg.): Deutsche Aufklärung. S. 506.

[14] Vgl. Christop Siegrist: Das Lehrgedicht der Aufklärung. Stuttgart 1974. S. 38.

[15] Christoph Siegrist: Das Lehrgedicht. S. 39.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Barthold Heinrich Brockes: "Die kleine Fliege" Das hässliche Insekt als Verweis auf den Schöpfer?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Deutsche Philologie (II))
Veranstaltung
Poesie der Natur
Note
1.0
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V24679
ISBN (eBook)
9783638274975
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Naturlyrik im 18. Jahrhundert. Gegensatz des Gedichtes zur vorangegangenen Barockthematik Diesseits-Jenseits (hier: Gryphius). Die Schöpfung Gottes/der Genuss der Natur tritt bei Brockes erstmals in den Mittelpunkt. Diese Wandlung des Naturgefühls wird in dieser Hausarbeit belichtet.
Schlagworte
Barthold, Heinrich, Brockes, Fliege, Insekt, Verweis, Schöpfer, Poesie, Natur
Arbeit zitieren
Nadine Bavink (Autor), 2002, Barthold Heinrich Brockes: "Die kleine Fliege" Das hässliche Insekt als Verweis auf den Schöpfer?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24679

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