Naturlyrik im 18. Jahrhundert
„Nahm in der Literatur des 17. Jahrhunderts die Natur schon eine wichtige Stelle als Inhaltselement ein, so wächst ihr Anteil im 18. Jahrhundert ganz beträchtlich. Alles für das Gefühlsleben Bedeutsame wird nun in landschaftliche Umgebung eingebettet.“1 Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) läutete das 18. Jahrhundert ein mit seiner neunbändigen Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott“ (1721-1748). Das neue an der Dichtung Brockes war, dass er, im Gegensatz zur älteren Gartendichtung, die sich kaum ohne christliche und antike Topoi mitteilen konnte, Naturdinge und Naturphänomene mit ihren genauen Namen benannte und diese sinnlich wahrnahm. 2 Der Wandel der Naturlyrik vom 17. zum 18. Jahrhundert soll neben der Erarbeitung des Gedichtes „Die kleine Fliege“ Gegenstand der Betrachtung dieser Arbeit sein. Hierbei soll das Gedicht „Abend“ von Andreas Gryphius als Exemplum für die Barocklyrik dienen. Der Umbruch der Naturlyrik vollzog sich nicht einfach durch einen neuen Glauben, „sondern der alte sah sich vom Gang der Zeit genötigt, die Natur als immer gewaltiger sich aufdrängende Wirklichkeit weit genauer wahrzunehmen und in seine Weltdeutung einzubeziehen, als das bisher geschehen war.“3 Die Dichtung der früheren Aufklärung, die hier durch das zu erarbeitende Gedicht „Die kleine Fliege“4 exemplarisch dargestellt wird, repräsentiert „eine sinnlich erfahrbare Naturentdeckung und -beschreibung, die als Ausdruck des Selbstgefühls dem aufklärerischen Prinzip der Selbstbestimmung und des Vernunftgebrauches entspricht.“5 Welche Naturentdeckung in dem Gedicht „Die kleine Fliege“ gemacht wird und ob diese sinnlich erfahren wird, soll nun erarbeitet werden.
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Inhaltsverzeichnis
1. Naturlyrik im 18. Jahrhundert
2. „Die kleine Fliege“
2.1 Das Vergnügen
3. Vorgehensweise der Interpretation
3.1 Lehrgedicht oder deskriptives Gedicht?
4. Konstituierung des Subjektes zum Objekt
4.1 Das hässliche Insekt?
4.2 Die Verfahrensweise
5. Form und Farbe des Objektes
5.1 Farbe versus Glanz
6. Beschreibung des Objektes
6.1 Edelsteinmetaphorik
6.2 Schöpfung als Spiegel Gottes
7. Gotteslob
8. Reflexion
9. Rationaler Diskurs
9.1 Die Sonne und ihr Licht
9.2 Das Wunder
10. Konklusion
11. Aufbau des Gedichtes
11.1 Die Komplexität des Gedichtes
11.2 Reimschema
12. „Die kleine Fliege“
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Gedicht „Die kleine Fliege“ von Barthold Heinrich Brockes im Kontext der frühaufklärerischen Naturlyrik. Ziel ist es zu analysieren, wie durch die genaue sinnliche Betrachtung eines unscheinbaren Objekts eine Verbindung zum Schöpfer hergestellt wird und inwieweit dies einen Wandel vom barocken Pessimismus zum aufklärerischen Optimismus markiert.
- Die Entwicklung der Naturlyrik vom 17. zum 18. Jahrhundert.
- Die Rolle der Physikotheologie in der zeitgenössischen Naturwahrnehmung.
- Die Analyse der deskriptiven und moralischen Struktur des Gedichtes.
- Die Bedeutung der Edelsteinmetaphorik für das Gotteslob.
- Der Wandel der menschlichen Stellung zwischen Irdischem und Göttlichem.
Auszug aus dem Buch
4. Konstituierung des Subjektes zum Objekt
So beginnt auch das hier zu behandelnde Gedicht zuallererst mit der Konstituierung der ‚Rahmenbedingungen’. Das Objekt wird schon im Titel genannt: „Die kleine Fliege“. Die „Fliege“ rekurriert auf die Natur, auf das Irdische, das sich auch im übergeordneten Titel der Gedichtsammlung wiederfindet.
Da es sich bei Brockes, wie vorausgesetzt wurde, um eine beschreibende Dichtung handelt, muss es auch jemanden geben, der sich der kleinen Fliege annimmt, sie beschreibt. Es wird also automatisch auch ein Subjekt konstituiert, das für die Frühaufklärung maßgeblich ist: die beginnende Subjektivierung. Während bei Andraes Gryphius die Darstellung der Dichotomie Diesseits-Jenseits vorherrschte, das kurze Leben im Diesseits und das ewige Leben im Jenseits, verlagert sich der Akzent, „anknüpfend an den Renaissancegedanken, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, [...] zunehmend auf den Menschen und das Diesseits. [...] Ihren geistesgeschichtlich prägnanten Ausdruck findet die aufklärerische Bewegung in der Abhandlung „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?““
Diese kategoriale Setzung des Ichs geschieht im ersten Vers: „Neulich sah ich“. Das im Titel implizit enthaltene Subjekt wird gleich zu Anfang explizit gemacht. Das Subjekt, das lyrische Ich, „sah“ etwas. Während bei Gryphius das subjektive Empfinden der Vergänglichkeit vorherrschte („diß Leben kömmt mir vor wie eine Renne-Bahn“), tritt dieses Empfinden zurück hinter einer neuen, sinnlichen Wahrnehmung des Objektiven. Dieses Wahrnehmen der Natur setzt die des eigenen Subjektes voraus. Dieses ist Grundlage, um die von Kant geforderte Anstrengung, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, überhaupt erbringen zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Naturlyrik im 18. Jahrhundert: Das Kapitel erläutert den Wandel der Naturlyrik vom 17. zum 18. Jahrhundert, weg von christlich-antiken Topoi hin zur sinnlichen Naturbeobachtung.
2. „Die kleine Fliege“: Hier wird das zu analysierende Gedicht in den Kontext von Brockes' Sammlung „Irdisches Vergnügen in Gott“ gestellt.
2.1 Das Vergnügen: Es wird untersucht, wie der Begriff des Vergnügens als zentraler Gegensatz zur barocken Vergänglichkeitsmetaphorik fungiert.
3. Vorgehensweise der Interpretation: Das Kapitel begründet den methodischen Ansatz und die Unterteilung in Sinnabschnitte für die Analyse des Gedichtes.
3.1 Lehrgedicht oder deskriptives Gedicht?: Es wird die Problematik der Gattungszuordnung zwischen bloßer Deskription und didaktischem Anspruch erörtert.
4. Konstituierung des Subjektes zum Objekt: Die Analyse des lyrischen Ichs als konstitutives Element für die Wahrnehmung der Natur steht im Mittelpunkt.
4.1 Das hässliche Insekt?: Das Kapitel hinterfragt die positive Umdeutung eines vermeintlich negativen Natursymbols.
4.2 Die Verfahrensweise: Die induktive Beweisführung des Gedichts, vom Detail zum Schöpfer, wird dargelegt.
5. Form und Farbe des Objektes: Hier wird der Übergang von der bloßen formalen Beschreibung zur farblichen Ausdifferenzierung betrachtet.
5.1 Farbe versus Glanz: Es wird die physikotheologische Bedeutung des Licht- und Glanzphänomens thematisiert.
6. Beschreibung des Objektes: Der Fokus liegt auf der detaillierten Beschreibung mittels visueller Wahrnehmung.
6.1 Edelsteinmetaphorik: Die Verwendung von Edelsteinen als Metaphern zur Ästhetisierung des Insekts wird analysiert.
6.2 Schöpfung als Spiegel Gottes: Die Rolle der Sonne als Bedingung für das visuelle Erlebnis und den Gottesbeweis wird herausgearbeitet.
7. Gotteslob: Die emotionale Steigerung des Betrachters hin zur direkten Anrufung Gottes ist Thema dieses Kapitels.
8. Reflexion: Hier wird die Instanz des Denkens und die vernunftgeleitete Erkenntnisgewinnung beleuchtet.
9. Rationaler Diskurs: Die Analyse der teleologischen Argumentation des Gedichts wird vertieft.
9.1 Die Sonne und ihr Licht: Die physikalische und theologische Dimension der Lichtmetaphorik wird erneut untersucht.
9.2 Das Wunder: Das Wunder der Schöpfung wird als Grenze der rationalen Erklärbarkeit im Kontext der Aufklärung diskutiert.
10. Konklusion: Das Kapitel fasst die induktive Entwicklung des Gedichts zusammen und betont die Verbindung von Naturbetrachtung und Frömmigkeit.
11. Aufbau des Gedichtes: Der formale Aufbau des Gedichts wird kritisch hinterfragt.
11.1 Die Komplexität des Gedichtes: Die Korrelation zwischen inhaltlicher und formaler syntaktischer Komplexität wird erläutert.
11.2 Reimschema: Das Kapitel untersucht die Funktion des freien Madrigalverses für den Sprachstil der neuen Naturlyrik.
12. „Die kleine Fliege“: Ein Fazit zur Geburtsstunde des ästhetischen Naturerlebens im 18. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Brockes, Naturlyrik, Frühaufklärung, Physikotheologie, Gottesbeweis, Edelsteinmetaphorik, Deskriptive Dichtung, Ästhetik, Subjektivierung, Induktion, Schöpfung, Lichtmetaphorik, Vernunft, Madrigalvers, Gotteserkenntnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Barthold Heinrich Brockes’ Gedicht „Die kleine Fliege“ als exemplarische Naturlyrik der Frühaufklärung und untersucht den Übergang vom Barock zur modernen Naturwahrnehmung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Physikotheologie, das Verhältnis von Mensch und Natur, die Rolle des vernunftgeleiteten Beobachters sowie den Wandel in der ästhetischen Naturbewertung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, wie das Gedicht durch eine sinnliche Naturbetrachtung den Aufstieg vom Irdischen zum Göttlichen vollzieht und damit den Wandel der Zeitgeist-Mentalität dokumentiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse folgt einer literaturwissenschaftlichen Interpretation, die sich auf Textanalyse und geistesgeschichtliche Einordnung stützt, insbesondere unter Berücksichtigung der physikotheologischen Strömungen des 18. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine schrittweise Interpretation der Sinnabschnitte, von der Subjektkonstituierung und der Edelsteinmetaphorik bis hin zum Gotteslob und dem rationalen Diskurs über das Wunder der Schöpfung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Brockes, Naturlyrik, Physikotheologie, Schöpfung, ästhetisches Naturerleben und die methodische Induktion der Gedichtstruktur.
Wie verändert sich die Rolle des „hässlichen“ Insekts?
Das Insekt wird durch den Blick des Naturliebhabers ästhetisiert; aus einem Symbol für das Teuflische wird ein wertvoller Teil der vollkommenen Schöpfung, der den Betrachter zur Gottheit leitet.
Warum ist die „Lichtmetaphorik“ für Brockes zentral?
Das Licht fungiert als Bindeglied zwischen physikalischer Beobachtung und theologischer Erkenntnis; es ist die notwendige Bedingung, damit die Pracht der Schöpfung für den Menschen überhaupt sichtbar und begreifbar wird.
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- Nadine Bavink (Author), 2002, Barthold Heinrich Brockes: "Die kleine Fliege" Das hässliche Insekt als Verweis auf den Schöpfer?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24679