Die Rezeption Catulls in der Literatur


Seminararbeit, 2001

31 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rezeption in der Antike

3. Die Wiederentdeckung Catulls und die Rezeption in der Renaissance

4. Catullrezeption in England

5. Catullrezeption in Frankreich

6. Catullrezeption in Deutschland

7. Gedichte, die bei der Nachwelt besondere Aufmerksamkeit fanden

8. Catullrezeption im 20. Jahrhundert

9. Catull in der deutschsprachigen Lyrik der Gegenwart

10. Schwerpunkt: Catull c.4 – Vergil (?) Catal. 10 und die weitere Rezeption

11. Schluss
Textausgaben
Literatur
Anhang

1. Einleitung

Betrachtet man das Werk eines Schriftstellers in seinem literaturgeschichtlichen Kontext, so lassen sich häufig Abhängigkeiten von Vorbildern nachweisen. Diese zu erkennen ist mehr oder weniger leicht. Antike Autoren und insbesondere Catull werden gerne zur Auseinandersetzung und Bereicherung des eigenen Schaffens herangezogen.

Die Rezeption eines Autors prägt das Werk des
Rezipienten und trifft zugleich eine Aussage über die Qualität des Originals. Das Original kann – transformiert durch die Sicht des Rezipienten – unter neuer Perspektive betrachtet werden, es gewinnt durch die Rezeption einen besonderen Wert.

Die Frage nach der Intertextualität hat in der neueren Forschung an Bedeutung gewonnen. Es ist zu berücksichtigen, dass nicht immer ausschließlich das Original rezipiert wurde. Gut erforscht ist beispielsweise, wie Pontano über Martial Catull rezipierte und von Pontano aus dieser durch Martial filtrierte Catull weiterwirkte.

Sind Ähnlichkeiten gefunden worden, liegt eine weitere Schwierigkeit in der richtigen Bewertung. Liegt bewusste Rezeption vor oder sind Ähnlichkeiten auf die gleiche Thematik zurückzuführen? Eine eindeutige Klärung ist nicht immer möglich.

In der vorliegenden Arbeit soll die Wirkungsgeschichte Catulls überblickartig dargestellt werden, ein Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben. Die literarische Nachwirkung Catulls in England und Frankreich wird nur am Rande behandelt. Im Rahmen des Gesamtüberblicks soll der Frage nachgegangen werden, welche Gedichte besonders intensiv bzw. häufig rezipiert wurden, welche Rezeptionsmuster und –Traditionen bestehen. Als Schwerpunktthema wird die Rezeption von c.4 durch Vergil, Catal. 10 dargestellt und ein Ausblick auf die weitere Wirkung dieser Gedichte gegeben.

Abschließend wird die Frage erörtert, welche spezifische Faszination von Catull ausgehen mag, die einen Rezipienten zur Auseinandersetzung mit diesem Autor anregt.

2. Rezeption in der Antike

Die Wirkungsgeschichte Catulls beginnt sehr früh. Als erste Leser kann man den Kreis der Personen ansehen, die Catull in seinen Gedichten anspricht. Dies sind u.a. seine literarischen Freunde – also die neoterischen Dichter – und Cornelius Nepos. Über die Rezeption Catulls bei den anderen Neoterikern kann man keine Aussage treffen, da deren Werke weitgehend verloren sind.

Cornelius Nepos ist in c.1 das gesamte Buch gewidmet. Damit wird er zum ersten Leser des Gesamtwerkes bestimmt. Es ist demnach nicht verwunderlich, dass Cornelius Nepos als Empfänger des Widmungsgedichts Catull rühmt: Nepos rühmt einen Dichter namens L. Iulius Calidus als elegantissimus poeta nach dem Tod des Lukrez und Catull (Att.12,4). Nepos hat demnach Catull wohl geschätzt.

Wie schnell sich Catulls Ruhm verbreitete, zeigt eine Stelle bei Varro (ling. 7,50). Hier scheint Varro auf das Hochzeitscarmen 62 anzuspielen. Angeführt werden die Anfangsworte von c. 62 vesper adest.

Cicero hat die neoterische Schule abgelehnt, eine Ablehnung, die sich auch auf Catull bezog (orat.161; Att. 7,2,1). Dennoch hat man einige Anklänge an Catull in den Cicerobriefen vermutet. Dies ist jedoch sehr ungewiss.[1]

Ein hohes Ansehen hatte Catull bei den augusteischen Dichtern. Es waren vornehmlich der junge Vergil, ferner Properz und Ovid, die gerne auf Catull zurückgriffen. Die augusteischen Klassiker verdankten den Neoterikern besonders strenge ästhetische Maßstäbe. Es wäre nötig, zwischen unmittelbarer und über Gallus vermittelter Anregung zu differenzieren.

Der dichterische Anspruch Catulls, seine Liebsesdichtung und die Selbstdarstellung als Liebender und Dichter wirken bei Vergil nach. Vergil nennt Catull nirgends. Dennoch sind gerade seine Frühwerke vom neoterischen Stilideal beeinflusst. Die unter Vergils Namen laufende Sammlung Catalepton zeigt deutlich Catulls Einfluss, vornehmlich den seiner kleinen Lyrica: Besonders Catal. 6 und 10[2] sind für catullische Formen charakteristisch. So finden sich z.B. die Anrede eines Hauses bzw. Wohnsitzes oder der Heimat (Catal. 8 vgl. cc.31, 36, 44) sowie catullische Wörter wie dulcis, iucundus, carus, putidus etc., desweiteren catullische Satzformeln (z.B. dispeream (ni)si..) . verbunden mit Aussagen über die Liebe (Catal. 4,3 und 7,2 vgl. c. 92,4), catullische Gesten: zorniger Abschied (Catal. 5,1-5 vgl. c. 14,21-23), bewegter Abschied von Geliebten und Freunden (Catal. 5,6f., 11ff. vgl. c. 46,9), Herbeizitieren (adeste nunc, adeste Catal. 12,7 vgl. c. 42,1), catullische Themen: Liebe zu Mädchen und Knaben, erotische Freundschaft zu freigeborenen Jugendlichen (z.B. Schulfreund Sextus Sabinus in Catal.5,6).[3]

Der Einfluss Catulls zeigt sich auch im wahrscheinlich vergilischen Culex und in der pseudovergilischen Ciris (vgl. Kurzepos c.64)[4]. Den catullischen Einfluss kann man bei Vergil von den Eklogen (besonders 2 und 4; vgl. cc. 51; 64) bis in die Aeneis verfolgen: Vergils Dido-Erzählung ist Catulls Ariadne-Geschichte (c.64) verpflichtet.

Der Einfluss auf Vergil soll mit folgendem Büchner-Zitat charakterisiert werden: „Von den Römern steht Vergil zweifellos Catull am nächsten, er vollendet das, was die Neoteriker in Rom zum ersten Male begonnen hatten, die Erinnerung und Meisterung der Form. Er antwortet in gewissem Sinn auf Catulls Werk und hebt es im Klassischen auf.„[5]

Sehr große Wirkung hatte Catull auf die römische Elegie, „deren grundsätzlicher und struktureller Charakter im Entwurf eines Lebens unbedingter Liebe und in der Analyse seiner Problematik besteht.„[6] In welcher Weise Catull auf die Amores des Cornelius Gallus (69-26) gewirkt hat, ist nicht mehr festzustellen. Properz und die anderen Liebeselegiker hat das auf foedus und fides gegründete Liebeskonzept (und sein Scheitern) in den catullischen Gedichten beeindruckt.

Die Elegie 2,15 des Properz beginnt in catullisch-lyrischem Ton:

O me felicem! O nox mihi candida! Et o tu

Lectule deliciis facte beate meis

Dies lässt sich als ein Cento aus Worten und Motiven betrachten, die dem gesamten Werk Catulls entstammen, jedoch überwiegen sprachliche Anklänge an die Polymetra.[7] c. 107,6f:

... O lucem candidiore nota!

Quis me uno vivit felicior...

Weitere Stellen bei Catull: c. 68, 145-48; c. 61,107ff.; c. 6.1.6f; c. 8,3.6.8

Properz beruft sich 2,25,3 auf Calvus und Catull: Die Geliebte sei zu seinem Leid geboren, Schönheit wird durch den Dichter berühmt.

Tibull pflegt nicht zu zitieren, es findet sich keine Nennung Catulls, es gibt jedoch manche Anklänge. Lygdamus zitiert im Corpus Tibullianum 3,6,41f. den doctus Catullus und rühmt dessen Ariadne-Klage (c.64).[8]

Ovids Catullbewusstsein äußert sich in den Amores (II,6 beispielsweise ist sicherlich beeinflusst von c.3 passer), aber auch in den Heroides. In Ovids Ariadnebrief (her. 10) wirkt Catulls Ariadneklage weiter. Der Ariadnemythos geht allein auf Catull zurück, eine griechische Dichtung des Themas ist nicht überliefert.[9] Über Ariadne wurden bis in das 20. Jahrhundert über 100 Opern, Oratorien, Kantaten, Dramen, Gedichte und Prosawerke verfasst.[10] Es ist wohl die Empathie des Dichters am Geschehen, geradezu gesteigert zur Identifikation mit der Verlassenen, die hier die Nachwelt beeindruckt. „Der Dichter steht neben Ariadne, sieht sie so nah, wie man ein Bild (eben das Bild auf der Purpurdecke der Thetis) oder sein eigenes Spiegelbild sieht.„[11]

Amores 3,9 ist das Trauergedicht auf Tibull. Diesem treten Catull und Calvus entgegen, um ihn zu empfangen. Dass in den Amores catullische Motive variiert werden, ist offensichtlich. So greift am. 3,11 das Thema von c. 8 und 85, von 72 und 75 auf:

(7)

perfer et obdura...

(33ff.)

Luctantur pectusque leve in contraria tendunt

Hac amor, hac odium; sed, puto, vincit amor.

(Odero, si potero; si non, invitus amabo:

...)

nequitiam fugio, fugientem forma reducit.

Auf pointierte Weise greift Ovid in Amores 2,4,5 das Thema odi et amo aus c.85 auf:

Odi, nec possum cupiens non esse, quod odi,

heu quam, quae studeas ponere, ferre grave est !

Auffällig ist, dass odi den Hexameter einrahmt, das catullische amare wird ersetzt durch cupiens esse. Damit wird die sinnliche Gier enthüllt. Das Gedicht Ovids weist also im Vergleich zum Vorbild eine größere Deutlichkeit auf.

Ovid verbindet berühmte Catullgedichte und erweitert sie mit seinen Bildungserlebnissen aus der hellenistischen Epigrammpoesie. Damit steht Ovid in der Gesamttradition des odi-amo -Themenkomplexes. Catull liefert das Leitmotiv, seine Gestaltung wurzelt jedoch zutiefst im erschütternden menschlichen Urerlebnis. Ovid hingegen ist „Nachempfinder dessen, was als Ausdruck elementarer Empfindung bei Catull unnachahmliche Gestalt gewonnen hatte, und spielt mit hellenistischen Motiven, die selbst, wenigstens teilweise, reinem Spiel entsprungen zu sein scheinen. ... Statt seine Elegie nur als „Zerdehnung„ Catulls zu bezeichnen, betrachten wir sie wohl richtiger als ein Aggregat aus inhaltlich sich nahestehenden, gleichartigen Vorbildern, die er zu einer Einheit zusammenfassen will und umzugießen weiß in seinen einheitlichen, persönlichen Stil.„[12]

Die hohe Wertschätzung Catulls durch Ovid äußert sich im Schlussgedicht der Amores 3,15,7f:

Mantua Vergilio, gaudet Verona Catullo,

Paelignae dicar gloria gentis ego

Es ist auffällig, dass neben Vergil keiner der augusteischen Elegiker oder Horaz steht, sondern Catull.

Weiterer Einfluss Catulls begegnet in den Fasten und der Exildichtung:

In den Fasti ist es wieder die Ariadne-Klage, die Ovid aufgreift (3,469ff.).

In der Dichtung der Verbannungszeit verweist Ovid auf Catull, um seine erotische Dichtung zu entschuldigen bzw. zu rechtfertigen (trist. 2, 427f.).

Insgesamt betrachtet stammen die Catullreminiszenzen größtenteils aus c.64 und 68.[13]

Es standen nicht wenige Dichtungen der Augusteer in Berührung mit den Neoterikern: Als Horaz sein erstes Satirenbuch schrieb, waren Catull und Calvus immer noch allgemein beliebt (Hor. sat. 1,10,19(27)). Hier tadelt Horaz den ihm unangenehmen Tigellius und Demetrius, die keine alten Komödien lesen, sondern nur den Calvus und Catull nachleiern „cantare„. Daraus lässt sich die Folgerung ableiten, Horaz habe kein Wohlgefallen an Catull. Dieses Urteil ist jedoch fraglich: Man kann die Kritik auch ausschließlich auf Tigellius und Demetrius beziehen, nicht auf Catull. Für sein Jambenbuch und die Odendichtung greift Horaz auf Archilochos und Sappho (also auf die hohe griechische Lyrik) zurück. Die Arbeiten Catulls auf diesem Gebiet werden nicht beachtet. Dennoch sollte aus diesem Argument nicht der voreilige Schluss gezogen werden, dass Horaz Catull nicht gemocht habe. Die Epoden und Oden des Horaz lassen erkennen, welchen starken Einfluss Catull auf den Jambendichter und Lyriker gehabt hat. Catullische Motive, Themen und Gedichtstrukturen finden sich insbesondere in Epode 1 und Ode 2,6 (vgl. Catull c.11) sowie in Ode 3,28 (vgl. c.7). Im carmen saeculare klingen beim Preis der Diana Töne an, die bei den Hörern die Erinnerung an Catulls Diana-Hymnus wecken. Diese Argumente deuten eher auf eine achtungsvolle Haltung des Horaz Catull gegenüber hin.[14]

[...]


[1] Einige Stellen bei Schanz, M.: Geschichte der römischen Literatur: bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, München. Teil 1. Die römische Literatur in der Zeit der Republik. Unveränd. Nachdruck d. 1927 erschienenen 4., neubearb. Aufl./ v. Carl Hosius, 1979 (Handbuch der Altertumswissenschaft: Abt. 8), S. 304.

[2] s. Schwerpunktthema

[3] Schmidt, E.A.: Stationen der Wirkungsgeschichte Catull in deutscher Perspektive, in: Gymnasium 102 (1995), S. 55f.

[4] Schuster, M.: C. Valerius Catullus, in: RE VII A, Stuttgart 1943, Sp. 2401.

[5] Weinreich, O. (Hrsg.): Catull. Sämtliche Gedichte. Lateinisch und deutsch. Eingel. u. übers. von O.W., Zürich-Stuttgart 1969, S. 64.

[6] Schmidt, E.A.: Catull, Heidelberg 1985, S. 18.

[7] Schmidt, Wirkungsgeschichte, S. 63.

[8] Weinreich, Catull, S. 65.

[9] Schmidt, Wirkungsgeschichte, S. 63.

[10] Schmidt, Wirkungsgeschichte, S. 62.

[11] Schmidt, Wirkungsgeschichte, S. 63

[12] Weinreich, O.: Die Distichen des Catull, Darmstadt 1975, S. 75.

[13] Schuster, Catullus, Sp. 2401.

[14] Weinreich, Catull, S. 63.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption Catulls in der Literatur
Hochschule
Universität Osnabrück  (Fachbereich Sprachwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar Catull
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
31
Katalognummer
V2474
ISBN (eBook)
9783638115049
ISBN (Buch)
9783656741855
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezeption, Catulls, Literatur, Hauptseminar, Catull
Arbeit zitieren
Andreas Gohmann (Autor), 2001, Die Rezeption Catulls in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2474

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