Petitcreiu - Petitcreiu als Allegorie auf den Ineinanderblick der Liebenden in Gottfried von Straßburgs "Tristan"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kleine Logik der Erinnerung
2.1 Wissen
2.2 Vergessen

3. Petitcreiu
3.1 Herkunft
3.2 Aussehen
3.3 Wirkung

4. Liebe
4.1 Tristans Geschenk
4.2 Isoldes Reaktion
4.3 Amor purus vs. amor mixtus?

5. Schluß

6. Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Tristan und Isolde lieben einander, seit sie durch einen Liebeszauber verbunden wurden, irrtümlich zwar, aber doch nachhaltig. Wohlgemerkt: nicht durch den Zauber der Liebe fanden sie einander, sondern ein magischer Trank band sie aneinander. Untrennbar auch? Es könnte scheinen, daß Tristan annimmt, es wäre möglich, die Liebe zu Isolde abzutöten durch Ablenkungen ritterlicher Art: durch Reisen ins befreundete Ausland etwa „ze Swâles / zem herzogen Gilâne“ (vv. 15770f.)[1], Söldnerdienst in fremden Kriegen „z’ Almânje“ (v. 18445), Hilfsdienst „ze Arundêle“ (v. 18717) und dort gar durch die Beziehung zu einer anderen Frau, Isolde Weißhand. Letztere Bemühung erscheint sogar recht ernsthaft. Denn kaum hat er erfahren, daß in Arundel Krieg herrscht, da „gedahte [er] sîner swaere / aber ein teil vergezzen dâ“ (vv. 18718f.). Das Unternehmen gelingt, Tristan befreit das Land aus der Bedrängnis, entlässt generös seine Feinde und schafft sich „da ze hove und dâ ze lande / vil lobes und êren“ (vv. 18950f.). Der junge Sohn des Königs, Kaedin, wird sein Gefährte und Freund, und als Tristan dessen Schwester Isolde mit den weißen Händen kennen lernt, da

er üebete an ir dicke

sîn inneclîche blicke

und sante der sô manegen dar,

daz sî binamen wol wart gewar,

daz er ir holdez herze truoc.[2]

Es könnte also scheinen, als sei das Vorhaben, sich die Königin Isolde im fernen und angenehmen Arundel aus Kopf und Herz zu schlagen, auf dem besten Wege, zu gelingen. Jedoch, es scheint nur so.

Kaum bei Herzog Gilan angekommen – wohin er sich nach günstig erfolgter Beeinflussung des Gottesurteils über Isolde und zur Beruhigung der Lage daheim begibt –, zeigt Tristan alle Anzeichen einer ernsthaften depressiven Verstimmung:

wan der trûraere Tristan

der was ze allen stunden

mit gedanken gebunden,

mit trahte und mit triure

umbe sîn âventiure.[3]

So krisenhaft ist diese Schwermut, daß er selbst in der Öffentlichkeit alle höfische Erziehung vergisst und in der Gegenwart seines Gastgebers „saz / in triure unde in trahte / und ersûfte ûzer ahte“ (vv. 15792ff.), daß der ihn mit etwas Besonderem trösten muß. Was Tristan sucht, sind „lîbunge“ (v. 18416) und „trôst“ (v. 18417). Aber was er auch unternimmt, seinen Schmerz zu lindern, es gerät ihm unter der Hand zu einer permanenten Erinnerung an Isolde, die die Wunde nur weiter offen hält. Freilich nicht nur unter der Hand gerät es dazu, auch durch seine Hand und seinen Vorsatz. Ein halbes Jahr ist Tristan in Deutschland oder länger,

nu belanget in vil sêre

hin wider in die künde,

daz er eteswaz bevünde,

waz der lantmaere

von sîner vrouwen waere.[4]

Der Erzähler sagt: „eteswaz“. An genauer Information ist Tristan offenbar schon gar nicht mehr gelegen – so ausgehungert ist er nach einem Wort über die geliebte Eine, da genügt bereits eine gerüchteweise „lantmaere“ für den ersten Appetit. Er findet sie nicht.

So bleibt auch sein vertraulicher Umgang mit Isolde Weißhand ambivalent. Sie erinnert ihn mit ihrem Namen, mit ihrer Schönheit, ja sogar mit ihrer Zuneigung für ihn nur an die Isolde in England. Und weil er jener nicht nahe sein kann, hält er sich bei dieser auf. Aber um welchen Preis! Sein Verhalten beherrscht eine Dialektik der Vergeblichkeit. Tristan sucht die Nähe von Isolde Weißhand gerade weil

si mante in ie genôte

der andern Îsôte,

der lûtern von Îrlant.[5]

Sieht er sie, denkt er an Isolde von Irland. Wo Isolde Weißhand mit ihrer aufrichtigen Liebe die vielleicht hilfreiche Neuorientierung böte, nimmt Tristan sie bloß zur Kenntnis und – instrumentalisiert sie. Er macht ihr schöne Augen, damit sie sich nur umso mehr von seiner „Liebe“ überzeuge, und wenn sie es dann tut, erkennt er in ihrer fein erwiderten Liebe stets nur die andere Isolde. So will er es. Alles und jede wird zum Auslöser der Erinnerung, deren mit ihr einhergehender Schmerz ihm lieber ist „dan im ander vröude taete“ (v. 18986). In nahezu masochistischer Manier – so könnte man sagen, wenn Tristan hierin frei wäre; er ist es aber nicht, ein Zauber hält ihn gebunden – sucht er im Antlitz der Isolde Weißhand den Blick der Isolde von Irland. Den kann sie ihm nicht geben, und nur die Erinnerung daran ist ein schales Substitut. Das ist die Falle, die Tristan sich schuf und die ihn hält. Isolde, so sagt der Erzähler, wird seine „beworrenheit“ (v. 18988), und man darf hinzudenken: seine Obsession.

Nur einmal – einmal wird dem Zauber seine Macht genommen. Als Tristan in grübelnder Versunkenheit die Anwesenheit Gilans nicht achtet und sein Seufzen auch für die Umwelt hörbar wird, beschließt der Herzog, der seit Tristans Ankunft darauf bedacht ist, für diesen alles zu tun, „daz sîn vröude waere“ (v. 15783), ihn durch das Schauspiel seines Hündchens zu trösten, „sînes herzen spil … / und sîner ougen gemach“ (v. 15798f.) ist: Petitcrü.

Und kaum zu glauben, das Mittel hilft. Tristan schaut und staunt so sehr, daß er „des leides gar vergaz“ (v. 15854). Was Rittertum und Frauendienst nicht bewirken konnten, vermag dieses neckische Ding. Was geht da vor? Ästhetisches Entzücken, ganz Gegenwart stiftende Naivität des Spiels? Oder Gegen-Zauber, Magie des Vergessens? Oder etwas ganz anderes…?

2. Kleine Logik der Erinnerung

Tristan wird im Fortgang der Erzählung Petitcrü erwerben. Er befreit das Herzogtum Gilans aus der tyrannischen Herrschaft des Riesen Ulan und fordert als Belohnung für seine heldische Tat das Hündchen. Er will es Isolde zum Geschenk machen, „durch daz ir senede swaere / al deste minner waere“ (vv. 15903f.), gerade so wie es ihm selber auch ergangen ist.

Das Geschenk wäre ideal, denn seine Eigenschaften lösen ein Dilemma, dem die Liebenden ansonsten nicht entkommen können, denn sie wissen ja, was sie tun. Weil sie wissen, daß sie sich lieben, und weil sie wissen, daß sie sich auch dann noch lieben, wenn sie einander nicht sehen können, ist ihre Erinnerung an den Geliebten als eines seinerseits Liebenden permanent. So lässt es sich auch dann noch lieben, wenn die Evidenz des einsamen Alltags dagegen spricht. Über jede Entfernung hinweg ist der Geliebte der Geliebten nah und umgekehrt. Was normalerweise ein Glück ist, ist für Tristan und Isolde ein beständiger Schmerz. Denn sie sollen sich nicht nahe sein – und werden dadurch gezwungen, einander nicht nahe sein zu wollen. Diesen existentiellen Widerspruch in sich vermögen sie nur auf zwei Weisen zu lösen: im Verstoß gegen das Gebot und – in der Exekution des eigenen, ihre Liebe pervertierenden Willens. Gegen das Gebot verstoßen die beiden oft und erfolgreich; die intelligente Erfindungskraft der beiden, was List und Tücke angeht, lässt oft genug einen ausreichenden Vorsprung vor der Konventionenpolizei an Markes Hof. Aber den Zwang, eine gelebte Liebe nicht weiter leben zu wollen, in eine erfolgreiche Praxis umzusetzen, gelingt nur, wenn in dieser Praxis ein jeder für den anderen nicht mehr vorkommt. Kurzum: Er, sie – muß vergessen werden.

2.1 Wissen

Wie aber vergißt man? Lässt sich Vergessen überhaupt aktiv betreiben? Um diese Frage zu beantworten, muß hier gar nicht eine Psychologie des mittelalterlichen Menschen versucht werden; eine Überlegung, was Wissen ist, genügt auch.

Für das Wissen von etwas lassen sich drei Qualitäten unterscheiden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Satz (a) bezeichnet das factum brutum des Wissens, das Gewusste (meinen Weg nach Hause, den Geburtstag meiner Schwester, die Telefonnummer meines Freundes). Solches Wissen im Sinne von (a) habe ich dann, wenn ich nicht daran denke, daß ich es habe. Es sitzt als Information in meinem Kopf.

Satz (b) bezeichnet das Wissen des Gewussten (dies ist sein Gegenstand), den aktiven Zugriff auf das Gewusste und seine Realisierung als eines Gewussten (Wann meine Schwester Geburtstag hat, wollen Sie wissen? Am 8. Mai.). Aktiv kann dieses Wissen des Gewussten auch dann sein, wenn es gar nicht realisiert werden muß. So kann ich z.B. denken, daß ich weiß, wie man Schach spielt, ohne daß ich es gerade tue. Ich bin mir dessen bewusst, Schach spielen zu können.

Satz (c) bezeichnet das Wissen des Wissens (dies ist sein Gegenstand). Es bezieht sich nicht mehr nur auf die Menge des Gewussten (etwa auf die Menge aller Eröffnungen im Schachspiel), sondern auf das Wissen als ein Wissen. Im Alltag wird dieser Vorgang nur an einem Phänomen bemerkbar: dem Vergessen (Ich weiß, daß ich weiß, wie der Mann in der Stuhlreihe vor uns heißt, es will mir nur gerade nicht einfallen…).[6]

Diese drei Qualitäten des Wissens begleiten alles, was wir denken. Wir können uns zu unserer Reflexivität reflexiv verhalten. Und dies ist der Grund dafür, daß wir überhaupt darüber nachdenken können, wie wir mit einem Wissen, das wir haben, umgehen oder nicht umgehen wollen. Wir können sogar finden, daß wir ein bestimmtes Wissen lieber nicht haben wollen, obwohl wir es haben.

2.2 Vergessen

Selbst wenn wir etwas einstmals Gewusstes nicht mehr wissen sollten, so wissen wir doch noch, daß wir einstmals etwas wussten. Ja, das Vergessen im Sinne einer Erosion von Gedächtnisinhalten ist selber Gegenstand des Gedächtnisses, weswegen eine Identifizierung des Vergessenen als etwas Vergessenem immer möglich bleibt.[7] Darüber hinaus liegt es an der skizzierten Struktur von Wissen und Bewusstsein, daß das Vergessen-wollen ein aussichtsloses Unternehmen ist. Es lässt sich schlicht nicht durchführen. Das zu Vergessende stellt sich als ein Wissen im Versuch des Vergessens selber wieder her.

[...]


[1] Gottfried von Straßburg, Tristan, hrsg., übers. u. komm. v. Rüdiger Krohn, 3 Bde. mittelhochdeutsch / neuhochdeutsch, Stuttgart 61993. Die Verse in Klammern beziehen sich als Quellenangabe auf diese Ausgabe.

[2] vv. 19063-19067.

[3] vv. 15786-15790.

[4] vv. 18604-18608.

[5] vv. 18969-18971.

[6] Philosophisch wird diese Ordnung der Sätze (a) bis (c) interessant, wenn man statt über „Wissen“ über „Bewusstsein“ reflektiert. Dann lässt sich erläutern, was mit Selbst-Bewußtsein als einem Bild vom Bild der Wirklichkeit und meiner selbst gemeint ist.

[7] Vgl. Augustinus, Confessiones, Lib. 10, XVIII.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Petitcreiu - Petitcreiu als Allegorie auf den Ineinanderblick der Liebenden in Gottfried von Straßburgs "Tristan"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Philosophische Fakultät II, Institut für Ältere Deutsche Literatur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V24758
ISBN (eBook)
9783638275538
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text.
Schlagworte
Petitcreiu, Allegorie, Ineinanderblick, Liebenden, Gottfried, Straßburgs, Tristan
Arbeit zitieren
Martin Andiel (Autor), 2001, Petitcreiu - Petitcreiu als Allegorie auf den Ineinanderblick der Liebenden in Gottfried von Straßburgs "Tristan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24758

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