Die Ausgangsfrage dieser Arbeit lautet, stark vereinfacht: Wie kommt die Geschichte - im Sinne von Historie - in die Erzählung, den Roman? Die Frage ist literaturwissenschaftlich von einigem Belang, sie reflektiert auf die Logik der Rezeptionsästhetik und auf die Logik der ästhetischen Produktion von Literatur. Sie hat gewichtige Voraussetzungen. Wird eine literarische Erzählung in der Vergangenheit plaziert, dann muß diese Vergangenheit, soll sie nicht beliebige Staffage und Hintergrund bleiben, sondern ihrerseits eine ‚Rolle‘ spielen, korrekt und zutreffend eingeführt werden. Das heißt, sie muß erinnert werden. Das ist für den Fall solcher Fiktion, die sich zum Zeitpunkt ihrer Entstehung auf eine weiter entfernte Vergangenheit bezieht, ein Problem, das näherungsweise durch ein Quellen- und Geschichtsstudium gelöst werden kann. Erinnerung geschieht mittelbar. Wie aber verhält es sich mit fiktionalen Texten, die sich auf eine nähere, jüngere Vergangenheit beziehen? Auf eine Vergangenheit, die der Autor selbst erlebt hat und zu deren ‚Bild‘ er beiträgt? Welche Rolle spielt in diesem Fall das Erinnern, wenn es Konstituens der Fiktion wird?
In Deutschland ist mit der Diskussion dieser Frage gewissermaßen von der anderen Seite her begonnen worden: Was geschieht, wenn das Erinnern ausfällt oder mißlingt? W.G. Sebald kommt in seinen 1997 gehaltenen Vorlesungen über »Luftkrieg und Literatur« zu dem Befund, daß „das große deutsche Kriegs- und Nachkriegsepos bis heute ausgeblieben ist“ 1 . Als Grund für diesen Befund führt er eine dreigliedrige Deformation des Erinnerungsvermögens an. „Der … deutsche Wiederaufbau, der, nach den von den Kriegsgegnern angerichteten Verwüstungen, einer in sukzessiven Phasen sich vollziehenden zweiten Liquidierung der eigenen Vorgeschichte gleichkam, unterband durch die geforderte Arbeitsleistung sowohl als durch die Schaffung einer neuen, gesichtslosen Wirklichkeit von vornherein jegliche Rückerinnerung, richtete die Bevölkerung ausnahmslos auf die Zukunft aus und verpflichtete sie zum Schweigen über das, was ihr widerfahren war.“ 2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erinnern und Vergessen
2.1 »Kulturelles Gedächtnis«
2.2 Israel - »Wenn dich morgen dein Sohn fragt…«
2.3 Katastrophen des Vergessens
2.4 Ertrag: Erinnerung
3. Poetik des realistischen Romans
3.1 »…sagen, wie es wirklich ist« – Bedingungen und Gefahren: Adorno
3.2 Kategorien der Erzählsituation: Gérard Genette
3.2.1 Modus
3.2.2 Stimme
3.3 »Fabeln von der Zeit«: Paul Ricœur
3.3.1 Mimesis
3.3.2 Spiele mit der Zeit I
3.3.3 Spiele mit der Zeit II
3.4 Ertrag: Roman
4. Hermann Lenz: »Neue Zeit«
4.1 »Neue Zeit«
4.1.1 Kontext: Der »Eugen Rapp«-Zyklus
4.1.2 Passive Distanz zur Zeit: »ohnmächtig sein und gelähmt bleiben«
4.1.3 Aktive Distanz zur Zeit: »Ich schieß doch auf keinen Verwundeten.«
4.2 Poetik
4.2.1 Erzählperspektive und Sprechsituation
4.2.2 Selbstvergewisserung
4.2.3 Sich dehnende Gegenwart
4.3 Interpretation
4.3.1 Fokussierung des Schreckens
4.3.2 Eugen Rapp als Resonanzraum von Geschichte
4.4 Zusammenfassung
5. Martin Walser: »Ein springender Brunnen«
5.1 »Ein springender Brunnen«
5.1.1 Kontext: Ein exzeptionelles Werk
5.1.2 Die Paradoxie des interessenlosen Interesses an der Vergangenheit
5.1.3 Landschaft, Geschichte, Sprache
5.2 Poetik
5.2.1 Präferenz des Erlebens
5.2.2 Sprache und Sprachkritik
5.2.3 Interne Fokalisierung
5.3 Interpretation
5.3.1 Bruchloses Erleben
5.3.2 Irritationsresistenz
5.3.3 Resonanzverweigerung
5.4 Zusammenfassung
6. Schluß – »Erinnerungsroman«
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, wie Geschichte – im Sinne von Historie – Eingang in die literarische Erzählung findet und welche Rolle dem Erinnern dabei zukommt. Im Zentrum steht die Untersuchung, wie in fiktionalen Texten, die eine jüngere, vom Autor selbst erlebte Vergangenheit behandeln, das Erinnern als konstitutives Element für die Fiktion fungiert und welche poetologischen Bedingungen hierbei vorliegen.
- Das Spannungsfeld zwischen Erinnern und Vergessen in mentalitäts- und kulturhistorischer Hinsicht.
- Die poetologischen Grundlagen und Herausforderungen des realistischen Romans.
- Narratologische Untersuchung der Erzähltechniken und der zeitlichen Gestaltung.
- Fallstudien zu Hermann Lenz' "Neue Zeit" und Martin Walsers "Ein springender Brunnen".
- Definition und Abgrenzung des Begriffs "Erinnerungsroman".
Auszug aus dem Buch
Aktive Distanz zur Zeit: »Ich schieß doch auf keinen Verwundeten.«
„Krieg war eine trübe Sache, … doch um ihn zu durchleuchten, dafür erwies sich dieser Krieg als zu kompakt.“ (NZ 185) Die Effekte des Krieges reichen an die Person heran, an ihr Gewissen und ihre Sensitivität; sie wirken unmittelbar über die Sinne (es „bitzelt“). Die Vernunft hingegen reicht nicht an den Krieg heran, der erlebt wird. Die Totalität seiner Erfahrung verhindert das Erfassen nach Kategorien. Dem kann das Resignieren folgen, eine Taktik der Anpassung an die „Maschinerie“ (NZ 327) des Krieges, seine automatisierten Gefechtsabläufe, die aufgrund der Wiederkennung vielmals trainierter Handlungsabläufe einen Anschein von Sicherheit und Stabilität bieten können – oder die bewußte Akzeptanz der Undurchschaubarkeit des zu Sehenden.
„Ein Feldwebel von den schweren Maschinengewehren fuhr Eugen an: ‚Los! Schieß!‘ und zeigte nach drüben. Da kroch ein verwundeter Russe mühsam an solch einer Bodenwelle aufwärts, wie hier eine war. – ‚Ich schieß doch auf keinen Verwundeten‘, sagte Eugen. – ‚Da kann man schießen wie auf dem Schießstand, er tut’s nicht!‘ schrie der andere, als ein Maschinengewehr anfing, und der Russe drüben liegenblieb.“ (NZ 234)
Der verwundete Soldat ist kein Gegner mehr. Er ist kampfunfähig. Nach der Haager Landkriegsordnung müssen Verwundete, so es möglich ist, geborgen und versorgt werden. Das sind die Regeln des Krieges. Gefochten wird nur zwischen Gegnern, die dazu in der Lage sind. Ist einer verwundet, läßt sich die Konzentration auf die übrig Gebliebenen verstärken. Auf sie richtet sich das Feuer. Verwundete zu erschießen, will nicht den militärischen Sieg, sondern die Vernichtung des Feindes. Das aber ist kein Krieg mehr.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie Geschichte in den Roman gelangt und welche Rolle das Erinnern bei der Konstruktion fiktionaler Vergangenheiten spielt.
2. Erinnern und Vergessen: Dieses Kapitel beleuchtet den mentalitäts- und kulturhistorischen Kontext des Erinnerns, insbesondere unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Amnesie nach 1945.
3. Poetik des realistischen Romans: Hier werden poetologische und narratologische Grundlagen, unter anderem nach Genette und Ricœur, erarbeitet, um die Möglichkeiten und Grenzen realistischen Erzählens zu bestimmen.
4. Hermann Lenz: »Neue Zeit«: Eine detaillierte Untersuchung des Romans »Neue Zeit« hinsichtlich seiner autobiographischen Wurzeln und seiner erzählerischen Gestaltung des Kriegserlebens.
5. Martin Walser: »Ein springender Brunnen«: Dieses Kapitel analysiert Martin Walsers Roman als Fabel über die unaufgeklärte Ahnungslosigkeit und untersucht dessen erzählerische Konfiguration von Kindheit und Jugend.
6. Schluß – »Erinnerungsroman«: Die Arbeit schließt mit dem Versuch, den Begriff des "Erinnerungsromans" zu definieren und diesen gegen den historischen oder Zeit-Roman abzugrenzen.
Schlüsselwörter
Geschichte, Erinnern, Vergessen, Roman, Literaturtheorie, Narratologie, Hermann Lenz, Martin Walser, Erinnerungsroman, Zeit, Identität, Mimesis, Realismus, Autobiographie, Krieg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie historische Ereignisse in literarische Erzählungen eingebettet werden und welche Bedeutung das individuelle und kollektive Erinnern dabei für die Konstruktion von Identität und Fiktion hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorie, die Poetik des realistischen Romans, die narrative Konstruktion von Zeit sowie die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit im 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu ergründen, wie Autoren wie Hermann Lenz und Martin Walser die "neue Zeit" (1933-1945) in ihren Romanen verarbeiten, ohne dabei in einfache historische oder autobiographische Berichterstattung zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung kombiniert mentalitätsgeschichtliche Analysen mit narratologischen Methoden, insbesondere unter Rückgriff auf Gérard Genettes Erzähltheorie und Paul Ricœurs hermeneutische Zeit- und Erzählkonzepte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung zur Poetik des realistischen Romans sowie in zwei ausführliche, exemplarische Fallstudien zu den Romanen von Hermann Lenz und Martin Walser.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erinnerung, Geschichte, Zeit, Erzählperspektive, Fiktionalität, Autobiographik, Identität und die spezifische narrative Verarbeitung von Kriegs- und Fronterfahrungen.
Wie unterscheidet sich Eugen Rapp als Figur in der Darstellung?
Eugen Rapp agiert oft als Außenseiter, dessen passives oder aktives Nicht-Handeln Ausdruck einer tiefen inneren Distanz zur totalitären Zeit ist, wobei der Erzähler diese Figur als "Resonanzraum" geschichtlicher Prozesse nutzt.
Welche Rolle spielt der Dialekt in Walsers "Ein springender Brunnen"?
Der Dialekt fungiert als Instrument der Abgrenzung und Identitätsstiftung, das einerseits dörfliche soziale Strukturen deiktisch erfasst, andererseits aber auch die Grenze zu einer als bedrohlich wahrgenommenen Außenwelt markiert.
- Quote paper
- Martin Andiel (Author), 2003, Geschichte erinnern, Geschichten erzählen: Vergegenwärtigung und Reflexion in Hermann Lenz' "Neue Zeit" und Martin Walsers "Ein springender Brunnen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24761