Spanien als Objekt der Mächtegruppen


Hausarbeit, 2001
26 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einführung

1. Der spanisch amerikanische Krieg
1.1. Situation vor Ausbruch des Krieges
1.2. Das Ende des Krieges

2. Die spanischen Befindlichkeiten gegenüber den Großmächten
2.1. Spanische Annäherung an England
2.2. Spanische Abneigung gegen ein Bündnis mit Frankreich
2.3. Deutsche Einflussnahme auf Spanien

3. Von der Entente cordial zu den maritimen Mittelmeergebietsabkommen zwischen Großbritannien, Spanien und Frankreich vom 16. 05. 1907
3.1. Die 1. Marokkokrise
3.1.1. Die spanisch-französischen Verhandlungen
3.1.2. Die Konferenz von Algeciras
3.2. Das Mittelmeerabkommen

4. Zusammenfassung

5. Literatur

6. Quellen

0. Einführung

Aus verschiedenen Gründen war Spanien bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts keine europäische Großmacht mehr. Dazu führte v.a. die schlechte wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien. So spielte das Mutterland der Eroberung Amerikas bereits ab dem 17. Jahrhundert eine immer kleinere Rolle in Europa. Die Besetzung Anfang des 19. Jahrhunderts durch Frankreich besiegelte diese Entwicklung, und Spanien stieg endgültig zu einer Macht zweiter Klasse ab.

Davon erholte sich Spanien auch im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Diese Zeit war gekennzeichnet durch innenpolitische Instabilität und Bürgerkriege (die 3 Karlistenkriege) und sich abwechselnden Republikphasen (sog. pronunciamentos) und Restaurationsphasen. Das ausgedehnte Kolonialreich begann durch Unabhängigkeitsstrebungen zu bröckeln und führte zu einer desaströsen finanziellen Situation im Mutterland. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts fielen mehrere Kolonien ab (Mexiko, Venezuela, Kolumbien) und in den letzten verbliebenen Kolonien musste großer Druck ausgeübt werden. So kam es z.B. auf den Philippinen 1896 zu einer Revolution (erste asiatische Unabhängigkeitsbewegung) und die Situation auf Kuba war so angespannt, dass sie zum Krieg zwischen den USA und Spanien führte.

Mit dem Verlust der letzten spanischen Kolonien Kuba und Philippinen im spanisch-amerikanischen Krieg verlor Spanien die letzten Einflusssphären und auch seine Stimme im imperialen Wettstreit zwischen den alten Weltmächten (Frankreich, England, Russland) und den neuen Weltmächten (USA, Japan). Die Eigenwahrnehmung der Spanier führte zu einer nationalen Depression, die sich in der Bewegung der generación 98 und der decadencia de las naciones latinas Ausdruck verschaffte.

Während die neuen Nationen (Italien, Deutschland) sich auf Kolonienerwerb konzentrierten, zerfiel die spanische Nation um Haaresbreite, denn der Verlust der Kolonien wurde abgelöst von der Erosion im Mutterland selber, den –bis heute sehr einflussreichen – Separationsbewegungen des Baskenlandes und Kataloniens. Diese beiden Gebiete waren auch die einzigen, in denen eine kleine, verspätete Industrialisierung stattfand. Ob es in Spanien überhaupt eine Industrialisierung gab, ist bei den Historikern umstritten. Bernecker spricht von einer späten und zögerlichen Industrialisierung, die ihre Gründe v.a. im unterentwickelten Agrarbereich und in der fehlenden technisch-produktiven Agrarrevolution hatte. Dadurch kam es zu keinem Überschuss an billigen Nahrungsmitteln und zu keiner Abwanderung von Arbeitskräften in die Städte. Bernecker bezeichnet Spanien als „auslandsabhängiges, „halbkoloniales“ Land“[1], dessen Außenhandelsbilanz gekennzeichnet ist durch den Export von Rohstoffen (Landwirtschaftsprodukte, Erze und Metalle). Die fehlende Industrialisierung und die wirtschaftliche Schwäche Spaniens kann ebenso als Grund für die fehlenden imperialen Bestrebungen angeführt werden.

Es gab auch keine Bevölkerungsexplosion wie in Deutschland, die die Politiker quasi zwang, nach Kolonien zu streben. Den einzigen Anspruch, den Spanien aus historischen Gründen noch vertrat, war der auf die Küstengebiete Marokkos (u.a. Ceuta und Melilla, bis heute spanisch). Daher bietet es sich an, anhand der Marokkokrisen die Rolle Spaniens bei den Verhandlungen mit den Großmächten zu untersuchen.

Das Zeitalter des Imperialismus ist auch durch neue diplomatische Formen gekennzeichnet. Die Kriegsbündnisse ( in erster Linie Militärallianzen) werden durch Ententen (Einvernehmen) abgelöst, die z.T. durch Militärbündnisse ergänzt werden. Menéndez Pidal unterscheidet, im Gegensatz zu den Allianzen der Bismarck-Ära, die Entente als weniger formalisiertes Einvernehmen zwischen zwei Staaten auf Kosten eines Dritten, der darüber noch nicht mal informiert sein muss. Als erstes Beispiel für diese Praxis nennt Menéndez Pidal das englisch-deutsche Einverständnis über die portugiesischen Kolonien.[2]

Allianzen dagegen sind Militärbündnisse, offensiven, defensiven oder offensiv-defensiven Charakters, in deren Wortlaut auch die gegenseitigen Militärleistungen aufgeführt werden. Die Allianz „ist das Hauptinstrument eines Gleichgewichts gewesen, das die oberste politische Norm der europäischen Politik ab Ende des 17. Jahrhunderts bis in unsere Zeit, die europäische Gemeinschaft, bestimmt.“[3] Die Entente dagegen kommt aus der französischen diplomatischen Tradition und beherrschte zwischen 1885 und 1914 die imperialistische Diplomatie. Die formalen Ausdrucksmittel sind Notenwechsel oder Briefwechsel zwischen hohen Vertretern des Auswärtigen Amtes, während bei den Allianzen vor allem die Monarchen miteinander verhandeln. Wie wir noch sehen werden, kann es dabei auch zu einer gegensätzlichen Politik des Monarchen und der Regierung kommen.

Die Hauptfrage dieser Hausarbeit wird jedoch sein, ob Spanien tatsächlich als „Objekt“ der Mächtegruppen diente, wie viel von seinen Interessen es gegenüber den Großmächten durchsetzen konnte und welches Interesse die Großmächte an einer Zusammenarbeit mit einer der kleineren Mächte hatten, das bedeutet, dass der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Außenpolitik liegt. Meine These ist, dass Spanien von der diplomatischen Taktik des Einvernehmens profitieren könnte, ähnlich wie Italien, dass durch das Taktieren zwischen Entente und Dreibund einen Großteil seiner Interessen durchsetzen konnte.

Beginnen werde ich mit der Situation am Ende des spanisch-amerikanischen Krieges und den Interessen und Sympathien der Mächte, nachdem die Niederlage Spaniens offensichtlich geworden war. Zu dieser Zeit waren die Mächtegruppen noch nicht so verfestigt. Erst mit den französisch-englischen Verhandlungen 1904 kann man von einer langsamen Verfestigung zwischen Dreibund und Entente sprechen. Man könnte vermuten, dass damit ein anderes Verhalten kleineren Mächten gegenüber verbunden ist. Einerseits, dass die kleineren Mächte unwichtiger werden und andererseits, v.a. von deutscher Seite mit der Wahrnehmung der zunehmenden Einkreisung, die kleineren Mächte eine größere Bedeutung erlangen. Um diese Frage zu beantworten werde ich auf die Situation nach dem Abschluss der Entente, der 1. Marokkokrise mit der Konferenz von Algeciras und abschließend dem Zeitraum bis zum Abschluss der Mittelmeerabkommen eingehen.

1. Der spanisch amerikanische Krieg

1.1. Situation vor Ausbruch des Krieges

Vor Ausbruch des spanisch-amerikanischen Krieges wurde in Europa unter den Mächten bereits sondiert, ob sie sich für Spanien einsetzen würden oder nicht. Der Protest von General Wordfort in Madrid gegen die spanische Kriegsführung auf Kuba, veranlasste Kaiser Wilhelm II, in einer Aufwallung seines monarchischen Solidaritätsgefühls telegraphisch beim Auswärtigen Amt ein Eingreifen der europäischen Staaten, eventuell auch nur der europäischen Kontinentalstaaten zugunsten Spaniens, dessen monarchische Regierungsform bei einem Verlust Kubas bedroht schien, anzuregen. Von Bülow sprach sich dagegen aus, mit dem Hinweis auf die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands und die Gefahr, dass ohne England und Frankreich Deutschland politisch und wirtschaftlich gefährdet sein würde.[4] Besonderes Interesse hatte Deutschland an den gerade eingeführten Zollvergünstigungen. So wollte Deutschland nicht den Anführer der Unterstützer Spaniens machen, sondern es war bereit unter der Führung von Frankreich oder Österreich-Ungarn als „natürlicher und nächster Anwalt ihrer spanischen Majestät“[5] am Kampf teilzunehmen.

Außerdem musste man in Deutschland Rücksicht auf die Ressentiments der französischen Bevölkerung nehmen. „Sowohl das Entgegenkommen, welches die spanische Regierung seit mehr als 13 Jahren der französischen gezeigt hat, wie auch die schwerwiegenden Geldinteressen Frankreichs in Spanien berechtigten die Annahme , dass das Pariser Kabinett einen spanischen Unterstützungsanspruch nur dann zurückweisen würde, wenn besonders schwierige Zeitverhältnisse oder – wie im Falle einer deutschen Führerschaft – volkstümliche Gefühlsströmungen sich dem entgegensetzten.“[6] Auf die Anfrage des Botschafters in Berlin Mendez Vigo, angesichts der US-amerikanischen Aufrüstung im Golf von Mexiko, ob die deutsche Regierung sich „zum Schutze des monarchischen Prinzips an die Spitze einer europäischen Aktion gegen die republikanischen Übergriffe Amerikas“ stellen würde, gab es keine deutsche Antwort. Unter dieser Prämisse wäre auch die Teilnahme der französischen Republik fragwürdig gewesen.

Der französische Botschafter unterstreicht wiederum, dass sich Frankreich gern beteiligen würde, allerdings müsste eine andere Macht die Anregung dazu übernehmen, da zwischen Amerika und Russland Intimität bestünde und Frankreich durch Abkommen an Russland gebunden wäre.[7] In erster Linie sind die Mächte zu der Zeit mit einer Einigung über Ostasien beschäftigt. So kommt es nur zu einem gemeinsamen Vorsprechen der Botschafter beim amerikanischen Präsidenten, das mit einer Ermahnung zum Frieden verbunden ist. Der Ansatz zu einer Kollektivnote der europäischen Mächte scheitert ebenfalls, da in Russland die Meinung vorherrscht, dass eine Kollektivnote das Ansehen der Staaten nur schmälern würde, Spanien jedoch nicht helfen würde.[8]

Letztendlich muss sich Spanien also allein helfen, obwohl gerade beim deutschen Kaiser ernsthafte Besorgnis über die Gefährdung der spanischen Monarchie beim Verlust Kubas besteht.

1.2. Das Ende des Krieges

Nachdem Frankreich als Vermittler in den spanisch-amerikanischen Verhandlungen auftritt und die Abschlussverhandlungen in Paris stattfinden sollen, befürchten die Engländer einen zukünftigen starken Einfluss auf Spanien bzw. sogar eine Abhängigkeit.[9] Sir E. Monson, Gesandter in Paris, schätzt die Lage jedoch als nicht besonders bedrohlich ein. Er sieht zwar „die Gefahr eines systematischen, auf unsere Benachteiligung gerichteten Zusammenwirkens der französischen und spanischen Politik in Marokko“, glaubt jedoch, dass es „in der Macht der britischen Diplomatie und der britischen materiellen Kraft [liegt], einer solchen Verbindung erfolgreichen Widerstand zu leisten, solange diese keine weitere europäische Hilfe erhält.[10] Sir H. Drummond Wolff in Madrid schätzt die Lage allerdings als gefährlicher ein. Er sieht zwar klar, dass Spanien „endlich seinen Rang als Großmacht eingebüsst hat und daher außerstande ist, irgendwelchen eigenen Ehrgeiz zu befriedigen“[11], jedoch sieht er Dinge, die den „Ehrgeiz anderer, und namentlich Frankreichs“[12] anziehen könnten. Diese Dinge sind für ihn die Bodenfruchtbarkeit, Bodenschätze und die geostrategischen Vorteile, sowie der Einfluss Spaniens in Marokko. Seine Formulierung eines „wertvollen Zubehör und Anhängsel für seinen Nachbarn“[13] stellt Spanien auf eine Stufe mit einem Kolonialland. Die politische Regierung wird erst mal geduldet, das gesamte Land wird jedoch als Einflussgebiet behandelt. Dies zeigt eine eindeutige Hierarchisierung im Verhalten der englischen Großmacht gegenüber einer kleineren Macht; die kleinere Macht wird als Objekt behandelt. So werden also bereits am Ausgang des spanisch-amerikanischen Krieges und des offensichtlichen Niedergangs Spaniens, besonders als Seemacht, die Weichen für das zukünftige Verhalten der Großmächte gegenüber Spanien gestellt. Eine Gefährlichkeit für England ergibt sich nur, „wenn Frankreich unbestrittenen Zutritt zum Hinterland von Gibraltar erhalten würde.“[14] So kommt es 1898 zu dem Projekt einer engeren Verbindung zwischen England und Spanien, dass jedoch zu keinem Abschluss kam. Im Vordergrund stehen der dauerhafte Friede zwischen England und Spanien und die gegenseitige Unterstützung im Kriegsfall. Zu einem Abschluss kommt es nicht, da Spanien sich nicht in der Lage fühlt, die militärischen Verpflichtungen zu erfüllen.

[...]


[1] Bernecker, 195

[2] vgl. Menéndez Pidal, 22

[3] Ebd. , 25

[4] vgl. GP 15, 3/4

[5] ebd., 6

[6] ebd., 8

[7] vgl., ebd., 10

[8] vgl., ebd., 19

[9] vgl., BD, II, 410

[10] vgl., BD, II, 411

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] Ebd., 412

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Spanien als Objekt der Mächtegruppen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichtswissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Der Wandel im internationalen Mächtesystem 1890-1914
Note
2,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
26
Katalognummer
V24776
ISBN (eBook)
9783638275699
ISBN (Buch)
9783656903710
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Unter Heranziehung diplomatischer Quellen gibt diese Arbeit im Zeitraum zw. spanisch-amerikanischem Krieg und dem 1. WK einen umfassenden Einblick in die Bemühungen der drei Großmächte (GB, F und D) Spanien für seine Interessen einzuspannen und in die Versuche Spaniens, seine Interessen in Marokko zu sichern. Insbesondere wird der Frage nachgegangen, ob Spanien als Macht 2. Ranges Möglichkeiten hatte, seine außenpolitischen Interessen gg. die Interessen der Großmächte zu vertreten.
Schlagworte
Spanien, Objekt, Mächtegruppen, Wandel, Mächtesystem
Arbeit zitieren
Daniela Hendel (Autor), 2001, Spanien als Objekt der Mächtegruppen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24776

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