Aufgrund ihrer noch relativ jungen marktwirtschaftlichen Entwicklung hatten die
einzelnen Transformationsstaaten Mittel- und Osteuropas die historische Chance,
eigene Wege zu gehen und von den Stärken und Schwächen etablierter Corporate
Governance-Systeme zu lernen. Die Vielzahl der vorhandenen Publikationen
bezüglich der Corporate Governance in den Ländern Mittel- und Osteuropas zeigt
das rege Interesse an diesem Forschungsgegenstand. Die Veröffentlichungen sind
vorwiegend auf Privatisierungen und Veränderungen in den Besitzverhältnissen
ausgerichtet1. Dabei werden weitere, voneinander abweichende, zum Teil
verdeckt agierende Kontrollstrukturen im Gesamtkontext ausgeblendet. Aus
diesem Grund ist es sinnvoll, den Zusammenhang zwischen dem theoretischen
Konstrukt „Corporate Governance“ und dessen Durchsetzung in den MOEStaaten
näher zu analysieren sowie detaillierter der Frage nachzugehen, in welcher
Ausprägung es Corporate Governance in diesen Ländern gibt. Um dies
herauszufinden, ist eine vergleichende Analyse der Corporate Governance-
Strukturen in den MOE-Staaten notwendig.
In der vorliegenden Arbeit wird es im Kern darum gehen, in welcher Form sich
Corporate Governance-Strukturen in ausgewählten MOE-Staaten entwickelt
haben. Ein Schwerpunkt wird die Frage nach der Ausprägung dieser Art von
Corporate Governance sowie deren kritische Betrachtung sein. Ein weiterer
Schwerpunkt behandelt die Frage, was „gute“ Corporate Governance in den
Ländern Mittel- und Osteuropas bedeutet. Es gibt viele theoretische
Handlungsempfehlungen für eine optimale Corporate Governance in diesen
Ländern. Diese Empfehlungen müssen im Hinblick auf die unterschiedlichen
kulturellen und politischen Gegebenheiten bei der Durchsetzung der Corporate
Governance auf wirtschaftspolitischer Ebene in den MOE-Staaten näher
untersucht werden. Bestimmend wird an dieser Stelle sein, ob es in den MOEStaaten,
trotz anderer Werte-/ Kultursysteme und politischer Eigenentwicklungen,
überhaupt eine effiziente und effektive Corporate Governance nach „westlicher
Art“ geben kann.
1 Vgl. KEHR 2000.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1. Problemstellung
1.2. Zielstellung
1.3. Methode und Vorgehensweise
2 CORPORATE GOVERNANCE – THEORETISCHE EINORDNUNG
2.1 Corporate Governance – Definition und Merkmale
2.1.1 Begriffsbestimmung
2.1.2 Was beinhaltet der Begriff „Stakeholder“?
2.1.3 Corporate Governance – im weitesten vs. im engeren Sinne
2.1.4 Definitionen ausgewählter Autoren, Länder, Institutionen
2.2 Akteure der Corporate Governance
2.2.1 Aktionäre
2.2.2 Management
2.2.3 Aufsichtsrat
2.2.4 Mitarbeiter
2.2.5 Banken
2.2.6 Staat und Öffentlichkeit
2.2.7 Fazit
3 RAHMENBEDINGUNGEN DER CORPORATE GOVERNANCE IN DEN MOE-STAATEN
3.1 Kulturelle Rahmenbedingungen
3.2 Wertvorstellungen
3.3 Rechtliche Rahmenbedingungen
3.4 Gegenwärtige Wirtschaftslage
3.4.1 Polen
3.4.2 Rußland
3.4.3 Weißrußland
3.4.4 Litauen
3.4.5 Kasachstan
4 CORPORATE GOVERNANCE IN AUSGEWÄHLTEN MOE-STAATEN
4.1 POLEN
4.1.1 Die Anfänge
4.1.2 Allgemeine Corporate Governance-Prinzipien
4.1.3 Die Gegenwart
4.1.4 Akteure der Corporate Governance in Polen
4.1.5 Gibt es verdeckte Strukturen bezüglich der Corporate Governance Polens?
4.2 LITAUEN
4.2.1 Die Anfänge
4.2.2 Allgemeine Corporate Governance-Prinzipien
4.2.3 Die Gegenwart
4.2.4 Akteure der Corporate Governance in Litauen
4.2.5 Gibt es verdeckte Strukturen bezüglich der Corporate Governance Litauens?
4.3 RUßLAND
4.3.1 Die Anfänge
4.3.2 Allgemeine Corporate Governance-Prinzipien
4.3.3 Die Gegenwart
4.3.4 Akteure der Corporate Governance in Rußland
4.3.5 Gibt es verdeckte Strukturen bezüglich der Corporate Governance Rußlands?
4.4 WEIßRUSSLAND
4.4.1 Die Anfänge
4.4.2 Allgemeine Corporate Governance-Prinzipien
4.4.3 Die Gegenwart
4.4.4 Akteure der Corporate Governance in Weißrußland
4.4.5 Gibt es verdeckte Strukturen bezüglich der Corporate Governance Weißrußlands?
4.5 KASACHSTAN
4.5.1 Die Anfänge
4.5.2 Allgemeine Corporate Governance-Prinzipien
4.5.3 Die Gegenwart
4.5.4 Akteure der Corporate Governance in Kasachstan
4.5.5 Gibt es verdeckte Strukturen bezüglich der Corporate Governance Kasachstans?
5 GOOD CORPORATE GOVERNANCE IN AUSGEWÄHLTEN MOE-STAATEN
5.1 Charakteristika hinsichtlich einer „good“ Corporate Governance in den MOE-Staaten
5.2 Möglichkeiten und Grenzen einer „good“ Corporate Governance in den MOE-Staaten
5.3 Perspektiven für die MOE-Staaten – Quo vadis Corporate Governance?
6 INTEGRIERENDE BETRACHTUNGEN ZU DEN MOE-STAATEN
7 RESÜMEE – KERNAUSSAGEN DER ARBEIT
Zielsetzung und Themen
Ziel dieser Arbeit ist die umfassende Analyse der Corporate Governance in ausgewählten Transformationsstaaten Mittel- und Osteuropas (Polen, Litauen, Rußland, Weißrußland, Kasachstan), um den gegenwärtigen Stand und künftige Entwicklungstrends zu ergründen und allgemeingültige Aussagen zur Adaption westlicher Strukturen zu ermöglichen.
- Theoretische Einordnung des Corporate-Governance-Begriffs und Identifikation der wichtigsten Akteure (Stakeholder).
- Analyse der kulturellen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den MOE-Staaten.
- Detaillierte Untersuchung der Corporate-Governance-Strukturen und -Akteure in den fünf ausgewählten Ländern.
- Kritische Diskussion der Konzepte „gute“ Corporate Governance sowie der Möglichkeiten und Grenzen deren Durchsetzung.
- Synthese der Erkenntnisse zu einer vergleichenden Betrachtung der Transformationsprozesse.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Aktionäre
Die Anteilseigner einer Firma, oft auch als Aktionäre oder Shareholder bezeichnet, sind eine der wichtigsten Interessengruppen innerhalb der Stakeholder, denn sie stellen externes Finanzkapital zur Verfügung, ohne dafür vertraglich vereinbarte Rückvergütungsansprüche zu erwerben. Sie werden als Eigentümer oder Gläubiger eines bestimmten Anteils an einem Unternehmen verstanden. Dieser Anteil verleiht dem Aktionär – in Form eines Wertpapiers – das Recht auf einen bestimmten Gewinnanteil, einen Anteil am Unternehmensvermögen bei Auflösung sowie ein Abstimmungsrecht bei wichtigen Unternehmensentscheidungen. Jeder Anteilseigner kann über seine Unternehmensanteile bzw. Aktien im Rahmen seiner Eigentumsrechte verfügen – ein in vielen Corporate Governance-Prinzipien festgeschriebenes Grundrecht.
Allerdings muß die Art dieser Rechtsausübung, unter dem Aspekt unterschiedlicher Rechtsauffassungen und politischer Strömungen, differenziert betrachtet werden. Daraus kann sich seitens der Aktionäre eine Vielzahl unterschiedlicher Einflußmöglichkeiten bezüglich der effektiven Ausübung von Eigentumsrechten ergeben. Die Aktionäre können gut von den übrigen Stakeholdern aufgrund ihrer Beziehung zum Unternehmen abgegrenzt werden, denn im Gegensatz zu den restlichen Stakeholdern haben sie eine besondere Stellung im Unternehmen inne. Beispielsweise sind ihre Investitionen nicht an bestimmte Kapitalwerte gebunden. Zudem sind alle Beziehungen der Aktionäre zum Unternehmen in der jeweiligen Satzung geregelt und nicht per zeitlich begrenzten Vertrag, wie dies bei anderen Stakeholdern der Fall ist. Eigentum und Kontrolle müssen nicht notwendigerweise gemeinsam ausgeübt werden und sind in der Regel auch vertraglich voneinander getrennt. Diese Separation hat sowohl positive als auch negative Gesichtspunkte für die Aktionäre, z.B. bezüglich der Haftungs- und Gewinnrisiken. Die Interessen und Handlungen der Aktionäre werden aber auch durch unvollkommene Informationen und mangelhafter Kommunikation bestimmt, so daß der Steigerung der Unternehmenstransparenz – als wesentlicher Aspekt eines optimal funktionierenden Corporate Governance-Systems – ein hoher Stellenwert beigemessen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einleitung in die Problematik der Corporate Governance in Transformationsstaaten, Definition der Zielsetzung und Erläuterung der methodischen Vorgehensweise.
2 CORPORATE GOVERNANCE – THEORETISCHE EINORDNUNG: Theoretische Fundierung des Begriffs Corporate Governance sowie detaillierte Vorstellung der relevanten Akteure und Stakeholder.
3 RAHMENBEDINGUNGEN DER CORPORATE GOVERNANCE IN DEN MOE-STAATEN: Untersuchung der kulturellen, wertorientierten, rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen in den betrachteten Regionen.
4 CORPORATE GOVERNANCE IN AUSGEWÄHLTEN MOE-STAATEN: Detaillierte Fallstudien zu Polen, Litauen, Rußland, Weißrußland und Kasachstan hinsichtlich ihrer spezifischen Corporate-Governance-Strukturen und Akteure.
5 GOOD CORPORATE GOVERNANCE IN AUSGEWÄHLTEN MOE-STAATEN: Diskussion über die Definition und Umsetzbarkeit einer „guten“ Corporate Governance unter Berücksichtigung nationaler Gegebenheiten.
6 INTEGRIERENDE BETRACHTUNGEN ZU DEN MOE-STAATEN: Zusammenfassende Analyse der länderübergreifenden Gemeinsamkeiten und strukturellen Besonderheiten der Corporate Governance in den untersuchten Staaten.
7 RESÜMEE – KERNAUSSAGEN DER ARBEIT: Darstellung der zentralen Thesen und abschließende Bewertung der Ergebnisse zum Transformationsprozess.
Schlüsselwörter
Corporate Governance, Transformationsstaaten, Osteuropa, Stakeholder, Shareholder, Eigentumsrechte, Privatisierung, Rechtssystem, Marktwirtschaft, Unternehmenskontrolle, Kapitalmarkt, Institutionen, Insiderdominanz, Polen, Litauen, Rußland, Weißrußland, Kasachstan
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Corporate-Governance-Strukturen in ausgewählten Transformationsländern Mittel- und Osteuropas und analysiert, inwieweit etablierte westliche Strukturen dort adaptiert wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die theoretische Definition von Corporate Governance, die Identifikation von Akteuren (Stakeholdern), die Analyse länderspezifischer Rahmenbedingungen sowie die kritische Betrachtung des Konzepts „gute“ Corporate Governance in Transformationsökonomien.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, den komplexen Sachverhalt der Corporate Governance in ausgewählten MOE-Staaten darzustellen, Erkenntnisse aus den Länderstudien zu synthetisieren und Aussagen über den gegenwärtigen Stand sowie künftige Entwicklungstrends zu treffen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit ist theoretischer Natur und analysiert den aktuellen Stand der Corporate Governance auf Basis vorhandener Studien und Fachliteratur, wobei eine vergleichende Analyse der spezifischen Bedingungen in Polen, Litauen, Rußland, Weißrußland und Kasachstan vorgenommen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung, eine Untersuchung der allgemeinen Rahmenbedingungen und eine detaillierte Länderauswertung, gefolgt von einer integrierenden Betrachtung und der kritischen Reflexion über „good“ Corporate Governance.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Forschung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Transformation, Insiderdominanz, Eigentumsstruktur, Marktwirtschaft, Rechtssicherheit und die spezifischen nationalen Kontexte der untersuchten MOE-Staaten geprägt.
Inwiefern beeinflusst der Staat die Corporate Governance in Kasachstan?
In Kasachstan übt der Staat durch indirekte Kontrollinstrumente, wie Staatsgarantien und die Zuteilung von Ressourcen, erheblichen Einfluss aus, was die Entwicklung marktwirtschaftlicher Corporate-Governance-Strukturen oft hemmt.
Welche Rolle spielt die „Goldene Aktie“ in diesem Kontext?
Die „Goldene Aktie“ wird als staatliches Vetorecht beschrieben, das in Ländern wie Rußland oder Weißrußland zwar formale Mitspracherechte sichert, aber gleichzeitig effiziente, marktorientierte Corporate-Governance-Prozesse behindert.
- Arbeit zitieren
- Dipl.Kfm. (Univ.) Patrick Gräser (Autor:in), 2003, Corporate Governance in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24798