Historische Metaphorologie als Methode der historischen Anthropologie am Beispiel von "Possessing Albany" von Donna Mer


Seminararbeit, 2000

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1. Begriffserklärung

2. Systematische Anthropologien
2.1. Biologische Anthropologien
2.2. Philosophische Anthropologien
2.3. Kultur- und Sozialanthropologie (Ethnologie)
2.3.1. Strukturelle Anthropologie

3. Historische Anthropologie
3.1. Fragestellungen der historischen Anthropologie
3.2. Die interdisziplinäre Stellung der historischen Anthropologie

4. Possessing Albany
4.1. Beverwijck und ihre Figuren
4.2. Die Gesellschaft
4.3. Die Zeit. Die handelstijd, auctions und kermis
4.4. Die Indianer
4.5. Die englische Herrschaft
4.6. Fazit

5. Historische Metapher
5.1. Acts of possession
5.1.1. Die Holländer
5.1.2. Die Engländer
5.1.3. Die Franzosen

6. Schlußfolgerungen

7. Summary

8. Anmerkungen

9. Literaturverzeichnis
9.1. Herausgegebene Bücher und Veröffentlichungen von Donna Merwick

1. Einführung

Es scheint sinnvoll, die These aufzustellen, daß der Globalisierungsprozeß heutzutage ein entscheidender Impuls für die Identität suchenden Menschen ist. Man wird sich immer dessen bewußt, daß das Forschungsfeld erst dann ausgedehnt werden kann, wenn die Genese, ja unsere Wurzel, aufgehellt wird, so daß die Perspektiven der menschlichen Entwicklung auf einem festen Fels aufgebaut werden könnten. Immer wieder sind wir Zeugen von politisch motivierten Versuchen, die Geschichte und ihre Bedeutung für den Menschen so vorzustellen, damit sie sein Handeln hic et nunc legitimiert. Die Geschichtswissenschaften dienten also der ständigen historischen Korrelation, in der es darum geht, durch das Frage-Antwort-Modell, die eigene gegenwärtige Existenz im Lichte des Vergangenen neu zu interpretieren und Aussicht für die Zukunft zu verschaffen. Die Geschichtswissenschaften sind auf diesem Wege nicht allein. Die angedeutete Problemstellung betraf nicht nur politische Ereignisse, die wir aus Handbüchern kennen, sondern auch, wenn nicht vor allem, den Menschen an sich als die Antriebskraft aller sozialen, politischen und ökonomischen Gegebenheiten, wie etwa die Gesellschaft, der Staat und die Wirtschaft. In den Vordergrund hat sich jedoch die Überzeugung gedrängt, daß der Mensch ein handelndes Subjekt aller Änderungen ist, trotzdem weist er konstituierende invariable und zu seiner Natur gehörende Eigenschaften auf. All das versucht die Anthropologie zu hinterfragen und systematisch strukturierte Schlußfolgerungen zu ziehen.

Anthropologie hat keinen einheitlichen Aufbau. In der Forschung bringt sie verschiedene Themenbereichen zur Geltung, die den Menschen als ein Natur- und Kulturgeschöpf unbedingt angehen. Diese Hausarbeit ist ein kleiner Beitrag, einen ganz neuen Zweig des anthropologischen Denkens, nämlich die historische Anthropologie, am Beispiel der englischsprachigen Geschichtsschreibung über die frühamerikanische Kolonisationsgeschichte darzustellen. Possessing Albany von Donna Merwick wird hier zum Fundament, da die Methode der historischen Metapher, mit der die australische Autorin vorgeht, als eine andere Zugangsweise zur kolonialen Geschichte gelten kann.

Die Hausarbeit ist in drei Hauptteile aufgegliedert. Als erstes wird der Begriff der historischen Anthropologie und seine Bezüge zu den anderen Anthropologien genau erklärt. Im zweiten Teil wird der Inhalt des Possessing Albany vorgestellt, wobei auch andere veröffentlichte Publikationen der Autorin berücksichtigt werden. Die Geschichte der kolonialen Provinz Albany in der Periode 1640-1710 und die ständig ausbrechenden Konflikte zwischen Holländern und Engländern werden hier nicht nur inhaltlich, sondern auch in einem breiteren kulturellen Kontext geschildert. Selbst die Autorin stellt fest, sie schreibe cross-cultural history oder besser encounter history 1. Der dritte und letzte Teil schafft eine Verbindung, der in den ersten Teilen angedeuteten Elemente, also eine Synthese des theoretischen Ansatzes und der Texte von Donna Merwick, die in einer kritischen Bewertung der Methode der historischen Metapher einmünden sollte. Es werden auch andere Quellen benutzt, die sich mit der Hermeneutik menschlichen historischen Handelns auseinandersetzen. Die verschiedenen possessing - Weisen (die englische, die holländische und auch französische als eine von den beiden differierende) werden hier auch kurz vorgestellt.

Dank der großzügigen Hilfe von Prof. Donna Merwick und Prof. Greg Dening, bei denen der Verfasser dieser Hausarbeit sich bedanken möchte, wurde es möglich, das vollständige Literaturverzeichnis der bisher erschienenen Veröffentlichungen von Donna Merwick am Ende dieser Hausarbeit, im Kapitel 8.1., anzuhängen.

1.1 Begriffserklärung

Der Begriff Anthropologie läßt sich aus zwei griechischen Wörter ableiten, nämlich von άνθρωπος (der Mensch) und λόγος (das Wort). Präzis übersetzt bedeutet Anthropologie das Wort über den Menschen und als eine Lehre definiert man sie einfach als die Wissenschaft vom Menschen 2.

Einer der bedeutendsten deutschen Historiker, Thomas Nipperdey, sieht die Anthropologie, egal welcher Provenienz, als eine Disziplin, die aufgrund empirischer Analyse danach fragt, was den Menschen in seinem Dasein konstituiert. Das hier zum Ausdruck gebrachte Dasein symbolisiert Kategorien, Grundstrukturen und Grundrelationen des Menschen 3. Es sind also Formen und Weisen eines Verhaltens, Handelns und Bewußtseins. Anthropologe im allgemeinen befaßt sich mit „ invariablen Gefügen und Gesetzen 4.“ Hier tritt schon ein kompliziertes Problem auf, und zwar die Notwendigkeit, Geschichtswissenschaften und Anthropologie als Vorstellungsstrukturen des geschichtlichen Denkens auszudifferenzieren. Die Geschichtswissenschaft erforscht den historischen Wandel menschlicher Existenz, die Anthropologie dagegen die Konstanten. Diese Konfliktlinie wird jedoch gründlicher bei der Problematik der historischen Anthropologie im vierten Kapitel analysiert werden.

2. Systematische Anthropologien

Unter systematischen Anthropologien versteht man die in einem System agierenden traditionellen Anthropologien, deren Hauptziel ist es, Aussagen über den Menschen zu treffen und aus dem entsprechenden Forschungsmaterial, je nach dem wissenschaftlichen Bedarf, das Wesen des Menschlichen zu erschließen. Sie fragen nach Modellen, die in sozialen Institutionen, wie etwa die Gesellschaft oder die Familie, „ eine fixierte Realität gewonnen haben 5.“

2.1. Biologische Anthropologien

Bis zum heutigen Tag taucht in vielen Fachwörterbüchern unter dem Stichwort Anthropologie das biologische Verständnis des Begriffes auf, welches besagt, daß Anthropologie sich mit biologischen Fragen beschäftigt, z. B. der Entwicklung des Menschen aus dem Tierreich 6. Diese Verständnisweise der Anthropologie gilt als die älteste und ist vor allem in deutschsprachigen Raum populär. Ihr Ziel war, bestimmte Rassen und Sozialtypen, sowie auch andere körperliche Merkmale als invariable und zeitlose Kennzeichen des Menschenseins darzustellen 7. Der Mensch wird als Teil der Natur, ja Naturprodukt nachdem Evolutionsprozeß betrachtet. Im Laufe des medizinischen Fortschritts im 20. Jahrhundert wurden die Untersuchungen auf ganz neue Felder, wie etwa die Biogenetik, erweitert.

2.2. Philosophische Anthropologie

Die philosophische Anthropologie ist eine im 20. Jahrhundert entstandene Richtung. Die Väter der philosophischen Anthropologie konzentrierten sich auf die Frage nach der Gesamtwirklichkeit des Menschen, indem sie die Meinung ablehnten, seine Bestimmung könne teleologisch aus der Vollendung seiner Entwicklung gefaßt werden. Max Scheler, Arnold Gehlen und andere Vertreter dieser Strömung definierten den Menschen als ein Mängelwesen, das, symbolisch ausgedrückt, im Rahmen eines unvollendeten Werkes nicht gesetzt werden könne 8. Unterstützung für ihre Theorie fanden sie schon bei Johann Gottfried Herder, der in seinen Fragmenten zu einer Archäologie des Morgenlandes (1769) und anderen Werken der Auffassung war, der Mensch „gehöre zur Tierwelt und sei sogar in größeren Maße als Tiere ein Mängelwesen 9.“ Eine solche Betrachtung implizierte die These, daß der Mensch also ein weltoffenes und nicht vorgesehenes Wesen ist. Dieser Faktor unterscheidet ihn gerade von Tieren, da er eine zweite Natur besitze, nämlich die Kultur. Sie ermöglicht ihm einen ewig dauernden Prozeß der Überschreitung der eigenen Grenzen, was ihn letztendlich nobiliert. Auch bei Herder findet man ähnliche Bemerkungen.

Zur philosophischen Anthropologie zählen sich auch Richtungen existenzieller und kulturhistorischen Herkunft. Die erste hat zum Gegenstand das menschliche Sein und Handeln in bezug auf Ziel- und Wertsetzungen, Grenzsituationen, Entscheidungen. Die zweite hinterfragt das Wesen und Werden des Menschen aus seinen geschichtlichen Leistungen 10.

Gegenüber der philosophischen konkurrierende Anthropologie bildet sich die theologische, in der der Mensch immer vor Gott und unter seiner erlösenden Gnade wegen seiner Sündhaftigkeit steht. Innerhalb des Christentums gibt es aber verschiedene anthropologische Auffassungen, die den Menschen entweder aus der optimistischen (die katholische Lehre) oder eher pessimistischen Perspektive (lutherische und teilweise die orthodoxe Lehre) betrachten.

2.3. Kultur- und Sozialanthropologie (Ethnologie)

Die Kultur- und Sozialanthropologie kann man aus dem breiten Spektrum der systematischen Anthropologien nicht ausschließen. Obwohl die beiden Disziplinen in den englischen und französischen Sprachräumen unter einem gemeinsamen Begriff der Ethnologie vermerkt sind, kommen Kultur- und Sozialanthropologie in Sicht als voneinander differierende Wissenschaften, da sie unterschiedliche Forschungsgegenständen und Methoden gebrauchen.

Kulturanthropologie versteht sich als jene Wissenschaft, welche nach den evolutionsbiologischen Grundlagen der Kulturfähigkeit des homo sapiens fragt. Sie basiert auf den Konzepten der biologischen Anthropologie und den evolutionistischen Gedanken. Ihre bekannteste Vertreter sind vor allem Amerikaner wie Lewis H. Morgan, Franz Boas und Margaret Mead 11.

Sozialanthropologie wandte sich in ihrem Forschungsfeld, der Frage der biologischen Beschaffenheit des Menschen und der sozialen Vorgängen in ihren Wechselbeziehungen. Ihre Vertreter, wie zum Beispiel Bronisław Malinowski, Marcel Mauss oder Alfred Radcliffe-Brown grenzten sich entschieden von den evolutionistischen Einflüssen der Kulturanthropologie ab. Sie setzten sich hingegen für eine intensive, praktische Forschung im fremden Feld ein, indem sie sich der sogenannten „Schreibtisch-Ethnologie“, also eine nicht in der Realität verankerte, widersetzten 12.

Nichtsdestoweniger sind die sich zu Beginn des vergehenden Jahrhunderts konstituierten Kultur- und Sozialanthropologie ein Plädoyer für genaues Schauen im kleinen und fremden Feld, um den interkulturellen Zusammenhängen und Interdependenzen gerecht zu werden. Durch ihre interdisziplinäre Orientierung konnten sie nicht nur ihre Forschungsfelder ausbauen, sondern auch sich selbst gegenüber zu kristallisieren, ja neu behaupten. Indem die Sozialanthropologie sich mehr auf ethnographisches Material, wie es der französische Soziologe Émile Durkheim popularisierte 13, gestützt hat, ist die Kulturanthropologie mehr in Richtung der philosophischen Anthropologie gewachsen, was sich an der an Gehlen orientierten Auffassung über die Unvollständigkeit des Menschen zeigte.

2.3.1. Strukturelle Anthropologie

Die Eigenart innerhalb der Ethnologie macht die strukturelle Anthropologie aus, die mit dem Namen Lévi-Strauss verbunden ist. Sie geht gerade nicht von dem Konzept aus, die Menschen ihren Handlungen beilegen, sondern von dem, was sie unbewußt tun 14. Als ein Muster dient für Lévi-Strauss die strukturelle Sprachwissenschaft, die versucht, unbewußte Gesetzmäßigkeiten in der Sprache und zwischen entsprechenden Subjekten zu erkundigen. Ihr Schwerpunkt ist das Unbewußte, das was die Grenzen des Denkens bildet also die Sprache selbst (L. Wittgenstein). Auch kulturelle Verwandtschaftskonstellationen werden zum Forschungsgegenstand 15.

3. Historische Anthropologie

Nun kommen wir zum Kern unseren theoretischen Überlegungen. Von der historischen Anthropologie spricht man erst seit den 1960er Jahren. Von Anfang an war ihre Stellung umstritten. Die Aufgabe der historischen Anthropologie besteht darin, die Kluft zwischen der Geschichtswissenschaft und der Anthropologie zu überwinden. Ohne Wunder muß man also die Meinung des französischen Mediävisten Jacques Le Goff wahrnehmen, die Anthropologie sei die privilegierte Gesprächspartnerin der Geschichtswissenschaft 16. Die verschiedenen Erkenntnisinteressen und Zugangsweisen bleiben jedoch selbstverständlich. Erst historisch profilierte Anthropologie kann den Anspruch erheben, die beiden selbstständigen Wissenschaften zu einem gemeinsamen Punkt zu bringen.

[...]


1. Merwick 1998, S.1.

2. Meyer/Regenbogen 1998, S. 49.

3. Nipperdey 1967, S. 350.

4. Nipperdey, Th, 1968: Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, historische Anthropologie, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 55, 145-164; In: Martin 1994; S. 36. Dazu siehe auch: Angehrn, Emil, 1991: Geschichtsphilosophie, Band 399, Stuttgart, Berlin, Köln, S. 126-127.

5. Nipperdey 1967, S. 350.

6. Meyer/Regenbogen 1998, S. 49.

7. Dressel 1996, S. 31-36.

8. Meyer/Regenbogen 1998, S. 49.

9. Adler 1968, S. 87.

10. Meyer/Regenbogen 1998, S. 49.

11. Dressel 1996, S. 41-43.

12. Ebd., S. 43 ff.

13. Ebd.

14. Martin 1994, S. 40 ff.

15. Dressel 1996, S. 46.

16. Ebd., S. 59.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Historische Metaphorologie als Methode der historischen Anthropologie am Beispiel von "Possessing Albany" von Donna Mer
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Geschichte als Theater? Eine Einführung in die Historische Anthropologie am Beispiel der Melbourne Group
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
25
Katalognummer
V2480
ISBN (eBook)
9783638115100
ISBN (Buch)
9783638734400
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historische Anthropologie, Melbourne Group, Merwick Donna, Amerikanistik
Arbeit zitieren
Dariusz Bruncz (Autor), 2000, Historische Metaphorologie als Methode der historischen Anthropologie am Beispiel von "Possessing Albany" von Donna Mer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2480

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