Das Verhältnis zwischen der Lyrikwelle/Sächsische Dichterschule und der Kulturpolitik der SED in den 60er und frühen 70er Jahren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kulturpolitische Ausgangsbasis zur Zeit des Mauerbaus 1961

3. Der Bitterfelder Gedanke

4. Kulturpolitische Entwicklungen zwischen dem 6. und 7. Parteitag der SED

5. Darstellungsformen der Lyrikwelle verbunden mit ihrem Einfluss auf die Bevölkerung

6. Der Fall Wolf Biermann und seine Auswirkungen auf die Kulturlandschaft der DDR

7. Schlusswort

8. Literatur

9. Anhang

1. Einleitung

Der Begriff einer Lyrikwelle oder der sächsischen Dichterschule bezeichnet bestenfalls eine inhomogene Gruppe. Hermann Korte zum Beispiel nennt sie die „zweite Generation der DDR Lyrik“. Der Begriff der sächsischen Dichterschule jedoch hat schon eher seine Berechtigung, da die meisten der jungen Lyriker, welche auf einer Lesung von Stephan Hermlin am 11. Dezember 1962 im Plenarsaal der Akademie der Künste vorgestellt wurden, aus Sachsen kommen.[1]

Während die erste Generation bewusst den zweiten Weltkrieg, meist als aktive Gegner des Nationalsozialismus miterlebt haben und diese Eindrücke im kommunistischen Kontext reproduzierten, wurden die nachfolgenden Lyriker von 1930 bis 1945 geboren und grenzen sich somit thematisch, aber auch poetologisch von ihren Vorgängern ab. Die Trennlinie zwischen den beiden Generationen wird noch stärker, wenn man den Begriff des Sozialistischen Realismus[2] einbringt: Die teilweise eng gezogenen formalen Grenzen der Nachkriegslyrik in den 50er Jahren, sowie ihr fest definierter gesellschaftlicher Auftrag lassen den Wechsel in den 60er Jahren deutlich sichtbar werden. Folglich lässt sich das Verhältnis zwischen den jungen Literaten und der SED Kulturpolitik keinesfalls als störungsfrei bezeichnen. Auf der einen Seite erlebten sie eine starke Repressions- und Verbotspolitik von Seiten der SED, während auf der anderen Seite viele kritische Impulse von den Kulturinstitutionen der DDR, wie der Akademie der Künste in Berlin oder dem Leipziger Literaturinstitut benannt nach dem ersten Kulturminister der DDR, Johannes Becher, ausgingen und diese somit Wegbereiter der neuen Literaturlandschaft waren.[3]

Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, wie die Literaten mit dieser zweischneidigen Situation in der DDR klar kamen, welche Wandlungen die SED Kulturpolitik erfahren musste, um diese teilweise experimentelle Lyrik zu erlauben, oder ob sie diese Wandlung überhaupt durchzogen hat, so dass zusammenhängend die Frage nach der Stellung, beziehungsweise dem Verhältnis zwischen der Lyrikwelle und der Kulturpolitik der DDR beantwortet werden soll.

Wie gliedert man eine solche Frage auf? Im nachfolgenden Kapitel wird die kulturpolitische Ausgangsbasis bis zur Zeit des Mauerbaus beleuchtet. Die Mitte der 60er Jahre, jene Begeisterungsepoche für die Lyrik wurde flankiert von zwei Parteitagen der SED, mehreren Plenums des ZK der SED und einigen kleineren Versammlungsinstanzen. Es wird versucht herauszufinden, in wieweit diese Veranstaltungen und ihre Beschlüsse in der Zeit zwischen 1963 und 1967 in die Kulturlandschaft der DDR eingegriffen haben. Die schon erwähnte Begeisterung für die Dichtung in den 60er muss durch verschiedene Publikationsformen und Veranstaltungen Ausdruck gefunden haben. Doch welche waren diese Darstellungsformen der Lyrikwelle? Dies ist Mittelpunkt des 5. Kapitels, während das 6. sich um Wolf Biermann dreht. Nach meiner Auffassung stellte seine Ausbürgerung nicht nur für die Literatur und Lyrik der DDR einen, wenn auch nur psychologischen Schlusspunkt dar, sondern sie war gleichzeitig ein Wendepunkt an dem das unflexible Ende des gesamten Staates erkennbar begann.

Eine Konkretisierung auf die Lyrikwelle war selten möglich, wodurch versucht wurde, wenigstens das Verhältnis zwischen der Literatur als grobem Überbegriff der Lyrik, und der Kulturpolitik der SED zu beleuchten.

2. Die Kulturpolitische Ausgangsbasis zur Zeit des Mauerbaus 1961

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR seit ihrer Gründung versuchte die SED Regierung durch ein ausgedehntes Wettbewerbs- und Sterilisierungsverfahren zwischen den verschiedenen Betrieben, Brigaden ect. zu kompensieren. Der Titel beispielsweise eines „Held[en] der Arbeit“ wurde durch gelenkte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zum Ziel einer höheren Produktivität. Parallel dazu verwandelte sich jedoch die DDR mehr und mehr zu einer Volksdemokratie stalinistischen Typs mit einer reinen Kaderpartei SED an der Spitze, die keine Opposition oder Fraktionierung duldete. Somit war auch die kulturliterarische Entwicklung der DDR maßgeblich gekennzeichnet von dem Konflikt einer idealisierten und experimentierfreudigen Aufbruchsstimmung[4] und einer mehr oder weniger harten Parteilinie, der ein instrumentelles Sozialismusverständnis und feste Funktionsbeschreibung der Literatur zugrunde lag.

Roland Links beschreibt die Entwicklung der frühen 50er Jahren treffend: „…bald war der Aufbau des Sozialismus die sittliche Botschaft, und die Scheidung von Kultur und Barbarei wurde zur Scheidung von Ost und West…“[5]. Dass eine solche Politisierung der Kultur jedoch schon früher anfing, zeigt eine Veröffentlichung der ersten Parteikonferenz der SED: „Kulturarbeit im Dienste des Zweijahresplan leisten, das bedeutet in erster Linie die Entfaltung des Arbeitsenthusiasmus aller […] Schichten des Volkes.“. Somit sollte Literatur als Teil der Kultur nicht die menschliche Produktivität im allgemeinen fördern und das subjektive Bewusstsein stimulieren, sondern auf direktem Wege die Bereitschaft zur Aufbauarbeit des Sozialismus unterstützen. Somit wurde auch die literaturwissenschaftliche Periode von 1949 bis 1961 als Literatur des sozialistischen Aufbaus bezeichnet.

Im Zuge dieses Programms seien einige weitere Abschnitte der 50er Jahre nur genannt. Im März 1951 sprach sich das Zentralkomitee der SED für den „Kampf“ gegen den Formalismus in Konkurrenz zum sozialistischen Realismus aus. Als formalistische Literatur wurde die Werke gekennzeichnet, welche nicht die entscheidende Bedeutung im Inhalt und Gedanken innehaben, sondern deren Auffassung es ist, das die Form des Gedichtes beispielsweise wichtiger als ihre Semantik ist. Mit wechselnden Bezeichnungen wurden Werke von Kafka, Joyce, Freud, Döblin und Proust als „Modernismus“, „Naturalismus“ und „Dekadenz“ in den Auftrag des imperialistischen Kapitalismus gestellt. So wurden nun Bücher die die nationalsozialistische Zeit nur durch Zufall überlebten vernichtet. Obwohl sich die Doktrin des „sozialistischen Realismus“ hauptsächlich darin äußerten, dass Produktions- und Bauernliteratur das neue Arbeiterideal nach sowjetischen Vorbild darstellen sollten, kann man hier ebenfalls die Brücke zum bürgerlich-humanistischen Erbe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ziehen. So wurde die Abneigung gegenüber dem Formalismus auch darin begründet, dass diese jegliches klassische Literaturerbe verleugne. Das Jahr 1953 mit seinen zwei bedeutenden Ereignissen – zum einen der Tod Stalins am 5. März und zum anderen der 17. Juni – wurde von vielen als hoffnungsvolle Wendemöglichkeit verstanden. Dass es hierbei bei einer ungenutzten Möglichkeit blieb zeigt die anfängliche Emigration DDR – Künstler[6] gegen Ende des Jahrzehnts, auch wenn noch einige andersrum in die DDR übersiedelten. Auch wenn auf dem 4. Parteitag der SED 1954 verlautet wurde, dass die „Möglichkeit einer freien schöpferischen Tätigkeit gesichert werden“[7] müsse und nach der Auffassung der Partei keinerlei „administrativ[er]“ Druck auf die Künstler ausgeübt werden dürfe, war die Zeit nach dem Volksaufstand davon geprägt, im Gegensatz zur UdSSR eine Stalinisierungspolitik durchzuführen. So blieben die Intellektuellen und Schriftsteller der 50er Jahre eingeengt zwischen der zunehmenden Kontrolle der Partei und des Staates – erstmals auch von Seiten des Inlandsgeheimdienst MfS – und der Scheinalternative, wie Emmerich es bezeichnet, einer zunehmenden Autonomie im eigenen Handeln, bei der der „sozialistische Realismus“ trotz allen tonangebend war.

3. Der Bitterfelder Gedanke

Als Exkurs zwischen den beiden umliegenden Kapiteln sei die erste Bitterfelder Konferenz im April 1959 und die zweite 1964 erwähnt. Auf Initiative der SED wollte der Mitteldeutsche Verlag in Halle die Arbeiter der umliegenden Chemiekombinate dazu anhalten, die Entwicklung des Aufbaus literarisch zu untermauern. Aus dieser diskreten Idee ist kurze Zeit später eine große Literaturkonferenz mit 150 Berufs- und 300 Laienschriftstellern geworden. So sollten die Schriftsteller aufgrund der „sozialistischen Kulturrevolution“ in die Betriebe gehen, um die Realität des, in den Werken zu umschreibenden, neuen Arbeitertypus zu erfahren und gleichzeitig die Arbeiter zu Feder greifen, um die Fortschritte der Produktivität zu protokollieren, und das Niveau der Arbeiterkultur zu steigern.[8] Die Umsetzung dieses Unternehmens stellte sich als schwierig heraus: Es gab wenige Schriftsteller, die bereit waren, die geisteswissenschaftliche Arbeit, wenn auch nur zeitweise mit der körperlichen Arbeit der Produktion zu tauschen. Der oft unterstellte Vorwurf einer „Arroganz der Intelligenzija“ hatte zeitweise durchaus Berechtigung, während die umgedrehte Richtung eindrucksvoll funktionierte. Es entstanden hunderte von Zirkeln schreibender Arbeiter auf Betriebs- und später sogar auf Stadtteilsebene, an denen auch Schüler, Angestellte, Lehrer und Staatsdiener teilnahmen. Der Unterschied war die kollektive Arbeit, mit der sie aus ihrer passiven kulturaufnehmenden Position zur Kultur schaffenden Instanz wurden. Die Arbeiter bedienten sich beispielsweise bei ihren „Brigadetagebüchern“ vielfältiger Formen – Bericht, Notiz, Satire, Gedicht e. t. c. – um alltägliche Vorkommnisse, menschliche Beziehungen innerhalb des Kollektivs oder auch Beziehungen zu anderen Brigaden niederzuschreiben. Ab dem Jahr 1960 wollte man jedoch dieses Potential an Nachwuchsschriftsteller weniger in den Betrieben sehen, sondern man versuchte sie per Schulungsmaßnahmen in die professionelle Schriftstellerei im Auftrage des Staates zu entlassen, was somit als schleichende Revision der Beschlüsse der Bitterfelder Konferenz anzusehen ist[9], obwohl man in einer öffentlichen Bilanz des ZK der SED von 1968 über die vergangenen Jahre unter anderem folgendes lesen kann: „Der Bitterfelder Weg (…) wurde weiter erfolgreich bestritten, Kultur und Leben enger verbunden.“[10] Dass die erste Bitterfelder Konferenz aus der Sicht der Politiker gescheitert ist, sieht man in der Phrase, dass zuviel „noch dem Selbstlauf überlassen“ und somit mangelhaft von der Politik gelenkt wurde.[11] Die Schriftsteller kritisierten, wie schon erwähnt ebenfalls die Umsetzung der Bitterfelder Konferenz, jedoch mit einer anderen Intention: Franz Fühmann bestätigt zwar, dass das Kulturleben eine breitere Basis bekommen hätte, dass aber das für die Literatur wichtige Kriterium der Qualität gesunken wäre. Dies erklärt die erwähnte Schulungsversuche der SED für Arbeiter, die sich kulturschaffend betätigten. Er kritisierte weiter die Abhängigkeit des Schriftstellers vom aktuellen wirtschaftspolitischen Stand, da dieser die Handlung eines produktionsorientierten Werkes im Stile des „Sozialistischen Realismus’ nachhaltig beeinflusse“.

[...]


[1] Wolfgang Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, Berlin 2000, S.224 – 225: Weiterhin wird der Begriff „sächsische Dichterschule“ Adolf Endler zugesprochen.

[2] vgl. Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, S.119 – 120: Der sozialistische Realismus als verpflichtende Leitlinie der Kultur wurde erstmals 1932 unter Stalin in der Sowjetunion eingebracht, bevor er 1934 mit Andrej Shdanow einen regen Verfechter fand. 1946 wurde der s. R. durch einen Beschluss der KPdSU erneut definiert: „Der Künstler soll das Leben kennen, es nicht scholastisch, nicht tot, nicht als ‚als objektive Wirklichkeit’, sondern als objektive Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung darstellen. Dabei muss die […] historisch konkrete künstlerische Darstellung mit der Aufgabe verbunden werden, die werktätigen Menschen im Geiste des Sozialismus umzuformen und zu erziehen“

[3] Hermann Korte, Geschichte der deutschen Lyrik seit 1945, Tübingen 1989, S.126 – 127

[4] Emmerich führt hier folgende Vertreter an: Bertold Brecht, Hanns Eisler, Hans Mayer, Erich Arendt, Peter Huchel und Heinar Kipphardt

[5] Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, S.115

[6] Emmerich führt hier folgende Namen an: 1957 Alfred Kantorowicz, Gerhard Zwerenz, Ralph Giordano und 1959 Heinar Kippardt und Uwe Johnson.

[7] Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, S.125

[8] vgl. Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, S.129: „Kumpel, greif zur Feder, die sozialistische Nationalkultur braucht dich!“

[9] Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, S.113 – 131

[10] Dieter Heinze, Der Parteiarbeiter: Kulturpolitische Aufgaben nach dem VII. Parteitag, Berlin 1968, S.6

[11] Heinze, Der Parteiarbeiter: Kulturpolitische Aufgaben nach dem VII. Parteitag, S.8

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis zwischen der Lyrikwelle/Sächsische Dichterschule und der Kulturpolitik der SED in den 60er und frühen 70er Jahren
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Lyrik in der DDR: Die sächsische Dichterschule
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V24806
ISBN (eBook)
9783638275903
ISBN (Buch)
9783638648486
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Kulturpolitik der DDR ist gekennzeichnet durch einen wellenförmigen Wechsel zwischen Unterbindung und liberalen Möglichkeiten. Anfang der 60er erfasste die Republik eine Lyrikbegeisterung ohnes Gleichen. Die Arbeit geht den Fragen nach, wie wann und warum die Lyriker kritisch oder nicht kritisch sein durften/sollten.
Schlagworte
Verhältnis, Lyrikwelle/Sächsische, Dichterschule, Kulturpolitik, Jahren, Hauptseminar, Lyrik
Arbeit zitieren
Matthias Widner (Autor), 2004, Das Verhältnis zwischen der Lyrikwelle/Sächsische Dichterschule und der Kulturpolitik der SED in den 60er und frühen 70er Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24806

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