In meiner Arbeit möchte ich mich gezielt mit den
Therapiemöglichkeiten bei autistischen Kindern und Jugendlichen
und deren Integrationsproblemen, besonders in der Schule,
beschäftigen. Beginnen werde ich mit einem Fallbericht eines
Jungen, der autistische Züge zeigte. Ich lernte diesen Jungen
während der letzten zwei Monate meines Zivildienstes 1995 in der
Kindertagesstätte 114 in Frankfurt a/M kennen. O. wurde am
XX.X.1991 in Deutschland geboren. Die Mutter und der Vater sind
beide türkischer Abstammung und leben seit 1980 in Deutschland.
O. kam Ende 1995 in die integrative Gruppe der Kindertagesstätte.
Diese Gruppe bestand insgesamt aus 12 Kindern, von denen 4
Kinder Behinderungen aufwiesen. O. schien schon als Säugling nicht
auf seine Eltern oder Gegenstände zu reagieren, berichteten die
Eltern. Seine ersten Wörter sprach er mit 3 ½ Jahren, aber die
Sprache entwickelte sich nie richtig. Man konnte ihn häufig nur sehr
schwer verstehen, denn seine Aussprache war sehr undeutlich. Oft
vertauschte er einzelne Wörter oder verdrehte ganze Sätze. Auch
konnte man sehr häufig bei ihm stereotype Bewegungen wie Sich-
Wiegen oder Sich-um-sich-selbst-Drehen beobachten. Besonders ist
mir aber die sehr geringe Schmerzempfindung aufgefallen. Selbst
wenn er sich mit einem Messer geschnitten hatte, schien ihm das
keine besonderen Schmerzen zu verursachen. Er hatte sehr wenig
Kontakt zu den anderen Kindern und man erhielt den Eindruck, er
würde diese förmlich meiden.
Welche Krankheit zeigt so viele Symptome, wobei diese aber nicht
alle auf einmal auftreten müssen? Im ICD-10 definiert sich Autismus
als „eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die zu schwerer
Mehrfachbehinderung führt“ (10. Überarbeitung der International
Classification of Diseases, der Internationalen Klassifikation der
Krankheiten, ICD-10 Nr. F 84.0).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Autismus und seine Geschichte
3 Klinische Gesichtspunkte und Verbreitung des Autismus
3.1 Symptomatik
3.1.1 Signifikante Symptome in der Sprache
3.1.2 Sensorische Defizite bei autistischen Kindern
3.1.3 Motorisches Verhalten
3.1.4 Sonderleistungen autistischer Kinder
3.1.5 Stereotypien
3.1.6 Die Gefühlswelt
3.1.7 Aggression und selbstverletzendes Verhalten
3.1.8 Epileptische Anfälle
3.1.9 Physiognomie
3.1.10 Eßstörungen
3.1.11 Signifikante Symptome im sozialen Handeln
3.2 Epidemiologie
3.2.1 Anzahl der autistischen Kinder
3.2.2 Geschlechtsverteilung
3.3 Diagnose
3.3.1 Fachärztliche Diagnose
3.3.2 Diagnostische Klassifikation
3.3.3 Artverwandte Krankheitsbilder und Störungen
3.4 Ursachen für die Entstehung von Autismus
3.4.1 Die psychogenetische Hypothese
3.4.2 Biochemische Indikatoren
3.4.3 Strukturelle Veränderung des Zentralnervensystems
3.4.4 Genetische Disposition
3.4.5 Allgemeine Störung der Wahrnehmungsverarbeitung
3.4.6 Hirnschädigung
3.4.7 Theory of Mind
4 Therapie von Autismus
4.1 Ziele der Therapie
4.2 Ort der Therapie
4.3 Therapiekonzepte
4.3.1 Sensomotorische Therapieansätze im Hinblick auf gestörte Körperwahrnehmung
4.3.1.1 Sensorische Integrationstherapie nach Ayres
4.3.1.2 Therapie nach Affolter
4.3.1.3 Therapiekonzept nach Bobath
4.3.1.4 Pattering
4.3.2 Lernpsychologischer Therapieansatz im Hinblick auf Verhaltensauffälligkeiten
4.3.3 Konfliktpsychologischer Therapieansatz zur Verbesserung der Anpassungsfähigkeit
4.3.4 Audio-sensorischer Therapieansatz zur Steigerung der Hörwahrnehmungsfähigkeit
4.3.5 Von Lautsprache unabhängige Therapieansätze zur Verbesserung der Kommunikation
4.3.5.1 Musiktherapie
4.3.5.2 Tiertherapie und Reittherapie
4.3.5.3 Gebärdensprachentherapie
4.3.6 Physikalische Therapie
4.3.7 Medikamentöse Therapie
4.3.8 Vitamintherapie
4.3.9 Gestützte Kommunikation
4.3.9.1 Begriffserklärung
4.3.9.2 Funktion der Stütze
4.3.9.3 Auswirkung der Gestützten Kommunikation auf die Kommunikationsmöglichkeit
4.3.9.4 FC in der Schule
4.3.9.5 Kontroverse Diskussion über FC
4.3.10 Therapie einzelner gestörter Verhaltensweisen
4.3.10.1 Behandlung von Stereotypien
4.3.10.2 Sprachtherapie
4.3.10.3 Behandlung von Aggressivität und selbstverletzendem Verhalten
4.3.10.4 Toilettentraining
5 Entwicklung und Prognose
6 Pädagogische und soziale Aspekte
6.1 Autismus und Schule
6.1.2 Bestimmung des Lernortes
6.1.3 Verwirklichung von kindorientierten Förderformen
6.1.4 Integrative Förderung durch mobile therapeutische Betreuung in der wohnortnahen Schule
6.2 Formen außerschulischer Betreuung und Förderung
6.2.1 Die Eltern autistischer Kinder
6.2.2 Konkrete Formen der Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus
6.2.3 Notwendigkeit eines gemeinsamen Förderkonzepts
6.3 Praktische Hilfen für Eltern mit autistischen Kindern
6.3.1 Kooperation mit außerschulischen Fachdiensten
6.4 Soziales Umfeld
6.5 Der Übergang zum Jugendalter (Sexualität und Autonomiebedürfnis)
6.6 Berufliche Ausbildung, Freizeitgestaltung, Wohnen und Arbeit
7 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Therapiemöglichkeiten bei autistischen Kindern und Jugendlichen sowie deren spezifische Integrationsprobleme im schulischen und sozialen Kontext, mit dem Ziel, Ansätze für eine gelingende Förderung aufzuzeigen.
- Klinische Symptomatik und Diagnostik des autistischen Syndroms
- Ursachenforschung: Von organischen Faktoren bis hin zur Theory of Mind
- Vielfalt der Therapiekonzepte: Sensomotorische, lernpsychologische und kommunikationsfördernde Ansätze
- Schulische Integration und die Rolle mobiler therapeutischer Betreuung
- Soziale Aspekte: Zusammenarbeit mit Eltern und der Übergang in das Erwachsenenalter
Auszug aus dem Buch
3.4.7 Theory of Mind
Autistischen Menschen gelingen bestimmte Denkprozesse, die normale Kinder schon vom 3. Lebensjahr an vollziehen, nicht. Auf dieses Ergebnis sind mehrere englische Forscher in der letzten Zeit gekommen. Autisten können allem Anschein nach die Bedeutung des Als-ob nicht erkennen, nicht lügen oder nichts vortäuschen. Ihnen ist es nicht erlaubt, zu erkennen, was eine andere Person denkt, weiß, fühlt oder beabsichtigt. Sie sind also nicht in der Lage, eine Theory of Mind zu entwickeln. Darunter versteht man die Fähigkeit, anderen Intentionen und Motive zuzuschreiben, bestimmte Gefühle im anderen festzustellen und zu unterscheiden, ob sie mit dem eigenen Gefühlszustand übereinstimmen oder nicht (G. Spiel u. A. Gasser, 2001, S.239). Durch einen einfachen Versuch läßt sich die Störung der Theory of Mind feststellen. Einem Kind werden verschiedene Bilder vorgelegt und es soll folgenden Vorgang erklären: Mary und Anne sind in einem Zimmer. Mary legt einen Ball in einen Korb. Nun verläßt Anne das Zimmer, und Mary nimmt den Ball aus dem Korb und legt ihn in eine Schachtel. Anne kommt zurück und wird gefragt, wo sie den Ball sucht.
Nach einer Studie von Bahron-Cohen, Tager-Flusberg u. Frith (1993) sagten ca. 80% der autistischen Kinder, daß Anne vermuten würde, der Ball befinde sich in der Schachtel.
Sie können anscheinend nicht nachvollziehen, daß Anne die Veränderung nicht gesehen hat. Das Problem bei der Untersuchung dieser Hypothese ist die Tatsache, daß die Autisten in der Lage sein müssen, die Vorgänge auf den Bildern sprachlich zu erklären und die Anweisungen zu verstehen. So konnte dies erst bei einem kleinen Teil von Autisten überprüft werden (Hans E. Kehrer, 2000, S.126).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Autismus-Therapie und Integrationsprobleme in der Schule anhand eines Fallbeispiels.
2 Autismus und seine Geschichte: Historischer Überblick über die Begriffsbildung und frühe Erforschung des frühkindlichen Autismus.
3 Klinische Gesichtspunkte und Verbreitung des Autismus: Detaillierte Darstellung der Symptomatik, Epidemiologie, Diagnosekriterien und potenzieller Ursachen von Autismus.
4 Therapie von Autismus: Umfassende Analyse verschiedener Therapiemethoden, von körperorientierten Ansätzen bis zur gestützten Kommunikation.
5 Entwicklung und Prognose: Untersuchung der langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten und Einflussfaktoren für den Erfolg der Förderung.
6 Pädagogische und soziale Aspekte: Analyse schulischer Integrationsformen, Zusammenarbeit mit Elternhaus und der Übergang in das Erwachsenenalter.
7 Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung der Notwendigkeit interdisziplinärer Ansätze und der ethischen Reflexion therapeutischer Maßnahmen.
Schlüsselwörter
Autismus, Frühkindlicher Autismus, Therapie, Frühförderung, Integrationspädagogik, Sonderpädagogik, Gestützte Kommunikation, Theory of Mind, Verhaltensauffälligkeiten, Elternarbeit, Schule, Soziale Integration, Symptomatik, Diagnostik, Entwicklungsstörung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die therapeutischen Möglichkeiten und die Herausforderungen bei der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Autismus, insbesondere im schulischen Umfeld.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit beleuchtet die klinischen Symptome, die diagnostische Klassifikation, mögliche Ursachen, verschiedene Therapiekonzepte sowie pädagogische und soziale Betreuungsformen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie autistische Kinder durch gezielte, interdisziplinäre Förderung in ihrem Lebensalltag und bei der schulischen Integration unterstützt werden können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender Forschungsberichte, Studien und Fachliteratur zum Thema Autismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bereiche Klinische Gesichtspunkte, therapeutische Ansätze, Prognosefaktoren sowie die spezifische Gestaltung des schulischen und familiären Umfelds.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Autismus, therapeutische Förderung, Inklusion/Integration, Kommunikationstherapie sowie die psychologische und soziale Unterstützung Betroffener.
Wie wirkt sich die „Gestützte Kommunikation“ (FC) im schulischen Kontext aus?
FC kann autistischen Schülern neue Wege der Teilhabe am Unterricht eröffnen, erfordert jedoch aufgrund des hohen Personalbedarfs und der Kontroversen um die Methode eine sorgfältige pädagogische Begleitung.
Warum ist die „Theory of Mind“ für das Verständnis von Autismus so wichtig?
Sie erklärt die Schwierigkeit von Autisten, anderen Personen Intentionen, Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben, was ihre Probleme in der sozialen Interaktion wissenschaftlich begründet.
Welche Bedeutung hat das familiäre Umfeld für den Erfolg der Autismus-Therapie?
Das Elternhaus spielt eine entscheidende Rolle, da die Förderung bereits im vorschulischen Alter beginnen muss und eine kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Eltern, Therapeuten und Lehrern für den Therapieerfolg essenziell ist.
- Citation du texte
- Philipp Dembowski (Auteur), 2001, Integrationsprobleme und Therapiemöglichkeiten bei Autismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24867