Das 'siebte Opfer' und die Nachfolge Christi als Idee der "Bürger von Calais"


Seminararbeit, 2002

11 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das ‚siebte Opfer‘ und die Nachfolge Christi als Idee der Bürger von Calais
2.1 Das ‚siebte Opfer‘: Eustaches Suizid
2.2 Die Christus-Parallelisierung

3. Zusammenfassung/Bewertung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bürger von Calais[1], ein expressionistisches Bühnenstück, wurde 1912/1913 von Georg Kaiser geschrieben. Den Stoff für sein Werk entlehnte Kaiser in großen Zügen aus der Chronik des französischen Historikers Jean Froissart, der als Zeitgenosse den Opfergang jener sechs Bürger schilderte, die 1347 freiwillig für das Wohl ihrer Stadt bereit waren, dem englischen König ihr Leben zu opfern, jedoch dann auf Wunsch der schwangeren Königin von England begnadigt wurden.

Kaiser hat in seinem historischen Drama zwei wesentliche Veränderungen vorgenommen, wobei die erste zugleich die Voraussetzung für die Handlungsentwicklung in seinem Drama ergibt: Er vergrößerte die Zahl der freiwilligen Geiseln von sechs auf sieben und verzichtete am Schluß bei der Herbeiführung der Begnadigung auf die Erwähnung der Fürsprache der englischen Königin.

Jenes ‚siebte Opfer‘ bildet den Kernpunkt dieser Arbeit und an Hand einer textnahen Analyse des Stückes sowie Heranziehung von verschiedenen Forschungsmeinungen wird u.a. unter gegensätzlichen Ansatzpunkten – vitalistisch-säkularen und religiösen – seine Stellung diskutiert.

2. Das ‚siebte Opfer‘ und die Nachfolge Christi als Idee der Bürger von Calais

2.1 Das siebte Opfer: Eustaches Suizid

Im ersten Akt der Bürger von Calais erfährt die Bürgerschaft, daß der englische

König die Stadt und den Hafen schonen will, wenn

„sechs der gewählten Bürger aus dem Tor aufbrechen – barhäuptig und unbeschuht – mit dem Kittel des armen Sünders bekleidet und den Strick im Nacken“[2]

und die Schlüssel der Stadt überreichen. Die Bürger stehen nun vor der großen Entscheidung sich entweder der sinnlosen Verteidigung hinzugeben, was die Zerstörung von Hafen und Stadt zur Folge hätte und dem Sinn des Hauptmannes Duguesclin entspräche oder auf das Ultimatum des Königs einzugehen.

Mit heroischer Todesverachtung fordert jener Hauptmann zur Verteidigung und Selbstzerstörung auf und appelliert an den Stolz der Einwohner, sich einem glorreichen Untergang zu stellen, damit der König von England ohne Beute davonkommt. In dieser Situation tritt Eustache de Saint-Pierre als Gegner der militärischen Aktion auf und verneint den sinnlosen sowie gewaltsamen Widerstand. Sein Appell gilt dem Schutz und der Bewahrung der Stadt und des Hafens um des Werkes willen, das sie gebaut haben:

„Ihr müßt es schützen - mit allen Sinnen - mit allen Taten. Wer seid ihr - am Rande eurer Taten? Mit euren Seufzern verklungen - mit eurer Erschaffung verworfen - vor eurem Werk armselige Büßer!“[3]

Das ‚Werk‘ ist das zentrale Argument Eustaches, welches von den Bürgern eine gemeinsame vollbrachte Leistung darstellt und dessen Bewahrung über alles gestellt ja sogar als Idol erhöht wird. Er schreitet zur Tat und tritt den Weg als Opfer an, was aus dem Blickwinkel der Bürger eine befreiende Wirkung erfährt, da durch Eustaches Entschluß zum Opfergang die Zerstörung des Hafens sowie das sinnlose aufs Spiel setzen aller Leben unmöglich gemacht wird.

Die dramatische Spannung im Stück wird durch die gleichzeitige Entscheidung zum Opfer des Bruderpaares de Wissant am Ende des ersten Aktes, als schon fünf Bürger sich zum Opfergang bereitstellten, ausgelöst. Anstatt sechs sind nun sieben Opfer bereit, was allgemeine Verwirrung auslöst und die nächste Entscheidung provoziert, wer von den sieben ausscheiden darf. Der siebte hat den anderen sechs neue Hoffnung gegeben, so daß der Entschluß zum Opfer im zweiten Akt auf einer neuen Ebene vertieft wird. Durch eine Auslosung mit Kugeln, die Eustache absichtlich ohne Entscheidung ausgehen läßt, prüft er erneut die Standhaftigkeit der Opferbereiten. Die Funktion der Losziehung erscheint wie ein von Eustache inszeniertes didaktisches Lehrstück[4] mit dem Ziel „ihren Entschluß völlig rein zu machen und sie vor dem Vollzug der Tat neue Menschen werden zu lassen“[5]. Die Entscheidung vom Morgen soll durch ein Ausscheiden am Abend nicht entwertet werden und deshalb hält Eustache die Freiwilligen in konstanter, unverminderter Spannung, damit jegliche Hoffnung, die die Reinheit der Tat befleckt und somit einen Frevel in seinen Augen darstellt, ausgemerzt wird:

„Ihr buhlt um diese Tat - vor ihr streift ihr eure Schuhe und Gewänder ab. Sie fordert euch nackt und neu. Und sie klirrt kein Streit - schwillt kein Brand - gellt kein Schrei. An eurer Brunst und wütenden Begierde entzündet ihr sie nicht. Eine klare Flamme ohne Rauch brennt sie - kalt in ihrer Hitze - milde in ihrem Blenden. So ragt sie hinaus - so geht ihr den Gang - so nimmt sie euch an: - ohne Halt und ohne Hast - kühl und hell in euch - ihr froh ohne Rausch - ihr kühn ohne Taumel - ihr willig ohne Wut - ihr neue Täter der neuen Tat! - - Tat und Täter sind schon verschmolzen - wie heute in morgen! [...]“[6]

Der zufällige Irrtum[7], den Eustache offensichtlich unterlaufen ließ, erfordert nun die Wiederholung der Entscheidung, welche wieder auf einer anderen Ebene verlaufen soll und den dritten Akt bestimmt.

„[...] -: mit der ersten Glocke soll jeder von seinem Hause aufbrechen - und wer zuletzt in der Mitte des Marktes ankommt - ist los“[8],

ordnet Eustache an und entläßt die sechs Erstaunten und Verwirrten aus der feierlichen Abendmahlrunde.

[...]


[1] KAISER, Georg.:Die Bürger von Calais. Bamberg 1996.

[2] Ebd., S. 12.

[3] KAISER, S. 15.

[4] DURZAK, Manfred.: Das expressionistische Drama I. Carl Sternheim – Georg Kaiser. München 1978. S. 148.

[5] Ebd., S. 149.

[6] KAISER, S. 51 f.

[7] Ebd., S. 53.

[8] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das 'siebte Opfer' und die Nachfolge Christi als Idee der "Bürger von Calais"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Literatur)
Veranstaltung
Dramen des Expressionismus
Note
2.0
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V24874
ISBN (eBook)
9783638276450
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Opfer, Nachfolge, Christi, Idee, Bürger, Calais, Dramen, Expressionismus
Arbeit zitieren
M. A. Firdaous Fatfouta-Hanka (Autor), 2002, Das 'siebte Opfer' und die Nachfolge Christi als Idee der "Bürger von Calais", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24874

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