Motorische Fähigkeiten und Defizite bei Grundschulkindern im Sportunterricht


Diplomarbeit, 2003

66 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Motorik
1.1 Zum Begriff Motorik
1.1.1 Motorische Fähigkeiten
1.1.2 Konditionelle Fähigkeiten
1.1.3 Koordinative Fähigkeiten
1.2 Motorische Entwicklung
1.2.1 Motorische Entwicklung im Vorschulalter
1.2.2 Motorische Entwicklung im Grundschulalter
1.2.3 Motorische Fähigkeiten und Defizite bei Grundschulkindern heute
1.3 Motorisches Lernen
1.3.1 Die Phasen des Lernverlaufs nach Meinel/Schnabel
1.4 Sportmotorische Tests
1.4.1 Die Gütekriterien sportmotorischer Tests
1.4.2 Fragebogen für Kinder und Jugendliche

2 Die Bewegungskoordination
2.1 Zum Begriff Bewegungskoordination
2.1.1 Entwicklung der Koordination
2.1.2 Entwicklung der Grobkoordination
2.1.3 Entwicklung der Feinkoordination
2.1.4 Symptome und Ursachen von Koordinationsschwäche

3 Die Beweglichkeit
3.1 Zum Begriff Beweglichkeit
3.1.1 Die Bedeutung der Beweglichkeit für die soziale Entwicklung des Kindes
3.1.2 Die Bedeutung der Beweglichkeit für die Persönlichkeitsentwick­lung des Kindes
3.2 Bewegungsmöglichkeiten
3.2.1 Bewegungsmöglichkeiten im Elternhaus
3.2.2 Präventive Maßnahmen seitens des Elternhauses
3.2.3 Bewegungsmöglichkeiten in der Schule
3.2.4 Präventive Maßnahmen seitens der Schule
3.2.5 Ursachen und Folgen von Bewegungsmangel

4 Umsetzungsmöglichkeit im Schulsport
4.1 Motorik im Bildungsplan des 2. Schuljahres
4.2 Fachdidaktische Konzepte nach Kurz und Funke
4.2.1 Handlungsfähigkeit im Sport
4.2.2 Körpererfahrungen im Sportunterricht
4.2.3 Bezug zum allgemeinen Erziehungs- und Bildungsauftrag im Fach Sport
4.3 Spiel- und Übungsformen zur gezielten Verbesserung der Motorik
4.3.1 Schulung der Orientierungsfähigkeit
4.3.2 Schulung der Reaktionsfähigkeit
4.3.3 Schulung der Gleichgewichtsfähigkeit
4.3.4 Schulung der Rhythmusfähigkeit
4.3.5 Schulung der Differenzierungsfähigkeit
4.4 Planung der Unterrichtsstunde für das 2. Schuljahr
4.4.1 Methodisch-didaktische Vorüberlegungen
4.4.2 Zielsetzung der Unterrichtsstunde
4.4.3 Aufbau der Unterrichtsstunde
4.5 Praktische Durchführung der Unterrichtsstunde
4.5.1 Stundenverlaufsplan
4.5.2 Erläuterungen zum Verlauf der Unterrichtsstunde
4.5.3 Zusammenfassung und kritischer Rückblick

5 Schlusswort

6 Anhang
6.1 Abbildungsverzeichnis
6.2 Übungsverzeichnis
6.3 Geräteplan
6.4 Literaturverzeichnis

Vorwort

Beweglichkeit und Kind - ist das nicht eine unzertrennliche Einheit? Sind nicht Kinder Bewegungsspezialisten? Wer an Kinder denkt, der stellt sich Wesen vor, die ständig in Bewegung sind, die herumtollen, laufen, rennen, spielen, raufen, klettern, balancieren oder springen. Aber warum haben dann bereits Kinder gerade im Grundschulalter motorische Defizite?

Diese Frage beschäftigte mich seit geraumer Zeit. Im Rahmen meines Sportstudiums an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe habe ich bisher viele Kinder im Sportunterricht erlebt, deren motorische Fähigkeiten erhebliche Schwächen aufzeigten. Auf diese Weise habe ich viele Erfahrungen und Eindrücke gesammelt, die letztlich ausschlaggebend für die Thematik dieser Arbeit sind.

Die Beweglichkeit beeinflusst nicht nur die psychische, emotionale und geistige Befindlichkeit von Kindern, sondern hat auch Auswirkungen auf die soziale Entwicklung eines Kindes. Daher ist es mir ein großes Anliegen, Kinder zum Sport zu motivieren, um so ihre Gesundheit, ihr Durchsetzungsvermögen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Anhand einer zweiten Klasse der Schillerschule Ettlingen möchte ich eine exemplarische Unterrichtsstunde durchführen und zeigen, dass Bewegungsaufgaben und Übungen, die der Verbesserung motorischer Fähigkeiten dienen, eine abwechslungsreiche Alternative zum gewöhnlichen Sportunterricht darstellen. Da sich diese Übungen auch spielerisch durchführen lassen, sind sie sehr motivierend und bereiten den Kindern viel Spaß und Freude an der Bewegung.

In diesem Sinne möchte ich mich vor allem bei den Kindern der Schillerschule Ettlingen bedanken, die durch viel Einsatz und Energie gezeigt haben, dass Bewegung trotz anspruchsvoller Aufgabenstellung jede Menge Spaß bereiten kann. Mein Dank gilt auch ihrer Sportlehrerin Frau Peter. Ohne ihre Bereitschaft wäre die Durchführung der exemplarischen Unterrichtsstunde nicht möglich gewesen.

Des Weiteren gilt mein Dank meinen Kommilitoninnen Inga Eichelberger, Julia Gerstberger und Michaela Unser, die mir hilfsbereit zur Seite standen und so eine effektive Übungsstunde mit Kleingruppen ermöglichten.

Abschließend möchte ich mich besonders bei Herrn Prof. Dr. phil. Bloss und Frau Rebok für ihre Bereitschaft bedanken, meine Arbeit in dieser Zeit zu betreuen.

Einleitung

Das erste Kapitel der wissenschaftlichen Arbeit beinhaltet sowohl eine allgemeine als auch sportspezifische Definition der Motorik, deren Ansätze mit dem Begriff der Bewegung konfrontiert werden. Des Weiteren erfolgt eine Beschreibung der motorischen Entwicklung mit ihren Einflussgrößen und Abhängigkeitsfaktoren sowie ein Ausblick auf die motorischen Fähigkeiten und Defizite der Grundschüler von heute. Im Anschluss daran wird der Aspekt des motorischen Lernens aufgegriffen. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit den Eigenschaften und Anwendungsmöglichkeiten sportmotorischer Tests.

Das zweite Kapitel umfasst den Begriff der Bewegungskoordination, der die Entwicklung der Koordination sowie die Entwicklung der Grob- und Feinkoordination einschließt. Schließlich wird ergänzend die Koordinationsschwäche mit ihren Symptomen und Ursachen aufgeführt.

Im dritten Kapitel wird sowohl der Begriff der Beweglichkeit, als auch die Bewegungsmöglichkeiten von Kindern in Schule und Elternhaus aufgezeigt. An dieser Stelle soll ausdrücklich auf den engen Zusammenhang mit dem Bewegungsmangel hingewiesen werden.

Im vierten Kapitel schließen sich einige allgemeine und didaktische Überlegungen zur Umsetzungsmöglichkeit im Schulsport an. Um die Bedeutung des Bildungsplanes für den Unterricht zu unterstreichen, sollen spezielle Ziele und Inhalte des Sportunterrichts im zweiten Schuljahr herausgegriffen werden. Im Anschluss daran wird die Bedeutsamkeit der Motorik im Bildungsplan sowie dessen enge Verbindung zu den fachdidaktischen Konzepten von Kurz und Funke aufgezeigt. Nachfolgend befindet sich eine Darstellung exemplarischer Spiel- und Übungsformen, die zur gezielten Verbesserung der Motorik dienen. Der letzte Teil des Kapitels beinhaltet die Planung meiner Unterrichtsstunde für das zweite Schuljahr, wobei die Stunde vorgestellt und anschließend reflektiert wird. Dieser Reflexion gehen methodisch-didaktische Überlegungen voraus, deren Erkenntnisse zum Teil aus den vorangegangenen Kapiteln gewonnen werden.

1 Die Motorik

1.1 Zum Begriff Motorik

Motorik ist die Bezeichnung für die Lehre von den Bewegungsfunktionen. Die Motorik umfasst die Gesamtheit der Bewegungsabläufe, die ein aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel bestimmter Muskeln fordern wie z. B. greifen, kriechen, gehen oder stehen. Diese lassen sich beobachten, beschreiben, filmisch festhalten und/oder mit besonderen Geräten messen. Die Motorik ist bedingt durch den Aufbau des Skeletts und der Muskulatur. Die motorische Entwicklung findet durch ein Zusammenspiel von Reifungs- und Lernprozessen statt und ihre Abläufe werden durch Instinkte oder durch zielgerichtete Absichten bestimmt. Der Ablauf motorischer Handlungen unterliegt größtenteils der Selbstregulation. Greift man in diesen Prozess ein, und achtet auf die Ausführung der Motorik, so kommt es häufig zu Störungen der Motorik. In der sportwissenschaftlichen Literatur stellt die Motorik einen Zentralbegriff des Sports dar und ist häufig in Verbindung mit dem Begriff der Bewegung zu finden. Nach Meinel/Schnabel ist die Bewegung

die äußere, umweltbezogene Komponente der menschlichen Tätigkeit, die in Ortsverände­rungen des menschlichen Körpers beziehungsweise seiner Teile und der Wechselwirkung mechanischer Kräfte zwischen Organismus und Umwelt zum Ausdruck kommt.[1]

Bewegung ist ein Begriff, der ganz unterschiedliche Bedeutung haben kann. So unterscheiden Baumann/Reim „zwischen der Bewegung des Gegenständlichen, der Bewegung des Leibes, der Bewegung des Gemüts, der Bewegung des Denkens und Wollens“.[2] In der Verwendung des Begriffs im Sports ist deshalb unter Bewegung „die Bewegung des Leibes“ zu verstehen. Eine ausgeprägte Entwicklung der körperlichen Bewegung spielt daher besonders für Kinder eine große Rolle, da diese zum Ziel hat,

daß [sic] das Kind lernt, sich selbst und die Umwelt optimal zu beherrschen, daß [sic] es räumlich unabhängig wird und über die Bewegung mit den Personen seiner Umwelt in Kontakt treten kann.[3]

Die Motorik hingegen umfasst „die Gesamtheit der Vorgänge und Funktionen des menschlichen Organismus und die psychische Regulation („Psychomotorik“), die die menschliche Bewegung hervorbringen“.[4] Die Bewegung und Motorik des Menschen beinhalten demnach eine äußere und eine innere Seite im Rahmen der menschlichen Tätigkeit und lassen sich daher auch nicht vollständig voneinander abgrenzen. Eine äußere, sichtbare Bewegung ist ohne innere Vorgänge und Funktionen nicht möglich.

Im Wesentlichen sollte die motorische Grundausbildung von Kindern in der Schule folgende Ziele beinhalten:

- ein breites Bewegungsspektrum,
- koordinative Fähigkeiten,
- konditionelle Fähigkeiten,
- Gesundheitsprophylaxe,
- soziales Verhalten und
- eine dauerhafte Motivation.

1.1.1 Motorische Fähigkeiten

Was versteht man eigentlich unter motorischen Fähigkeiten? Als Fähigkeit kann ganz allgemein eine relativ stabile personinterne Bedingung oder Voraussetzung einer Tätigkeit bezeichnet werden. Dabei wird in der Regel davon ausgegangen, „daß [sic] der Ausprägungsgrad einer F. [sic] sowohl anlagebedingt als auch von einwirkenden Umwelteinflüssen abhängig ist“.[5] Unter motorischen Fähigkeiten versteht man folglich diejenigen, welche der Bewegung bzw. der Motorik dienen.[6] Sie kennzeichnen individuelle Differenzen im Niveau der Steuerungs- und Funktionsprozesse, die bewegungsübergreifend von Bedeutung sind. Sie bilden die Voraussetzung für jeweils mehrere strukturell verschiedenartige Ausführungsformen und sind in ihrem Erklärungswert von unterschiedlicher Breite und Generalität. In der Fachliteratur werden die motorischen oder körperlichen Fähigkeiten in konditionelle Fähigkeiten, Beweglichkeit und koordinative Fähigkeiten untergliedert, wobei die konditionellen Fähigkeiten überwiegend durch energetische Prozesse, die koordinativen durch die Prozesse der Bewegungssteuerung und -regelung, das heißt durch informationelle Prozesse bestimmt sind. Diese motorischen Fähigkeiten werden in den folgenden Kapiteln ausführlich beschrieben, wobei beim Begriff „Beweglichkeit“ in Kapitel 3 seine Bedeutung für die soziale und persönliche Entwicklung eines Kindes ausschlaggebend ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Übersicht zu den die sportliche Leistung mitbestimmenden motorischen Fähigkeiten

1.1.2 Konditionelle Fähigkeiten

Die konditionellen Fähigkeiten eines Menschen bezeichnen seine sportliche Leistungsfähigkeit. In der neueren Literatur der Trainings- und Bewegungslehre werden als konditionelle Fähigkeiten meistens die Ausdauerfähigkeit, die Kraftfähigkeit, die Schnelligkeitsfähigkeit und die Beweglichkeit zusammengefasst.[7] Es sei darauf hingewiesen, dass die Ausdauer- und Kraftfähigkeit in großem Maße trainierbar sind, während die Schnelligkeit eher genetisch bedingt ist. Ein hoher spezifischer konditioneller Zustand in einer bestimmten Sportart lässt daher auf ein mögliches optimales Training des Sportlers schließen. Sein Leistungsniveau bezüglich einzelner konditioneller Fähigkeiten ist dabei immer auch von seinen koordinativen Fähigkeiten und von seiner Leistungsbereitschaft abhängig.

Auf weitere Ausführungen der Trainierbarkeit bzw. der menschlichen Veranlagung motorischer Fähigkeiten wird an dieser Stelle verzichtet, da diese eher dem Bereich der Trainingslehre zuzuordnen sind.

1.1.3 Koordinative Fähigkeiten

Als entscheidende Leistungsvoraussetzungen des Sportlers kamen die koordinativen Fähigkeiten unter dem Begriff „Gewandtheit“ am Ende der sechziger Jahre in die Diskussion. „Unter Gewandtheit wurde allgemein die Fähigkeit zur schnellen und zweckmäßigen Lösung motorischer Aufgaben verstanden“.[8] In den siebziger Jahren wurde der Terminus „Gewandtheit“ durch den Begriff „koordinative Fähigkeiten“ abgelöst, da dieser mehr der Vielgestaltung der Bewegungshandlungen im Sport und in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens entsprach.

Unter koordinativen Fähigkeiten sind komplexe Leistungsvoraussetzungen zu verstehen, „die das Lernen und die Leistungsrealisierung von Bewegungsfertigkeiten ermöglichen und ihre Ausprägung beeinflussen“.[9] Koordinative Fähigkeiten basieren nach Kiphard auf einem harmonischen und möglichst ökonomischen Zusammenwirken von Muskeln, Nerven und Sinnen, welches zu zielgenauen gleichgewichtssicheren Bewegungsaktionen (Willkürmotorik) und schnellen, situationsangepassten Reaktionen (Reflexmotorik) führt.[10] Die Bedeutung der koordinativen Fähigkeiten liegt darin, dass sie den Bewegungsfluss optimieren und die sensomotorische Lernfähigkeit steigern. Koordinative Fähigkeiten „sind nicht nur Voraussetzungen für sportliche Tätigkeiten, sondern auch ihr Ergebnis. Das heißt, sie entwickeln sich nur in der Tätigkeit“.[11] Ihre Entwicklung ist im Allgemeinen von dem biologischen Reifungsprozess, dem Umfang und der Qualität der Bewegungsaktivität, der Bildungs- und Erziehungsarbeit sowie von gesellschaftlichen und sozialen Wirkfaktoren abhängig. Koordinative Fähigkeiten sollten niemals isoliert, sondern nur komplex geschult werden. Ausgeprägte koordinative Fähigkeiten dienen der Verletzungsprophylaxe und beugen Sportunfälle vor, da auf unvorhergesehene Gefahren besser reagiert und zudem Fehlbelastungen vermieden werden können.

Es ist schwierig, die zahlreichen koordinativen Fähigkeiten zu systematisieren. Je nach Verfasser findet man in der Literatur diverse Klassifizierungen. So wird u. a. nach grundlegenden und speziellen Fähigkeiten, nach komplexen und sportartspezifischen als auch nach beobachtbaren und nicht beobachtbaren Fähigkeiten unterschieden.[12]

Meinel/Schnabel hingegen gehen von den drei allgemeinen Grundtätigkeiten aus:

- motorische Lernfähigkeit,
- motorische Steuerungsfähigkeit und
- motorische Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit.

Die motorische Lernfähigkeit wird dabei als höchste koordinative Qualifikation verstanden. Diesen drei Grundfähigkeiten lassen sich für den Grundschulsport fünf koordinative Fähigkeiten zuordnen. So ist im Bereich der „Allgemeinen Theorie und Methodik des Trainings“ ein Arbeitsmodell entstanden, das folgende sieben koordinative Fähigkeiten umfasst:[13]

1) Differenzierungsfähigkeit: Fähigkeit, einen Bewegungsablauf sicher, ökono­misch und genau durchzuführen, wobei die Dosierung des Krafteinsatzes eine wichtige Rolle spielt.

2) Reaktionsfähigkeit: Fähigkeit zur schnellen Einleitung und Ausführung kurzzeitiger motorischer Aktionen auf ein Signal.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Übung für die Reaktionsfähigkeit am Beispiel des Seilspringens

3) Kopplungsfähigkeit: Fähigkeit, Teilkörperbewegungen untereinander in Bezug auf die Gesamtkörperbewegung zweckmäßig zu koordinieren.

4) Orientierungsfähigkeit: Fähigkeit, die Lage und Bewegung seines Körpers im Raum, bezogen auf ein definiertes Aktionsfeld (z. B. Turngerät), zu bestimmen und zu verändern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Übung für die Orientierungsfähigkeit in dreidimensionalen Räumen

5) Gleichgewichtsfähigkeit: Fähigkeit, den gesamten Körper im Gleich­gewichtszustand zu halten, oder diesen nach umfangreichen Körperverlagerun­gen wieder herzustellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Balancieren mit Handgeräten als Übung für die Gleichgewichtsfähigkeit

6) Umstellungsfähigkeit: Fähigkeit, seine Handlungen auf Grund plötzlich auftretender Situationsveränderungen umzustellen und sich diesen anzupassen.

7) Rhythmisierungsfähigkeit: Fähigkeit, einen von außen vorgegeben Rhythmus zu erfassen und ihn motorisch wiederzugeben.

Meinel/Schnabel verweisen im Weiteren auf eine allgemeine und eine spezifische Ausprägung der koordinativen Fähigkeiten. Da diese nicht in Bezug zur sportlichen Tätigkeit, sondern zur Gesamtheit menschlicher Tätigkeit zu sehen sind, wird auf weitere Ausführungen verzichtet.[14] Kosel weist an dieser Stelle auch auf die Wahrnehmungsfähigkeit und die Konzentrationsfähigkeit hin, die für den Sport ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen. In vielen Sportarten ist für die erfolgreiche Ausführung einer Übung eine hohe Konzentration erforderlich. Man darf sich durch nichts ablenken lassen und muss mit den Gedanken bei der Sache sein. Kinder, die im Sport ihre Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit entwickeln und schulen können, lernen dadurch Grundlagen kennen, die sie in andere Lebensbereiche übertragen können. So gesehen sind Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit wichtige Bedingungen von Bewegungssicherheit.[15]

1.2 Motorische Entwicklung

Bereits im frühen Kindesalter (etwa bis drei Jahre) sollte die Erkenntnis im Vordergrund stehen, dass zwischen motorischem Verhalten, emotionalem Erleben und kognitiven Prozessen – also zwischen Bewegen, Fühlen und Denken – nur willkürlich unterschieden werden kann, und dass jedes Verhalten motorische, emotionale und kognitive Aspekte umfasst. Entsprechend ist für Kinder die Bewegung ein wichtiges Mittel, Informationen über ihre Umwelt, aber auch über sich selbst, ihren Körper, ihre Fähigkeiten zu erfahren. Oerter ist hier der Auffassung, dass motorische Erfahrungen ebenso wichtig sind wie Bewegungsfreude, da sie mit der persönlichen Identität des Lernenden eng verbunden sind.[16] Für Kinder im Alter von etwa drei Jahren bedeutet Bewegungsförderung Förderung der Gesamtpersönlichkeit, einschließlich der kognitiven Leistungen. Daher müssen sie Gelegenheit erhalten, möglichst vielfältige Bewegungserfahrungen zu sammeln; solche Erfahrungen betreffen die physikalische Umgebung und Objekte, die bewegt werden können. Des Weiteren dreht es sich hierbei um akustische und optische Reize, die vorgegeben oder selbst erzeugt werden. Entsprechend müssen in der Wohnung und in der unmittelbaren Wohnumgebung ausreichende Gelegenheiten geschaffen werden, denn Kinder brauchen für ihre gesunde Entwicklung ausreichende Spiel- und Bewegungsräume. In einer für sie idealen Welt bewegen sie sich entsprechend ihren Bedürfnissen, ohne besondere Anregungen und verschaffen sich die für ihre Entwicklung notwendige Bewegung. In der Realität sind den Bewegungsmöglichkeiten der Kinder häufig Grenzen gesetzt oder müssen von verantwortungsbewussten Erwachsenen z. B. aus Sicherheitsgründen eingeschränkt werden. Auch andere – für Kinder attraktive – Beschäftigungen wie Fernsehen, Video und Computerspiele halten sie von ausreichenden motorischen Aktivitäten fern.

1.2.1 Motorische Entwicklung im Vorschulalter

Im Vorschulalter (etwa drei bis sieben Jahre) haben Bewegungserziehung, Turnen und Sport vor allem das Ziel, der natürlichen Lebensfreude des Kindes Raum zu geben und so das Wohlbefinden und den allgemeinen Gesundheitszustand zu fördern. Gleichzeitig stellt sich im Vorschulalter eine differenzierende Entwicklung bezüglich der Verhaltensweisen und der Interessen der Kinder ein. Kinder mit großem Bewegungsdrang brauchen Kanäle, um die Motorik ausleben zu können, während Bewegungsmuffel zu sportlichen Aktivitäten erst motiviert werden müssen.[17] Es ist angesichts des Gesundheitszustandes der Schulanfänger wichtig, bereits im Kindergartenalter die motorischen Fähigkeiten wie Kraft, Geschicklichkeit, Beweglichkeit und Ausdauer in spielerischer Form zu fördern. Gleichzeitig können sich die Kinder in diesem Alter bereits spezielle Fertigkeiten, wie den Umgang mit Kleingeräten aneignen und grundlegende Spielformen erlernen. Hierbei sind Anregungen und das Vorbild der Eltern von entscheidender Bedeutung. Die motorische Entwicklung eines Kindes bildet sozusagen das Fundament, auf dem später erfolgreiches Lernen erst möglich wird. Das Erlernen des Sitzens, Stehens oder Laufens geschieht bei allen Kindern gleich. Durch die Koordination der rechten und linken Gehirnhälfte, die bereits beim Krabbeln geübt wird, werden die Fähigkeiten des logischen Denkens und der Abstraktionsfähigkeit trainiert. Ein Lernen ohne Bewegung ist nicht möglich. Ein bedeutsamer Schritt ist die Entwicklung der Feinmotorik, also die aktive Nutzung von Augen, Mund, Hand, Stimme und Mimik, um etwas zu verfolgen, zu bekommen oder einen Löffel, ein Werkzeug oder einen Stift zu halten. Regelmäßiges Üben mit dem Säugling oder Kleinkind ist daher fundamental wichtig, da die Säuglingszeit eine Art Schlüsselstellung des gesamten Bewegungslebens und Bewegungserlebens darstellt. Neben funktioneller Verbesserung des Haltungs- und Bewegungsapparates, der Schulung der Wahrnehmung und der Bewegungskoordination, wird durch regelmäßiges Üben auch eine Förderung der Gesamtentwicklung des Kindes bewirkt.[18] Das Schaltmuster der eigenen Bewegungserfahrungen wird mit der Zeit immer komplizierter. Aus dem Spiel mit dem eigenen Körper, entwickelt sich etwa ab dem fünften Lebensmonat das Spiel mit den verschiedenen Gegenständen der näheren Umwelt. Aus der Selbstnachahmung wird so die Fremdnachahmung der menschlichen Kontaktpersonen.[19] Bis zum Schuleintritt steht der Erwerb der motorischen Grundformen wie Gehen, Laufen, Springen, Balancieren... und auch einfache Bewegungskombinationen im Vordergrund, wobei die Zunahme der Gleichgewichtssicherheit besonders auffällig erscheint. Kennzeichnend für Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren ist ein hoher Grad an Beweglichkeit sowie ein ausgeprägtes Bewegungsbedürfnis. Bis zum Alter von fünf Jahren sollten Kinder motorisch unter anderem in der Lage sein, Treppen ohne Festhalten im Wechselschritt zu bewältigen und eine Schere richtig zu benutzen. Grundsätzlich ist für die Entwicklung koordinativer Fähigkeiten ein hohes Maß an Wiederholungen erforderlich. Mit anderen Worten: Es muss so lange geübt werden, bis sich ein gewisser Automatismus einstellt.

Abschließend ist zu sagen, dass die motorische Entwicklung im Vorschulalter weniger bedeutend für diese Arbeit ist. Weitaus wichtiger dagegen ist die motorische Entwicklung im Grundschulalter, die im folgenden Kapitel 1.2.2 behandelt und durch Kapitel 1.2.3 ergänzt wird.

1.2.2 Motorische Entwicklung im Grundschulalter

Hirtz setzt folgende sechs Teilaspekte der Bewegungskoordination als koordinative Grundfähigkeiten bei Kindern im Grundschulalter voraus:

1) die kinästhetische Differenzierungsfähigkeit
2) die räumliche Orientierungsfähigkeit (Gefühl für Körperbewegung)
3) die motorische Reaktionsfähigkeit
4) die Rhythmusfähigkeit
5) die Gleichgewichtsfähigkeit
6) die Fähigkeit zur Koordination unter Zeitdruck.[20]

Im Alter von sechs bis zwölf Jahren und älter steigern sich deutlich die konditionellen Fähigkeiten wie Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer der Kinder sowie ihre Bewegungskoordination. Bereits erlernte motorische Grundformen wie Laufen, Springen und Hüpfen verfeinern sich und werden zunehmend perfektioniert.

Dies geschieht auf Grund des Rückgangs von Nebenbewegungen. Dordel spricht hier von einer quantitativen Leistungssteigerung und einer verbesserten Bewegungssteuerung, die schließlich zu einer höheren Bewegungsqualität führen und eine Zunahme variabler Verfügbarkeit bewirken.[21] Vorherrschend in dieser Altersstufe ist eine ausgeprägte Lebendigkeit der Kinder, gepaart mit einer freudigen Bereitschaft zur Lösung sportlicher Bewegungsaufgaben. Die Kinder lernen zunehmend sprachliche Hinweise zu erfassen und ihre Bewegungen erfolgreich zu korrigieren. Während Bewegungstempo und Bewegungsstärke beträchtlich zunehmen, sind die Fortschritte in der Kraftentwicklung entsprechend gering. Meinel/Schnabel führen dies auf eine häufig unterbleibende gezielte und kontinuierliche Kräftigung zurück.[22]

Im Anschluss an diese Entwicklungsphase, folgt bei Kindern im Alter von neun bis zwölf Jahren eine Phase geringerer Entwicklung oder Stagnation. Dem Entwicklungsverlauf kommt hier die Bedeutung sensitiver oder sensibler Phasen hinzu.

Eine weitere Phase, nämlich die der Umstrukturierung, tritt in der Pubertät ein. Die Motorik wirkt in dieser Phase oft plumper oder schwerfälliger. Kennzeichnend für die Pubertät sind tiefgreifende Veränderungen in der Gesamtpersönlichkeit der Jugendlichen und ein Missverhältnis zwischen dem erheblichen Längenwachstum und der Muskelkraft, welches wiederum zu auftretenden Koordinationsschwächen führen kann.

Generell ist die Entwicklung motorischer Fähigkeiten von diversen Umständen abhängig. Neben den festgelegten Erbanlagen, die eine Grundlage für die individuelle Entwicklung koordinativer Fähigkeiten darstellen, orientiert sich die allgemeine Entwicklung auch an der Umwelt, dem Erziehungsstil sowie kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Einflüssen. Ein weiterer bedeutsamer Aspekt ist der des geschlechtsspezifischen Unterschiedes, der sich schon gegen Ende der Vorschulzeit andeutet.[23] Die unterschiedliche Entwicklung koordinativer Grundfähigkeiten bei Jungen und Mädchen wird besonders deutlich, wenn man das Werfen und Fangen betrachtet.

1.2.3 Motorische Fähigkeiten und Defizite bei Grundschul­kindern heute

Das folgende Kapitel ist zweifellos ein sehr trauriges, wenn man bedenkt, dass bereits 40 – 60 Prozent der Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren Haltungsschwächen zeigen und viele unter Koordinationsschwächen, einem leistungsschwachen Herz-Kreislaufsystem oder Übergewicht leiden. Bös veröffentlichte im Mai 2002 in Zusammenarbeit mit der Universität Karlsruhe und dem Institut für Sport und Sportwissenschaft eine bundesweite Studie zu diesem bedeutenden Problem, bei der nahezu 1500 Kinder an 33 Schulen Aufgaben aus den Bereichen Motorik, Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit bewältigen mussten. Aus dieser Studie geht hervor, dass bei Kindern im Alter zwischen sechs und elf Jahren vermehrt Unfälle, aber auch langfristige „Zivilisationskrankheiten“ wie Rücken- und Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder krankhaftes Übergewicht auftreten. Im Vergleich zu den 1980 durchgeführten Tests hat sich die Beweglichkeit der Kinder um bis zu dreizehn Prozent verschlechtert. Grundlegende Fertigkeiten wie auf einem Bein stehen, einen Ball auffangen, auf einer schmalen Mauer balancieren, rückwärts laufen, auf einen Balken klettern u. a., sind heute leider nicht mehr selbstverständlich.[24] Bös wie auch Renate Zimmer führen dies auf den zunehmenden Bewegungsmangel zurück, unter dem bereits Grundschüler häufig leiden. Viele Kinder „entspannen“ sich vor dem Fernseher oder am Computer, anstatt mit Freunden in der Natur zu toben. Die fehlende Bewegung führt zu ernsthaften Folgen für die körperliche aber auch für die geistige, emotionale und soziale Entwicklung. An dieser Stelle sei auf das Kapitel 3.2.5 verwiesen, in dem das Problem des Bewegungsmangels ausführlich erläutert wird. Ein weiteres beachtliches Problem ist der Mangel an Selbständigkeit und Eigenaktivität, der leider vielen Kindern auf Grund überängstlicher Eltern widerfährt. Über körpereigene Erfahrungen können Kinder ein Bild von den eigenen Fähigkeiten entwickeln und lernen so, zwischen Können und Nichtkönnen zu unterscheiden. Diese eigenen Handlungen bzw. Anstrengungen wiederum führen zu einer verbesserten Leistung.[25]

[...]


[1] Meinel, Kurt ; Schnabel, Günter: Bewegungslehre – Sportmotorik. 81987, S. 20

[2] Baumann, Hartmut ; Reim, Herbert: Bewegungslehre. 31994, S. 1

[3] Willimczik, Klaus ; Grosser, Manfred: Die motorische Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. 11979, S. 69

[4] Meinel, Kurt ; Schnabel, Günter: Bewegungslehre – Sportmotorik. 81987, S. 21

[5] Röthig, Peter (Hrsg.): Sportwissenschaftliches Lexikon. 61992, S. 158

[6] vgl. Hoffmann – La Roche AG und Urban & Fischer (Hrsg.): Roche Lexikon Medizin 4. 41998, S. 1128

[7] vgl. Röthig, Peter (Hrsg.): Sportwissenschaftliches Lexikon. 61992, S. 243

[8] Meinel, Kurt ; Schnabel, Günter: Bewegungslehre – Sportmotorik. 81987, S. 242

[9] Röthig, Peter (Hrsg.): Sportwissenschaftliches Lexikon. 61992, S. 251-252

[10] Kiphard, Ernst J.: Bewegungs- und Koordinationsschwächen im Grundschulalter. 11982, S. 11

[11] Meinel, Kurt ; Schnabel, Günter: Bewegungslehre – Sportmotorik. 81987, S. 267

[12] vgl. Kosel, Andreas: Schulung der Bewegungskoordination. 41996, S. 10

[13] vgl. Meinel, Kurt ; Schnabel, Günter: Bewegungslehre – Sportmotorik. 81987, S. 247

[14] vgl. Meinel, Kurt ; Schnabel, Günter: Bewegungslehre – Sportmotorik. 81987, S. 256-257

[15] vgl. Kosel, Andreas: Schulung der Bewegungskoordination. 41996, S. 10-11

[16] vgl. Brettschneider ; Baur ; Bräutigam: Bewegungswelt von Kindern und Jugendlichen. 11989,

S. 49-50

[17] vgl. Brettschneider ; Baur ; Bräutigam: Bewegungswelt von Kindern und Jugendlichen. 11989,

S. 52

[18] vgl. Dordel, Sigrid: Bewegungsförderung in der Schule. 21991, S. 112

[19] vgl. Kiphard, Ernst J.: Bewegungs- und Koordinationsschwächen im Grundschulalter. 41982,

S. 96

[20] vgl. Dordel, Sigrid: Bewegungsförderung in der Schule. 21991, S. 116

[21] vgl. Dordel, Sigrid: Bewegungsförderung in der Schule. 21991, S. 112-116

[22] vgl. Meinel, Kurt ; Schnabel, Günter: Bewegungslehre – Sportmotorik. 81987, S. 331

[23] vgl. Dordel, Sigrid: Bewegungsförderung in der Schule. 21991, S. 116-119

[24] vgl. Sigloch, Wolfgang: Wie lange noch? In : DSLV-INFO Nr. 2/2002, S. 2

[25] vgl. Zimmer, Renate: Toben macht schlau. In: DSLV-INFO Nr. 2/2002, S. 15-17

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Motorische Fähigkeiten und Defizite bei Grundschulkindern im Sportunterricht
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe  (Sport-Sportwissenschaften)
Autor
Jahr
2003
Seiten
66
Katalognummer
V24922
ISBN (eBook)
9783638276849
Dateigröße
4445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr ausführliche und detaillierte Darstellung motorischer Fähigkeiten und Defizite bei Grundschulkindern. Die Arbeit enthält sowohl allgemeine wissenschafliche Befunde als auch Beispiele aus der Unterrichtspraxis in einer 3. Klasse, einschließlich eines Unterrichtsentwurf mit anschließender Reflexion der gehaltenen Stunde. Aus rechtlichen Gründen mussten die Originalfotos entfernt werden.
Schlagworte
Motorische, Fähigkeiten, Defizite, Grundschulkindern, Sportunterricht
Arbeit zitieren
Katja Biersch (Autor), 2003, Motorische Fähigkeiten und Defizite bei Grundschulkindern im Sportunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24922

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