Der junge Walter Eucken. Zur Bestimmung früher Einflussfaktoren auf sein Denken als Grundlage seines späteren Werks


Diplomarbeit, 1995
75 Seiten, Note: 1,7 (danach überarbeitet)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

TEIL I - ELTERNHAUS UND STUDIUM

1. NÄHERUNGSVERSUCH AN EINE BILDUNGSBÜRGERLICHE „LEBENSWELT“
2. UNIVERSALE BILDUNG UND KRITISCHES BEWUßTSEIN IM ELTERNHAUS
2.1. Geistig-kulturelles Milieu einer Kindheit
2.2. Rudolf Euckens„Philosophie des Geisteslebens“

3. STUDIUM IN KIEL, BONN UND JENA
3.1. Die Situation der Nationalökonomie im damaligen Deutschland
3.2. Der Student für Geschichte und Staatswissenschaft
3.2.1. Studienzeit in Kiel
3.2.2. Studium in Bonn
3.2.2.1. Walter Euckens Lehrer
3.2.2.1.1. Hermann Schumacher
3.2.2.1.2. Heinrich Dietzel
3.2.2.2. Dissertationsschrift über „Die Verbandsbildung in der Seeschiffahrt“

TEIL II - BEWEGTE ZEITEN

4. MILITÄRZEIT UND KRIEG

5. HEIMKEHR IN EINE UNGEWOLLTE REPUBLIK
5.1. Politische Umbrüche
5.2. Walter Eucken und der Sozialismus

6. RÜCKKEHR ZUR WISSENSCHAFT
6.1. Neue Wege der deutschen Nationalökonomie
6.2. Assistent und Redaktionssekretär von Schmollers Jahrbuch
6.3. Habilitationsschriftüber„Die Stickstoffversorgung der Welt. Eine volkswirtschaftliche Untersuchung“
6.4. Der erfolgreiche Privatdozent
6.5. Abschied vom Lehrer oder:„Kritische Betrachtungen zum deutschen Geldproblem“
6.5.1. Das Inflationsproblem und der Stand der geldtheoretischen Diskussion in Deutschland
6.5.2. Euckens theoretischer Ansatz
6.5.3. Währungspolitische Folgerungen
6.5.4. Persönliche Konsequenzen

7. SCHLUßBETRACHTUNG UND AUSBLICK

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

Vorwort

Diese Arbeit versteht sich als ein biographischer Versuch, sich sowohl der Person als auch dem Wissenschaftler Walter Eucken in dessen jungen Jahren zu nähern und seinen diesbezüglichen Entwicklungsweg im Kontext seiner Zeit sowie ihrer politischen und geistigen Auseinandersetzungen genauer zu bestimmen. Dabei soll der Wissenschaftler, der später mit der Überwindung des Historismus, der Neubegründung der Theorie als auch der Neugestaltung der Wirtschaftsordnung in dreifacher Hinsicht die Grundlagen für einen Aufbruch im Dienste der National- ökonomie in Deutschland legte,1 im Zentrum dieser Untersuchung stehen.

In chronologischer Folge sollen daher die in diesem Sinne wichtigen Stationen Walter Euckens aufgezeigt werden. Dazu ist es erforderlich, zunächst nach den wesentlichen Einflußfaktoren aus dem Elternhaus zu fragen. Es soll gezeigt wer- den, daß das geistig-kulturelle Milieu, in dem er aufwuchs, speziell aber die zeitkri- tische Philosophie seines Vaters, Rudolf Eucken, sowie deren erkenntnistheoreti- sche Grundlagen, bereits den Anspruch des Studenten Walter Eucken an die nati- onalökonomische Wissenschaft wesentlich geprägt haben. Hierdurch ist seine kri- tische Haltung zur wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion in Deutschland in der Zeit der Vorherrschaft der jüngeren historischen Schule schon damals besonders bestimmt gewesen, die ihn zu Lehrern führte, welche ihre wissenschaftliche Orien- tierung mit darüber hinaus gehenden bzw. anderen methodischen Konzeptionen verbanden. Gleichzeitig soll die Entwicklung der Persönlichkeit Walter Euckens genauer bestimmt werden, um den Anspruch, den er mit der Nationalökonomie verband, besser verständlich machen zu können. Diese Arbeit wird mit seiner ers- ten kritischen Schrift, den „Kritischen Betrachtungen zum deutschen Geldproblem“ aus dem Jahre 1923 abgeschlossen, in der sich Eucken erstmals konsequent von der bis dahin herrschenden historischen Methode absetzte und entschieden der theoretischen Arbeit zuwandte.

Im Rahmen der Erstellung dieser Arbeit wurde versucht, neben der Verwendung bisher zur Verfügung stehender Literatur zu diesem Thema, neue Quellen zu er- schließen. Dabei stand die Auswertung von Walter Euckens Briefen an seine El- tern und seine Großmutter, Frau Passow, soweit sie sich im Nachlaß seines Va- ters befinden, im Mittelpunkt. Dieser Bestand umfaßt ca. 200 Briefe und Postkar- ten aus der Zeit zwischen 1908 und 1926 sowie 1934 und 1938, die in dieser Ar- beit insoweit ausgewertet wurden, als sie für den behandelten Zeitraum relevant sind. Es kann nicht genau bestimmt werden, ob es sich dabei um die gesamte Korrespondenz dieser Zeiträume handelt. Genausowenig kann etwas über den Schriftverkehr der übrigen Jahre ausgesagt werden. Es ist aber zu vermuten, daß dieser die Aufbewahrung in einem feuchten Kohlenkeller des Euckenhauses bis zum Jahre 1963 nicht überstanden hat.

Eine zweite wichtige neue Quelle, die für diese Arbeit genutzt werden konnte, stellt ein Interview dar, welches ich mit Herrn Walter Oswalt, dem Enkel Walter Eu- ckens, am 10. Juli 1995 führte. Die darin gemachten Aussagen beziehen sich, ne- ben Walter Oswalts eigenen Forschungserkenntnissen, auf Überlieferungen von Walter Euckens Frau, Edith Eucken-Erdsiek, sowie auf eine vorherige Rückspra- che mit dem Sohn Walter Euckens, Herrn Prof. Dr. Christoph Eucken. Walter Os- walt ist derzeit auch damit beschäftigt, den Nachlaß von Walter Eucken zu ordnen, um ihn für wissenschaftliche Forschungsarbeit nutzbar zu machen. Diese Arbeit wird nach Aussagen Walter Oswalts etwa die Zeit bis zum Spätsommer 1996 in Anspruch nehmen. An dieser Stelle möchte ich Herrn Oswalt für sein Engage- ment, welches er meiner Arbeit entgegenbrachte, sehr herzlich danken.

Verschiedene weitere Quellen wurden an den einzelnen Stationen aufzufinden versucht, die Walter Eucken im hier behandelten Zeitraum durchlief. Das Ergebnis dieser Nachforschungen sowie weitere Vermutungen für entsprechendes Quellenmaterial sind im Text ausführlicher behandelt.

Jena, den 31. August 1995 Jan Hüfner

Teil I - Elternhaus und Studium

1. N Äherungsversuch an eine bildungsbürgerliche „ Lebenswelt “

Stellt man dem Deutschland zu Beginn des 19.Jahrhunderts jenes an dessen En- de entgegen, so wird man eine rasante Entwicklung in einem relativ kurzen Zeit- abschnitt feststellen können, die letztlich den Übergang vom Agrar- zum Industrie- staat markiert und nur in ihrer Ganzheit, in Verbindung mit wirtschaftlichen, sozia- len, politischen und kulturellen Umwälzungen verstanden werden kann. Der wirt- schaftlich vom sich entfaltenden Bürgertum getragene und um die Mitte des Jahr- hunderts verstärkt einsetzende Industrialisierungsprozeß ermöglicht einerseits bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs den Aufstieg Deutschlands zur nach Eng- land zweitgrößten Industriemacht der Welt. Andererseits verschärft dieser jedoch die sozialen Probleme, die erst durch allmähliche und nur ungenügende Integrati- on der proletarisierten Bevölkerungsschichten gemildert werden können. In die- sem Spannungsfeld ergibt sich auf politischem Gebiet ein weitgehend unmündig bleibendes Bürgertum, welches bald seinen Frieden mit den obrigkeitsstaatlichen, in „Blut und Eisen“ getränkten nationalen Institutionen besiegelt und anstatt eine Identifikationsmöglichkeit zu finden, darin ihr fortschrittliches Selbstbewußtsein preisgibt. Die daraus resultierende „Ambivalenz der Gefühle“2, führt vor allem im bildungsbürgerlichen Milieu bald zu einem neuen „romantischen Aufbruch“3, in welchem progressive und konservative Zeitkritik zum Teil „seltsam ineinander ver- schwimmen“.4

Diese Entwicklung ist eingebettet in ein mit der Aufklärung verstärkt aufkommen- des diesseitsbezogenes und historisches Lebensverständnis, welches sich be- sonders in der bürgerlichen Gesellschaftsschicht nachhaltig bemerkbar macht. Einerseits nimmt sie sich diesem Veräußerlichungsprozeß an und forciert mit ver- stärkten wirtschaftlichen Aktivitäten die bald registrierten Entfremdungserschei- nungen gegenüber Gesellschaft und Natur. Selbst auf wissenschaftlichem Gebiet kann sie diese Entwicklung im Zeitalter des Realismus begleiten und ihre positiv gewonnenen Erkenntnisse den Bedürfnissen einer zunehmend rationalistischen Lebensweise dienbar machen. Zugleich fordert sie damit aber auch Protest her- aus, Widerstand gegen solche relativistische Sichtweise, die allein dem individuell- historischen Dasein Rechnung tragen kann: Ist Gott wirklich tot? Bleibt der Menschheit nichts, als sich der Zwangsläufigkeit solcher wechselhaften Geschich- te zu unterwerfen? Sind jene zeitlosen Werte, die uns dieser entziehen könnten, dahin? Damit aber stellt sich auch die Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens.

2. Universale Bildung und kritisches Bewußtsein im Elternhaus

2.1. Geistig-kulturelles Milieu einer Kindheit

Walter Eucken wird am 17. Januar 1891 als Sohn des Philosophen Rudolf Eucken und der Malerin Irene Eucken, geborene Passow, in Jena geboren. Auch seine Heimatstadt erfährt im Zeitalter der Industrialisierung eine rasche Ent- wicklung, von „der alten, verträumten Universitäts- und Weinbauernstadt“, von Goethes „liebem, närrischen Nest“, hin „zum pulsierenden Takt des industriellen Lebens“.5 Technik und Wissenschaft finden durch das Entstehen der bald weltbe- kannten Firmen wie Zeiss und Schott zusammen und lassen die Stadt sich in un- gewohnter Weise entfalten.

Sein Vater erlebt dieses Jena bei seiner ersten Begegnung noch „ohne Fabriken, alles war hier in den stillen Dienst geistigen Schaffens gestellt“6. Bald aber engt „die wachsende Fabriktätigkeit das Leben ein“, vorbei die „ländliche Stille“ der etwas „hochgelegenen Villa“ der Euckens am Forstweg, die aber gegen den großen Vorzug eingetauscht wird, „daß unsere Kinder sich in voller Freiheit bewegen und doch zugleich die Güter der nahen Stadt genießen konnten“.7

Aber „auch die Äußerungen eines regen Geisteslebens“ treten in dieser alten Uni- versitätsstadt mit ihren freiheitlichen und fortschrittlichen Traditionen nicht zurück. Neben der Wissenschaft macht sich besonders seit der Jahrhundertwende ein aktiveres kunstverbundenes Engagement als Ausdruck bürgerlicher Emanzipati- onsbestrebungen auch in Jena bemerkbar. Verschiedene wissenschaftliche und schöngeistige Vereinigungen wirken gar über die Stadt hinaus.8 Die Passows, verwandt mit dem Hause des ehemaligen Jenaer Universitäts- Kurators Seebeck, sind eine angesehene Bremer Familie, unter deren Vorfahren sich unter anderem der bekannte Archäologe Heinrich Nikolaus Ulrichs sowie der Bürgermeister von Bremen und Gründer von Bremerhaven, Smidt, finden.9 Irene Eucken „gehörte nicht zu den gelehrten Frauen, aber sie war voll geistiger Interes- sen und von einer ausgeprägten künstlerischen Begabung“.10 Als Malerin und dar- in als Vertreterin eines „gemäßigten Expressionismus“11, gehört sie zu „einem kleinen Kreis von kunstinteressierten Menschen“, die den Ruf Jenas als Kunst- stadt seit dem beginnenden neuen Jahrhundert weitertragen. In Form von Kunst- vereinen entsteht zu dieser Zeit in Jena „ein Beziehungsgefüge moderner Kunst- förderung mit einer bemerkenswerten moralisch-pädagogischen öffentlichen Wirk- samkeit“, die sich mit einem engagierten Eintreten für Avantgardekunst verbindet. Mit Ausstellungen der „Brücke“ aus Dresden, der „Neuen Sezession“ aus Berlin sowie weiteren Malern mit expressionistischer Orientierung, unter anderem aus der Künstlergruppe „Der blaue Reiter“ aus München (z.B. Wassily Kandinsky und August Macke), finden die interessierten Bevölkerungsteile der aufstrebenden Stadt Zugang zu einer neuen, zeitkritischen Kunstströmung. Diese Ausstellungen werden ergänzt durch Vorträge, Lesungen sowie Musik- und Theateraufführun- gen.12

Irene Eucken ist zeitweise sogar im Vorstand der „Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar“ als Geschäftsführerin tätig. In diesem Rahmen entsteht auch das für das neue Jenaer Universitätsgebäude gestiftete bekannte Hodler-Bild „Auszug der Studenten in den Freiheitskrieg von 1813“, für das der junge Walter Eucken als eine der Zentralfiguren bei Hodler Modell steht.13 Wie später noch genauer gezeigt werden soll, hat der Einfluß der Mutter für Walter Eucken prägenden Charakter. Über sein starkes Interesse zur bildenden Kunst, das sich bald in engen Freundschaften z.B. mit Ernst Ludwig Kirchner14 oder August Macke manifestieren sollte, ist er auch mit künstlerischen Ansätzen kulturkritischer Auseinandersetzung dieser Zeit verbunden.

Darüber hinaus findet er bei der Großmutter Passow, die als „eine sehr geistvolle und unermüdlich tätige Frau“ auch schriftstellerisch wirksam ist,15 offensichtlich einen wichtigen Zugang zur Literatur. Bemerkenswert sind die schriftlichen Äuße- rungen des Oberprimaners gegenüber seiner Großmutter, die sich auf von ihr he- rausgegebene Bücher beziehen. Daß es ihm darüber hinaus keine Mühe bereitet, die Geschichte der verschiedenen Götzbearbeitungen Goethes, vom Ur-Götz bis zu Götz von Berlichingen anhand der Literatur schriftlich zu entwickeln, sei hier nur als Beispiel angemerkt.16

In seinem Elternhaus begegnet Walter Eucken einer Vielzahl bedeutender Persön- lichkeiten des künstlerischen und geistigen Lebens der damaligen Zeit. Unter be- kannten Personen wie z.B. Stefan George, Hugo von Hofmannsthal oder Ricarda Huch17 ist er „sowohl menschlich als auch künstlerisch am allerstärksten von Max Reger beeindruckt“. Hier dürfte ein Anhaltspunkt für sein starkes Interesse für die Musik zu finden sein. Walter Eucken „hat auch sehr schön gesungen“.18

Die wichtigste Rolle bezüglich seiner Universalbildung spielt für den jungen Walter Eucken zweifellos der Vater. Schon die allmorgendlichen gemeinsamen Aristote- les-Übersetzungen, noch vor dem Frühstück,19 deuten darauf hin, daß die Bezie- hung zu seinem Vater nicht nur in Bezug auf den von ihm vertretenen Idealismus wichtig ist, sondern auch mit einer intensiven Auseinandersetzung mit der Historie und nicht zuletzt mit der Geistesgeschichte verbunden sein muß. Die späteren Werke Walter Euckens lassen dieses umfassende Wissen deutlich erkennen. Nach Einschätzung von Walter Oswalt „ist letztlich nicht eine bestimmte Idee hin- sichtlich der Philosophie seines Vaters für ihn entscheidend, sondern die umfas- sende Bildung, die er aus dem Elternhaus mitbekommt, die es ihm später ermög- licht, eine bessere Gesamtsicht auf die ihn beschäftigenden Probleme zu haben“. Dieser Einfluß gilt insbesondere für den aufgeklärt-weltbürgerlichen Charakter sol- cher Bildung, auch wenn er im Widerspruch zu den nationalistischen Äußerungen seines Vaters steht, wie dieser sie vor allem während der Phase des Ersten Welt- kriegs tätigt.20

2.2. Rudolf Euckens „Philosophie des Geisteslebens“

Auch wenn wir von der grundlegend wichtigen Rolle der elterlichen Universalbildung für die Entwicklung Walter Euckens ausgehen, ist es notwendig, die philosophische Position des Vaters genauer zu betrachten und zu fragen, inwieweit hier geistige Einflußfaktoren festgehalten werden können, die für seine menschliche und fachliche Entwicklung bedeutsam sein sollten.

Die öffentliche Wirkung Rudolf Euckens als Philosoph fällt fast ausschließlich mit seiner dritten Schaffensperiode seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zusammen, in der er sich in eher populärphilosophischer, die Schranken wissen- schaftlicher Darstellungsform sprengender Weise, und hier aus kulturkritischer Sicht mit den geistigen Problemen seiner Zeit auseinandersetzt. Eucken ist zu dieser Zeit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, wobei er zunächst im Ausland größere Aufmerksamkeit erlangt, bevor er, vor allem nach der Verleihung des Nobelpreises im Jahre 1908, auch in Deutschland eine zunehmende Anhängerschaft findet.

Geistespolitisch stellt sich seine zeitkritische Auseinandersetzung in einem „durch die Erfahrungen der inneren Wandlungen der deutschen Verhältnisse in den Gründerjahren“ geprägten „antiliberalen Konservatismus“ dar, der auch als Ver- such der philosophischen Intelligenz verstanden werden kann, die von ihr zuneh- mend verspürte eigene Überflüssigkeit in einer sich immer mehr veräußerlichen- den bürgerlichen Gesellschaft zu kompensieren.21 Der mit den damaligen politi- schen, wirtschaftlichen als auch sozialen und kulturellen Veränderungen verbun- denen „starke(n) Veräußerlichung und Verflachung“ im Rahmen einer fortschritts- gläubigen „Daseinswelt“, einer „bloße(n) Arbeitskultur, die innerhalb ihrer Grenzen manches förderte und verbesserte, die aber bei ihren Erfolgen die Seele des Men- schen vergaß“,22 versucht er eine neoidealistisch inspirierte, an die „Epoche kultu- reller Blüte des deutschen Geistes und der deutschen Empfindung“23 anknüpfende „Tatwelt“-Kultur entgegenzusetzen. Diese sollte eine Festigung geistig-seelischer Innerlichkeit befördern, um der äußeren Entwicklung eine Orientierung, einen Sinn zu verleihen. Insofern meint „Tatwelt“ eine Lebenswelt, „die kulturell geprägt und gehalten ist durch eine neu gewonnene Sicherheit des Menschen in der Kunst zu unterscheiden, welche seiner Schöpfungen lebenssinndienlich sind und welche es nicht sind“. Damit findet Euckens „Idealismus einer humanen Kultur unter den Be- dingungen einer entfremdungsträchtigen Zivilisation“ Eingang in die moderne Zivi- lisationskritik.24 Als wichtigste Waffe in diesem Kampf sieht er die Religion, die aber, jenseits aller künstlichen Erhaltungsversuche, auf ihren inneren Wahrheits- gehalt hin geprüft werden soll, um durch die Trennung des Zeitlichen vom Ewigen ihren unverlierbaren Kern wiederzufinden. Auf dieser Basis kann sie auch die not- wendigen Formen entwickeln, welche es ihr ermöglichen, auf die Gegenwart ein- zuwirken.25

Wie wichtig diese Weltsicht für das Leben von Walter Eucken ist, wie fundamental dies auch für den Nationalökonomen sein muß, der ja, so gesehen, bei der Frage nach der Überwindung dieser letztlich geistigen Krisis nicht allein auf wirtschaftli- che Problemgehalte abstellen kann, wird nicht zuletzt aus seinem Vorwort ersicht- lich, welches er als Herausgeber der „Lebensanschauungen der grossen Denker“, einem der wichtigsten Werke seines Vaters, 1950, also kurz vor seinem eigenen Tode, diesem voranstellt. Wenn er hier noch einmal nach einer „positiven Antwort“ gegenüber „der Gefährdung des Menschen“, gegenüber der „Gefährdung der mo- dernen Welt“ fragt, in einem „Zeitalter der Standardisierung und der Hast“, wel- ches „die Menschen wie Maschinenteile“ verbraucht, dann kann man hierin nur unschwer die enge Beziehung zu den Forderungen seines Vaters an das Leben erkennen, nämlich „im Wechsel der Zeit etwas Festes zu finden - Werte, die uner- schüttert sind und einen Halt bieten“.26 Und so verwundert es nicht, wenn er gera- de in den schweren Zeiten die Nähe zu seinem Vater sucht. In einem Brief an sei- ne Mutter anläßlich dessen 10. Todestages, im September 1936, schreibt er: „Ich habe mich gerade in den letzten Jahren oft gefragt, was Vater zu all` den Proble- men gesagt haben würde, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben. Und so ist er auch mir ein Leitstern geblieben und wird es in Zukunft sein.“27

Doch geht es in Rudolf Euckens Philosophie um mehr als reine Zivilisationskritik, auch wenn diese der wichtigste Ausdruck seines öffentlichen Wirkens ist. Sein philosophisches System muß auch im Kontext der nachidealistischen Verselb- ständigung der Wissenschaften verstanden werden, als ein Versuch der Erneue- rung der Philosophie, die wegen ihrer spekulativen Ausrichtung von den sich rasch entwickelnden positiven Fachwissenschaften nicht mehr als systematische Grund- lage ihrer empirischen Forschung berücksichtigt wurde. Soweit man der Philoso- phie überhaupt noch eine Aufgabe zugestand, bestand diese in rein formalen, konstruktivistischen wissenschaftstheoretischen Erörterungen, die Sinnfragen über das Leben nicht mehr zu stellen vermochten. Dieser Reduktion der Philosophie stellt Eucken sich entgegen. Er geht bei seinem philosophischen Ansatz vielmehr aus vom „Leben“ als einem einheitlichen Geis- tesleben. In der Geschichte allerdings manifestiert sich eine fundamentale Ent- zweiung: Zwei jeweils ganz einseitige geistige Strömungen stehen sich gegen- über, „die dahin zusammenwirken, den Charakter des Lebens zu schwächen und seine Kraft zu vermindern“28. Eucken bezeichnet solche großen allgemeinen Le- bensbewegungen, die sich durch die Geistesgeschichte ziehen und als solche auch „die beiden großen Mächte der Kulturentwicklung“29 darstellen, als „Syntag- men“. Solche „Syntagmen“ bestehen für ihn zunächst im „Intellektualismus“ und im „Naturalismus“. Sie sind sowohl im kulturphilosophischen als auch im erkenntnis- theoretischen Sinne relevant. Bezogen auf seine Gegenwart stellen sie sich einer- seits als Rationalismus der Aufklärung (später auch als Formalismus der neukan- tianischen Wissenschaftsphilosophie) und andererseits als Positivismus bzw. His- torismus in den geisteswissenschaftlichen Fachdisziplinen dar: „Dort leidet das Leben an einer ungebührlichen Gleichsetzung von Denken und Geist, an der Ü- berschätzung eines freischwebenden Erkennens, die eine Verflüchtigung des Le- bens bewirkt, hier gewinnt die Geschichte ein starkes Übergewicht, das die Selb- ständigkeit des Lebens gefährdet sowie unerträgliche Bindungen auferlegt; nach beiden Seiten hin hat das schaffende Leben mit seiner Wesensbildung sein Recht und seine Überlegenheit energisch zu wahren.“30

Nun kann es aber nicht darum gehen, beide als einseitig charakterisierte „Lebens- bewegungen“ einfach zu verwerfen, sondern es kommt darauf an, sie in einer be- stimmten Weise zu vermitteln. Das Geistesleben kann weder reine Betrachtung der oberflächlichen Daseinswelt, noch rein verselbständigtes Denken als umfas- sendes Erkennen akzeptieren. Aufgabe der geschichtlichen Betrachtung ist es daher, „wesensbildend“ die reale Wirklichkeit mit ihrem Wirrwarr von Geschehnis- sen zu einer „echten Wirklichkeit“ im menschlichen Geistesleben zu verwandeln und damit als Bindeglied zwischen diesem Geistesleben einerseits und dem un- mittelbaren Geschehen andererseits zu fungieren. Erst dann kann das Denken diese echte Wirklichkeit in seiner „Verkettung mit dem Ganzen des Geisteslebens“ erweitern und vertiefen und somit auf das Ganze zurückwirken, um gegebenen- falls Irrungen und Widersprüche aufzuzeigen bzw. neue Denkansätze zu entwickeln und damit Veränderungen anzuregen.31

Wesensbildung als Aufgabe der Geschichte bedeutet, im rastlosen Strom „einen tieferen Grund, eine innere Ordnung der Dinge“ zu finden, „um Geistesgeschichte gegenüber einer Natur- und Menschengeschichte“ erfahrbar zu machen, um „als Erweisung eines wesenhaften Lebens“, als „Verwandlung der Dinge in Selbster- fahrung ..., zum Hauptmittel des Kampfes um eine geistige Wirklichkeit“ zu wer- den. Diese Art philosophischer Erschließung der Geschichte soll „Wandlungen im Wesen bewirken, die rechten Ziele und Wege ermitteln, neue Kräfte entbinden, eine Tatwelt gegenüber dem Dasein erringen“, um damit auch das innere Wesen des Menschen selbst fortzubilden.32

Durch diese Anerkennung eines selbständigen Geisteslebens aber ist dem Men- schen eine „Erhebung über die Zeit und ein Wirken aus zeitloser Ordnung“ mög- lich: „Durchgängig wird hier dem Streben die Richtung auf ein zeitlos Gültiges ge- geben, alle Wirkung und Anerkennung auf dem Boden der Geschichte kann hier nie eine Wahrheit und ein Recht begründen, sondern die Wahrheit will hier unmit- telbar von einem ursprünglichen Leben her dargetan sein. So kann in diesem Ge- biete nie die Vergangenheit die Gegenwart ersetzen, und nie das Heute dem Ges- tern wie eine Frucht der Blüte entwachsen.“33 Ein Weg ist also nicht vorgegeben, allein der Kampf als geistiger Auseinandersetzung mit der Zeit versetzt uns nach Eucken in die Lage, „in das geschichtliche Dasein eine zeitüberlegene Art“, eine bestimmte zeitlose Idee, in Überwindung einer anderen, sinkenden Idee, einzu- prägen und darin zu erhalten versuchen, ohne jedoch dieses Bleibende im Dasein preiszugeben. Damit hört Geschichte auf, als geradlinig zu erscheinen, sie entfal- tet sich in Gegensätzen, über deren Richtung „keine Formel belehren“ kann. Nur die Tat, das Tatleben als letztes Weltprinzip, kann dem bloßen Nacheinander eine zeitlose Gegenwart entgegensetzen und somit „einen den Schwankungen unseres Daseins überlegenen Bestand und Wert“ sowie „irgendwelchen Fortschritt“ ermög- lichen.34 Aber es gilt, „dieses Zeitlose in seiner Kraft und Eigentümlichkeit zu er- greifen, dann kann es uns zur lebendigen Gegenwart werden, dann ist die Ge- schichte kein bloßes Nebeneinander und das Frühere keine bloße Vorbereitung eines Späteren, sondern dann hat jedes Große wie einen Selbstwert so eine un- vergängliche Wahrheit“35. Damit wird es zur Aufgabe der Wissenschaft, „eine ei- gentümliche Behandlung geschichtlicher Erscheinungen (zu) entwickeln, die am Zeitlichen das Bleibende, am Einzelnen das Ganze sieht und sucht.“

Um solche Philosophie, die das „Leben“ zum letzten Prinzip macht, theoretisch fundieren zu können, bedarf es eines besonderen Erkenntnisverfahrens, welches sich von den bisherigen Methoden der zu überwindenden Ansätze unterscheidet. Wer die Frage der Erkenntnis mit der des Lebens verbinden will, benötigt eine qualitativ neue, „integrative Rationalität“, die über die rein deduktive hinausgeht und einen besonderen Bezug zur Wirklichkeit ermöglicht.36 Rudolf Eucken gehört zu jenen Philosophen, die die „Einheit von Erkenntnisproblem und Lebensproblem postuliert und mit der Frage nach dem Sinn des Lebens kombiniert“ haben.37 Der im „Leben“ selbst begründete, „wahre“ Rationalismus, der darauf zielt, den Ge- gensatz von empiristischer und konstruktivistischer Denkweise zu überwinden, führt zu einer neuen Verschmelzung von Wirklichkeit und Denken.38

Zur Herausarbeitung der Syntagmen bedient sich Eucken einer von ihm selbst entwickelten „noologischen Methode“. „Sie soll der Vergegenwärtigung der großen geschichtlichen Tatbestände im Bewußtsein des Einzelnen dienen, eine Erkennt- nis, die sich nicht in bloß formalen Begriffsbestimmungen bewegt, sondern durch ein verstehendes Einleben gewonnen wird.“39 Damit wird „Erlebnissubjektivität“ zum theoretischen Problem. Eucken versucht, die positivistische Reduktionslehre idealistisch umzudeuten, indem er den vom deutschen Idealismus übernommenen Begriff des „Geistes“ in einen „bewußtseinstheoretischen Strukturbegriff“ umwan- delt. Es geht darum, in den als unmittelbar evident anerkannten Bewußtseinsinhal- ten solche logischen Strukturen freizulegen, die als sinnhafter Zusammenhang des Gegebenen erfaßbar sind.40 Eine besondere Art und Weise der „Innensicht“ als einer „selbständige(n) Form der Objektivierung des Subjektiven“ stellt daher, im Unterschied zu den Tatsachenaussagen von empirischem Bewußtsein als An- satz der psychologischen Methode, auf zeitlose Bewußtseinsstrukturen überhaupt ab, aus denen idealtypische Gestalten entwickelbar sind. An die Stelle rein empi- ristischer Anschauung tritt eine Methode, die aus dem Einzelnen das Allgemeine „heraussieht“.41 Insofern sind Euckens „Syntagmen“ als idealtypische Lebenssys- teme von je besonderer Art zu verstehen.

Eine wichtige wissenschaftliche Anerkennung erfährt Rudolf Eucken 1916 durch Edmund Husserl, der dessen „Philosophie des Geisteslebens“ als einen seiner „Phänomenologie“ komplementären Weg erachtet, „um das ursprüngliche, alle Erfahrungswelt konstituierende Leben zu entdecken“42. „Nimmt man den bei Eu- cken noch massiv präsenten Untergrund des deutschen Idealismus weg, so bleibt als gemeinsamer Kern der noologischen und der phänomenologischen Reduktion die ästhetisch definierte Form des schöpferischen, gestaltbildenden Blicks.“43 Husserl übernahm jedoch nicht die Euckensche Theorie, auch wenn mit Max Scheler ein gemeinsamer Schüler eine wichtige Vermittlerrolle spielte. Beide An- sätze sind vielmehr als ähnliche Reaktionen auf die Situation der Erkenntnistheo- rie - und allgemeiner, der Wissenschaft - am Ende des 19. Jahrhunderts zu ver- stehen.44

Damit ist zugleich der Weg für Walter Eucken einigermaßen vorgegeben, wenn dieser später den wohl gelungensten Versuch unternimmt, die „große Antinomie“ in der ökonomischen Wissenschaft zu überwinden, als sich historische und ratio- nale Methode vor dem Hintergrund der neukantianischen Wissenschaftssystema- tik in einem Methodenstreit gegenüberstehen.45 Wenn Walter Eucken zur Lösung dieses Methodenproblems in der Ökonomie auf die Husserlsche Phänomenologie und ihren (ja keineswegs unumstrittenen) Wahrheitsbegriff zurückgriff, so wird daran deutlich, daß für dessen Theoriebildung die Philosophie seines Vaters mit ihren erkenntnistheoretischen Grundlagen von nicht unerheblichem Einfluß gewe- sen ist.

3. Studium in Kiel, Bonn und Jena

3.1. Die Situation der Nationalökonomie im damaligen Deutschland

Mit den sich vollziehenden wirtschaftlichen Veränderungen sowie der zunehmen- den Abkehr vom Rationalismus der Aufklärung im Deutschland des 19. Jahrhun- derts, hin zu historischer Betrachtung des Geschehens, gehen entsprechende Entwicklungen in der deutschen nationalökonomischen Diskussion einher. Zu- nächst gilt es, die gegenüber den wirtschaftlich fortgeschritteneren Ländern ganz anders gearteten Probleme nachholender Entwicklung im zerrissenen Deutsch- land auch von wissenschaftlicher Seite her zu bewältigen. Schon Friedrich List hat auf die nationale Färbung der Smithschen Schule hingewiesen. Und ohnehin schienen die allgemeingültig gehaltenen Lösungsansätze der abstrakten Modelle, wie sie die britischen Klassiker, zumindest in den Augen ihrer deutschen Kritiker,46 entwickelten, die sozialen Mißstände des beginnenden Industriezeitalters selbst in England nicht zu bewältigen. Sie wurden praktisch als die wissenschaftliche Stüt- ze des Manchesterkapitalismus betrachtet. Wilhelm Roschers Versuch, über die historische Methode letztlich zu einer adäquaten Theorie zu gelangen, ist aus der Überzeugung erwachsen, „daß es kein einheitliches, die ökonomische Entwick- lung durchgängig bestimmendes Gesetz gibt“.47 Um solch eine Theorie entwickeln zu können, welche nicht nur rein auf die wirtschaftlichen Fragen abstellende, abs- trakte Gebilde und konstruierte Kausalzusammenhänge herstellt, sondern die da- mit verbundenen sozialen und ethischen Probleme diskutieren kann und somit auch eine aktive Rolle des Staates berücksichtigt, bedarf es jedoch einer umfas- senderen Erforschung der historischen Prozesse bis hinein in die Gegenwart.48 Vor allem die jüngere historische Schule mit ihrem herausragenden Vertreter, Gustav Schmoller, hat damit seit den 1870er Jahren Ernst gemacht. Neben dem Anspruch, die rein auf wirtschaftliche Tatbestände ausgerichtete Untersuchung in ihrem sozialwissenschaftlichen Kontext zu sehen sowie, damit verbunden, norma- tive Ziele zu verfolgen, ist es vor allem die Ablehnung, die Nationalökonomie als eine Gesetzeswissenschaft im naturwissenschaftlichen Sinne zu verstehen, wel- che diese spezifisch deutsche Wirtschaftswissenschaft prägt.49 Die historische Methode richtet sich zunächst auf die Beschreibung des konkreten, individuellen Geschehens, bevor sie, viel später, nach einer längeren Periode der Sammlung umfassenden Tatsachenmaterials, allgemeinere Zusammenhänge davon abzulei- ten als möglich betrachtet. Mit der Dominanz der historischen Methode aber geht „die Anerkennung des Entwicklungsgedankens, als der beherrschenden wissen- schaftlichen Idee unseres Zeitalters“50 einher.

Die sich geisteswissenschaftlich präsentierende deutsche Nationalökonomie stellt sich damit auch dem neoklassischen Ansatz, hier besonders in Gestalt der Öster- reichischen Schule, der sich vor allem durch seine Annahme subjektiver Wertde- termination sowie die universelle Verwendung des Prinzips von Angebot und Nachfrage zur Erklärung wirtschaftlicher Prozesse von den Klassikern abhebt,51 nicht nur entgegen, sie entzieht sich mit ihrem Absolutheitsanspruch auch für viele Jahrzehnte weitgehend der internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Diskus- sion. „Die deutsche Nationalökonomie befand sich - von wenigen ... Ausnahmen abgesehen - auf dem besten Weg in die Bedeutungslosigkeit.“52 „Der Sinn für the- oretisches Arbeiten überhaupt ging verloren, mit dem Ergebnis, daß die einfachs- ten wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht mehr verstanden wurden.“53 Nicht zu- letzt der Methodenstreit zwischen den Häuptern beider rivalisierenden Richtungen, Gustav Schmoller und Carl Menger, ist ein markanter Meilenstein dieser Entwick- lung.

Bezugnehmend auf den wissenschaftstheoretischen Hintergrund dieser Ausei- nandersetzungen, den der südwestdeutsche Neukantianismus mit Wilhelm Win- delband und Heinrich Rickert durch seine Gegenüberstellung von nomothetischer (generalisierender, naturwissenschaftlicher) und idiographischer (individualisie- render, geschichtlicher) Methode liefert,54 wird das Dilemma der nationalökonomi- schen Wissenschaft deutlich. In diese allgemein-logische Entgegensetzung „zwi- schen den dauernd gültigen generellen Begriffen ... und den einmaligen Ereignis- sen einer sich stets verändernden Wirklichkeit“, läßt sich die Nationalökonomie nicht einfach einordnen, „da sie sowohl Historisches, Einmaliges als auch Allge- meines, gesetzmäßig Wiederkehrendes enthält“.55 Hierin aber ist nichts anderes enthalten als die „große Antinomie“, wie sie Eucken später konstatieren und zugleich den gelungensten Versuch liefern wird, sie zu überwinden. Dabei muß noch berücksichtigt werden, daß Menger im Gegensatz zu Schmoller beide Me- thoden, sowohl Induktion als auch Deduktion, für die Forschung notwendig erach- tet, allein der Untersuchungsgegenstand bestimmt die jeweils vorteilhaftere Vari- ante. Allerdings bleibt für Menger lediglich die theoretische Arbeit exakte Wissen- schaft.56

Um die Jahrhundertwende bildet sich im Rahmen der jüngeren historischen Schu- le eine zweite Generation heraus, aus welcher allmählich einige Vertreter „nach neuen Paradigmata der Forschung (strebten), die der Erklärung des modernen Kapitalismus und seiner Entstehung gerecht werden sollten“. Als deren Exponen- ten sind vor allem Max Weber und Werner Sombart zu erwähnen, „deren Arbeiten das Bestreben prägte, sozialwissenschaftliche Theorie und historische Beschrei- bung wieder zu integrieren“. Hierbei sei vor allem an Webers Instrumentarium des Idealtypus als Vergleichs- bzw. Orientierungsmaßstab für reale Prozesse als auch an Sombarts Ansatz zur Beschreibung des modernen Kapitalismus, aber auch den von ihnen gemeinsam ausgefochtenen Werturteilsstreit zu erinnern.57

3.2. Der Student für Geschichte und Staatswissenschaft

Walter Eucken wird Ostern 1909 vom Gymnasium Carola-Alexandrinum in der Schillerstraße in Jena „dispensiert“.58 Aus der vergangenen Schulzeit wird er vor allem mit jenem Erich Schott im weiteren Leben den Kontakt aufrechterhalten, der in der späteren Bundesrepublik Deutschland mit der Gründung der Schott-Werke in Mainz das Lebenswerk seines Vaters weiterführt.59

Der bevorstehende neue Lebensabschnitt läßt den Oberprimaner während der Reifeprüfungen etwas ungeduldig werden, „denn gerade jetzt ist das Gymnasium wirklich sehr langweilig“60. Jedoch: „Noch bin ich unsicher, wohin ich mich in mei- nem ersten Semester wenden werde, aber wahrscheinlich werde ich weder nach Kiel noch nach Freiburg gehen, sondern nach Tübingen. Und das hat folgenden Grund: Im letzten Jahre haben sich meine wissenschaftlichen Interessen wesent- lich verschoben. Hatte ich nämlich früher mich hauptsächlich für die Wirtschafts- geschichte des Altertums interessiert, so kam mir erklärlicherweise es oft vor, mich in nationalökonomischen Werken über manches zu unterrichten. Diese Wissen- schaft - die Nationalökonomie - zog mich nun so an, daß ich mich ganz in ihre Entwicklung - die ja von der Aufklärung an beginnt - vertiefte. Also habe ich als mein Studium angegeben: Geschichte (und zwar neuere) und Staatswissenschaf- ten. Da es nun in Kiel und Freiburg gerade an einführenden Kollegs fehlt, so habe ich mich nach langen Erwägungen entschieden, Tübingen vorerst in Aussicht zu nehmen.“61

Es ist nicht ungewöhnlich für diese Zeit, bei der Beschäftigung mit der Geschichte, zumal Wirtschaftsgeschichte, auf die aktuellen Fragen der Nationalökonomie zu stoßen. Immerhin nimmt sie um die Jahrhundertwende eine Schlüsselstellung in den Geisteswissenschaften ein, sie ist gar zur Hauptwissenschaft jenes Zeitalters aufgestiegen und wird als solche sogar zum Kampffeld für erkenntnistheoretische Streitpunkte.62 Nicht nur, daß „die industrielle Entwicklung dem Staat die Wirt- schaft als selbständige Potenz an die Seite gestellt“ hat. Mit der - zumindest for- mal - vollzogenen nationalen Einigung wird die soziale Einigung zum wichtigsten ungelösten Problem. Und die soziale Frage steht zu dieser Zeit im Mittelpunkt des ökonomischen Interesses.63 Wenn sich Walter Eucken zunächst mit antiker Wirt- schaftsgeschichte befaßte, dann muß man diesbezüglich auch sehen, daß die wirtschaftshistorischen Analysen vor allem im Interesse zeitgenössischer Frage- stellungen erfolgten, zur „Rekonstruktion ihrer historischen Wurzeln“, zur „Nutz- barmachung der Geschichte für das Verständnis der Gegenwart“.64 Zum Beispiel Karl Rodbertus oder auch Karl Bücher haben sich bei ihrer Entwicklung von Wirt- schaftsstufen insofern intensiv mit antiker Wirtschaftsgeschichte beschäftigt. Ist also die soziale Frage für Eucken bereits zu diesem Zeitpunkt ein motivierendes Moment, um sich intensiver mit volkswirtschaftlichen Fragestellungen auseinan- derzusetzen? Denkbar wäre dies auch im Zusammenhang mit dem kulturkriti- schen Einfluß aus dem Elternhaus, der ja nicht zuletzt mit sozial-ethischen Mo- menten verbunden ist. Für Rudolf Eucken hat die soziale Frage, die mit der Ent- fremdung von Arbeit und Mensch einhergeht, letztlich die Krise des Geisteslebens erst akut werden lassen.65

Wie muß sich die nationalökonomische Diskussion für Walter Eucken zu jener Zeit darstellen, wenn man die kritischen wissenschaftstheoretischen Überlegungen seines Vaters im Auge behält? Finden sich hier nicht jene zwei einseitigen geisti- gen Strömungen, die Rudolf Eucken als Naturalismus und Intellektualismus be- zeichnet, in einer spezifischen Form wieder, dem Historismus und der abstrakten Theorie, die es zu vermitteln gilt? Hier soll nicht vorgegriffen werden, so als wäre es für den jungen Studenten nur noch eine Frage der Zeit, bis er die Ideen des Vaters auf die Nationalökonomie überträgt, um den lediglich ruhenden Methoden- streit problemlos überwindend wieder aufzugreifen. Doch muß davon ausgegan- gen werden, daß dieses kritische Bewußtsein über die Situation der Volkswirt- schaftslehre zu jener Zeit bei Walter Eucken in besonderem Maße wach ist.

Wie kann er demnach die Schmollersche Methode akzeptieren, wo sie doch im bloßen Wirrwarr der Daseinswelt die Wirklichkeit zu erkennen glaubt, die man als Grundlage für sozialpolitische Reformen betrachtet und von der aus man später allgemeine Ableitungen gewinnen will? Zudem, wenn dieser Ansatz im Nachein- ander des Geschehens eine Entwicklung zu sehen glaubt, ja sogar einen Fort- schritt, der sich auch ohne die geistige Auseinandersetzung der Menschen mit ihrer Zeit einstellt und damit den Menschen als einen Gegenstand betrachtet, der fremden Mächten ausgeliefert ist. Ist das nicht fatal? Und: wo bleibt die zeitlose Wahrheit bei all diesem Relativismus? Sicher ist es notwendig, von den Tatsachen auszugehen, aber sind diese nicht Ausdruck eines allgemeineren Zusammen- hangs, der im Wesen der Tatsachen, in einer „echten Wirklichkeit“ gesucht werden muß?

Andererseits die Theorie. Es ist nicht genau bekannt, wie Eucken zu diesem Zeitpunkt zur rein theoretischen Arbeit steht. Daß er zu einem der wenigen Theoretiker geht, die unter der „Herrschaft“ Schmollers an den nationalökonomischen Fachbereichen der deutschen Hochschulen lehren, läßt vermuten, daß er die Theorie bereits sehr ernst nimmt. Auch daß Nationalökonomie für ihn „von der Aufklärung an beginnt“,66 spricht jedenfalls dafür. Dennoch ist sie nach damaligem Verständnis ebenfalls durch Einseitigkeit geprägt.

3.2.1. Studienzeit in Kiel

Daß es nun doch noch mit den einführenden Kollegs in Kiel klappt, hängt wahr- scheinlich mit Verschiebungen in der Struktur der Kollegs an der Kieler Universität zusammen. Warum er gerade nach Kiel will, ist nicht zu erfahren.

[...]


1 Jöhr (1950), S. 259

2 von Krockow (1992), S. 85

3 von Krockow (1992), S. 50

4 von Krockow (1992), S. 57 ff. u. Schnädelbach (1983), S. 25 ff. u. S.49 ff.

5 Wahl (1988), S. 7

6 Eucken, R. (1922), S. 46

7 Eucken, R. (1922), S. 73. Ab 1910 wohnen die Euckens in der Botzstraße 5, wo sich heute das Romanistische Institut der Friedrich-Schiller-Universität befindet. Jäger (1995)

8 Wahl (1988), S. 9

9 Genealogisch interessant erscheint eine Bemerkung Walter Euckens in einem Brief vom 05.01.1911 an Großmutter Passow, in dem er von einem Besuch von Frau Foerster Nietz- sche im Hause Eucken anläßlich einer weihnachtlichen Matinee zu berichten wußte: „Frau Foerster Nietzsche erzählte dabei übrigens, daß ihre Familie mit Kotzebue`s, also auch mit uns verwandt sei.“

10 Eucken, R. (1922), S. 73

11 Nach Einschätzung von Walter Oswalt. Soweit in Bezug auf Walter Oswalt im folgenden keine Quelle angegeben wird, beziehen sich diese Aussagen auf das Interview, welches er dem Verfasser am 10.07.1995 gewährte.

12 Wahl (1988), S.9 ff.

13 Wahl (1988), S. 111 ff., Zur Entstehungsgeschichte des Werkes vgl. auch Eucken, W. (1991)

14 Nach Angaben von Walter Oswalt

15 Eucken, R. (1922), S. 73

16 Brief an Großmutter Passow vom 09.02.1908

17 Ricarda Huch wird später die Schwiegermutter seines engen Freundes und Wegbegleiters Franz Böhm sein.

18 Nach Angaben von Walter Oswalt. Diese musikalische Tradition des Hauses Eucken spielte übrigens in seiner Freiburger Zeit eine Rolle. Walter Eucken hat hier gemeinsam mit seiner Frau, Edith Erdsiek, die in Smolensk geboren wurde und ihre Jugend in Rußland verbrachte, sowie einer anderen russischstämmigen Person, den „Russischen Chor Freiburg“ gegründet, der heute noch existieren soll. Gemeinsam vor allem mit Studenten der russischen Sprache haben sie in diesen Chor viel Zeit investiert. Es gab Konzerte in ganz Europa und sogar Schallplattenproduktionen. Zu Max Reger wäre in dieser Hinsicht noch zu bemerken, daß er mit Walter Euckens Schwester Ida Konzerttourneen durchgeführt hat. Ida Eucken hat auch bei anderen Konzerten große Gesangserfolge erzielen können.

19 Nach Angaben von Walter Oswalt.

20 Oswalt sieht dies vor allem aus seiner Perspektive auf die Zeit des reifen Eucken, für den noch vor der wichtigen Beziehung zu Husserl vor allem der Bezug auf das Kantsche Sys- tem entscheidend sein wird, da es ihm letztlich nicht allein um methodologische Fragen geht, sondern um die Frage nach der Stellung des Individuums in der Gesellschaft.

21 Fellmann (1983), S. 68 f.

22 Eucken, R. (1922), S. 65

23 Kornhass (1976), S. 95

24 Lübbe (1993), S. 135 f.

25 Wundt (1932), S. 442

26 Eucken, W. (1950), S. V f.

27 Brief an seine Mutter vom 17.09.1936

28 Eucken, R. (1925), S. 138

29 Wundt (1932), S. 438

30 Eucken, R. (1925), S. 138

31 Eucken, R. (1925), S. 139 ff. u. (1920a), S. 262 ff.

32 Eucken, R. (1925), S. 145

33 Eucken, R. (1920a), S. 271

34 Eucken, R. (1925), S. 150 ff.

35 Eucken, R. (1920a), S. 274

36 Fellmann (1983), S. 25

37 Fellmann (1983), S. 36

38 Fellmann (1983), S. 67 u. Fellmann (1989), S. 140 f.

39 Wundt (1932), S. 438

40 Fellmann (1989), S. 142, Fellmann bezeichnet diese Methode dann auch als „noologische Phänomenologie des Geistes“, um den Bezug zu Hegel klarzustellen.

41 Fellmann (1989), S. 146 ff.

42 Husserl (1926), S. 10, Diese Würdigung, die bereits 1916, anläßlich des 70. Geburtsta- ges von Rudolf Eucken, verfaßt wurde, ist hier anläßlich des Todestages von Rudolf Eu- cken veröffentlicht worden. Zu diesem Thema auch Herrmann-Pillath (1991), S. 18 ff.

43 Fellmann (1989), S. 150, Das Ästhetische wird bei Fellmann nicht im kunsttheoretischen Sinne gebraucht, sondern bezeichnet „spezifische Formen der Allgemeinheit, die nicht rein logisch und begrifflich konstruiert werden können“. (S. 17 f.) Zur Beziehung zwischen Hus- serl genauer, siehe Fellmann (1983) und (1989). Dabei ist auch zu berücksichtigen, daß Euckens System nicht mit dem von Husserl meßbar ist. Bei ihm wird weniger das Problem der Erkenntnis selbst, als vielmehr ein Programm zur Behandlung dieses Problems entwi- ckelt. (1983, S. 70)

44 Fellmann (1989), S. 25 f.

45 Vgl. Punkt 3.1. dieser Arbeit

46 Hier soll das gegenseitige Verständnis der damals herrschenden Schulen herausgearbeitet und nicht auf heutige Interpretationen (vgl. z.B. Holzwarth (1985), S. 75 ff.) der jeweiligen Ansätze zurückgegriffen werden.

47 Schefold (1988), S. 239, Heuss (1994), S. 138

48 Winkel (1977), S. 83 ff.

49 Häuser (1994), S. 57 f.

50 Schmoller, zitiert nach Häuser (1994), S. 58

51 Kurz (1989), S. 12 f.

52 Kurz (1989), S. 14

53 Kurz (1989), S. 14, Fußnote 6

54 Ollig (1982), S. 15 ff.

55 Winkel (1977), S. 140

56 Winkel (1977), S. 143 f.

57 Krüger (1983), S. 13 f. u. Hennis (1987), S. 162

58 Verzeichnis ehemaliger Schüler des Gymnasium Carola-Alexandrinum in Jena (1926)

59 Nach Angaben von Walter Oswalt. Erich Schott findet sich ebenfalls in dem Verzeichnis der Schüler dieses Gymnasiums.

60 Brief an die Großmutter Passow vom 28.12.1908

61 Brief an die Großmutter Passow vom 14.03.1909

62 Dietzel (1895), S. 1 f.

63 Lindenlaub (1967), S. 14 f.

64 Schefold (1988), S. 247 ff.

65 Eucken, R. (1922), S. 108

66 Brief an die Großmutter vom 14.03.1909

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Der junge Walter Eucken. Zur Bestimmung früher Einflussfaktoren auf sein Denken als Grundlage seines späteren Werks
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Note
1,7 (danach überarbeitet)
Autor
Jahr
1995
Seiten
75
Katalognummer
V24927
ISBN (eBook)
9783638276870
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walter, Eucken, Bestimmung, Einflussfaktoren, Denken, Grundlage, Werks
Arbeit zitieren
Jan Hüfner (Autor), 1995, Der junge Walter Eucken. Zur Bestimmung früher Einflussfaktoren auf sein Denken als Grundlage seines späteren Werks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24927

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