Psychologische Beanspruchung von Fußballtorhütern


Diplomarbeit, 2000
136 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhalt

1 Vorwort

2 Einleitung

3 Zur „Person“ des Torwarts
3.1.1 Leistungsfaktoren (Was muß ein Torhüter alles können?)
3.1.2 Was gab´s früher, den Ball oder das Tor? (ein geschichtlicher Überblick)
3.1.3 Die spinnen die Goalies - Der ganz normale „Tormann“ - Wahnsinn

4 Konzentration und Aufmerksamkeit
4.1 Merkmale der Aufmerksamkeit
4.1.1 Intensität
4.1.2 Beständigkeit
4.1.3 Umfang
4.1.4 Umschaltung
4.2 Gedächtnis, Vorstellung, Antizipation
4.2.1 Gedächtnis
4.2.2 Vorstellung
4.2.3 Antizipation und Automatisation
4.2.4 Taktik

5 Motive/Motivation

6 Emotionen und das flow-Erlebnis
6.1 Positive Emotionen
6.2 Das kognitiv-motivationale Mediatorenmodell
6.3 Das flow-Erlebnis
6.3.1 Elemente des flow-Erlebnisses
6.3.2 Struktur von flow-Aktivitäten
6.4 Der Affekt

7 Angst und Angstbewältigung
7.1 Was ist Angst?
7.2 Angst und Erregung
7.3 Yerkes-Dodson-Gesetz
7.3.1 Kennzeichen der Aktiviertheit
7.4 Bewältigungsmechanismen
7.4.1 Coping
7.4.2 Biofeedback

8 Kommunikation des Torhüters mit seiner Umgebung
8.1 Torwart - Trainer - Interaktion
8.2 Torwart - Torwart - Interaktion
8.3 Torwart - Feldspieler - Interaktion
8.4 Torwart - Zuschauer - Interaktion

9 Zusammenfassung

10 Anhang
10.1 Das Interview

11 Literaturliste
11.1 Erweiterte Literatur
11.2 Schriftenreihe
11.3 Video
11.4 Zeitschriften
11.5 Radio

Vorwort

Dem interessierten Leser oder der interessierten Leserin möchte ich zu etwas mehr Verständnis für die schwierige aber auch oft so faszinierende Situation des Fußballtorhüters verhelfen.

Alles, was in dieser Arbeit über den Torhüter gesagt wird, gilt in gleicher Weise für die Torfrau (den weiblichen „Torhüter“). Um eine Wortwiederholung zu vermeiden, werde ich viele verschiedene Ausdrücke für den Torhüter gebrauchen - z. B. Torhüter, Torwart, Goalie, Schlussmann, Tormann/Torfrau, Nummer eins, Mann mit der Nummer eins, Panther, Spinne, Keeper, Torleute.

Da ich selbst Torwart bin, werde ich einige Beispiele oder nur Kommentare zu den einzelnen Beziehungen/Interaktionen mit Torhütern aus meinen eigenen Erfahrungen dazufügen und ergänzen, um etwas Persönliches in diese Arbeit zu bringen.

Ich fragte mich schon immer, wie die Torhüter es schaffen, schwierige Situationen zu meistern und mit all dem Druck - für eine mögliche letzte Rettung verantwortlich zu sein - fertig zu werden, kam mir die Idee, dass ich diese Fragestellung zum Thema meiner Diplomarbeit machen könnte.

Für die aufgebrachte Geduld, die Betreuung meiner Arbeit und dafür, dass er mir immer zu Verfügung stand und ein offenes Ohr für meine Anliegen hatte, möchte ich mich besonders bei Ao. Univ.-Prof. Dr. Günter Amesberger bedanken.

Weiters gilt mein Dank den österreichischen Spitzen-Torhütern, die sich für die Interviews bereitwillig zur Verfügung gestellte haben. Ferner möchte ich mich bei meinem Kollegen Mag. Hans Leitert bedanken, der mich beim „Aufspüren“ der Torleute tatkräftigst unterstützte.

Besonders hervorheben möchte ich Kollegin Eveline Gabler, die mir durch die Transkription der Interviews entscheidend weiterhelfen konnte. Auch für die Fertigstellung des Manuskripts möchte ich mich herzlich bei Markus Lohninger bedanken.

1 Einleitung

„Die zehn blaugelb leuchtenden Feldspieler versuchen, durch geschickte Raumaufteilung und schnelles Passspiel über mehrere Stationen, den Ball an den grünlich schimmernden Abwehrspielern vorbei zu spielen. Der Torwart beobachtet konzentriert das unaufhaltsame Näherkommen des Balles und versucht, durch rasche Positionswechsel zwischen den Torpfosten seine Stellung zum Ball für einen überraschenden oder platzierten Torschuss des Gegners zu optimieren. Da plötzlich - eine weit gezogene Flanke - Angreifer und Abwehrspieler kämpfen am Torraum in dem Farbgetümmel um die Herrschaft über das runde Leder, kaum sechs Meter vom Tor entfernt. Ein Stürmer springt am höchsten, ein kraftvoll schulmäßig ausgeführter Kopfstoß und - vergeblich! Mit überzeugender Sicherheit zieht der reaktionsschnelle und sprunggewaltige Torwart das weiße Leder an sich und begräbt es nach dem Abrollen seiner spektakulären Hechtabwehr in die Kreuzecke unter seinem Körper. Der Gewinn des Balles ist sein Ziel, wofür er innerhalb des Strafraumes als einziger seine Hände benutzen darf. Hätte der Torwart einen kurzen Moment später reagiert, würde er ins Leere greifen.

Selbstverständlich erfordert die Bewältigung solcher Aktionen eine optimale Fitness. Aber ohne ein ausgeprägtes Spielverständnis, ohne Mut und Entschlossenheit, ohne ein <geschultes> Auge für die Länge und Geschwindigkeit von Pässen und Flugbällen könnte er, der hinterste Spieler vor dem eigenen Tor, seine konditionellen und technischen Eigenschaften - seine Gewandtheit und Reaktionsschnelligkeit, seine Sprungkraft und sichere Fangtechnik - in vielen Spielsituationen nicht optimal einsetzen.“ (Petrakovits 1998, S. 3/4).

In dieser Diplomarbeit soll nicht die körperliche, sondern die psychische Beanspruchung des Torwarts - wie erlebt der Goalie gewisse Situationen (Flanken, Freistoß, Gegner läuft alleine auf ihn zu)? - im Mittelpunkt stehen. Die Fragen richten sich nach seiner Bewältigung von solchen psychisch belastenden Situationen und wie er sie erlebt hat. Das Ziel der Arbeit ist die Klärung der Frage, ob sich Torhüter speziell und bewusst mit dem psychologischen Training auseinandersetzen.

Zuerst werden Kategorien wie Konzentration und Aufmerksamkeit, Motive und Motivation, Emotion und flow-Erlebnis, Angst und deren Bewältigung und zum Schluss noch die Kommunikationsmöglichkeiten des Torhüters mit seiner Umgebung beleuchtet. Es wird versucht, die Trainingsarbeit eines Tormannes darzustellen, und zwar nicht das körperliche Training, sondern die Leistungskapazität, die durch „Kopfarbeit“ noch herauszuholen ist - der kognitive Bereich also. Einerseits sollen die verschiedenen Kapiteln beim Tormann-Sein die theoretische Grundlage bilden, andererseits entwickeln sich aus den Fachgebieten die speziellen Fragen für den Torhüter in den speziellen Situationen. Um die Zusammenhänge und inneren Strukturen aus der Sicht der Torhüter darzulegen, werden qualitative Forschungsmethoden herangezogen. Diese Zusammenhänge werden an konkreten Problemen des Subjekts angesetzt (vgl. Mayring 1990, S. 13). Der qualitative Ansatz betrachtet in der Feldforschung das menschliche Handeln als situationsbedingt (Nitsch 1997, S. 437).

Als Grundlage der Erfassung der inneren Vorgänge scheint das halb-strukturierte und offene Interview (vgl. Mayring 1994, S. 44) geeignet. Diese qualitative Untersuchungsform nimmt zwar mehr Zeit in Anspruch, dafür werden aber weniger Probanden benötigt. Außerdem sind die Äußerungen der Befragten individueller und treffen das Thema der Diplomarbeit mehr. Die qualitative Befragung eignet sich eher für verbalisierungsfreudige Personen, sie arbeitet mit offenen Fragen und lässt dem Befragten genügend Spielraum beim Antworten. Die Interaktion zwischen Befragtem und Interviewer wird ebenso berücksichtigt wie die Eindrücke des Interviewers. Für die Stichprobe wurden Tormänner aus der höchsten österreichischen und deutschen Fußball-Liga - sowohl Standardtorleute als auch Ersatztorhüter - ausgewählt. Die Teilnahme an den Interviews war freiwillig und fand in einer vertrauten Umgebung bei den jeweiligen Personen statt. Die Befragungen wurden auf Tonband aufgezeichnet und anschließend transkribiert.

Den Probanden wurden drei Szenen aus ihren eigenen Abwehraktionen (Freistoß, 1 gegen 1-Aktion, Flanke) mittels Video vorgespielt. Auf diese Aktionen bezogen sich dann die Fragen. Der Torhüter konnte daher einzelne Szenen noch aktuell nachvollziehen. Mit dem qualitativen Interview sollte der Befragte seine persönlichen Eindrücke wiedergeben, was bei einem Fragebogen schwer möglich gewesen wäre. Die Eindrücke und Vorgänge im Kopf wurden anschließend den einzelnen Kategorien, die ich aus der Literatur auswählte, zugeordnet und ausdiskutiert.

Die Auswertung der Interviews erfolgte gemäß der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (1990, vgl. Chorherr 1994, S. 138ff; vgl. Mayring 1994, S. 54; vgl. Flick 1996, S. 212ff). Dabei differenzierte Mayring drei Grundformen des Interpretierens: die Zusammenfassung, die Reduktion des Materials, sodass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, die Explikation, Beschaffung zusätzlichen Materials (lexikalisch-grammatikalische Definitionen) zu einzelnen fraglichen Textteilen (Begriffe, Sätze,...), um den Text zu erklären und die Strukturierung, also Herausfilterung und Einschätzung von Aspekten aus dem Material aufgrund bestimmter Kriterien (formal, inhaltlich, typisierend oder skalierend).

In den einzelnen Kapiteln wird die Theorie den praktischen Anwendungen der Torhüter gegenübergestellt. Die Interviewaussagen sollen den praktischen Hintergrund liefern, wobei aber auch unter den Torleuten unterschieden wird: Welche Gemeinsamkeiten treten bei den Goalies auf? Gibt es Unterschiede zwischen jungen und älteren Keepern beziehungsweise zwischen Einser- und Ersatztormännern? Wie bewältigen Schlussmänner belastende Situationen in Bezug auf die Theorie und wie können sie die Leistung durch Training optimieren? Eine weitere Frage stellt sich noch: Inwieweit sind die einzelnen Kapiteln/Kategorien im Training schon umgesetzt und welche Gebiete sind noch perfektionierbar?

2 Zur „Person“ des Torwarts

„Torhüter, Panther, Tiger, kurz Nummer Eins, der hütet das Tor und schreit laut mit seinen Abwehrspielern und Vorderleuten solange, bis er am falschen Fuß erwischt wird, und ein Tor bekommt, das er auf seine Kappe nehmen muss, und die Abwehr keine Mauer mehr für ihn macht.“ (Ö3, am Sonntag dem 20. März 1994, zwischen 2230 bis 2245)

Der „Torhüter“ nimmt eine Sonderstellung ein, die schon optisch dadurch dokumentiert wird, dass er sich laut Regelwerk in der Spielkleidung von den Feldspielern beider Mannschaften unterscheiden muss. Er darf den Ball mit der Hand spielen (nur im eigenen Strafraum), was sonst keinem Spieler auf dem Spielfeld erlaubt ist. Seine Aufgabe besteht darin, dank seiner Fähigkeiten wie Sprungkraft, Fangsicherheit, Reaktionsschnelligkeit und Stellungsspiel die Torschüsse des Gegners abzuwehren. Aber auch die Organisation zählt zu seinen Aufgaben. Nach gehaltenen Bällen hat er Einfluss auf den Fortgang des Spielgeschehens, kann die Bälle nach vorn schlagen oder werfen oder auch in der Abwehr halten; er kann damit ein Spiel schnell oder langsam machen, was spieltaktische Fähigkeiten voraussetzt.

Die sich aus der Position des Torhüters ergebenden Entfaltungsmöglichkeiten sind einerseits überaus reizvoll, stellen aber andererseits hohe Anforderungen an sein psychisches und physisches Leistungsvermögen. Von den Leistungen eines Torhüters hängen im entscheidenden Maß Erfolg und Misserfolg einer Mannschaft ab. An einem guten Torhüter kann sich ein Team, also seine Mitspieler orientieren, neu motivieren und aufrichten. Torhüter können aber auch die ganze Mannschaft verunsichern und zum Ausgangspunkt vieler Fehlerquellen seiner Vorderleute werden.

„Ein Spiel gewinnen kann er nie,

aber eine Niederlage vereiteln.

Als einzelner in der Elf erzielt

er wohl den schönsten Sieg,

wenn er über sich selbst hinauswächst.“

(Worte eines Trainers)

2.1.1 Leistungsfaktoren (Was muss ein Torhüter alles können?)

Wie beurteilt man eigentlich einen guten Torwart. Geht es darum, dass er unhaltbare Bälle abwehrt, oder geht es um das augenscheinliche fehlerlose Spielen?

Die Leistungsfaktoren will ich in dieser Arbeit nur kurz anreißen. Es soll gezeigt werden, dass ein komplexes Anforderungsprofil der Torwarte-Ausbildung zugrunde liegt.

Er muss schnell die Gefahr erkennen und bannen. Außerdem muss der Goalie danach trachten, so schnell wie möglich in den Ballbesitz zu kommen, dabei ist sein Stellungsspiel äußerst wichtig. Vom Tormann werden immer optimale Leistungen erwartet und gefordert. Mentale, körperliche und äußere Faktoren wie Ausrüstung, Witterungsbedingungen und Zustand des Spielfeldes spielen dabei eine wichtige Rolle und sind bestimmend für ein gutes oder schlechtes Spiel.

Zu Beginn des Torhüterwesens stand entweder ein nicht so begnadeter Fußballspieler im Tor oder „der kleine Dicke“ (LOY 1991, S.3). In der Gegenwart wird vermehrt auf die Größe eines Tormannes geschaut. 1990/91 betrug die Durchschnittsgröße aller 18 Bundesliga-Goalies in Deutschland 1,861 Meter, wobei keiner unter 1,80 Meter war. Auch in Amsterdam bei Ajax werden schon in jungen Jahren die Torhüter nach deren Größe ausgesucht und nach ihrem genetischen Werdegang (vgl PETRAKOVITS 1998, S. 5).

In der Literatur sind die Größen-Untersuchungen bei Tormännern das einzige Anforderungsprofil. Über den technisch-taktischen oder den speziellen konditionelle Bereich lassen sich nur wenige Untersuchungsergebnisse oder Literaturhinweise finden, und gar nichts aber über die psychologischen Merkmale, die ein Schlussmann haben sollte. Das ist umso erstaunlicher, weil ja der Keeper innerhalb der Mannschaft eine entscheidende Funktion inne hat. Denn wie schon oben im Zitat beschrieben, ist der gute Torwart sowohl im Fußball, wie auch im Eishockey oder Handball „die halbe Miete“ (THIEL/HECKER 1991, S. 11).

Durch welche leistungsbestimmende Faktoren lässt sich nun das Tormannspiel auszeichnen?

Sicher stehen Sprungkraft, Fangsicherheit, Reaktionsschnelligkeit, Mut und Geschicklichkeit ganz oben auf seiner Liste. Aber auch gutes Stellungsspiel, die Beherrschung des Strafraumes und die Organisation der gesamten Abwehr zählen zu seinen Aufgaben - Taktik. Weiters sollte eine gute Technik bei Abstößen und Abschlägen sowie bei Abwürfen bereits im jugendlichen Alter zum Repertoire eines Torhüter gehören. Neben diesen Faktoren gehört die Kondition, Rumpfkraft und vor allem die psychischen Faktoren zum Anforderungsprofil eines guten Torhüters. Oft zeichnet sich der Torhüter auch durch übermäßigen Ehrgeiz aus.

„Eigenschaften wie Reaktionsschnelligkeit, Sprungkraft und Stellung zum Ball etc. Was in den letzten Jahren neu hinzugekommen ist, ist eben dieses verstärkte Mitspielen und auch die Zweikämpfe des Torhüters.“ (GERISCH/REUTEMÖLLER 1991, S. 39).

2.1.1.1 Technisch-taktische Anforderungen

Hier unterscheiden wir zwei Arten: den defensiven (Gegner ist im Ballbesitz) und den offensiven (Tormann ist im Ballbesitz) Aufgabenbereich.

Bei einer Untersuchung von LOY (1991) geht hervor, dass nur ein Drittel der Aktionen den defensiven Bereich betrafen, dafür aber zwei Drittel den offensiven Bereich. Weiters zeigte sich, dass die Torhüter nur bei 29% der aufs Tor geschossenen Bälle eingreifen mussten. 16% wurden gehalten und 13% abgewehrt. Die restlichen 71% fanden entweder den Weg ins Tor, oder sie gingen vorbei oder wurden von den Feldspielern abgelenkt.

Zum defensiven Aufgabenbereich gehören Ball aufnehmen, Flanken fausten oder fangen, Schuss abwehren oder halten und Aktionen, die sich außerhalb des Strafraumes befinden. Bei diesen Aktionen gilt der Keeper als letzter Abwehrspieler.

Als erster Angreifer zählt der Schlussmann im Moment des Ballgewinns. Denn von da an ist der Torwart für den Spielaufbau seiner Mannschaft zuständig. Für diesen Aufbau sind drei Zuspielarten möglich: der Abschlag, der Abwurf und der Abstoß.

2.1.1.2 Das Stellungsspiel

Für ein ausgewogenes Stellungsspiel gelten als Grundvoraussetzung alle Grundtechniken des Tormannes (fangen, hechten, tauchen, abrollen, ...). Unter dem Begriff versteht man das Bewegen des Torhüters vor seinem Tor in Bezug auf den Ball und teilweise auch auf den Gegner.

„Das Stellungsspiel wird durch genaue Beobachtungen des Gegenspielers, spezielle Vorinformationen über ihn und durch die Zusammenarbeit mit den Abwehrspielern beeinflusst.“ (PETRAKOVITS 1998, S. 8).

Durch ein gutes Torhüterverhalten kann sich der Schlussmann in eine günstigere Position bringen als sein gegnerischer Stürmer. Zum Beispiel in der Situation 1 gegen 1: Durch das Herauslaufen schneidet der Torwart den Einschusswinkel für den Stürmer so ab, dass es für diesen mehr als schwierig wird, den Ball im Tor unterzubringen. Für dieses Beispiel fand ich in der Literatur eine treffende Aussage. Obwohl sie vom Handball stammt, trifft sie auch im Fußball den Nagel auf den Kopf.

„Das Tor wird immer kleiner und das Schreckgespenst darin riesengroß.“ (THIEL/HECKER 1991, S.11)

2.1.1.3 Konditionelle Anforderungen

Nicht nur im Handball-/Fußballtor sollte ein sportlich vielseitig begabter, beweglicher und gewandter Sportler stehen, sondern er muss auch eine gehörige Portion Mut mitbringen. In der Regel sind das Athleten, die selbst schwierige Bewegungsaufgaben problemlos lösen und in anderen Sportarten wie Handball oder Leichtathletik zu den Besten zählen (vgl. THIEL/HECKER 1991, S. 13).

Eine provokante Aussage findet sich bei DANIEL (1993 S. 26), die über die Kondition des Torhüters aussagen will:

„Der Torwart muss die beste Kondition aller Spieler haben.“ (DANIEL 1993, S. 26)

Leider schaut dieses Statement in der Praxis etwas anders aus. Bei den Ausdauerläufen bilden die Tormänner oft die Nachhut. Diese Problematik der Praxis wird offenkundig, wenn das konditionelle Anforderungsprofil der Tormänner genauer aufgeschlüsselt wird.

2.1.1.3.1 Grundlagenausdauer

Gerade die Bedeutung der Grundlagenausdauer spielt im Tormannspiel eine wichtige Rolle. Wie kein anderer Spieler ist der Torhüter gefordert, auch in den Schlussminuten mit höchstmöglicher Konzentration seine Aktionen zu meistern. Durch ein gezieltes Ausdauertraining kann der Tormann ermüdungsbedingte taktische Fehlverhaltensweisen vermeiden und auch technische Fehlleistungen verringern (vgl. WEINECK 1992 S. 28ff). Der besser Ausdauer trainierte Goalie lässt nicht in Konzentration, Aufmerksamkeit und Beobachtungsfähigkeit nach. Die aerobe Grundlagenausdauer stellt ein Fundament für ein qualitatives und quantitatives Training zur Entwicklung spezieller Fähigkeiten dar.

Wenig sinnvoll erscheint es aber, dass die Werte der anaeroben Schwelle der Feldspieler auf den Torwart übertragen wird (WEINECK 1990 S. 62). Es ist sinnvoller die Grenze für den Schlussmann unter dem der Feldspieler anzusetzen, da der Torwart im Wettkampf nicht so viel laufen muss.

GERISCH (1990 S. 62) stimmte dem zu, indem er bei einem Cooper-Test schwächeren Ergebnissen der Torleute keine Bedeutung schenkte. Dafür kann die Zeit für den Torwart zur Optimierung relevanter Teilkomponenten (zum Beispiel Psyche, Taktik) verwendete werden.

Ein weiterer Aspekt: Höhere Leistungsbereitschaft durch eine verbesserte Durchblutung im Gehirn hat einen positiven Einfluss auf die kognitiven Prozesse. Das heißt, dass die neuronalen Netze erweitert werden, und dadurch eine schnellere Verarbeitung möglich ist (vgl. ORF-Modern Times vom 2. Februar 1996). Zusätzlich kann ein umfangreiches Trainingsprogramm durch eine schnellere Regeneration besser verkraftet werden.

2.1.1.3.2 Schnellkraft

Durch ein richtiges Stellungsspiel werden viele <Flugaktionen> auf der Torlinie unnötig. Dennoch gibt es im Spiel noch immer genug Aktionen, in denen der Schlussmann einen beschleunigenden Krafteinsatz (Würfe, Schüsse, Sprünge,...) sowie auch abbremsenden Krafteinsatz tätigen muss (abrupte Stopps, Richtungswechsel, ...). Diese Bewegungsformen prägen das Torhüter-Spiel, so muss die Komponente der Schnellkraft als wichtigste konditionelle Eigenschaft angesehen werden. Der größte Anteil von Abwehraktionen geschieht mit maximalem Krafteinsatz. (vgl LEITERT 1998 S. 112).

2.1.1.3.3 Rumpfkraft

Für die Nummer 1 ist es wichtig in den Zweikämpfen in Luftduellen bestehen zu können. Dafür sollte er ein in Bezug auf die ganze Körpermuskulatur ausgeglichenes Kraftniveau aufweisen, damit gelingen die torwartspezifischen Bewegungsabläufe ökonomischer. Darüber hinaus schützt es vor Verletzungen, und flößt dem Gegner Respekt ein. Nicht zuletzt ist auch ein psychischer Effekt zu nennen: Das Selbstvertrauen und die Anstrengungsbereitschaft werden erhöht.

2.1.1.3.4 Schnelligkeit

Für TESTI (1997; vgl LEITERT 1998 S 104) ist die tormannspezifische Schnelligkeit nichts anderes als die Fähigkeit, komplexe technische Aktionen im kürzesten Zeitpunkt perfekt durchzuführen. Die Schnelligkeit ist überaus komplex. Sie besteht nicht nur aus reagieren und handeln, sondern auch das schnelle Erkennen oder Vorausahnen („Lesen“) von Situationen (vgl LEITERT 1998, S 104) wird als Bestandteil der Schnelligkeit angesehen. WEINECK (1992 S. 378) unterteilt die Schnelligkeit in sieben Bereiche: Wahrnehmungs-. Antizipations-, Entscheidungs-, Reaktions-, Aktions-, Handlungs- und Bewegungsschnelligkeit ohne Ball.

Hier will ich zwei Arten der Schnelligkeit herausnehmen, die der Aktionsschnelligkeit (A) und die der Reaktionsschnelligkeit (B).

Ad A: Hier ist eine schnelle Arm- und Beinbewegung entsprechend der gewählten Abwehrtechniken aus jeder Körperlage von entscheidender Bedeutung. Ein wesentliches Teilelement für ein effektives Torhüterverhalten ist die rasche und koordinierte Ausführung der notwendigen Bewegungsabläufe.

Ad B: Als selbstverständlich wird die Reaktionsschnelligkeit einem Tormann zugeschrieben. Diese ermöglicht es ihm seine Abwehrreaktionen bei minimaler Verzögerung optimal einzusetzen. Dies gilt bei Einfachreaktionen - Nachsetzten nach einem durch die Hände gerutschten Ball - und bei den typischen Wahlreaktionen - Elfmeter, 1 gegen 1 Aktion.

2.1.1.3.5 Beweglichkeit/Gewandtheit

Dieser Faktor spielt in den vorangegangen konditionellen Anforderungen hinein. Gerade der Tormann muss bei seinen Aktionen - Antritte, Richtungsänderungen, Sprünge mit Handabwehr, abrollen... - ein entsprechendes Niveau an Beweglichkeit der beteiligten Muskeln haben. Vor allem im Hüft- und Schultergelenk soll der Schlussmann eine große Bewegungsamplitude aufweisen. Bei bestimmten Fußabwehren wird die Beweglichkeit benötigt (Beingrätsche). Sie schütze aber auch vor Verletzungen (Prophylaxe).

„Je beweglicher ein Sportler ist, umso schneller ist er.“ (DANIEL 1993, S. 27)

Nach diesem Grundsatz können Bewegungen bei erhöhter Beweglichkeit kräftiger und schneller ausgeführt werden, das den Widerstand der Antagonisten verringert. Außerdem ist die Kraft verkürzter Muskeln geringer. Wenn ein Sportler nun nicht beweglich ist, beeinträchtigt ihn das bei motorischen und technischen Lernprozessen. Negative Auswirkungen auf das Fertigkeitsniveau und die Motivation können die Folge sein.

2.1.1.3.6 Koordinative Fähigkeiten

Um den Anforderungen eines Wettkampfes Stand zu halten, muss der Torwart auch ein kompaktes Rüstzeug an koordinative Fähigkeiten mitbringen: Reaktions-, Gleichgewichts-, Orientierungs-, Rhythmisierungs-, Umstellungs-, Kopplungs- und Differenzierungsfähigkeit.

2.1.1.4 Psychische Anforderungen

Psychische Leistungsfaktoren spielen beim Keeper oft eine entscheidende Rolle. Stress, Angst vor Misserfolg, Aggressionen oder Enttäuschungen beeinflussen die Nummer 1. Diese Einflüsse muss der Torwart aber versuchen, über die Spielzeit zu vertreiben, damit er in höchster Konzentration agieren kann.

„Spiele werden bekanntlich oft im Kopf entschieden. Dann bringt die beste taktische und konditionelle Vorbereitung wenig, wenn die Spieler im entscheidenden Moment nervlich versagen.“ (DANIEL 1993, S. 27)

Der Torhüter muss seine Nerven im Zaum halten können. Denn oft wird er nur in einigen gefährlichen Situationen, die aber Spiel entscheidend sind, geprüft. In solchen Szenen zeigt sich, welcher Schlussmann über die bessere Konzentration und Kondition verfügt. Um in den entscheidenden Momenten das ganze Repertoire ausspielen zu können, sollte der Tormann psychisches Training betreiben, um sich auf jede Situation vorbereiten zu können: Fehler dürfen ihn während des Spiels nicht beschäftigen, er muss um jeden Ball kämpfen, er sollte immer positiv denken, er gibt nie auf, er zeigt dem Gegner sein Selbstbewusstsein, lässt sich von Äußerungen nicht aus der Ruhe bringen...

In gewisser Beziehung ist der Torwart mit einem Einzelsportler, z. B. mit einem Tennisspieler, gleichzusetzen, weil bei dem eben auch unheimlich viel im Kopf abläuft. Von daher ist die psychische Belastung wesentlich größer als beim Feldspieler.“ (GERISCH/REUTEMÖLLER 1991, S. 39-40)

Ein Feldspieler kann immer noch, wenn es bei ihm nicht läuft, seine Formkrise eher kaschieren. Beim Torhüter hingegen spiegelt das Spiel seine Form erbarmungslos wider.

Für den Schlussmann ist es wie für seinen Trainer wichtig, diese Faktoren, die die Leistung beeinflussen, genau zu kennen. Sein Spiel kann dann systematisch analysierte werden, wobei Stärken und Schwächen unter die Lupe genommen werden können. Mit einer guten Methodik kann daran gearbeitet werden, diese Eigenschaften einzuüben, zu verbessern, zu perfektionieren und zu bewahren.

2.1.2 Was gab es früher, den Ball oder das Tor? (ein geschichtlicher Überblick)

Mit Sicherheit weiß man jedenfalls, dass es in früheren Zeiten keinen Torwart gab. Im ersten Buch über Fußball „Guico del calcio“, das 1580 in Florenz erschienen war, lesen wir nichts von einem „portiere“ (Torhüter). 1863 wurde im Auftrag der „Football Association“ die Spielregel zum ersten Mal schriftlich niedergelegt. Es dauerte weitere acht Jahre, bis der Schlussmann geboren war Die englische „Football Association“ beschloss 1871 die Spielregel, dass es nur mehr einem Spieler erlaubt war, den Ball in die Hände zu nehmen: DER TORWART, der das Tor verteidigt. Ein Fußballspieler, der eigentlich gar keiner ist. Der Torhüter gehört zur Elf, aber ist gewissermaßen auf sich alleine gestellt. Sein Platz ist das Tor, das es zu verteidigen gilt, aber er ist gleichzeitig Regisseur und Organisator seiner Abwehr. Heute ist der Tormann einer von elf und immer weniger ein Einzelgänger. Der Status des Goalies wurde schon bald aufgewertet. 1877 zimmerte man eine Torlatte. 1885 wurde in Birmingham zum ersten Mal ein Netz hinter die Latte gespannt. Seit dem Jahre 1902 ist das Handspiel des Schlussmannes auf den Strafraum beschränkt. Der Torwart entwickelte sich zu einem Allroundspieler, der in der heutigen Zeit bis weit vor seinem Tor mitdenken und agieren muss. Ein Organisator der Abwehr, der Selbstvertrauen, Übersicht, Fingerspitzengefühl und exzellente Technik vereinen muss (vgl. MORRIS 1981 S. 13ff).

2.1.3 Die spinnen die Goalies - Der ganz normale „Tormann“ - Wahnsinn

Leute, die alles halten, sind normale Menschen, aber dennoch außergewöhnliche Typen. Jeder ist auf seine Art ein „Spinner“. Einige Torleute laufen immer mit der gleichen Dressfarbe auf den Platz, weil sie schon eine lange Siegesserie hinter sich haben. Andere wiederum schwören auf eine überlange kurze Torwarthose. Wieder ein Goalie klopft vor jeder Partie auf die Torstangen und fleht: <Bitte, helft mir. Lasst mich beim Match nicht im Stich.> Eine weitere Nummer 1 lässt sich vor jedem Spiel von der Frau des Platzmeisters auf den rechten Schuh ein weißes Kleeblatt malen. Solche Rituale helfen dazu, die Konzentration zu vertiefen, die Automatik einzuschalten, das Leistungsvermögen zu vergrößern, locker zu bleiben und dergleichen mehr. Der Athlet sollte sich der Hilfe seiner Rituale bewusst werden, und aus ihrer Anwendung Energie und Sicherheit ziehen.

Auch wenn der Schlussmann nur auf der Bank sitzt. Maskottchen stehen bei den meisten Torleuten hoch im Kurs: So gibt es Plüschtiere, Hufeisen, Kappen, Lederbänder, ... Die Ursache für den Glauben an die Wirksamkeit von Maskottchen ist in der alogischen Verknüpfung von Ursache und Wirkung zu sehen. Der Erfolg wird ganz oder teilweise dem Talisman zugeschrieben und nicht dem Training oder den eigenen Fähigkeiten. Außerdem findet der Sportler beim Maskottchen Ruhe, Sicherheit und Zuversicht. Es zieht die Konzentration des Keepers auf sich und lenkt von negativen Gedanken ab.

Der Aberglaube steht vor allem bei den Torleuten hoch im Kurs. Er gewinnt eine Schutzfunktion, die darin besteht, dass der abergläubische Tormann bestimmte Dingen - Gegenstände, Lebewesen oder bestimmten Handlungen - magische Kräfte zuspricht, um eine bedrohliche Situation zu bewältigen oder ein herannahendes Unglück abzuwenden.

„Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet,

braucht man sie auch nicht woanders zu erwarten.“

(La Rochefoucault)

3 Konzentration und Aufmerksamkeit

Wie schafft es ein Torhüter, seine Konzentration über längere Zeit aufrecht zu erhalten beziehungsweise wieder neu in eine Richtung zu lenken? Ein Tormann soll sich 90 Minuten lang konzentrieren. Ist das möglich? Kann ein Goalie in der Aktion selbst seine Handlungen bewusst verfolgen? Oder geschieht sein Bewegungsablauf ganz von selbst, also automatisch?

Ich möchte ein wenig ausholen, um dem Leser das Kapitel näher zu bringen. Gabler/Nitsch/Singer (1986) sprechen von einer (Spiel-) Intelligenz, die sich sehr komplex zusammensetzt. Neben Wahrnehmung, Vorstellung und Gedächtnis fassen sie Aufmerksamkeit, Konzentration und Antizipation unter Intelligenz zusammen. Als siebenten Punkt führen sie die Taktik an, die sich aus strategischem, operativem und intuitivem Denken bildet. In dieser Arbeit soll das Hauptaugenmerk auf die Aufmerksamkeit und Konzentration gelegt werden, aber auch die Bereiche Antizipation und Taktik, davon vor allem das intuitive Denken, werden kurz abgehandelt.

Im Alltag spricht man von Aufmerksamkeit und Konzentration, wenn sich eine Person einem Objekt oder Ereignis zuwendet. Zusätzlich sollen sich auch die inneren Gedanken auf dieses äußere Objekt richten. Im allgemeinen wird der Begriff Aufmerksamkeit als Oberbegriff für gerichtete und eingegrenzte Wahrnehmung verwendet (vgl. Gabler/Nitsch/Singer 1986).

In der Sportpsychologie werden Aufmerksamkeit und Konzentration oft austauschbar angewandt. Beckmann (1991) hingegen unterscheidet zwischen den beiden Begriffen. Grob gesprochen ist die Aufmerksamkeit die Verarbeitung ausgewählter Reize und Konzentration ein Willensprozess, der sicherstellt, dass nur solche Reize der Aufmerksamkeit zugeführt werden, die für eine aktuelle Absicht relevant sind (vgl. Beckmann 1991, In: Janssen/Hahn/Strang, S. 76). Beckmann fasst die Konzentration also als Willensprozess auft, was bedeutet, dass der Handelnde die Konzentration unter seiner Kontrolle hat. Wenn er will, kann er sich konzentrieren. „Schlechte“ Ergebnisse werden dann oft einer mangelnden Konzentration zugeschrieben: „Konzentriere dich einmal!“ bekommen die Athleten in diesem Fall oft zu hören.

Die Menschen sind nicht in der Lage, alle Umwelteinflüsse tief und gründlich zu verarbeiten. Einige Theorien (vgl. Baddeley 1986; Wikens 1984) sprechen von einer begrenzten Verarbeitungskapazität für die auf uns eindringenden Reize.

„Man kann an diese Annahme anschließend den mit Konzentration eng verknüpften Begriff der Aufmerksamkeit als einen Reizselektionsprozess definieren, der dieser begrenzten Verarbeitungskapazität Rechnung trägt.“ (Beckmann 1991, In: Janssen/Hahn/Strang 191, S. 76)

Wenn jetzt eine Handlung durch unwillkürliche Aufmerksamkeit gestört wird, dann kann ein wesentliches Bemühen auftreten, das die Aufmerksamkeit wieder auf bestimmte Dinge fixiert oder richtet. Eine aktive, willentliche Aufmerksamkeitsfixierung bezeichnet Beckmann als Konzentration im engeren Sinn.

Es lassen sich nun zwei Wege unterscheiden, mit denen eine Aufmerksamkeitsfixierung erreicht werden kann. Erstens geschieht sie durch ein aktives Bemühen, um andere Dinge auszublenden. Möglich ist das durch Selbstinstruktion wie „Konzentriere dich (auf die Sache selbst oder auf ein Detail)!“ - etwa dem Ball entgegenzukommen. Der Nachteil dieser Möglichkeit ist allerdings, dass er einen Teil der begrenzten Verarbeitungskapazität kostet. Der zweite Weg findet über ein Aufgehen in der Aufgabe selbst statt. Hier treten aufgabenimmanente Reize so stark in den Bewusstseinsvordergrund, dass andere Reize gleich gar keine Chance bekommen, eine tiefere Verarbeitung zu erlangen. Der Vorteil dieser Möglichkeit ist, dass er keine Verarbeitungskapazität in Anspruch nimmt. Dies ist also eine optimale Voraussetzung für die optimale Leistung.

Was geschieht aber bei mehreren aufgabenirrelevanten Reizen in einer Situation? Zuerst sollte unter Konzentrationsbemühungen eine zweite Phase erreicht werden, in der eine optimale Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit erreicht wird. Diese zweite Phase sollte die Intensität der Aufmerksamkeit als Intensitätsniveau unter unbehinderten Bedingungen übersteigen.

Ein „Gesammeltsein“ und ein „Gerichtetsein“ auf Objekte und Handlungen gekoppelt mit Motivation ist für den sportlichen Erfolg von großer Bedeutung. Dieses Gerichtetsein kann mit einem Lichtkegel eines Scheinwerfers verglichen werden. Einen Gegenstand beleuchtet der Lichtstrahl mit Helligkeit, ringsherum allerdings versinkt alles in Finsternis. Diesen Zustand bezeichnet Schubert (1981) als Konzentration der Aufmerksamkeit. Mit diesem sogenannten Spot konzentriert sich der Torhüter zum Beispiel beim Elfmeter auf das Schussbein des Schützen (vgl. Neumaier/Te Poel/Standtke, 1986, In: Sportpsychologie 5/87, S. 23). Hier wird die Aufmerksamkeit gebündelt und auf einen kleinen Teil gerichtet. Dieser Spot wird in der Literatur als Konzentration bezeichnet. Aufgrund der genauen Studie einer sportlichen Tätigkeit erkennt man, dass Aufmerksamkeit und der Begriff Konzentration nicht synonym verwendet werden können, obwohl dies in der Umgangssprache sehr oft fälschlicherweise geschieht. Auch die Literatur interpretiert diese psychische Eigenschaft widersprüchlich.

Ein Beispiel: Der Mittelfeldspieler schießt den Ball seinem Stürmer in den Lauf. Dieser hat nun nur mehr den Torwart vor sich. Der Interviewpartner D sieht diese Aktion so:

„Sobald der Ball vom Spieler weg ist, weiß ich, dass nichts anderes mehr sein kann, dass es eine 1:1-Situation ist und ich schneller sein muss. [...] In so einem Fall bin ich nur auf den Ball konzentriert.“ (Interviewpartner D)

Die Aufmerksamkeit hat auch einen auswählenden Charakter. Denn sie kann aus einer Vielzahl an Einflüssen aus der Umgebung nur einen ganz kleinen Teil der Reize aufnehmen und verarbeiten (Wittling 1976).

„Die Aufmerksamkeit ist eine auswählende und regulierende Gerichtetheit des menschlichen Bewusstseins, in der die dialektischen Wechselbeziehungen zwischen Subjekt und Objekt sowie zwischen Bewusstsein und Tätigkeit zum Ausdruck kommen. Sie wird sowohl durch die Antriebe und Ziele der Persönlichkeit als auch durch den konkreten spezifischen Charakter der Objekte, Prozesse und Handlungen bestimmt. Sie ist eine Besonderheit psychischer Prozesse, mit deren Strukturveränderung sie im Sinne einer Sensibilisierung, das heißt Umwandlung in eine zielgerichtete Tätigkeit, unmittelbar verbunden ist.“ (Janssen 1991, S. 144)

3.1 Merkmale der Aufmerksamkeit

3.1.1 Intensität

Die Intensität bezeichnet den Grad der Anspannung, Aktivierung, Wachheit (Vigilanz). Damit wird die Spanne von der höchsten Anspannung bis zur nicht vorhandenen Aufmerksamkeit (Schlaf) gemeint. Der Grad ist sowohl abhängig vom Können und der emotionalen Einstellung des Sportlers als auch von der Schwierigkeit und Bedeutung der sportlichen Aufgabe (zum Beispiel Weltmeisterschaft).

Aufmerksamkeit und Konzentration sind ebenso vom Aktivitätszustand abhängig. Hier soll auf die Grundprobleme der Anspannung nur ganz kurz eingegangen werden. Die Aktivierung wird im Kapitel Angst noch genauer besprochen („Yerkes-Dodsonsches Gesetz“). Unter Aktivierung versteht man die Erregung von neuralen und psychischen Prozessen durch innere und äußere Reize über den gesamten Handlungsablauf (vgl. Amesberger 1993, S. 51).

Da die Intensität auch den Grad der Aktiviertheit - Wachheit oder Schlaf - anspricht, möchte ich noch einmal auf die Wachheit zurückkommen. Vigilanz wird von Gabler/Nitsch/Singer (1986) als Daueraufmerksamkeit beschrieben. Häufig ist es nicht nötig, den „Spot“ für einen unbegrenzten Zeitraum aufrechtzuerhalten. Viel wichtiger ist es, dass der Torwart eine eingeschränkte Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum konstant hält. Genau in diesen Fällen sprechen Galber/Nitsch/Singer (1986) von Daueraufmerksamkeit (Vigilanz). So ist der Torhüter während der 90 Minuten eines Spieles gefordert, bei konstanter Wachheit ständig bereit zu sein, gegenüber plötzlichen äußeren Ereignissen, die in zufallsverteilten Zeitintervallen auftreten (schneller Gegenangriff, Ball kommt plötzlich vor das Tor, ...) zu reagieren.

Das erste Zitat zeigt, dass einem Torhüter viel Aufmerksamkeit abverlangt wird. Er muss 90 Minuten wachsam sein, wobei neben Aufmerksamkeitsprozessen vor allem auch Denkprozesse beanspruchend erlebt werden:

„... nach einem Spiel bin ich irrsinnig fertig [...] das Spiel läuft noch einmal vor mir ab und da brauche ich ein wenig Zeit, damit ich die Anspannung wieder abbauen kann und da bin ich noch stimuliert. [...] Jeden Augenblick so konzentriert sein und für die anderen auch mitdenken, das ist das, was dich im Endeffekt so müde macht.“ (Interviewpartner D)

Auch ein anderer befragter Torwart sieht ein wichtiges oder schweres Spiel einige Stunden später wie einen Film ablaufen, in dem er sich auf alles ganz genau erinnern kann. Während des Spieles ist er so angespannt, dass er keine Zeit dazu findet, abzuschalten.

„Aber dafür kann ich Stunden nachher nicht oder nur schlecht schlafen. Der Kopf arbeitet und dann kommen mir alle Szenen, aber die kommen mir ganz genau. Also da kannst du das Bild stehen lassen, der Ball war beim Outeinwurf links und ich weiß ganz genau wie es weitergeht.“ (Interviewpartner A)

Die Intensität der Aufmerksamkeit ist gerade bei den Torleuten am größten, weil sie die meiste Zeit über das Spiel konzentriert verfolgen müssen. Diese Daueraufmerksamkeit fordert von den Schlussmännern alles. So ist auch das Phänomen zu erklären, dass sie nach dem Spiel geistig müde sein können.

Es kann gesagt werden, dass es bei schweren Aufgaben zutrifft, dass das optimale Aktivierungsniveau niedriger liegt als bei leichten Aufgaben. Der Zusammenhang zwischen Leistung und Aktivierung ist im Sport sehr gut bei den 100m-Läufern zu beobachten. Sprinter können nur dann gute Leistungen erbringen, wenn sie sich in einem gewissen Aktivierungszustand (Vorstartzustand) befinden. Der Torwart muss immer nach seinem persönlich richtigen Aktivierungsgrad (Arousal) streben, dann kann er eine optimale Leistungen zeigen. Dass das jedoch über 90 Minuten lang anstrengend ist, zeigen die beiden Aussagen.

3.1.2 Beständigkeit

Beständigkeit beschreibt die zeitliche Dauer der Aufmerksamkeit sowie deren aufgabenangemessene Intensität.

„Sie bewegt sich zwischen zwei Polen, die eine differenzierte Skala von großer Beständigkeit (geringe Schwankungen und Ablenkbarkeit, spätes Nachlassen der Intensität) bis zu geringer Beständigkeit (große Schwankungen und Ablenkbarkeit, schnelles Nachlassen der Intensität) abgrenzen.“ (Janssen 1991, S. 147)

Die Aufmerksamkeit unterliegt immer wieder unwillkürlichen Schwankungen, die aber nur geringfügig Einfluss haben, wenn die Beständigkeit hinreichend geschult wird. Beständigkeit setzt das Interesse und eine sinnvolle Gebundenheit des Inhaltes in einem geordneten System ebenso wie die Bereitschaft, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, auch wenn der Inhalt weniger interessant scheint, voraus.

Die Anforderungen an die Beständigkeit sind unterschiedlich: Sportspiele mit langer Wettkampfzeit und intervallartigen Belastungen stellen andere Anforderungen als Sportarten mit kurzen Wettkampfzeiten, in denen die Aufmerksamkeit auf hohem Niveau gehalten werden muss, wie zum Beispiel im Sprint und beim Geräteturnen. Torwarte sind in die erstere Gruppe einzureihen, daher ist große Beständigkeit der Aufmerksamkeit ohne allzu starke Schwankungen eine zentrale Leistungsvoraussetzung und entsprechend zu trainieren.

Im folgenden Interviewausschnitt wird deutlich, dass Daueraufmerksamkeit durch äußere Einflüsse beeinträchtigt wird:

„Ja, wie gesagt, sei es, dass du vom Training müde bist, sei es, dass du durch irgend etwas abgelenkt bist, dass das mit dem Konzentrieren nicht ganz funktioniert, sei es, dass du private Probleme hast, da musst du natürlich abschalten können, das gelingt halt nicht immer. [...] Du kannst dich nicht richtig auf das Match konzentrieren, du wirst durch Kleinigkeiten abgelenkt und das ist der Grund, wieso ich das Quigong jetzt mache, das hilft mir irrsinnig gut. [...] Die Spiele, die ich gespielt habe, habe ich ganz gut gespielt ...“ (Interviewpartner D)

Dies zeigt, dass spezielles Konzentrationstraining für derartige Beanspruchungen erforderlich ist. In diesem Beispiel verwendet der Sportler eine allgemeine Zentrierungstechnik, um mit diesem Problem besser fertig zu werden. Ein anderer Torwart meint, sich eher „automatisch“ durch Konzentration auf die Aufgabenstellung ideal einzustellen.

„Das geht automatisch, ich weiß es nicht, wie es funktioniert? Wenn du dich auf das Wesentliche konzentrierst, dann wird das Rundherum zur Nebensache, also mit dem habe ich kein Problem, das geht schnell. [...] Die Zuschauer bekommt man im Unterbewusstsein mit, das stimmt einen schon positiv. Aber so richtig, ganz direkt mitbekommen kann man es nicht, was sie jetzt rufen. Oder dass du dich auf die Rufe konzentrierst, für das habe ich zuwenig Zeit. Oder ich glaube, für das hat jeder zuwenig Zeit.“ (Interviewpartner A)

Ein dritter Tormann kann besser mit Massen als mit kleineren Zuschauergruppen die Konzentration halten. Ablenkung scheint vor allem dann zu erfolgen, wenn er sich noch auf einzelne Störsignale konzentrieren kann.

„... das hat sich eigentlich von selbst entwickelt. Es ist ganz anders, wenn man in einem anderen Stadion spielt, wo viele Leute sind und rundherum ein Wirbel ist, als wenn man irgendwo vor ein paar hundert Zuschauern spielt. Da hört man die einzelnen Stimmen oft nur. Das ist es dann eher, was dich ablenkt. In den unteren Klassen und so bist du eher abgelenkt, aber wenn du voll auf das Spiel konzentrierst, passiert dir das nicht.“ (Interviewpartner B)

Um eine große Beständigkeit aufrechtzuerhalten, versuchen die Torleute, sich so wenig wie möglich ablenken zu lassen. Interviewpartner D bedient sich als einziger der Goalies einer mentalen Trainingsform. Quigong soll ihn in einen entspannten Zustand bringen, in dem er sich für das bevorstehende Spiel einstimmen kann.

Bei den beiden anderen Torhütern geht das Abschalten von selbst, ohne dass sie sich dabei bewusst einer bestimmten Methode bedienen. Sie lassen sich von den Zuschauern in den bestimmten Aktivierungszustand bringen, obwohl sie die Fans gar nicht richtig wahrnehmen.

Es kann aber auch passieren, dass der Schlussmann die Beständigkeit aufgrund einer Vorfreude verliert. Entweder steht ein wichtiger Sieg in wenigen Minuten fest oder es ist ein Meistertitel zum Greifen nahe. Da kann es schon vorkommen, dass die Konzentration nachlässt.

„... Aber leider zum Schluss war ich ein bisschen für einen Augenblick unkonzentriert, obwohl ich beim Tor nichts dafür konnte. Aber ich weiß, ich war schon mehr oder weniger beim Schlusspfiff. [...] Das sind so Kleinigkeiten - vielleicht habe ich da schon gehofft, dass der Schiedsrichter jeden Moment abpfeifft.“ (Interviewpartner D)

Nach Schubert (1981) kommen solche Aufmerksamkeitsschwankungen - unwillkürlich auftretende Veränderungen der Intensität der Aufmerksamkeit - dann vor, wenn der Organismus kurz und von sich aus „abschaltet“. Das ist wie mit einem Scheinwerfer. Dieser kann nicht stundenlang mit höchster Intensität arbeiten, daher ist es wichtig, die Lichtregie klug zu handhaben. Es muss hin und wieder die Wattzahl heruntergeschaltet und geschickt eine Pause eingelegt werden. So schont man den Scheinwerfer - und so arbeitet auch die Aufmersamkeit am ökonomischsten (Intensität und Beständigkeit der Aufmerksamkeit). Um dem entgegenzuwirken, muss ein Spieler so weit sein, dass er selbst durch gezielte Pausen die Kontrolle über seine Aufmerksamkeit aufrechterhält, und so die bereits angeführte Aufmerksamkeitsschwankung verhindert. Wie aus dem letzten Zitat ersichtlich ist, versucht der Interviewpartner D, mit einem kurzen „Schmäh führen“ seine Aufmerksamkeitsschwankung zu unterdrücken.

„Wenn ich mich mit einem Spieler gut verstehe, dann plaudere ich kurz mit ihm, mache einen kurzen Schmäh. Wenn zum Beispiel gerade ein Corner ist und einer mit dem Ball zur Cornerfahne läuft. Der steht ein wenig vor mir, dann reden wir kurz. [...] Und sobald der Ball wieder im Spiel ist, geht das eh nicht mehr. Dann bist du voll konzentriert. Vielleicht, dass ich dazwischen ein wenig durchblasen kann. So redest du halt mit wem, mit dem du dich gut verstehst, und dann passt alles wieder.“ (Interviewpartner D)

Hier kommt eine Ablenkungsmethode zum Einsatz: Der Tormann will durch das bewusste Ablenken seine Aufmerksamkeitsschwankung steuern.

Zusammenfassend können folgende Strategien festgehalten werden, die Torleute zur Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit und Konzentration einsetzen: Mit einer Zentrierungstechnik, wie zum Beispiel Quigong (eine Entspannungsmethode, die auf Autosuggestion beruht), wird das Problem auf den Punkt gebracht. Bei einer anderen Strategie werden Ablenkungsversuche „automatisch“ ausgeschaltet. Das geschieht, wenn sich der Tormann auf das Wesentliche konzentriert. Es kann aber auch sein, dass einzelne Ablenkungsrufe von Zuschauern in der Masse untergehen und so nicht wahrnehmbare Störsignale darstellen. Als eine letzte Variante wird die Ablenkungsmethode von den Tormännern angewandt.

Wenn man diese Ergebnisse mit der Literatur vergleicht, dann kann festgestellt werden, dass die Torleute versuchen, sich so wenig wie möglich ablenken zu lassen. Dabei versuchen die Keeper mit verschiedenen Strategien die Beständigkeit der Konzentration aufrecht zu erhalten. Wobei aber zu beachten ist, dass jeder Torwart für sich eine eigene Methode besitzt, wie er mit der „Lichtregie“ umgeht.

3.1.3 Umfang

„Der Umfang wird durch die Anzahl der wahrzunehmenden Objekte beziehungsweise der auszuführenden Handlungen bestimmt, auf die sich die Aufmerksamkeit gleichzeitig richtet.“ (Janssen 1991, S. 148)

Gerade im Sportspiel sind zwei Pole des Aufmerksamkeitsumfanges bedeutend: die Distributions- und Konzentrationsfähigkeit.

Unter Konzentrationsfähigkeit versteht man die Einengung des Aufmerksamkeitsumfanges auf ein Objekt oder eine Handlung. Hier handelt es sich um die bewusste Lehre der Aufmerksamkeit auf einen spezifischen Ausschnitt beim Wahrnehmungsfeld.

Schubert (1981) vergleicht diese Form mit einem Lichtkegel eines Scheinwerfers, der zielgerichtet auf ein Objekt leuchtet, während rundherum alles im Finsteren bleibt. Ein Beispiel dafür ist die Elfmetersituation im Fußball, wo der Torhüter seinen Blick nur auf den Ball beziehungsweise auf das Bein des Schützen gerichtet hat.

Je stärker man sich auf diesen „Punkt“ konzentrieren kann, desto stärker sind die spezifischen Gehirnerregungen und um so höher ist dort der Engerieverbrauch. Das bedeutet, dass höchste Konzentration nur relativ lang aufrechterhalten werden kann und Ermüdungserscheinungen, wie zum Beispiel in Form von unpräzisen Bewegungen und auch von Reaktionsverzögerungen, auftreten können.

Der Begriff der Distributionsfähigkeit bedeutet die Verteilung der Aufmerksamkeit auf mehrere Objekte. Zum Beispiel beim Mittelfeldregisseur im Fußball, der viele Faktoren und Variablen berücksichtigen muss, um sein Ziel zu erreichen: Ball, Mitspieler, Gegner, begrenztes Spielfeld.

Auch beim Torwart ist die Distributionsfähigkeit vorhanden. Wenn zum Beispiel vier Spieler auf ihn zustürmen, sollte er nicht nur den ballführenden Angreifer, sondern auch das Rundherum wahrnehmen, dazu den Ball und wo er sich selbst im Bezug auf das Tor und die Gegner befindet.

„... Ich schaue in erster Linie auf den Ball. Nur versucht man in dieser Situation auch das Andere im Blickfeld zu haben, du schaust auf den Ball und siehst aber doch genauso die Distanz, die der Spieler zum Ball hat und kannst dann schon immer mehr abschätzen, von wo aus er wie schießen wird.“ (Interviewpartner C)

Bei einer „1 gegen 1“-Situation liegt das Hauptaugenmerk des oben zitierten Torhüters in allererster Linie auf dem Ball. Die Distributionsfähigkeit streift er gerade noch. Der andere Schlussmann im Folgenden meint, dass die Konzentrationsfähigkeit steigt, wenn der Ball in den Gefahrenbereich kommt. Diese Einengung sollte aber nicht bewusst erfolgen.

„... Also ich glaube, wenn der Ball in den Gefahrenbereich kommt und nicht wenn er über die Mitte gelangt, dass du erhöht konzentriert bist, dann erhöht sich der Konzentrationslevel an und für sich. Aber unter Konzentration verstehen ja wir mitteleuropäischen Menschen, dass wir uns bewusst auf etwas konzentrieren. Aber das will ich ja auch nicht. Es sollte unterbewusst geschehen.“ (Interviewpartner E)

Auch ein dritter Keeper behauptet, dass die Einengung des Aufmerksamkeitsumfanges erst in einem gewissen Gefahrenbereich zum Vorschein kommt.

„... Ja, bei mir ist es so. Die Konzentration ist extrem, wenn sich eine Aktion speziell im Strafraum abspielt oder bei Standardsituationen. Da bin ich natürlich besonders konzentriert. Aber du musst das übrige Spiel lesen können, ein weiter Abschlag und dann kann auch einer alleine auf dich zurennen, musst du rauskommen oder nicht? (Interviewpartner D)

Bei den Torwarten zeigt sich, dass im und knapp um dem Strafraum die Konzentrationsfähigkeit extrem ausgeprägt ist. In dieser „Gefahrenzone“ existiert für einige nur mehr der Ball, für andere ist neben dem Ball auch seine unmittelbare Umgebung von Bedeutung, aber nur mehr peripher. Die eigenen Spieler und die Gegner nimmt ein Schlussmann im Gefahrenbereich ebenso wahr. Es ist ein Wechselspiel zwischen Distributions- und Konzentrationsfähigkeit.

„... Ich versuche schon immer wieder meine Erfahrung, einzubauen. Du schaust ja nicht nur auf den Torschuss, sondern du kannst als Tormann schon sehr viel im vorhinein verhindern, wenn du einteilst, wenn du richtig die Leute hinschickst und wenn du siehst, hoppala, da kann ein Wechsel kommen, schaust du, dass jeder Gegenspieler von einem Kollegen gedeckt wird, dass du die Situation voll erkennst.“ (Interviewpartner B)

Um lange in der Distributionsfähigkeit verweilen zu können, versucht der Interviewpartner B, Szenen vorauszuahnen. Dadurch kommt das Geschehen selten in die Gefahrenzone, in der der Goalie den Umfang einengen müsste. Das Einteilen ist umso wichtiger, je länger ein Spiel dauert. Obwohl von den brutto 90 Minuten die Netto-Spielzeit im Durchschnitt nur 50 Minuten beträgt, kann der Keeper durch geschicktes Einteilen oder Lesen einer Situation viel an Konzentration einsparen, wenn er den Gegner und den Ball aus seinem Gefahrenbereich halten kann. Schwenkmezger (1987) behauptet, dass der Torwart durch das frühe Erkennen von Situationen mit seiner Aufmerksamkeit haushalten kann.

„Dies ist schon aus biologisch-physiologischen Gründen anzunehmen, da die Kapazität des menschlichen Organismus offensichtlich nicht ausreicht, seine Aufmerksamkeit gleichzeitig vielen Gegenständen oder Handlungen mit gleich hoher Intensität zuzuwenden.“ (Schwenkmezger, In: Sportpsychologie 1/1987, S. 16)

Dass ein Torwart mit der Konzentrationsfähigkeit haushalten kann, zeigt die folgende Aussage:

„... Du musst einen Raum von 20 Metern in der Länge und Tiefe überblicken können, und das ist das Antizipieren, das da richtig kommen muss. [...] Du musst die ganze Aktion überblicken. Das ist es ja auch, was dich im Kopf so müde macht. [...] Da kommen im Match nicht nur eine, sondern 30 solche Szenen, wo du einen Spielzug vorlesen musst. Wenn du das beherrscht, dann hast du viel gewonnen. Das macht dich stark - das zeichnet einen guten Tormann aus - oder auch nicht.“ (Interviewpartner D)

Die Einengung des Umfanges soll durch Automatisation ausgeschaltet werden, das heißt: Wenn immer wieder ähnliche Situationen auf den Tormann zukommen, kann er aus einem Repertoire an bekannten Szenen auswählen.

Hier kann festgehalten werden, dass die Tormänner unbewusst mit ihren Ressourcen der Konzentration haushalten. Je stärker sich nun der Goalie mit der Konzentrationsfähigkeit beschäftigt, desto schneller ermüdet er. Daher kommt der enge Aufmerksamkeitsumfang erst in einer Gefahrenzone zur Geltung.

3.1.4 Umschaltung

„Unter Umschaltung der Aufmerksamkeit versteht man die situationsadäquate, schnelle Orientierung durch eine optimale Anpassung der Aufmerksamkeitsrichtung, der Aufmerksamkeitsintensität und des Aufmerksamkeitsumfanges an die Anforderungen der Umwelt.“ (Schwenkmezger, In: Sportpsychologie 1/1987, S. 16)

[...]

Ende der Leseprobe aus 136 Seiten

Details

Titel
Psychologische Beanspruchung von Fußballtorhütern
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
Gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
136
Katalognummer
V24973
ISBN (eBook)
9783638277198
ISBN (Buch)
9783638842464
Dateigröße
899 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine qualitative Analyse psychischer Verarbeitungsstrategien in Wettkampfsituationen
Schlagworte
Psychologische, Beanspruchung, Fußballtorhütern
Arbeit zitieren
Mag. Karlheinz Piringer (Autor), 2000, Psychologische Beanspruchung von Fußballtorhütern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24973

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