Sinn und Funktion von Systemen nach Niklas Luhmann


Hausarbeit, 2003
14 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Was sind Systeme?

3. Soziale Systeme als selbstreferentielle Systeme

4. Grenzen von Systemen

5. Struktur und Funktionalität von Systemen

6. Sinn im Zusammenhang mit sozialen Systemen
6.1 Weshalb organisieren sich Menschen in Systemen?
6.1.1 Subsysteme
6.1.2 Stabilisierung von Verhaltenserwartungen
6.1.3 Einführung von Routine
6.1.4 Überlebenssicherung durch Machtpositionen
6.1.5 Komplexitätsreduzierung durch bestehendes Vertrauen

7. Schlußwort

Anhang:

Literaturliste

1. Vorwort

In der Systemtheorie Niklas Luhmanns’ geht es vor allen Dingen darum, „eine hochkomplexe Theorie zu bauen, mit deren Hilfe die soziale Welt besser beobachtet werden kann.“[1] Die Konzeption seiner Theorie beschreibt er ausführlich in seinem 1984 erschienenen Werk „Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie“. Anregen zu dieser Theorie lies der 1927 geborene Wissenschaftler sich unter anderem von der Thermodynamik, der Biologie (Organismus), der Neurophysiologie, der Zellen- und Computertheorie und schließlich vom Gedankengut der Informationstheorie und der Kybernetik.[2]

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nun darzustellen, welchen Sinn und welche Funktionen Systeme nach dem Verständnis Niklas Luhmanns’ haben.

Dazu wird zunächst geklärt, was Systeme, ihre Grenzen und Strukturen sind und welcher Art von Systemen die Gesellschaft entspricht, um dann herauszuarbeiten, welchen Sinn die Organisation in Systemen für Menschen hat und wodurch ein System diesen Sinn vermittelt bzw. aufrecht erhält.

2. Was sind Systeme?

Systeme bestehen aus einer Anzahl von Einheiten, die von der übrigen Welt (z.B. von der Umwelt, der restlichen Welt oder anderen Teilen der Gesellschaft) weitgehend abgeschlossen sind. Dennoch interagieren die Einheiten selbstverständlich mit der Umwelt, sie können zumeist sogar nur allein im Kontakt mit dieser existieren (eine Schule als System z.B. könnte nicht mehr existieren, wenn nicht aus der Umwelt heraus beständig neue Schüler zu ihr kämen und so den Fortbestand des Schulsystems sichern würden).

Im jeweiligen System gelten zumeist spezifische Normen und Werte, welche die Einheiten in die Lage versetzten sich gegenseitig zu vertrauen und die Handlungen der anderen einzuschätzen, da diese nach systeminternen Rollenerwartungen handeln.[3] Diese Normen und Werte sind dabei in der Regel angelehnt an die Grundprinzipien der Gesellschaft in welcher das System existiert (z.B. das Grundgesetz der BRD, den Wahrheitsanspruch etc.). Wären sie entgegengesetzt dieser Grundwerte, würden diese Systeme vom Rest der Gesellschaft oder sogar von anderen Gesellschaften als feindlich angesehen und mit hoher Wahrscheinlichkeit bekämpft (so wurde z.B. der Nationalsozialismus bekämpft von anderen Gesellschaften, da dieser die fast weltweit als wichtig betrachteten Menschenrechte missachtete; weiteres BSP: die Verbotsdiskussion um die NPD in Deutschland).

Zum Ziel jedes Systems gehört es zu Überleben, um weiter seine spezifischen Funktionen erfüllen zu können.[4] Um die Funktionen erfüllen zu können benötigt es eine relativ stabile Struktur, diese ist dabei „die (relativ) stabile Verklammerung von Elementen, die Funktion dagegen die Aufgabe eines jeden dieser Elemente, die es zum Erhalt oder zur Zielerreichung des Ganzen zu erfüllen hat.“[5]

Dabei ist für Luhmann wichtig, dass „Der Systembegriff [...] im Sprachgebrauch unserer Untersuchungen [...] immer für einen realen Sachverhalt“[6] steht.

3. Soziale Systeme als selbstreferentielle Systeme

Welche Art von Systemen bildet nun die Gesellschaft bzw. die einzelnen Gruppen in ihr?

Einige Beispiele für soziale Systeme liefert das Buch „Soziologie – Eine Einführung für Angehörige des öffentlichen Dienstes“, dort werden z.B. „unsere Industriebetriebe, Parteien, Vereine, Kirchen, Verbände, Gefängnisse, Schulen und Krankenhäuser [...] ebenso die öffentliche Verwaltung, die Bahn, die Post und die Bundeswehr“[7] genannt.

Systeme in unserer Gesellschaft sind laut Luhmann selbstreferentiell[8] (auch autopoietisch genannt). Selbstreferentiell heißen solche Systeme, die das Vermögen besitzen sich selbst zu reproduzieren, sich also selbst herzustellen und dadurch für ihren Fortbestand zu sorgen, indem das System die Einheiten aus denen es besteht eigenständig neu erschafft .[9]

Dies passt zur Gesellschaft. Selbst wenn man den menschlichen Körper, die Kommunikationspartner oder ganze Gruppen als Systeme bezeichnet, stets läuft alles darauf hinaus, das Menschen zur Grundvoraussetzung ihrer Existenz gehören. Und Menschen sind nun mal in der Lage selbst neue Menschen hervorzubringen. Sie können ein System also selbstständig durch Reproduktion am Leben erhalten.

Das Ziel bzw. der Zweck eines sozialen Systems ist entweder von den Einheiten selbst gewählt ( z.B. wenn eine Familie sich entscheidet gemeinsam alles Hab und Gut anzusparen, um damit ein Haus zu bauen) oder von anderen vorgegeben (z.B. durch Vorgesetze in einer Firma oder Beschlüsse der / des Vereinsvorsitzenden).[10]

Eine Besonderheit von sozialen Systemen ist zudem, dass ihre Einheiten selbstständig entscheiden können, ob und wie lange sie einem System angehören möchten. Will jemand ausscheiden, so kann er dies tun durch Kündigung seiner Arbeitstelle (BSP: Verabschiedung aus dem System Industriebetrieb), Wechsel in einen anderen Verein (BSP: Ausscheidung aus dem System Verein) oder gar durch Ausscheidung aus dem kompletten sozialen System Gesellschaft durch Suizid.

Eine wissenschaftlichere Definition von sozialen Systemen findet sich in dem Lehrbuch „Schlüsselbegriffe der Soziologie“. Dort heißt es:

„Von ‚sozialen Systemen’ können wir nur da sprechen, wo und insofern Strukturen der realen Gesellschaften den Charakter von Systemen annehmen, d.h. wo aus wirklichem Verhalten und Handeln von Menschen Strukturen entstehen, die sich im Hinblick auf ein Telos funktional zusammenfügen. Hieraus entsteht eine übergreifende Struktur, die sich von einer Außenwelt abgrenzt“[11]

[...]


[1] Zitat aus „Soziologische Theorie“, S. 173

[2] vgl. dazu „Luhmann zur Einführung“, S. 102

[3] vgl. „Schlüsselbegriffe der Soziologie“, S. 112: „System ist ein Begriff, mit dem wir strukturelle Zusammenhänge unter dem Gesichtpunkt betrachten, dass sich alle Teilstrukturen in der Weise einander zuordnen, dass ein geschlossener, sich selbst erhaltender Funktionszusammenhang entsteht, der nach außen abgegrenzt ist. [...] Ein soziales System ist eine komplexe soziale Struktur mit Grenze. [...] Die das System tragenden sozialen Verhaltensweisen, Interaktionen und Strukturen werden als Funktionen des begrenzten Systems gedeutet. Was nun freilich als ‚Funktion’ zu betrachten ist, richtet sich nach Art des Systems.“

[4] Vgl. dazu: „Soziologie – Eine Einführung für Angehörige des öffentlichen Dienstes“, S. 90: „Wir können sagen: Soziale systeme sind in der Regel an der Erreichung ihrer Ziele und am Überleben interessiert.“

[5] „Soziologie – Eine Einführung für Angehörige des öffentlichen Dienstes“, S. 88

[6] Zitat Luhmann, nach „Luhmann zur Einführung“, S.27

[7] „Soziologie – Eine Einführung für Angehörige des öffentlichen Dienstes“, S. 107

[8] vgl. dazu: „Soziale Systeme – Grundriß einer allgemeinen Theorie“, S. 67: „Eine der wichtigsten Konsequenzen des Übergangs zu einer Theorie selbstreferentieller Systeme betrifft die operative Ebene bzw. die Systemprozesse. Selbstreferenz heißt auf der Ebene der Elemente: dass diese sich durch Rückbezug auf sich selbst miteinander verhaken und dadurch Zusammenhänge bzw. Prozesse ermöglichen. Dies kann jedoch nur bei hinreichender Gleichartigkeit der Elemente geschehen. Es kann deshalb, um dies an Extremfällen zu verdeutlichen, keine Systemeinheit von mechanischen und bewussten, von chemischen und sinnhaft-kommunikativen Operationen geben.

[9] vgl. dazu auch „Soziologische Theorien“, S. 174 :„ Maturana definierte autopoietische Systeme als eine spezielle Klasse von Systemen folgendermaßen: ‚ Jedes Element dieser Klasse ist ein dynamisches System, das als Netzwerk von Prozessen der Produktion seiner eigenen Bestandteile definiert ist; diese Bestandteile wirken zum einen durch ihre Interaktion in rekursiver Weise an der ständigen Erzeugung und Verwirklichung eben des Netzwerks von Prozessen der Produktion mit, das sie selbst produziert hat, und konstruieren zum anderen dieses Netzwerk von Prozessen der Produktion der Bestandteile als eine Einheit in einem Raum, den sie (die Bestandteile) dadurch definieren, dass sie seine Grenzen verwirklichen.’ (H.R. Maturana: Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig – Wiesbaden: Vieweg 1985, S.280)“

[10] vgl. dazu: „Soziologie – Eine Einführung für Angehörige des öffentlichen Dienstes“, S.89: „’Aufhänger’ der strukturell – funktionalen Theorie sozialer Systeme ist also das Ziel oder der Zweck eines sozialen Systems, wobei die Ziele von den Mitgliedern selbst gesetzt werden können oder aber den Mitgliedern [...] vorgegeben sind (hier sollte man von Zweck sprechen).“

[11] Zitat aus „Schlüsselbegriffe der Soziologie“, S. 116

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sinn und Funktion von Systemen nach Niklas Luhmann
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Soziologie)
Note
2,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V25036
ISBN (eBook)
9783638277709
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sinn, Funktion, Systemen, Niklas, Luhmann, Sozialwissenschaft, Klassiker, Soziologie, System, Systemtheorie, Niklas Luhmann
Arbeit zitieren
Conny Meyer (Autor), 2003, Sinn und Funktion von Systemen nach Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25036

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