Unterrichtspraktikum in einer Schule für Geistigbehinderte


Praktikumsbericht / -arbeit, 2004

104 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil I – Aussagen zur Schule und Praktikumsklasse
1. Einleitung
2. Die Schule für Geistigbehinderte
2.1. Kennzeichnung und Organisation der Institution
2.2. Die Schulleitung
3. Die Schüler
3.1.Die Schülerschaft als Gesamtheit

Teil II – Differenzierte Unterrichtsplanung mit Nachbereitung
1. Überlegungen zum Bedingungsfeld
1.1. Allgemeine Rahmenbedingungen
1.2. Beschreibung der Klassensituation
1.2.1. Kennzeichnung der Praktikumsklasse unter dem Aspekt der geistigen Beeinträch-tigung und auf weiteren Persönlichkeitsperspektiven
1.2.1.1.Angelika
1.2.1.2.Kathrin
1.2.1.3.Thomas
1.2.1.4.Janine
1.2.1.5.Sebastian
1.2.1.6.Anne
1.2.1.7.David
1.2.1.8.Jonas
1.2.2. Lernvoraussetzungen der SchülerInnen
1.2.3. Vorerfahrungen bezüglich des Lerngegenstandes
1.3. Bisher erteilter Unterricht
1.3.1. Einordnung der Stunde in die Unterrichtseinheit und der Ausblick auf die Fortsetzung der Unterrichtseinheit
1.3.2. Organisatorische Voraussetzungen
2. Sachanalyse
2.1. Fachwissenschaftlicher Zusammenhang und Grundlagen
3. Didaktische Analyse
3.1. Legitimierung des Themas
4. Lernziele
5. Erziehungsziele
6. Methodische Überlegungen
7. Planungsschema der Stunde „Wir bereiten den Einkauf vor“
8. Reflexion der 3. Unterrichtsstunde
8.1. Das Aldi-Arbeitsblatt
8.2. Das Aldi-Kärtchen

Planungsschema des 1. Unterrichtsversuches

Planungsschema des 2. Unterrichtsversuches

Planungsschema des 4. Unterrichtsversuches

Planungsschema des 5. Unterrichtsversuches

Planungsschema des 6. Unterrichtsversuches

Hospitationsschema I

Hospitationsschema II

Hospitationsschema III

Hospitationsschema IV

Hospitationsschema V

Hospitationsschema VI

Hospitationsschema VII

Hospitationsschema VIII

Rückblick / Danksagung

Bibliographie

Anhang

Teil I – Aussagen zur Schule und Praktikumsklasse

1. Einleitung

In der Zeit vom 23. Februar bis zum 19. März 2004 absolvierte ich mein Unterrichtspraktikum in der Z.-Schule in M..

Es ist die 4. Sonderschule in F. , sie befindet sich in der L. Straße 15. Benannt nach Gustav Meyer, dem Erbauer des Volksparkes F. , wurde die Schule erst am 4. Mai 1999. Sie existierte zu diesem Zeitpunkt schon acht Jahre und wurde 1991 aus einer Rehabilitationsstätte heraus gegründet. Viele Kollegen aus der Rehabilitationsstätte, darunter Lehrer und pädagogische Unterrichtshilfen, wurden übernommen. Vorher, d.h. in den 50er Jahren, war diese Rehabilitationsstätte eine Kindertagesstätte.

Seit der Bezirksfusion F. - L. 2001 ist die Z.-Schule auch für das Einzugsgebiet L. zuständig.

2. Die Schule für Geistigbehinderte

2.1. Kennzeichnung und Organisation der Institution

An der M.er Schule für Geistigbehinderte unterteilt sich die Schullaufbahn in fünf Klassenstufen: Eingangs-, Unter-, Mittel-, Ober- und Abschlussstufe. Die einzelnen Klassen haben eine Stärke von 8 Schülern. Diese sollen im Unterricht von zwei Pädagogen unterrichtet und betreut werden. Dafür stehen der/die Sonderschullehrer/in und die pädagogische Unterrichtshilfe zu Verfügung. Einen Teil des Schulalltages, der sich in der Regel über die Zeit von 8:00 bis 15:00 Uhr erstreckt, verbringt die pädagogische Unterrichtshilfe aber allein mit den Schülern, da der/die Sonderschullehrer/in in seinen acht Stunden täglicher Arbeitszeit auch den Unterricht plant, Berichte schreibt und Diagnosen durchführt. In Klassen mit schwerstbehinderten Schülern/innen unterstützt eine Betreuungskraft den Unterrichtsverlauf. Mitunter wird einer Klasse ein Zivildienstleistender zugeordnet. Die Z.-Schule bietet zusätzlich eine Betreuung vor 8:00 Uhr und nach 15:00 Uhr sowie während der Schulferien an. Hierfür sind zwei Erzieherinnen, unterstützt von einer Betreuungskraft und zwei Zivildienstleistenden, verantwortlich. Die Ferienbetreuung war in früheren Zeiten kostenlos, heute ist die Betreuung beim Bezirksamt zu beantragen und auch kostenpflichtig. Die Ganztagesbetreuung arbeitet nach zwei Modellen: 7-17 Uhr und 16-18 Uhr.

Es besteht die Möglichkeit, Ferienverträge wochenweise über die Feiertage abzuschliessen. In den letzten zwei Wochen der Sommerferien, über Weihnachten und Silvester ist der Ganztagesbetrieb geschlossen.

Die 1. Berufsschule in F. arbeitet mit der Z.-Schule zusammen. In dieser Berufsschule werden Schüler mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ beschult. Derzeit werden vier Schüler aus der Z.-Schule beschult. Agrarwirtschaft, d.h. Gärtnerei, Landwirtschaft und Tierpflege stehen auf dem Stundenplan.

Das Personal setzt sich insgesamt aus 13 Lehrern/innen (davon sind es 10 Sonderschullehrer, der Schulleiter, der Konrektor, die Logopädin und eine Schwimmlehrerin), einer Physiotherapeutin aus 8 pädagogischen Unterrichtshilfen, 2 Erzieherinnen, einem Betreuer, zwei Zivildienstleistenden und einer Lehramtsanwärterin und etlichen Praktikanten.

Zu der Zeit meines Praktikums war in jeder Klasse ein/e Praktikant/in anwesend. Jahrespraktikanten gab es in der Vergangenheit, aber aus Kostengründen wurde auch die Stelle abgeschafft.

Der Standort der Z.-Schule wird in der Zukunft aufgegeben, weil er auf Dauer nicht standhalten kann. Derzeit sind keine Fachräume vorhanden, der einzige Fachraum ist eine neue, große und geräumige Lehrküche.

Es ist keine Schwimmhalle vorhanden, daher werden die Schüler mit Schulbussen abgeholt und hingefahren.

2.2. Die Schulleitung

Die Schulleitung besteht aus dem Schulleiter und seinem Konrektor. Hat die Schule mehr als 135 Schüler, wird ein zweiter Konrektor eingesetzt. Der Schulleiter vertritt die Schule nach außen hin, er ist Repräsentant gegenüber Behörden, Eltern und der allgemeinen Öffentlichkeit. Entsprechend ist er dann verantwortlich für die Aufnahme neuer Schüler, die mit der Durchführung aller damit verbundenen Maßnahmen (Diagnostik usw.) verknüpft ist.

Als mögliches Mitglied in einem Förderausschuss erstellt er sonderpädagogische Gutachten.

Desweiteren überprüft er die ordnungsgemäße inhaltliche Durchführung des Unterrichts und trifft Maßnahmen zur Verbesserung des Unterrichts und der Erziehungsarbeit. In didaktischen Fragen berät er das Kollegium, innerhalb dessen er auch die Klassenleiterfunktionen zuweist.

Eingestellte Lehramtsanwärter hat er über dies gemäß der Verordnung über die schulpraktische Ausbildung im Anschluss an die erste Staatsprüfung zu beraten, zu betreuen und zu beurteilen und ist der Prüfer für zweite Staatsprüfungen.

Innerhalb des Schulbetriebs überwacht der Schulleiter die Einhaltung von Rechts- und Verwaltungsschriften und übt das Hausrecht aus.

Ist der Schulleiter abwesend, wird er durch den Konrektor vertreten. Dieser übernimmt außerdem einen Großteil der Verwaltungs- und Organisationsaufgaben, die Regelung des Unterrichtsablaufs und beteiligt sich an der Vorbereitung von Konferenzen. Die organisatorische Funktion des Konrektors bezieht sich auch nach außen hin auf die Zusammenarbeit mit benachbarten oder partnerschaftlich verbundenen Schulen.

Wenn er von der Dienstbehörde dazu bestellt worden ist, kann er die Mentorenfunktion für Lehramtsstudenten und Lehramtsanwärter übernehmen.

3. Die Schüler

3.1. Die Schülerschaft als Gesamtheit

Die Schüler der Z.-Schule leben und wohnen bei ihren Eltern. Lediglich einige Schüler wohnen im Heim. Die Schüler gelangen mit den Eltern, mit dem Taxi / Schulbus oder selbständig mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule. Sie kommen aus den Stadtbezirken F. -L.. Seit der Bezirksfusion L. – F. ist nur F. mit der Aufnahme der L.er Schüler betraut.

Der Anteil von Schülern nicht deutscher Herkunft liegt momentan bei 25. Er ist vertreten durch Türken, Bosnier, Exilrussen.

Die Zahl der Schüler liegt bei 68, diese Schüler werden in 9 Klassen unterrichtet. Man muss erwähnen, dass noch vor 10 Jahren die Schülerzahl bei 45 lag.

Der Grad der Behinderung der Schüler ist verscheiden. Viele Kinder haben neben der geistigen Behinderung auch eine körperliche Beeinträchtigung. Der Anteil der mehrfachbehinderten Kinder und Jugendlichen ist ständig gewachsen und nimmt weiter zu, momentan sind es an der Z.-Schule 11 Schüler mit dem Förderschwerpunkt II. Problematisch für die Organisation der Klassenstrukturen ist, dass immer wieder Kinder und Jugendliche höherer Klassenstufen in die Z.-Schule aufgenommen wurden.

Diese so genannten Quereinsteiger wurden vorher an Integrationsschulen und Schulen für Lernbehinderte unterrichtet.

Teil II – Differenzierte Unterrichtsplanung mit Nachbereitung

1. Überlegungen zum Bedingungsfeld

Die Z.-Schule befindet sich im Zentrum der Stadt, allerdings etwas versteckt. Ich absolvierte mein Unterrichtspraktikum seit dem 23. Februar bis zum 19. März 2004 an dieser Schule. Mein erster Unterrichtsversuch fand am 1. März statt. Meine wöchentliche Stundenzahl beschränkte sich auf ca. 3 Stunden pro Tag, die ich nicht immer in meiner Praktikumsklasse verbrachte. In dieser Zeit sind ebenfalls Gespräche mit der Pädagogin und die Zeit mit dem Aktenlesen einberechnet. Sogesehen basieren meine Aussagen zum Bedingungsfeld nur auf einem Erfahrungszeitraum von ca. 3 Wochen.

1.1. Allgemeine Rahmenbedingungen

Die Klasse O1 besteht aus 8 Jugendlichen, davon 4 Mädchen und 4 Jungen. Die Schüler sind zwischen 14 und 15 Jahre alt.

Unterrichtsstörungen in Form von Streitereien oder Provozieren von Mitschülern kommen häufiger vor. In diesem Zusammenhang fallen besonders häufig Thomas und David auf.

Durch mehrmaliges Eingreifen der Lehrperson lassen sich manchmal die Streitereien nicht beheben. Thomas akzeptiert seine Schwächen nicht und versucht diese durch seine Körpermasse und die damit verbundene Kraft zu kaschieren. In diesen Fällen wird meistens Davis aus der Situation herausgenommen, indem er mit der pädagogischen Unterrichtshilfe eine Entspannungsphase einlegt, da sein Konzentrationsvermögen oft schnell erschöpft ist. Janine ist öfters im Unterricht abwesend und lässt sich schwer in das Unterrichtsgeschehen wieder einbinden, da sie auf Nebensächlichkeiten achtet. Anne und Sebastian sind impulsive Schüler, die sich aggressiv verteidigen, wenn sie sich angegriffen fühlen. Angelika braucht in allen Unterrichtssituationen erhebliche Hilfestellung, die auf der konkret-gegenständlichen basiert. Sie spricht nicht und kann sich durch einige Zeichen verständlich machen. Aus diesem Grunde ist für die O1 eine zweite erwachsene Bezugsperson unerlässlich.

Insgesamt kann man das Klassenklima als herausfordernd bezeichnen.

1.2. Beschreibung der Klassensituation

Fast alle Schüler sind nicht schon immer in einer Schule für Geistigbehinderte gewesen, nur Kathrin und Angelika[*] sind seit der Eingangsstufe in der jetzigen Schule, alle anderen Schüler haben vorher andere Schulen besucht, zum Teil Lernbehindertenschulen und wurden anschließend in eine Geistigbehindertenschule eingestuft.

Die Klasse ist eine sehr mobile Klasse, denn es gibt keinen Schüler mit einem Rollstuhl. Aufgrund ihrer großen Bewegungsarmut ist Angelika auf Unterstützung angewiesen, denn ihre motorischen Abläufe sind schwer beeinträchtigt und von Unsicherheiten und Ängsten geprägt. Sie erhält auch Physiotherapie.

Die Klasse ist sowohl, was Beeinträchtigungen, als auch Leistungsvermögen und Arbeitsverhalten sehr heterogen, weshalb differenziert und individualisiert unterrichtet werden muss.

Anne hat vorher die Lernbehindertenschule besucht und kennt alle Buchstaben. In der Realität fällt aber auf, dass auch ihr das Lesen immer mehr Schwierigkeiten bereitet und dass sie immer mehr vergisst, was sie schon gelernt hat. Aus diesem Grund versucht die Pädagogin das Wissen über bekannte Buchstaben zu erhalten. Volker im Vergleich ist ein starker Leser. Auch er kam aus der Lernbehindertenschule und derzeit gibt es Überlegungen, ob er nicht wieder dorthin zurückkehrt.

Angelika stimuliert sich selbst durch ihr monotones Lallen und kann diese Lautationen bis hin zum Schreien steigern. Sie hat wenig Möglichkeiten der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, aber nach Forderung sagt sie ja. Sie kann auch in Gebärden zeigen, wenn sie noch Marmelade auf ihr Brot geschmiert haben möchte.

Janine hat vorher auch die Lernbehindertenschule besucht und ist ein mittelmäßiger Leser. Sie ist zurückhaltend und liest dadurch auch leise.

Das Klassenklima wird durch die Konstellation von zwei Schülern zu einer Herausforderung: Thomas und David. Thomas ist ein Schüler, der seine Beeinträchtigung nicht akzeptiert und bei jeder Gelegenheit andere Mitschüler als „behindert“ beschimpft. David reagiert in solchen Situationen stark verhaltensauffällig. Aus diesem Grund wird öfters eine Trennung der beiden Schüler vorgenommen, z.B. ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft.

Letztes Jahr wurde eine Klassenfahrt unternommen, bei der allerdings Thomas nicht dabei war und David zeigte sich von seiner liebsten Seite.

Thomas ist ein Schüler, der im Moment wenig beim Lesen, bzw. am Unterrichtsgeschehen teilnimmt. Es ist ein Versuch der Motivation, wobei kein Anzeichen von Druck provoziert wird.

Die Schüler brauchen Abwechslung, Bewegungs- und Ruhepausen. Aus diesem Grund werden viele Entspannungsmomente in das Unterrichtsgeschehen eingebaut. So wird zum Beispiel eine Lesestunde durch Lockerungsübungen abgewechselt oder am Ende wird ein Element der Entspannungsphase eingebaut.

Alle Schüler brauchen direkte Zuwendung und suchen unmittelbare Feedbacks in Form von Körperkontakt, Sprach- und Betreuungsaufwand.

Den Schülern fällt es auch schwer, eigene Bedürfnisse zurückzustecken oder zu warten bis sie an der Reihe sind. So unterbricht Sebastian durch eigene Kommentare andere Beiträge, ebenso wie Anne andere Beiträge mit Gesten oder auch laut kommentiert.

1.2.1. Kennzeichnung der Praktikumsklasse unter dem Aspekt der geistigen Beeinträchtigung und auf weiteren Persönlichkeitsebenen
1.2.1.1. Angelika

Cerebrale Bewegungsstörung mit Hypotonie [1] und schwerer geistiger Retardierung

Strabismus [2]

Nystagmus [3]

Angelika wird dieses Jahr 15 Jahre alt. Sie ist in der 30. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen und hat zwei Geschwister. Mit [4] Jahren hatte sie den ersten epileptischen Anfall und mit [5] Jahren begann sie zu laufen.

Sie besuchte eine Sonderkindertagesstätte für Frühförderung in M., seit der Eingangsstufe ist sie in der Schule für Geistigbehinderte. Seit dem Jahr 2001 geht sie ins Heim, wobei der Kontakt zu den Eltern besteht.

Motorik / Sensorik

Angelika ist aufgrund ihrer cerebralen Bewegungsstörung auf umfassende Mithilfe angewiesen. Seitens der Pädagogen ist viel Geduld nötig, da alle Wahrnehmungsbereiche, d.h. die Aufnahme, Verarbeitung und Reaktion schwer beeinträchtigt sind und die Ausführung beim Lern- und Handlungsprozess trotz Bekanntseins und Übens sich schädigungsbedingt schwerfällig vollzieht. Angelika erhält daher Medikamente.

Sie kann mit ihrem Finger auf einen gewünschten Gegenstand zeigen und kann selbständig essen und trinken, wobei sie noch etwas Unterstützung benötigt.

Angelika wäscht sich die Hände allein, allerdings muss die Handlung zum Zähneputzen vom Pädagogen begonnen werden. Bei der Musiktherapie entspannt sich Angelika gern in der Hängematte, dies ist gut bei ihrem Hohlkreuz und zur Entlastung der Überstreckung.

Beim Treppenstufensteigen gelingt es ihr manchmal wechselseitig Stufen zu steigen. Allerdings bleibt sie z.B. auf der Straße stehen, wenn ein Hindernis vor ihr zu sehen ist oder beim Überqueren der Straßenseite beim Bordstein.

Angelika ist eine musikalische Schülerin, sie kann im Rhythmus mit den Händen zu Orff´schen Instrumenten schlagen. In die Disco, die jede Woche am Freitag stattfindet, geht sie gerne hin.

Soziales / affektives Verhalten

Angelika zeigt eine stark eingeschränkte Selbst- und Fremdwahrnehmung. Im Bereich der Kontaktaufnahme ist sie zögerlich und antriebsarm, nur bei eigenem Bedürfnis ist sie zutraulich und zärtlich-sanft und äußert dies in „Oooj“. Dieses Verhalten ist aber unter anderem personengebunden.

Im unbekannten Umfeld zeigt sie noch große Unsicherheiten und passives, unbewegliches Verhalten. Ihre Kooperations- und Interaktionsfähigkeit wird überwiegend anfänglich verweigert und ist sehr stark an die Durchsetzung der eigenen Wünsche gebunden. Angelika hat Freude am Körperkontakt mit Erwachsenen und Mitschülern. Sie „begleitet“ freudig spielende Mitschüler, indem sie bei Spaziergängen an Spielplätzen stehen bleibt und die Kinder beobachtet.

Kommunikation

Angelika zeigt ein, an sich wiederholende und bekannte Sachverhalte und Tätigkeitsbereiche, gebundenes Sprachverständnis. Die wenigen Möglichkeiten der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit werden abgelöst durch ein „ja“ nach Aufforderung und durch bitte in einer Gebärde. Sie zeigt auch mit einem Finger auf einen Gegenstand, wenn sie etwas möchte. Sie stimuliert sich selbst durch monotones lautes Lallen, das sich bis zu Schreien steigern kann. An ihrer Gestik und Mimik erkennt man Angst und Trauern, aber auch Schadenfreude, wenn ein anderer Schüler z.B. „Ärger“ bekommt.

Kulturtechniken

Bei Angelika ist Situationslesen möglich. Sie erkennt ihren Namen im Waschraum.

Arbeitsverhalten

Angelika ist eine sehr interessengebundene und stark eigenmotivierte Schülerin. Ihre Person ist geprägt durch ein langsames und schwerfälliges Arbeitstempo. Ihre manchmal ablehnende Arbeitshaltung zeigt sie durch Wegschieben z.B. einer Person. Sie ist aber noch auf das Mittun einer zweiten Person angewiesen.

1.2.1.2. Kathrin

Multiple Dyslalie

Agrammatismus

Wortschatz- und Sprachverständnis nicht altersadäquat

Sigmatismus

Kathrin ist 15 Jahre alt. Sie kam als ein Frühgeborenes mit 1640gr auf die Welt und galt als Risikoschwangerschaft aufgrund der Alkoholabhängigkeit der Mutter. Kathrin hat noch zwei weitere Geschwister, die auch pränatale Schädigungen aufweisen. In ihrer frühesten Kindheit verweigerte sie die Nahrungsaufnahme, weswegen sie länger im Krankenhaus verweilte. Aufgrund dieses und anderer Heimaufenthalte ist außer der pränatalen Schädigung eine postnatale Schädigung nicht auszuschließen.

Kathrin besuchte vor der Schule eine Integrationsgruppe in einer M.er Kita, wurde 3 Jahre lang vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst betreut und später durch die Kinder- und Jugendambulanz [INTEGRAL]

Sie ist eine sehr freundliche und nette Schülerin, die durch Nähe zu Betreuungspersonen auffällt, die allerdings ihre Distanzlosigkeit gegenüber Fremden etwas abbauen konnte.

Kathrin wurde nach den Testbatterien CFT1 und TBGB getestet, bei nonverbalen Anforderungen kam sie im Vergleich mit anderen Geistigbehinderten ihrer Altersklasse auf gute Ergebnisse beim logisch-schlussfolgerndem Denken und Erkennen von Relationen zwischen abstrakten Formen.

Sensorik

Kathrin zeichnet sich durch eine gute optisch-motorische Wahrnehmungsfähigkeit aus. Andere Wahrnehmungsbereiche dagegen sind behinderungsbedingt.

Motorik

Kathrin ist grobmotorisch geschickt. Bei sportlichen Betätigungen, z.B. Schwimmen hat sie jede Menge Freude. Im letzten Jahr erhielt sie in jeder Disziplin eine Urkunde. Sie nimmt regelmäßig an der Schwimm-AG teil und ist auch an Wettkämpfen dabei. Kathrin zeigt allerdings Auffälligkeiten bei spezifischen Koordinations- und Gleichgewichtsübungen.

Auch im feinmotorischen Bereich ist sie sehr geschickt. Kathrin schreibt in sauberer Druckschrift, sie häkelt und näht und hat ihre Freude am Malen.

Kommunikation

Kathrin hat ein großes Mitteilungsbedürfnis, sie kann kein Geheimnis für sich behalten und erzählt alles. Ihre Sprache ist durch einfache Sätze gekennzeichnet und fällt auch dadurch auf, dass sie manchmal Silben weglässt, z.B. „Toffeln“ statt Kartoffeln.

Wird sie von einer ihr nicht vertrauten Person angesprochen, verschlägt es ihr die Sprache, und sie antwortet dann nicht. Sie hat ein teilweise eingeschränktes Sprachverständnis.

Kulturtechniken

Kathrin kennt fast das gesamte Alphabet und liest auch schon einige Wörter. Ihre Schrift ist sehr sauber, sie schreibt in Druckbuchstaben und Ziffern. Ziffern kann sie nach ihrer Größe ordnen und führt Additionsaufgaben im Zehnerblock mit Anschauungsmaterial durch.

Kathrin liest den Stundenplan, den Ämterplan, die Wochentage und geübte Zielbahnhöfe der M.er Verkehrsbetriebe.

Arbeitsverhalten

Kathrin ist eine wissbegierige Schülerin, die schnell zu begeistern ist, zeigt aber geringe Merkfähigkeit. Ihr Wesen zeichnet sich durch ein fehlendes Aufgabenverständnis und kurze Konzentrationsfähigkeit. Kathrin zeigt aber eine gute Ausdauer bei manuellen Tätigkeiten und Vollendungsbereitschaft. Sie arbeitet zügig.

Sozial / Affektivverhalten

Kathrin ist Fremden gegenüber distanzierter geworden. Ihre Strategien zur Konfliktbewältigung haben sich verbessert. Kathrin ist bemüht, Verständnis für andere Menschen oder Mitschüler zu haben und möchte ständig helfen. Sie fährt jeden Tag alleine mit dem Bus nach Hause und auf Ausflügen kann sie ihre Wohnung aus der S-Bahn zeigen.

Selbstversorgung

Kathrin findet sich im hauswirtschaftlichen Bereich sehr gut zurecht. Sie deckt den Tisch, schneidet Obst und Gemüse. Sie zieht sich schnell an und aus und kann alle Verschlüsse schließen. Die Aufbewahrungsorte der Unterrichtsmaterialien und Kleidungsstücke kennt sie genau, wirft allerdings alles in den Schrank, wenn keine Person mitguckt. Die Körperpflege bewältigt sie allein, vernachlässigt diese allerdings, wenn keine Kontrolle erfolgt.

1.2.1.3. Thomas

Thomas ist als 3. Kind seiner Eltern geboren und hat noch einen jüngeren Bruder. Während der Schwangerschaft litt die Mutter an Nierenkoliken und wurde medizinisch behandelt. Mitte des 8. Schwangerschaftsmonats unternahm sie einen Suizidversuch mit Schlaftabletten, als Rettungsmaßnahme wurde ihr Magen ausgepumpt. Thomas ist in Dortmund geboren. Seine Familie verlässt Dortmund aus persönlichen Gründen als er 10 Monate alt ist. Seit der Zeit lebte die Familie 6 Jahre lang in einem Wohnwagen und ständig in der Angst, dass die Mutter von der Polizei geholt wird.

Durch keine Sesshaftigkeit hat Thomas keinen Kindergarten oder eine vergleichbare Einrichtung besuchen können. Er besuchte eine Grundschule, in der Durchsetzung und Dominanz als Lösungsstrategie angewandt wurden. Später besucht Thomas die Lernbehindertenschule und seit 2002 ist er and er Z.-Schule in M.. Seine Eltern lehnen die Schule für Geistigbehinderte ab und zeigen wenig Interesse an seiner Bildung. Im Moment lebt er in einem Krisenheim. Er ist ein Schüler, der unausgeglichen und aggressiv zur Schule kommt. Seine Wutanfälle, weil er z.B. seine Beeinträchtigung nicht akzeptiert, steigert er zu tätlichen Attacken. Er beschimpft alle anderen Mitschüler, dass sie behindert seien und empfindet dabei keine Scheu.

Sozial affektives Verhalten

Thomas ist ein Schüler, der Regeln und Verhaltensnormen nur schwer akzeptieren kann. In der Lernbehindertenschule hat er sehr oft gefehlt und auch in der jetzigen Schule wollte er am Anfang nicht kommen und suchte bei kleinster Kritik eine Möglichkeit, die Schule zu verlassen. Im Moment hat sich dieses Verhalten zum Besseren gewandt. Zu seinen Mitschülern hat er wenig Kontakt, außer wenn es Kontakt durch Schlägereien oder verbale Attacken geschieht. Er ist den Schülern körperlich überlegen und flößt ihnen Angst ein. Manchmal versucht er andere zu beeinflussen, um sie für seine Pläne auszunutzen und provoziert dabei Streit.

Wenn es um Arbeitsaufträge geht, lehnt er diese oft ab, weil sie unter seiner Würde sind. Mir ist aufgefallen, dass Thomas sich zum Wochenende in seinem Verhalten ändert, in meiner ersten Woche hat er am Donnerstag und am Freitag bei der Frühstücksvorbereitung geholfen.

Sensorik

Thomas mag keinen Kontakt über sinnliche Reize (z.B. mag er nicht die Schuhe ausziehen, um den Ball von Schüler zu Schüler mit den Füßen zu reichen). Wenn Körperkontakt möglich ist, dann auf aggressiver Basis. Er möchte alles laut und hektisch haben und Ruhe empfindet er als störend. Seine Ängstlichkeit bei Körperübungen ist groß, er weigert sich massiv am Sportunterricht teilzunehmen und lehnt sportliche Übungen ab.

Motorik

Durch sein Übergewicht ist er beim Laufen schwerfälliger als seine Mitschüler. Er bewegt sich nicht so gern, nur zum Ringen mit Schulkameraden ist er bereit, Bewegung in Kauf zu nehmen. Beim Fahrradfahren ist er aggressiv und bremst auch übermäßig. Feinmotorisch ist er etwas plump.

Kommunikation

Thomas spricht in wohlgeformten Sätzen und hat auch ein gutes Sprachverständnis, nur manchmal will er nicht verstehen, was man zu ihm sagt. Sein Umweltwissen ist gut und er verwendet Fachbegriffe. Zu seinem Nachteil drückt er sich gern vulgär aus.

Kulturtechniken

Thomas kennt nur wenige Buchstaben und liest einfache Silben. Das Ganzwortlesen fällt ihm schwer und er erkennt nur seinen Namen, manchmal einen Wochentag. Aber ihm fehlt die Motivation und der Wille, lesen zu lernen, da er sich ohne zu lesen gut in der Umwelt zurechtfindet und auch seitens seiner Familie keine Unterstützung kommt.

In Mathematik rechnet er mit Anschauung (Finger) im Hunderterbereich. Er schreibt auch Ziffern ab. Thomas kennt auch volle und halbe Stunden. Im Umgang mit Geldwerten ist er sicher.

Arbeitsverhalten

Seine Arbeitseinstellung wird stark von seinem Willen beeinflusst, nicht lernen zu wollen und Forderungen von Erwachsenen zu ignorieren. Im mathematischen Bereich zeigt er eine schnelle Auffassungsgabe, gelernte Dinge merkt er sich gut und wendet sie adäquat an. Da er im letzten Jahr die Schule nicht regelmäßig besucht hat, waren seine Lernerfolge so gering, dass der Förderplan vom letzten Jahr fortgesetzt wird.

Selbstversorgung

Thomas kann sich selbst an- und ausziehen und kommt auch gepflegt zur Schule (z.B. in einem Hemd mit Kettchen oder Ring). Im hauswirtschaftlichen Bereich ist er noch unsicher und verweigert das Abwaschen. Das Zubereiten von Speisen in der Lehrküche macht er gern. Schulmaterialien bringt er nur im begrenzten Umfang mit.

1.2.1.4. Janine

Janine ist 14 Jahre alt. Laut der Mutter war die Schwangerschaft und die weitere Entwicklung unauffällig, laut dem Vater hat Janine später laufen und sprechen gelernt.

Janine ist eine ruhige Schülerin, die im Unterricht leise spricht. Von der Lebhaftigkeit ihrer Mitschüler scheint sie überfordert zu sein. Auffällig ist, dass sie sich seit einem halben Jahr mit dem Thema „Brüllen“ beschäftigt. Dieses Thema wird von ihr in Zeichnungen aufgegriffen und sie erzählt stolz von ihren nachmittäglichen Brüllereien zu Hause. Im letzten Schuljahr bekam sie auch mächtige Schwierigkeiten mit den Mitschülern, weil sie sich ständig provoziert wurde und häufig schrie. Janine besuchte eine Grundschule, im späteren Verlauf ihrer Schullaufbahn wurde die Überprüfung des Förderbedarfs veranlasst. Es stellten sich eine starke Entwicklungsverzögerung und deutliche Leistungsausfälle heraus, so dass Janine einen Förderbedarf „Lernen“ benötigte. Im weiteren Verlauf wurde aber ein Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ festgestellt, weil sie den kognitiven und sozialen Anforderungen der Klasse in der Lernbehindertenschule nicht mehr gerecht werden konnte. Laut der Aussage der Klassenlehrerin waren die Eltern mit der Beschulung an der Geistigbehindertenschule nicht einverstanden. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist nicht gut, weil unter anderem die Mutter kein Deutsch spricht.

Sozial / affektives Verhalten

Janine ist eine zurückhaltende, abwartende und langsame Schülerin, die aber den Kontakt zu ihren Mitschülern sucht. Sie bemüht sich, Aufgabenstellungen zu erfüllen, bei Versagen wird sie trotzig. Sie akzeptiert ihre Behinderung nicht. Konflikte löst sie durch Petzen oder hysterisches Anschreien. Im Freizeitbereich wiederholt sie monoton immer die gleiche Beschäftigung. An Festen und Feiern nimmt sie gerne teil. Im letzten Schuljahr an Weihnachten hat sie einen kleinen Beitrag geleistet, worauf sie sehr stolz war.

Selbstversorgung

Janine zieht sich selbständig an und aus und kümmert sich alleine um ihre Schwimm- und Sportkleidung. Sie isst sehr sauber mit entsprechendem Besteck, deckt den Tisch für alle und kann dekorieren.

Hauswirtschaftliche Tätigkeiten nimmt sie ernst und erledigt auch Ämter gewissenhaft. Beim Zubereiten von Speisen schneidet sie, schält Früchte und bedient Küchenmaschinen allerdings mit Skepsis.

Sie kann ihren Körper pflegen und die monatliche Pflege bewältigt sie selbständig. Janine fällt durch ihre ständige Rennerei in die Toilette auf, weil sie ihren Toilettengang nicht einschätzen kann. Sie bemüht sich, ihre Lernmaterialien so aufzubewahren, dass sie griffbereit sind, oft fehlen Dinge, die ihr kleiner Bruder entwendet oder zerstört hat. Beim Bügeln gibt sie sich Mühe, ist aber ängstlich. Beim Einkaufen findet sie in verschiedenen Einkaufszentren Lebensmittel und bezahlt auch mit einiger Hilfe. Sie braucht noch eine Person beim Einkaufen, weil sie nach Kontrolle und Bestätigung sucht.

Sensorik

Janine hat eine verzögerte akustische und optische Wahrnehmung. Ihre Wahrnehmungs-intensität bei taktilen Reizen ist eingeschränkt. Auf anschaulicher Basis sind ihre Denkprozesse gut.

Motorik

Janine hat eine deformierte Fußstellung und einen watschelnden Gang. Ihre Hüfte ist deformiert. Durch Janines Ängstlichkeit fällt eine Verzögerung der Bewegungen auf. Ihre Feinmotorik ist gut entwickelt, sie schreibt und malt.

Kommunikation

Deutsch ist nicht ihre Muttersprache. Zu Hause wird türkisch gesprochen, da ihre Mutter auch nur türkisch spricht. Aus diesem Grund findet sie einige Wörter nicht. Auch Anweisungen oder Forderungen des Lehrers versteht sie manchmal nicht. Laut der Familienhelferin versteht sie auch nicht alles auf türkisch, so dass das Sprachproblem nicht nur auf eine andere Muttersprachlichkeit zurückzuführen ist.

Kulturtechniken

Bei Janine ist das Buchstabenverständnis vorhanden. Um ihren Mangel am analytisch-synthetischen Lesen zu überspielen, lernt sie Texte sofort auswendig. Im Matheunterricht kann sie mit Mengen im Zehnerbereich operieren.

Sie kann saubere Buchstaben und Ziffern nach Vorgabe abschreiben. Eurowerte erkennt sie im Einkaufscenter, jedoch ohne Wertbedeutung. Volle Stunden des Ziffernblattes kennt sie.

Arbeitsverhalten

Janine ist sehr lernwillig im Bereich der Kulturtechniken, andere Aufgaben werden von ihr als nicht notwendig erachtet. Ihr Arbeitsverhalten ist geprägt durch Vollendungsbereitschaft. In allen Bereichen ist ihr verlangsamtes Tempo auffällig. Ihr Konzentrationsvermögen ist gut.

1.2.1.5. Sebastian

Strabismus

Sebastian wird dieses Jahr 14 Jahre alt. Er ist ein freundlicher Junge, der impulsiv reagieren kann, dies geschieht wenn er sich von einem anderen Schüler provoziert fühlt, so hat er das Bedürfnis sich tatkräftig verteidigen zu müssen.

Sebastian besuchte im Kindergarten eine Integrationsgruppe, weil er ein Jahr von der Grundschule zurückgestellt wurde. Später besuchte er die Grundschule, in der er 4 Jahre verbrachte. Dort war er Überforderungen ausgesetzt, so dass ihm Erfolgserlebnisse fehlten, die sich auf sein ganzes Verhalten übertrugen, z.B. pflegte er keine Kontakte zu seinen Mitschülern und weinte viel. Als dieses Vorhaben der integrativen Beschulung fehlschlug und er immer wieder Spöttereien ausgesetzt wurde, wurde er in der Lernbehindertenschule aufgenommen. Ehe er seinem Alter entsprechend in die 5. Klasse versetzt wurde, durchlief er dort mehrere Klassen. Aber auch dort wurde sein Schulversagen sichtbar. Seit 2000 ist Sebastian in der Schule für Geistigbehinderte. Hier fühlt er sich wohl und hat auch keine Angst mehr. Sebastian ist ein Schüler, der über dem Durchschnitt eines geistig behinderten Schülers liegt, aber seine Leistungen reichen nur knapp an die unterste Leistungsgrenze eines Schülers mit Lernbehinderungen. Die Prognose für die Lernbehindertenschule wären, dass er einer der schwächsten Schüler wäre, mit Schulversagensängsten leben müsste und dass der Druck sich negativ auf seine Persönlichkeitsentwicklung auswirken würde.

Die Prognose für die Geistigbehindertenschule wäre das Gegenteil, so dass die Faktoren eine positive Persönlichkeitsentwicklung ermöglichen.

Sebastian ist viel auf sich selbst angewiesen, da seine Mutter schon zeitig das Haus verlässt, so dass er das Aufstehen, die morgendliche Toilette und den Schuleweg allein bewältigen muss. Für ihn ist es ein großes Problem, die passende Kleidung zu finden, so dass er manchmal nicht der Jahreszeit entsprechende Kleidung trägt.

Sozial affektives Verhalten

Sebastian ist ein netter und kontaktfreundlicher Schüler. Emotional ist er sehr schwankend, so dass manchmal schnell Tränen fließen. Er verträgt kaum Kritik und fühlt sich immer angegriffen. Er hat besondere Zuneigung zu einer Schülerin, die er materiell verwöhnt und aggressiv verteidigt. Bei vielen Tätigkeiten ist er hilfsbereit.

Selbstversorgung

Da er beim Anziehen nur auf sich gestellt ist, erscheint er oft sehr ungepflegt in der Schule. Manchmal trägt er zu große Kleidung, die auch schmutzig ist. Sebastian hat Schwierigkeiten, Ordnung zu halten und vergisst ständig seine Schwimmsachen. Hauswirtschaftliche Aufgaben erledigt er, braucht aber Kontrolle. Einkaufen ist seine Stärke, in verschiedenen Einkaufscentern findet er sich zurecht und kann passend bezahlen. Er kann sich die zu einkaufenden Dinge auswendig merken, so dass er keinen Einkaufszettel braucht. Sebastian kennt seinen Stadtbezirk, in dem er wohnt und kennt auch S- und U-Bahnverbindungen. Ebenso Notrufnummern sind ihm bekannt und sachliche Mitteilungen kann er auch vermitteln. Den Schulweg bewältigt er allein.

Sensorik / Motorik

Bei Sebastian ist Lernen auf anschaulich – gegenständlicher Ebene sehr gut möglich, in Ansätzen auch als Vorstellung. Er ist ansprechbar auf musische Sinneswahrnehmung und ganz besonders auf Entspannung. Bei Belastung zittern seine Hände sehr stark, das Zittern kann er nicht steuern.

Kommunikation

Sebastian kann sich gut ausdrücken, Wünsche und Vorstellungen kann er auch äußern. Wenn er sich provoziert fühlt, benutzt er vulgäre Ausdrücke.

Sebastian hat ein gutes Allgemeinwissen und kann es auch anwenden, d.h. sprachlich wiedergeben und Zusammenhänge erklären.

Kulturtechniken

Sebastian liest einfache Texte und kann den Inhalt wiedergeben. Er kann auch Texte in Schriebschrift abschreiben und einfache Wörter und Namen nach Diktat schreiben. Im Mathematikunterricht kann er im Zahlenbereich 20 plus addieren und subtrahieren. Beim Einkaufen erkennt er Eurowerte und Preise und kann diese auch vergleichen. Die verschiedenen Uhrzeiten im Minutenbereich erkennt er. Jahreszeiten und Monate kann er auch unterscheiden.

Arbeitsverhalten

Sebastian ist lernwillig, neugierig und interessiert. Sein Interesse äußert sich darin, dass er viele Fragen stellt. Praktisch arbeitet er sehr gerne.

1.2.1.6. Anne

Tiefgreifende Störung sozialer Funktionen unklarer Genese

Massive Entwicklungsstörung, die die Sprachentwicklung, die neurophysische und die motorische Entwicklung umfasst

Leichte intellektuelle Behinderung

Verdacht auf Chromosomenaberration

Zentrale Dyslalie

Schwerer Dysgrammatismus

Hyperaktive Störung

Sprachentwicklungsstörung

Epikantus bds.

Anne wir dieses Jahr 15 Jahre alt. Ihre Hyperaktivität kann sie schlecht steuern, denn jede kleinste Ablenkung ruft bei ihr eine heftige Reaktion aus, die sich z.B. im Schreien äußert.

Sie hat auch kein räumliches Sehen, so dass sie durch ständiges Anstoßen der Gegenstände auffällt. Sie ist eine Schülerin, die ihren Schulweg allein bewältigt. Auch im Kleidungsstil überlässt ihr die Mutter immer mehr Verantwortung.

Anna ist ein Mädchen, bei dem die Schwangerschaft, die Geburt und die Neugeborenenphase unauffällig verliefen. Ab dem 1. Lebensjahr wurde eine verzögerte Entwicklung festgestellt. Anna lernte mit 2. Jahren laufen. Anna besuchte eine Integrationstagesstätte, wo sie einmal pro Woche logopädisch betreut wurde. Es folgten eine Spieltherapie und verstärkt logopädische Betreuung. Anna wurde ein Jahr von der Schule zurückgestellt. Sie besuchte die Sprachheilschule, wechselte zur Lernbehindertenschule und ist jetzt an der Z.-Schule.

In Einzelsituationen ist sie freundlich, in der Gruppe kann sie sich schlecht steuern, besonders, wenn sie sich provoziert fühlt. Sie ist jetzt in einer sehr lebendigen Klasse und die spannungsgeladene Atmosphäre machen ihr die Kontrolle nicht einfach. Sie hat ein großes Mitteilungsbedürfnis, dabei helfen ihr ihr hastiges Sprachtempo und die schlechte Aussprache nicht unbedingt, weil sie den Kommunikationsprozess erschweren.

Sozial affektives Verhalten

Anna ist ein Mädchen, das hyperaktiv ist und unter dem ADS-Syndrom leidet. Bis vor kurzem hat sie noch Ritalin bekommen, das aber abgesetzt wurde. Sie verhält sich distanzlos bei unbekannten Personen und hat ein starkes Mittelpunktstreben und ordnet sich nicht gern unter. Sie ist ein sensibles Mädchen und empfindet mit anderen mit.

Selbstversorgung

Anna kleidet sich selbständig an, sie bemüht sich, ihre Haare zu kämmen. Als ich in die Klasse kam, sprach sie mich an, ob ich ihr helfen könnte sich zu schminken. Sie kommt auch teilweise allein zur Schule.

In der Lehrküche kennt sie alle Aufbewahrungsorte für Küchengeräte, auch für ihre persönlichen Sachen. Sie konnte ihre Essmanieren verbessern. Anna bewältigt den gesamten Abwasch für die ganze Klasse allein.

Sensorik

Anna hat kein räumliches Sehen, daher stößt sie Dinge öfters an. Bei ihr fällt auch eine allgemeine Einschränkung der Wahrnehmungsintensität auf. Auf anschaulich – gegenständlicher Ebene kann sie gut lernen.

Motorik

Anna hat grobmotorische Koordinationsschwierigkeiten, z.B. bei der Koordination von Armen und Beinen. Auffällig ist ihre verspannte Muskulatur. Anna hat auch Gleichgewichtsprobleme, ist aber dafür eine gute Schwimmerin. Ihre Handgeschicklichkeit ist auch gut.

Kommunikation

Anna hat ein großes Mitteilungsbedürfnis. Wenn sie etwas zu erzählen hat, spricht sie sehr hastig und in wenig strukturierten Sätzen. Durch ihre Zahnspange hat sie eine teilweise unverständliche Aussprache, aber wiederum gutes Sprachverständnis. Anna verfügt über einen umfangreichen Wortschatz.

Kulturtechniken

Anna beherrscht Signalwortlesen unabhängig von der örtlichen Situation. Sie kann auch Wortbilder dem entsprechenden Sachbild zuordnen und auch Buchstaben den entsprechenden Lauten zuordnen. Anna schreibt Buchstaben nach Diktat. Sie kennt alle Ziffern und ordnet sie nach Wertigkeit. In Mathematikunterricht löst sie einfache Additionsaufgaben mit Hilfsmitteln. Bei der Uhrzeit ist sie bei der vollen und halben Stunde sicher.

Arbeitsverhalten

Anne verfügt über eine sehr geringe Konzentrationsfähigkeit. Ihre Aufmerksamkeit ist sehr stark interessengebunden. Sie arbeitet im angemessenen Tempo und hat eine gute Durch-haltefähigkeit.

1.2.1.7. David

Down - Syndrom

David wird in dem Jahr 14 Jahre alt. David zeichnet sich durch ein überschäumendes Temperament aus. Er hat Schwierigkeiten mit anderen Kindern, aber dies geschieht unbewusst, denn er sucht keinen Streit, sondern die Situationen entstehen durch sein Temperament und sein Dominanzstreben.

Die Schwangerschaft verlief komplikationslos und David ist das Wunschkind seiner Eltern. Seine Familie versucht sein Leben so normal wie nur möglich zu gestalten. David besuchte eine Integrationsklasse einer Grundschule. Er war dort bekannt als ein distanzloser, respektloser und schlagender Schüler. Zur Unterstützung der Motorik erhielt er Schwimmtherapie und Ergotherapie. David hat viel Kontakt zu seinen Verwandten, Freunden und Kindern.

Sozial affektives Verhalten

David zeigt noch starke Verhaltensauffälligkeiten, haut, kneift und bespuckt seine Mitschüler. Andererseits kümmert er sich um eine schwache Schülerin und ist zärtlich zu ihr, streicht ihr sanft über die Wange usw. Anweisungen von Pädagogen werden oft von ihm ignoriert oder nicht akzeptiert. Er spielt gerne Gemeinschaftsspiele mit Erwachsenen, z.B. Mensch ärgere dich nicht. Bei Musik kann er sehr gut entspannen, allerdings zeigt er dann auch sexuelle Auffälligkeiten.

Selbstversorgung

Persönliche Hygiene bewältigt David allein ohne Aufsicht, aber oberflächlich. Beim Essen fällt er auf durch schlechte Essmanieren, beim Tischdecken braucht er noch Hilfestellung und beim Abwaschen braucht er Hilfe und Kontrolle. Während des Essens kann er Lebensmittel benennen und auch danach verlangen. David findet nicht immer seine Kleidung und weiss nicht genau, was ihm gehört. David hat noch Schwierigkeiten beim Schleifenbinden.

Sensorik

Das Lernen auf anschaulich – gegenständlicher Ebene ist bei David möglich. Er hat noch Schwierigkeiten bei der Links- und Rechtsseitigkeit, außerdem bei Gleichgewichts- und Konzentrationsschwierigkeiten. Seine eingeschränkte Selbstwahrnehmung zeigt sich beim Essen, er kann Unmengen essen ohne ein Sättigungsgefühl wahrzunehmen.

Motorik

David ist ein widerspruchsvoller Mensch, denn er ist einerseits sehr agil und bewegungsfreudig und andererseits faul bei motorischen Aufgaben. Er geht gerne schwimmen und hat auch seinen eigenen Stil erfunden, den die Schwimmlehrer akzeptieren. Bei der Physiotherapie wird an der Entwicklung des Körperschemas gearbeitet und seine Probleme der Links- und Rechtsseitigkeit versucht zu beheben. David fällt auch dadurch auf, dass er Laufstrecken, z.B. zum nächsten Einkaufscenter verweigert, weil es für ihn eine Belastung darstellt. Bei der Erledigung der Aufgaben konzentriert er sich nicht auf das Wesentliche, sondern auf Details. Daniel entspannt sich mittels intensiven Daumenlutschens häufig.

Feinmotorik

Davids grundmotorische Fähigkeiten sind durch die Grobstrukturierung der Finger beeinträchtigt, z.B. führt er den Pinzettengriff mit dem Daumen und dem Mittelfinger aus. Fingerspiele aller Art liebt er. Übungen mit den Fingern gelingen ihm gut, er kann z.B. flache Gegenstände geschickt vom Tisch ziehen. Die Koordination zwischen Auge und der Hand sind gut entwickelt. Davids Sprechmotorik ist schlecht, denn durch seine sichtbare Zunge ist auch sein Mund oft offen stehend.

Kommunikation

Seine Sprache ist undeutlich und verwaschen, aber sein Sprachverständnis und die Sprachmelodie sind gut. Er wird logopädisch betreut.

Kulturtechniken

David kann Ganzwörter wie Wochentage oder Namen lesen. Er kennt alle Buchstaben und liest analytisch - synthetisch Silben bestehend aus 2 Buchstaben.

Im Mathematikunterricht löst er Rechenaufgaben auf anschaulicher Basis bis 10. Er erkennt auch Ziffern über diesen Bereich hinaus. Er schreibt aber lässig und lustlos.

Arbeitsverhalten

David kennzeichnet sich durch eine geringe Konzentrationsfähigkeit. Er möchte selten etwas tun, nur bei Musik und der Entspannung ist er als erster dabei. Beim Arbeiten fällt er durch keine Vollendungsbereitschaft auf und hat eine Oppositionshaltung gegenüber Erwachsenen und Aufgabenstellungen.

[...]


[*] Die Namen der Kinder sind aus Schweigepflichtgründen verändert.

[1] Hypotonie der Muskulatur: Herabsetzung des Ruhetonus eines Muskels oder einer gesamten Muskulatur, d.h. des Dehnungswiderstandes bei passiver Bewegung eines Muskels.

[2] Strabismus: Schielen

[3] Nystagmus: Augenzittern, unwillkürliche rhythmische in zwei Phasen ablaufende Oszillationen

[INTEGRAL]: Ziel der Arbeit ist es, Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, oder die von Behinderung bedroht sind und deren Eltern umfassende therapeutische Hilfen einschließlich Maßnahmen integrierender Frühförderung zu bieten. Damit sollen die Möglichkeiten einer aktiven Teilnahme am Leben in der Familie, in der Kindertagesstätte und in der Schule wie überhaupt am öffentlichen Leben geschaffen bzw. verbessert werden. Das Team besteht aus einem Kinderarzt, einer ArzthelferIn, Diplom-PsychologInnen, einer HeilpädagogIn, LogopädInnen, ErgotherapeutInnen, PhysiotherapeutInnen, MusiktherapeutInnen.

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Unterrichtspraktikum in einer Schule für Geistigbehinderte
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Rehabilitationswissenschaften)
Veranstaltung
Didaktik II
Note
gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
104
Katalognummer
V25097
ISBN (eBook)
9783638278225
Dateigröße
1473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterrichtspraktikum, Schule, Geistigbehinderte, Didaktik
Arbeit zitieren
Kamila Urbaniak (Autor), 2004, Unterrichtspraktikum in einer Schule für Geistigbehinderte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25097

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Unterrichtspraktikum in einer Schule für Geistigbehinderte



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden