Die Literatur über das Tragische und die Tragödie ist heute kaum noch überschaubar. Von der „Poetik“ Aristoteles` über Schellings „Philosophie der Kunst“ bis hin zu Dürrenmatts „Theaterprobleme(n)“ diskutieren die großen Geister über die Kunst und das Wesen der Tragödie. Das Gemeinsame alles Tragischen kommt wohl der Deutung Emil Staigers von der „Grenzsituation“ sehr nahe. Die Struktur der „Grenzsituation“ werde in der Tragödie so anschaulich, dass sie sich nur auf „paradoxe“, d.h. rein logisch betrachtet, „widerspruchsvolle Weise“ verstehen lässt. Eine vollkommene, vom Sinn durchdrungene, in sich geordnete und vernünftige Welt kann nicht tragisch sein. Ebenso eine völlig chaotische Welt, die sich im Sinnlosen verliert und nur noch gegenseitige Vernichtung der Werte kennt, löst das Tragische in den Nihilismus auf. Seit Aristoteles fragt man nach den Regeln der Tragödie, und seither wandeln sich die Antworten. Die strenge aristotelessche Dramaturgie ignorierend, verschieben sich die Begründungen des Tragischen epochenspezifisch. Die Akzentverlagerung von der Bewusstheit der klassischen Tragödie und ihrer Konflikte zu den Formen des Unbewussten umschreibt den Spielraum der Tragödie in der Zeit der Moderne. Nie zuvor drohte die Kunstform der Tragödie dem Scheitern so nahe zu sein, wie bei den Naturalisten, die ihrerseits die Moderne für sich beanspruchten.
Doch gilt das Interesse der vorliegenden Abhandlung nicht den Ursachen des drohenden Untergangs der Tragödie oder der Krise des tragischen Helden. Vielmehr sucht sie am Beispiel eines Dramas von Henrik Ibsen, andere neuere Erscheinungsformen des Tragischen hervorzukehren, die abweichen von der Tragödienform klassischen Stils.
Das 1890 vollendete Drama „Hedda Gabler“ ist möglicherweise die größte Herausforderung, die Ibsen bis dahin darbot. Es ist so ironisch in seiner Darstellung der Charaktere und Begebenheiten, dass es beinah zu voreingenommenen, widersprüchlichen Interpretationen verleitet; dennoch ist Ironie nicht die endgültige und vorherrschende Grundstimmung des Dramas. Das Stück verlangt nach einem ungeheuren Verständnis für Boshaftigkeit und Absurdität ebenso wie dem Begreifen des möglichen Nebeneinanderbestehens mit positiveren Qualitäten. Es gilt, aufmerksam die dramatische Poesie zu würdigen, um unter die ironische Oberfläche zum Innern vorzudringen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Tragödienliteratur
1.2 Veränderungen des Tragischen
2. Analyse des Dramas „Hedda Gabler“
2.1 Hinführung zum Thema
2.2 Der 1. Akt
2.2.1 Heddas Unnahbarkeit und ihr Wutausbruch
2.2.2 Heddas Freundlichkeit, Neid, Verachtung und Bewunderung gegenüber Thea
2.2.3 Kameradschaft mit Lövborg
2.2.4 Verbundenheit mit Brack
2.2.5 Heddas Desinteresse an Tesman
2.2.6 Triumph über die Welt der Kleinbürger
2.3 Der 2. Akt
2.3.1 Heddas Langeweile und Zerstörungslust
2.3.2 Das Gespräch mit Brack
2.3.3 Heddas Daseinsleere
2.3.4 Kontrast Lövborg – Tesman
2.3.5 Gespräch Heddas mit Lövborg
2.3.6 Das Interesse Heddas an Skandalen und ihre Angst davor
2.3.7 Lövborgs Hochschätzung von Theas Mut und Heddas Armutsbekenntnis
2.3.8 Heddas Entschluss
2.3.9 Heddas Leidenschaft und ihre neue Aufgabe
2.4 Der 3. Akt
2.4.1 Die überwundene Krise
2.4.2 Heddas Interesse an Ereignissen des Abends
2.4.3 Das Manuskript
2.4.4 Hedda erfährt mehr von Brack
2.4.5 Heddas Desillusionierung
2.4.6 Bracks nachdrückliches Interesse an Hedda
2.4.7 Gespräch Lövborg – Thea
2.4.8 Lövborgs gebrochener Lebensmut
2.4.9 Das Aufflammen einer Hoffnung
2.4.10 Heddas Überzeugung
2.4.11 Der Zerstörungsakt
2.5 Der 4. Akt
2.5.1 Heddas Unruhe und ihre Regression
2.5.2 Das geheuchelte Geständnis
2.5.3 Heddas Ekel
2.5.4 Bewunderung für Theas Mut
2.5.5 Bracks Bericht
2.5.6 Der scheinbare Befreiungsakt
2.5.7 Der Lebenssinn der anderen
2.5.8 Heddas Rede
2.5.9 Die Wahrheit über Lövborgs Tod
2.5.10 Heddas Gefühlsausbruch
2.5.11 Ausweglose Situation
2.5.12 Ein Plädoyer für die Freiheit
2.5.13 Resümee ihres Daseins
2.5.14 Heddas Tat
3. Die Tragödie
3.1 Kollision
3.1.2 Heddas Dilemma
3.1.3 Dichtertum und Gesellschaft
3.1.4 Die tragische Heldin
4. Schluss
4.1 Die Heldin in einer Modernen Tragödie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert Henrik Ibsens Drama „Hedda Gabler“ unter dem Aspekt, wie Hedda als moderne Tragödienheldin innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes agiert, der durch Konventionen und Sinnleere geprägt ist. Dabei wird untersucht, wie sie versucht, durch die Manipulation anderer Schicksale – insbesondere das von Ejlert Lövborg – ihrer eigenen Daseinsleere zu entfliehen und ihre Vorstellungen von Freiheit, Mut und Schönheit zu verwirklichen.
- Die Darstellung von Hedda Gabler als moderne Tragödienheldin
- Analyse der Dynamik von Macht, Manipulation und Selbstbehauptung im Drama
- Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen und persönlichen Lebensentwürfen
- Die Bedeutung von Begriffen wie „Schönheit“ und „Mut“ als zentrale Wertvorstellungen Heddas
- Die Untersuchung der psychologischen Abgründe und der zerstörerischen Handlungsweisen Heddas
Auszug aus dem Buch
Die unterdrückte Krise ist offenbar: Ejlert Lövborg hat versagt, Heddas Inspiration folgend zu handeln; auch Hedda hat versagt, Macht über ein menschliches Schicksal auszuspielen.
Es kommt noch schlimmer: Brack mag wohl unfähig sein, zu verstehen, was Hedda mit „Weinlaub im Haar“ meint, trotzdem vermutet er Lövborg sei sein Rivale. Gerade jetzt, da Hedda ihr Interesse an ihm offen kund gab. Brack fühlt sich in seiner Stellung bedroht und zeigt nun hartnäckiger und unerbittlicher als zuvor sein Interesse an Hedda. Ihr Lächeln erstarrt, wenn sie sagt: „Sie sind ein ziemlich gefährlicher Mensch – wenn es darauf ankommt ... . Und ich bin heilfroh, solange Sie mich nicht auf irgendeine Weise in der Hand haben“.
Als Brack sie verlässt, sieht sie ihm nachdenklich nach. In dem folgenden Gespräch mit Lövborg, der inzwischen wieder aufgetaucht ist, geht sie sehr auf Distanz; keinerlei Anspielungen auf das, was sie von ihm erwartet hatte. Sie zieht sich in den Hintergrund zurück, als die emotionale Thea hinzukommt. Obwohl Hedda wenig zu sagen hat, gibt es einige Anzeichen dafür, wie sehr sie sich doch miteinbezieht. Zum Beispiel, als Lövborg Thea erzählt, dass ihre Wege sich nun trennen müssen. Hedda (unwillkürlich): Ich wußte es !
Es bedeutet bei Hedda sehr viel, wenn sie keine Kontrolle mehr über sich hat. Ein wenig später, als Thea das Buch ihr gemeinsames Kind nennt, zeugen ihre Worte, die sie zu sich selbst spricht, von ihrer Betroffenheit: Hedda (fast lautlos): Ah – ihr Kind ! -
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtet die theoretischen Grundlagen der Tragödie und die Schwierigkeit, einen einheitlichen Begriff des Tragischen zu definieren, und stellt das Ziel der Analyse von Ibsens „Hedda Gabler“ als moderne Erscheinungsform vor.
2. Analyse des Dramas „Hedda Gabler“: Eine detaillierte Untersuchung der vier Akte, die Heddas Entwicklung, ihre manipulative Beziehung zu ihrem Umfeld und ihre psychologische Krise vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Zwänge nachzeichnet.
3. Die Tragödie: Reflektiert über die spezifisch moderne Ausprägung der Tragödie im Stück und diskutiert Heddas Dilemma, ihre Isolation sowie ihren Status als tragische Heldin.
4. Schluss: Fasst zusammen, inwiefern die Heldin in ihrer spezifischen, modernen Tragödie scheitert und gleichzeitig durch ihren Versuch, heroische Sehnsüchte zu realisieren, eine einzigartige Position einnimmt.
Schlüsselwörter
Hedda Gabler, Henrik Ibsen, Moderne Tragödie, Tragödienheldin, Macht, Manipulation, Freiheit, Mut, Schönheit, Gesellschaftskritik, Daseinsleere, Psychologie, Emanzipation, Zerstörungslust, Konventionen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das Drama „Hedda Gabler“ von Henrik Ibsen unter der Fragestellung, wie die Hauptfigur als moderne Tragödienheldin agiert und versucht, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen Heddas Manipulation ihres Umfelds, ihr komplexes Verhältnis zu Begriffen wie „Schönheit“ und „Mut“ sowie der Kampf zwischen ihrem Bedürfnis nach Freiheit und ihrer Rolle in einer restriktiven Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Ibsen durch Hedda neue, moderne Formen des Tragischen darstellt, die vom klassischen Stil abweichen, und wie Heddas Handeln Ausdruck ihrer individuellen Leidensgeschichte ist.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Es handelt sich um eine werk- und charakterimmanente Analyse, die die psychologische Entwicklung der Protagonistin anhand der vier Akte des Dramas strukturiert und in einen theoretischen Kontext der Tragödientheorie einbettet.
Was steht im Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil widmet sich einer detaillierten Szenenanalyse jedes Aktes, um Heddas Handlungsweisen, ihre Motivationen hinter der Manipulation von Ejlert Lövborg und ihre zunehmende Isolation zu beleuchten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Hedda Gabler, moderne Tragödie, Macht, Manipulation, Freiheit, Schönheit und Daseinsleere charakterisiert.
Wie bewertet die Autorin Heddas Wunsch, Lövborg zu einem „schönen Tod“ zu verhelfen?
Die Autorin deutet diesen Entschluss als Versuch Heddas, ihre eigenen, im Alltag nicht realisierbaren Ideale von Mut und ästhetischer Erfüllung stellvertretend durch Lövborgs Ende zu verwirklichen.
Inwiefern unterscheidet sich Hedda von einer klassischen tragischen Heldin?
Im Gegensatz zur klassischen Heldin fehlt Hedda ein stabiles Wertesystem; ihr Agieren ist durch eine schreckliche Isolation, psychische Zerrüttung und eine ironische Brechung ihres Schicksals gekennzeichnet, die sie zu einer spezifisch modernen Heldin machen.
- Quote paper
- Claudia Zundel (Author), 1993, Hedda Gabler - Die moderne Tragödienheldin. Analyse einer Tragödie von Henrik Ibsen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25183