Telegraphie durch Land und Meer


Forschungsarbeit, 2004

23 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Grundlagen: die Isolierung

3. Grundlagen: der Netz durch Land und Meer

4. Medium Tiefseekabel

5. Zusammenfassung

Bibliographie

1. Einführung

Die Telegraphie, die das erste kommerzielle Anwendungsgebiet der Elektrizität war, hat die erste Kommunikationsrevolution der Erde ausgelöst. Zwieg schreibt, dass die Elektrizität alle Grenzen überspringt, und „erst durch diese Entdeckung hat die Relation von Raum und Zeit die entscheidendste Umstellung seit Erschaffung der Welt erfahren.“[1] Plötzlich ist alles viel schneller geworden, und die Welt öffnete sich für jedermann. Zeitungen klagten, dass sie wegen der Überflut von Weltnachrichten nicht mehr zur lokalen Berichterstattung kommen.[2] Wie konnte die Welt auf einmal so klein werden? Welche technischen Pioniertaten und Medien haben es ermöglicht? Viele vergleichen das Telegraphennetz des 19. Jahrhunderts mit dem heutigen Internet,[3] um es besser erklären zu können. Denn alles was uns in Bezug auf Geschwindigkeit der Kommunikation heute selbstverständlich ist, musste in der Mitte des 19. Jahrhunderts entvisioniert und verwirklicht werden. Einen Meilenstein in diesem Prozess war die Unterwassertelegraphie, also der Moment, als die Leitung das Land verlassen hat und in das Wasser gelegt wurde. In der folgenden Arbeit versuche ich die Entstehung und Spezifizierung des Mediums Seekabel zu erläutern.

2. Grundlagen: die Isolierung

Am Anfang waren verschiedene lokale Netzte vorhanden. In England ist es Wheatstone und Cooke gelungen ein funktionierendes Zeigertelegraphen zu bauen. Die ersten Teststrecken funktionierten ab 1837. In den USA hat man das Morse System benutzt, nachdem Morse seine Teststrecke zwischen Washington und Baltimore am 24. Mai 1844 eröffnet hat. In Deutschland hat Werner Siemens den Wheatstonischen Telegraphen verbessert und 1847 die erste preussische Linie von Frankfurt nach Berlin im Auftrag des preussischen Militärs ausgebaut. Diese Linie bestand aus einer unterirdischen Leitung, weil Siemens in diesem Jahr die Guttapercha-Presse erfunden hat.[4] Die ersten Versuche mit Guttapercha hatten aber strenge militärische Zwecke. Siemens hat Seemienenkabel damit isoliert, und nach zwei Jahren festgestellt, dass die Guttapercha im Seewasser ein bestens geeignetes Isolierungsmittel für elektrische Leitungen ist.[5] Demzufolge baute man die mit Guttapercha isolierten Leitungen auch unterirdisch an, da die früheren Versuche, unterirdische Leitungen mit eisernen Röhren zu isolieren, wie es Morse schon 1837 vorgeschlagen hatte, nicht gelungen sind.[6] Es war eine grundlegende Notwendigkeit eine geeignete Isolierungsmethode für unterirdische Leitungen zu finden, die man dann auch im Wasser einsetzten konnte. Als die Lösung vorhanden war, konnte man die Leitung trotzdem noch nicht in einer ausreichenden Qualität herstellen. Die nicht perfekt isolierten Leitungen waren so unzuverlässig, dass die preussische Regierung zu den oberirdischen Leitungen zurückgekehrt ist. Das erste grosse unterirdische Kabelnetz wurde in Deutschland erst zwischen 1876 und 1881 mit 250 Städte ausgebaut.[7]

Die oberirdischen Leitungen waren aber sehr vielen Gefahren ausgesetzt. Man konnte bei feuchtem Wetter nicht richtig telegraphieren, bei Schneeablagerung an den Drähten sind ganze Linien Wort wörtlich zusammengebrochen.[8] Außerdem konnten Menschen und Tiere gewollt oder ungewollt ganze Linien ausser Betrieb setzen. Einige schöne Beispiele findet man bei Geistbeck: „Namentlich aber sind es die Gänze, welche in Gegenden mit starker Gänsezucht zu einer wahren Plage für die Telegraphenleitungen werden können. Gar manche Stangen werden auch von Bären und Wölfen umgelegt, da sich diese Tiere, durch den Ton der durch die Luft in Schwingung versetzten Drähte getäuscht, in der Nähe eines Bienenstockes zu befinden glauben und nach dem Honig fahnden.“[9] Oder ein exotisches Beispiel: „Ausserdem machen es die zahlreichen Tiger, Bären, wilden Büffel usw. äusserst schwierig die Leitungen in den dichten Urwäldern zu überwachen, während grosse und kleine Affen auf den Drähten ihre gymnaschtische Übungen bewerkstelligen, dieselben zerreissen oder die Isolatoren zerschlagen.“[10]

Um die Leitungen zu schützen, hat man von Anfang an versucht, diese unter der Erde lang zu führen. Man wusste auch, dass man mit der Perfektionisierung der Isoliermethode sogar Unterwasserkabel für längere Strecken herstellen kann,[11] und den Wunsch – damals eher nur eine Vision – zu erfüllen, England mit dem Kontinent und die ‚alte und neue Welt’, Europa und Amerika miteinander verbinden zu können. Deswegen würde ich die unterirdischen Telegraphenkabel – im Einklang mit Werner von Siemens - als Vorläufer der See- oder submarine Telegraphenkabel betrachten.

Die Erfinder der Telegraphen waren die ersten, die das Zusammenschliessen des Netztwerkes propagiert haben. Schon 1840 hatte Wheatstone einen Plan, England mit dem Kontinent zu verbinden. Morse sprach 1843 über eine mögliche Verbindung zwischen Europa und Amerika.[12] Nach einer anderen Quelle[13] hat ein Amerikaner Namens Colt schon vor 1848 versucht von der US-amerikanischen Regierung Geldmittel für eine Submarine Verbindung zwischen Amerika und Europa zu bekommen. Aber Zweig schrieb sehr treffend, dass die Natur diese Vereinigung mit Meereskraft widerstrebt.

Die Versuche waren trotz aller Schwierigkeiten unaufhaltsam. Geistbeck schildert die Geschichte der unterseeische Telegraphie sehr detailiert. Er erwähnt, das die erste Idee eines unterseeischen Telegraphen nach Fahie von dem Physiker Salva um 1800 stammt.[14] Das erste erfolgreiche Experiment mit einem Unterseekabel führte 1812 Baron Schilling von Kannstadt durch, indem er in der Anwesenheit des russischen Zaren Alexander durch den Fluss Newa Sprengungen mit Hilfe von elektrischen Funken und Unterwasserleitungen ausgelöst hat. Die Methode der benutzten Unterwasserleitung stammte von seinem Freund Soemmering aus dem Jahre 1809. Die endgültige Lösung kam 1847 durch die schon erwähnte Entdeckung der Guttapercha als mögliche Leitungsisolierungsmittel und die dazugehörige Guttapercha-Presse von Werner Siemens. Ohne diese Presse hat man Guttapercha-Platten um die Leitung gelegt, aber an den Nahten scheiterte die vollkommene Isolierung.[15] Mit der Guttapercha-Presse entstand das erste mal die Möglichkeit langfristige, übermittlungsfähige telegraphische Leitungen unter der Wasseroberfläche zu verlegen.[16]

Die Bedeutung dieser Tatsache erscheint im ersten Augenblick banal. Aber wenn man die bahnbrechende Neuigkeit dieser zukünftigen Verbindungen in Betracht zieht, und die Änderungen, die in der Gesellschaft und Wirtschaft deswegen eingetreten sind, kennt[17], kann man die Unterwasserleitungen als das Medium schlechthin deuten. Die damalige Ausdehnung der „zivilisierten“, also industriellen Welt und die bestehenden kolonialen Interessen erstreckten sich auf alle Kontinente und man hatte keine Möglichkeit das durch das Telegraph diktierte „Tempo“ des Landes auf dem Meer zu übertragen. Die voneinander getrennten Netzwerke müssten zusammengeschlossen werden. Fürst meint schlicht : „Von dem Augenblick an, in dem diese einfache Maschine ihre Arbeit begann, ist der Menschheit in den Besitz ausgezeichnet isolierter Drähte gelangt."[18] Das grösste Hinderniss war teilweise gelöst. Man musste noch den Aufbau der Leitungen und die Methoden der Kabellegung vom Schiff durch praktische Erfahrungen perfektionieren, den Meeresboden erforschen und elektrische Impulse über so lange Strecken erfolgreich versenden können. Alles riesige Aufgaben.

3. Grundlagen: der Netz durch Land und Meer

Geistbeck erwähnt es nicht direkt, aber Knies betrachtet als das erste funktionierende Unterwasserkabel eine von Werner Siemens im Jahre 1848 zwischen Deutz und Köln im Rhein gelegte Leitung.[19] Erst im Januar 1849 schaffte ein Engländer Namens Walter im Dover eine Unterwasserleitung von zwei Meilen Länge, über die ohne Schwierigkeiten telegraphische Depeschen verschickt werden könnten, ermutigt von den Versuchen von Wheatstone, Morse, Armstrong und Siemens.[20] Der Engländer John W. Brett war der erste, der am 28. August 1950 schliesslich gewagt hat, Dover mit Calais, also England mit Europa zu verbinden.[21] Er war der erste, also besass er praktisch keine Erfahrungen mit submarinen Telegraphenleitungen. So war sein Kabel ca. 7 mm dünn, dass man Gewichte darauf hängen musste, da es nicht sinken wollte.[22] Leider hat das Kabel auch nicht lange funktionieren können: „Schon am Tage nach Inbetriebnahme des Kabels wurde es von dem Netz eines Fischers gefasst und an die Oberfläche gezogen. Der Mann wunderte sich nicht wenig über den eigenartigen Gegenstand, der er da von Grund des Meers hinaufgebracht hatte. Er hielt ihn für eine ungeheure Seetangpflanze, von der er ein grosses Stück abschnitt, um es seinen Kameraden zu zeigen. Sein Staunen wuchs aber ins Grenzenlose, als er sah, dass das Mark der vermeintlichen Pflanze aus Metall bestand.[23] Vor diesem Fall haben die Brüder Brett schon Testbotschaften aus England erhalten können, allerdings vollkommen zertrümmert, da dieses erste Seekabel nur aus einem mit Guttapercha isoliertem Kupferdraht bestand und das Wasser die elektrischen Impulse verändern konnte. Diese Eigenschaft des Wassers als elektrischer Leiter war damals noch nicht vollständig geklärt.[24]

Der nächste Versuch zwischen dem 25. und 28. September 1851 ist schliesslich gelungen. Brett hat mit einem Ingenieur Namens Crampton[25] zusammen das erste brauchbare Tiefseekabel konzipiert. Es bestand aus vier Kupferadern, die ausser der Isolierungsschicht aus Guttapercha mit einem Schutzpanzer aus starken Rundeisendrähten versehen waren.[26] Stefan Zweig schreibt: „Damit ist England angeschlossen und dadurch Europa erst wahrhaft Europa, ein Wesen, das mit einem einzigen Gehirn, einem einzigen Herzen gleichzeitig alles Geschehen der Zeit erlebt.“[27]

[...]


[1] Zwieg S. 167 und siehe auch Schmitts Theorien über Raumrevolution

[2] z.B. Das „Alpena Echo“ eine kleine Zeitung in Michigan, USA. Erwähnt bei Standage S. 180

[3] Darunter Tom Standage in seinem Buch über Telegraphie mit dem Titel „ Das viktorianische Internet. Die erstaunliche Geschichte des Telegraphen und der Online-Pioniere des 19. Jahrhunderts.“ Midas Management Verlag, St. Gallen, Zürich 1999

[4] Werner von Siemens schreib in seinem „Lebenserinnerungen“, dass er die Guttaperchapresse nicht patentieren lassen hat, so konnte die Guttaperchakompagnie mit der Hilfe dieser Methode die Herstellung von isolierten Leitungen eine Zeit lang monopolisierten. (Prestel-Verlag, München, 1983) S. 151

[5] Ebd. und in Werner Siemens: Über telegraphische Leitungen und Apparate; in Werner Siemens: Gesammelte Abhandlungen und Vorträge; Verlag von Julius Springer, Berlin, 1881. S. 40

[6] Michael Geistbeck: Weltverkehr. Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 1986. Original Nachdruck von 1895. S. 480

[7] Geistbeck S. 481

[8] Geistbeck S. 500

[9] Geistbeck S. 500-501

[10] Geistbeck S. 478

[11] W. Siemens: Lebenserinnerungen S. 151

[12] Geistbeck S. 485

[13] Knies S. 134 Fussnote und S. 141.

[14] Geistbeck S. 485

[15] W. Siemens: Lebenserinnerungen S. 55

[16] Knies erwähnt, dass Colt schon vor 1848 funktionierende Unterwasserleitung in den USA zwischen Hellgate-Fireisland gelegt hat, und beruft sich auf ein Zeitungsartikel in der „Deutsche Gewerbezeitung“ (1857 Heft 3. S 157) Knies S. 134 Fussnote

[17] siehe z.B. Schöttle: Gustav Schöttle: Der Thelegraph in administratiever und finanzieller Hinsicht; Kohlhammer Verlag,, Stuttgart, 1883

[18] Fürst S. 85 über die Guttapercha-Presse von Werner Siemens

[19] Knies S. 133

[20] Geistbeck S. 485. Er betrachtet Siemens Unterwasserkabel im Rhein als ein Versuch.

[21] Geistbeck S. 485. Knies erwähnt die Brett Brüder als diejenigen, die „Projekten ähnlicher Art“ später augeführt haben. Er teilt dieser erste Versuch, wie auch den endgültigen Erfolg Wollaston zu. S. 135

[22] Standage S. 79

[23] Fürst S 85.

[24] Standage S. 79.

[25] Knies erwähnt Wollaston und Crampton. S. 135. Siemens schriebt in seinem Lebenserinnerungen, dass dieses Kabel „von den Herren Newall und Gordon“ gelegt worden ist. S. 151

[26] Fürst S. 85 und Geistbeck S. 485

[27] Zweig S. 168

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Telegraphie durch Land und Meer
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Veranstaltung
Forschungsprojekt Lesen, Schreiben, Rechnen
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V25186
ISBN (eBook)
9783638278959
ISBN (Buch)
9783656898900
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit wertvollen Quellenvergleichen. Bibliographie (Auszug) Artur Fürst: Das Weltreich der Technik, Entwicklung und Gegenwart, Verlag Ullstein, Berlin 1923, Michael Geistbeck: Weltverkehr, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 1986 (orig. Nachdruck von Herdersche Verlagshandlung Freiburg/Brsg 1895), Karl Knies: Der Telegraph als Verkehrsmittel. Über den Nachrichtenverkehr überhaupt. Verlag Reinhard Fischer, München, 1996 (Mit originalem Nachdruck der Originalausgabe, Tübingen, Laupp 1857)
Schlagworte
Telegraphie, Land, Meer, Forschungsprojekt, Lesen, Schreiben, Rechnen
Arbeit zitieren
Gertrud Czinki (Autor:in), 2004, Telegraphie durch Land und Meer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25186

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